Janosch ist viel mehr als Kinderbücher

Oh, wie schön ist Panama – in der Kunsthalle Rostock. Die erste große Janosch-Ausstellung im Norden gibt einen Einblick in das Schaffen eines Künstler, der sich selbst einmal als autistisch bezeichnete. Ob er es ist…. Entscheidet ihr.

Hier fängt der Spaß schon an: Kunsthallen-Chef Uwe Neumann und Kurator Mathias Wedler -Schmidt auf Tigerenten in der Ausstellung

„O Bär“, sagte der Tiger, „ist das Leben nicht unheimlich schön, sag!“ „Ja“, sagte der kleine Bär, „ganz unheimlich und schön.“ 

Belauscht man diesen winzigen Dialog aus „Post für den Tiger“ in diesen Tagen ganz zufällig in Rostock, dann befindet man sich ganz sicher – und nicht zufällig – in der Kunsthalle. Dort nämlich haben Uwe Neumann und sein Team eine ganz ungewöhnliche Ausstellung zusammengetragen. „Janosch – Mein Panama“ ist eine Premiere im Norden Deutschlands.

Die Kunsthalle nimmt Kinder und Erwachsene gleichermaßen mit in die Welt eines Autors und Illustrators, dessen Figuren und Geschichten viele Menschen seit ihrer Kindheit begleiten. Doch Janosch, geboren als Horst Eckert in Oberschlesien, hat weit mehr geschaffen, als die berühmten Abenteuer von Tiger und Bär. Das macht neugierig. 

Janosch in seinem Atelier Reproduktion: Koslik/ Foto: Janosch     © VG Bild-Kunst, Bonn, 2026

Über 200 Werke erwarten die Besucher – vom Gemälde, frühen Werken, handgezeichneten Illustrationen zu seinen Büchern, Radierungen, Aquarellen bis hin zu seinem vollständigen Zimmer und Arbeitsplatz in seiner Finca auf Teneriffa, in die er sich vor mehr als 40 Jahren vor dem Trubel um seine Person zurückzog. Witziges und winziges Detail dabei, das man auch in der Rostocker Kunsthalle erleben kann: Janosch hat angeblich in seiner eigenen Tigerenten-Bettwäsche geschlafen. Wer es glaubt… 

Mit 49 Jahren gerät Janosch an einen Wendepunkt seines Lebens. Er wanderte aus nach Teneriffa. Die Einrichtung der Finca, die ihm viele Jahre als Wohnort und Atelier diente ist in der Ausstellung zu sehen. Man beachte die Bettwäsche. Foto: Koslik

Die deutschlandweit erste große Ausstellung des noch lebenden Künstlers wurde in Tübingen anlässlich seines 95. Geburtstags am 11. März dieses Jahres gezeigt. Das Neue Kunstmuseum Tübingen hatte schon vor Jahren den gesamten künstlerischen Vorlass des Kinderbuchautors und Illustrators erworben und daraus jene erste umfassende Retrospektive zusammengestellt. So kamen auch Uwe Neumann und Kurator Mathias Wedler-Schmidt auf die Idee, die Sammlung nach Rostock zu holen (siehe Interview). „Sommer, Urlaub, Ferien und Kunsthalle – das wollten wir zusammenbringen” sagt Neumann. Er hofft natürlich, mit Janosch erneut solch einen Coup zu landen wie mit der Udo Lindenberg-Exposition vor zwei Jahren oder mit der großen Hansa Schau „Rund & Eckig – Manchmal dreckig – 60 Jahre F.C. Hansa“ im letzten Jahr, die allein 20.000 Besucher in die Kunsthalle zog. Also auf zu Janosch…

Natürlich darf bei diesem Event „Oh wie schön ist Panama“ aus dem Jahr 1978 nicht fehlen. Janosch’ Schaffen umfasst mehr als 300 Bücher für Kinder und Erwachsene, die in über 30 Sprachen erschienen sind. Sehr gelungen ist die Idee des Rostocker Kurators, die Illustrationen und Texte für die kleineren Besucher auf deren Augenhöhe anzubringen. So kann es durchaus passieren, dass die Eltern mit ganz anderen Bildern im Kopf aus der Ausstellung gehen, als ihre Sprösslinge. Diese kommen übrigens bis zu einem Alter von 16 Jahren kostenlos zum Kunstgenuss. 

„Oh, wie schön ist Panama” – Tiger und Bär

Foto:  AG © VG Bild-Kunst, Bonn, 2026

Zur Erinnerung: „Oh, wie schön ist Panama” erzählt von der berühmten Reise des kleinen Bären und des kleinen Tigers, die sich auf den Weg in das Land ihrer Träume machen. Alles beginnt, als der kleine Bär eine Kiste findet, auf der „Panama“ steht und die verführerisch nach Bananen duftet. Sofort steht fest: Panama muss das schönste Land der Welt sein – und dorthin wollen die beiden reisen. 

Gemeinsam machen sich die zwei Freunde mit ihrer Tigerente und wenigen Habseligkeiten auf den Weg. Unterwegs begegnen sie vielen Tieren, fragen nach dem richtigen Weg und erleben kleine Abenteuer, die sie nur gemeinsam meistern können. Nach langer Reise kommen sie schließlich wieder dort an, wo sie einst aufgebrochen sind. Doch nun sehen sie ihr Zuhause mit neuen Augen und erkennen: Manchmal liegt das Glück näher, als man denkt. Vielleicht fühlt man sich als Erwachsener auch an die Erkenntnis erinnert, dass eben das eigene Zuhause oft der schönste Ort der Welt ist.

Uwe Neumann weiß dazu die Story zu erzählen, dass Janosch nach dem totalen Misserfolg seiner ersten beiden Kinderbücher verzweifelt und etwas trotzig geäußert haben soll, dann mache er eben jetzt richtigen Kitsch… Plüschbär inbegriffen. Aber zuerst flog der Künstler in seiner Wut nach Ibiza und hat sich dort so richtig besof…, äh eine Sause gemacht. