Buen Camino – der richtige Weg

„Rendirse no es ninguna opción.”

Portomarin – Melide O Coto, 34,9 Kilometer
Gehe ich den richtigen Weg? In meinen Credencial del Peregrino, dem Pilgerpass, sind jedenfalls mehr Stempel aus Bars als aus Kirchen zu finden. Von 18 Stempeln bis heute – jeden Tag muss der Pilger zwei Stempel einsammeln, um am Schluss in der Pilgerbehörde in Santiago de Campostela unter den Augen eines strengen Secretarius seine Campostela zu erhalten – stammen fünf oder sechs Stempel aus Kirchen. Der Rest kommt aus Bars. Nun gut, jede Herberge hat eine Bar.

Und nicht jede Kirche ist wirklich eine Albergue. Außerdem sind die Bars und die Läden am Rande des Weges auch den ganzen Tag geöffnet. Von wegen Siesta zwischen zwölf und 17 Uhr, und man bekomme nichts zu essen, wie die einschlägigen Pilgerführer dem Pilger-Azubi Angst machen. Die lustigen Radpilger scheinen ohnehin nur von Bar zu Bar zu pilgern. Wenn man sich an deren Gejohle orientiert, kann man den Jakobsweg auch als Blinder bewältigen.

Die Kirchen sind hingegen in aller Regel verschlossen und verrammelt. Öffnungszeiten an den Pforten verweisen auf die wenigen Stunden, die ein Pilger hier in sich oder in Zwiesprache mit Ihm gehen kann.

Pilgergottesdienst – ziemliches Spektakel

Gestern Abend war ich bin Portomarin in einem Pilgergottesdienst. Katholisch natürlich, was sonst in Spanien. Na, das war ein Auf und Ab, Aufgestehe und Niedergekniee… Wer bis dahin von den 800 Kilometern von Roncesvalles bis nach Portomarin noch keine kaputten Knie hatte, der hatte sie nach der halben Stunde garantiert.

Nein, die Kirche macht aus dem Pilgerpfad zum Grab des Heiligen Jakobus in Santiago de Compostela keine Wallfahrt mit Glaubensspektakel. Auch wenn man natürlich wie in allen katholischen Regionen überall Kreuze am Wegesrand findet. Jeder muss und kann für sich entscheiden, ob es sein Glaubensweg ist. Das Symbol des Jakobswegs ist ja auch die Jakobsmuschel und weniger das Jakobskreuz – ein Lilienkreuz, dem man hier auch sehr häufig begegnet. Das Ordenszeichen des Heiligen Jakob vom Schwert.

Wunderschöne Stimmung am Wegesrand

Der Ursprung der Verehrung des Apostels Jakobus in Spanien ist seit dem frühen 7. Jahrhundert bezeugt. Der habe auf der Iberischen Halbinsel missioniert. Der Legende nach wurde irgendwann im äußersten Nordwesten Spaniens das Apostelgrab entdeckt. Seit dem Jahr 930 – als Spanien katholisch wurde – sind erste vereinzelte Pilger hier langmarschiert.

Ja, und heute bin ich hier. „Buen Camino“ – das übrigens nicht mehr wie in León zu einem schon fast französischen „bonne“ verschluckt wird, sondern schon seit O Cebreiro, dem Tor Galicien, als spanisches „buen“ ausgesprochen wird.

Also „Buen Camino“. Bin ich auf dem richtigen Weg?

Der führt mich heute von Portomarin nach Melide O Coto, das letzte Stück im Regen. Dafür hat die Herberge keine Heizung, und nichts will trocknen. Schön. Eigentlich sollte es nur bis Palas de Rei gehen. Aber das kam nicht in die Tube. Als ich vor wenigen Tagen meine Herbergspanik bekam, da habe ich nur eine Unterkunft im 14 km entfernten in Melide bekommen. Da habe ich wohl den Rucksack etwas zu voll genommen. Wenn man Pilgerführern und dem Gronze (dem online-Führer für den Camino) glauben kann, so werden das heute 39 km. Und es werden ja immer ein bisschen mehr. Hoffentlich gibt es viele Bars und Kirchen am Wegesrand. Es wurden zum Schluss 34,9 Kilometer.


Und es gab von beiden genug – Kirchen und Bars. Dann ist es der richtige Weg.

Hoffen wir mal, dass die Spanier hier nur ihr Stroh und nicht ihre
Vorfahren aufbewahren

„Rendirse no es ninguna opción.” – Aufgeben ist keine Option.

Was brauchen wir wirklich?

„No eres lo que logras, eres lo que superas.”

Jetzt wird es ernst – wer die letzten 100 Kilometer pilgert, erhält die Urkunde…

Heute lasse ich etwas hinter mir. Nein, es ist nicht mein Schatten. Der klebt irgendwie an mir, wie ein Kaugummi an der Schuhsole. Mein Leben schon gar nicht, hihi. Ich lasse meine warme Wanderjacke in der Pension. Seit Tagen schleppe ich sie mit mir herum, ohne sie wirklich zu brauchen. Sie ist mir ohnehin zwei Nummern zu groß. (Meine Lederhose aus dem Thüringer Wald, die ich in der 4. Klasse erhielt, passt mir heute noch. Meine Mutter sagte immer: „Der Junge wächst schon noch rein.“ Stimmt übrigens. Heute – 50 Jahre später – ist sie mir schon fast zu eng.)

Und die Wanderjacke hatte ich das letzte Mal vor dem Camino vor einem Jahr an. Also was soll’s. Das kann natürlich jetzt nicht so weitergehen Tag für Tag. Dann käme ich ja ziemlich verlassen zurück. Aber vielleicht sollten wir auch im Alltag von Zeit zu Zeit prüfen, was wir so alles mit uns herum schleppen. Was uns inzwischen eine Nummer zu klein geworden, oder schon immer eine Nummer zu groß gewesen ist. Das reicht ja für den Anfang.

Volkswandertag am Camino

Die Frage ist, was brauchen wir wirklich im Leben. Die stellt man sich ja nicht so oft. Und wir wollen ja auch nicht die Konsumgesellschaft an den Rand des Ruins bringen. Und so einfach, wie es Andreas vor ein paar Tagen sagte – der auch schon in einem früheren Blog eine Rolle spielte -„Man braucht nicht viel, um glücklich zu sein“, so einfach ist es natürlich auch nicht.

An einem Tag braucht man gar nichts. Am anderen Tag braucht man seine Arbeit. Und am dritten Tag sind es vielleicht die Karten für die Elbphilharmonie, die einen glücklich machen.

Meinen Sinnweg nutze ich heute dafür, darüber nachzudenken und ein wenig zu sortieren, was man wirklich braucht.

Im Zauberwald

Aber erst einmal muss ich aus der Nacht kommen. Ich habe fürchterlich schlecht geträumt, wahrscheinlich sind in diesem uralten Gemäuer aus dem 16. Jahrhundert, das, wie ich in den Erklärungen auf dem Zimmer lesen konnte, einst die Casa Grande de Sarria war, noch immer die Marqueses de Vilaverde de Lima unterwegs. Wahrscheinlich spukt hier eine 550 Jahre alte Dame durchs Haus und hat mich nicht schlafen lassen. In den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren die alten Gemäuer dann zum Unglück auch noch das Gerichtsgebäude. Ich möchte gar nicht wissen, welcher arme Tropf hier sein Todesurteil erhielt. Und das alles begegnete mir nachts ganz alleine im Haus in meinen Träumen.

Und dann kündigt Hape Kerkeling in seinem Buch (welches mir hier ein wenig als Wanderführer dient) auch noch an, dass es heute nach Portomarin durch einen Zauberwald gehe, in dem sich seine Freundinnen fürchterlich verlaufen haben. Da muss ich erst mal durchkommen. Jacobus stehe mir bei. Ja, das kann einen schon beschäftigen wenn man sieben Tage allein unterwegs ist. So ein Zauberwald. Na ich bin ja gespannt.

Und tatsächlich, nur wenige Kilometer nach Sarria verschwindet der Weg in einem düsteren Wald. In dem fallen dann unmittelbar vor den Pilgern auch noch etliche Hunde übereinander her. Riesengebelle. Riesengeschrei. Einige Frauen weinen vor Angst und laufen zurück. Letztlich hat irgendein Idiot seinen Schäferhund mit auf den Weg genommen. Das ging nicht gut. Steht in allen Führern. Das haben sich die Hunde im Wald nicht gefallen lassen. Aber wie kann man auch einen Hund mitnehmen, wenn doch überall an den Allbergues steht, man nehme keine Hunde.

Ab Sarria sind es die letzten 100 Kilometer der jakobinischen Route. Die braucht man, um die Pilgerurkunde zu erhalten. Und der Pilgerstrom, der aus Sarria zieht, erinnerten einen Schulausflug einer Gesamtschule. Das hat mit der Einsamkeit der letzten Tage wenig zu tun. Eher mit einem Volkswandertag. Einige haben sogar ein Radio dabei. Ich knall mir jetzt die Ohrhörer rein und höre „Never“. Fuck of Silence. (Schöner Film von Martin Scorsese mit Liam Neeson.)

Dafür ist Portomarin sehr schön. Die mittelalterliche Stadt verschwand – wie mein Gronze, mein anderer, wesentlich sachlichere Jakobsweg-Reiseführer mir erklärt – 1963 im Wasser des Belesar-Stausees. Die „Gebäude mit dem höchsten historischen Wert wurden in die moderne Stadt am Ufer des Sees“ oben auf dem Berg verlegt.

So kann man es natürlich auch elegant ausdrücken. Ich kenne aus meiner Jugend die Geschichte von einem Dorf, das für den Stausee von Hohenwarte überflutet wurde. Und in Ost und West gibt es ähnliche Beispiele aus zahlreichen Kohlerevieren. Da war stets von Enteignung, Widerstand und Tränen die Rede. Merke Reiseführer sind höfliche Leute.

„No eres lo que logras, eres lo que superas.” – Du bist nicht das, was Du erreichst – sondern das, was Du überwindest.

Das Leben lässt sich nicht an der Nase herumführen

El séptimo día descansarás…

Die Täler sind noch mit Nacht gefüllt

Lamas di Biduedo – Sarria, 26 Kilometer
Die Täler sind noch mit Nacht gefüllt, als ich aufbreche. In der Herberge Casa Quiroga direkt am Camino herrscht schon fröhliches Frühstückstreiben. Jede Menge Franzosen müssen nach der Nacht in den galizischen Bergen unbedingt probieren, ob sie ihre eigene Muttersprache noch beherrschen. Sie beherrschen sie noch lauter als gestern.

Ich kriege nach der riesigen Fischplatte von gestern Abend für 11 Euro, noch kein Bisschen runter. Wie eigentlich jeden Morgen. Ein Café Americano reicht. Die Luft ist heute schon fast wie ein Föhn, völlig anders als in Kastilien. So gehe ich meinen Weg alleine, und lausche bis Triacastela dem Schweigen des geborenen Morgenmuffels.

Mein Schatten ist wieder da. Und er erscheint heute Morgen eher größer zu werden als kleiner. Oh je. Nur unterbrochen vom Klang der Kuhglocken, die durch das Tal hallen, schweige ich den Camino entlang und schaue in nichtsichtbare Täler. Nur begleitet vom süßlich, kräftigen und durchaus aufdringlichen Geruch der Kuhfladen, der den Pilger seit O Cebreiro begleitet. Kuhscheiße. Der Geruch Galiziens. Dessen Materialisierung den Marsch durch manches Dorf zum Hopsen werden lässt, will man Galizien nicht am Abend mit ins Schlafzimmer nehmen.

Vielleicht ist es das, was den Camino ausmacht. Das Schweigen. Das sich Besinnen. Eine Schweigepilgerfahrt, die ähnlich wie beim Ramadan am Abend in dem Albergues in ein überbordendes Sprechgelage mündet.

In Triacastela gerät der Pilger in ein Dilemma. Er kann sich entscheiden zwischen dem längeren Weg über das Kloster Samos oder den kürzeren Pfad durch das Tal von San Xil, eines der schönsten Täler der gesamten jakobinischen Route.

Da ich mich schon mehrfach – nicht nur hier auf dem Camino – für den schwierigeren Weg entschieden habe (Meine Mutter ermahnte mich oft in ihrem schönsten thüringisch: Mox-Sdefan, denk dro, nit immer is dor enfache Weg dor bessere, dar beschwährliche brägd des Lähm) entscheide ich mich heute leichtfüßig für den kürzeren Weg durch das Tal. Und habe kein schlechtes Gewissen.

Leider stellt sich schnell heraus, dass der kürzere Weg in diesem Fall der schwierigere ist. Auf der einen Seite steil hinunter zum Rio Xil, und auf der anderen Seite wieder steil hinauf. Das Leben lässt sich eben nicht an der Nase herumführen. Man muss es nehmen, wie es ist, oder wieder Thüringer sagt: Man muss dos Läbn äbm nähm, wie dos Läbn äbm is.

Im Tal herrscht noch der Nebel der Nacht

Nach 26 Kilometern lande ich in Sarria. Eine wirklich hässliche Stadt. Aber mein Herbergsvater in Villafranca, der mir ein paar Zimmer vorgebucht hat, fand ein bezahlbares Zimmer mitten in der Rùa Maior, sozusagen dem Boulevard. Wo ich mich in Minuten mitten in einem Zug von Bullenkarrren befinde. Zu früh für ein Erntetest. Für ein Weinfest des Vorjahres zu spät?. Der siebte Tag? Sonntagnachmittag, und ich schreibe meinen Blog auf der Straße.

El séptimo día descansarás… „Sechs Tage sollst Du Deine Arbeit tun; aber des siebten Tages sollst Du feiern, auf dass Dein Ochs und Esel ruhen und Deiner Magd Sohn und der Fremdling sich erquicken.“ (Moses 2)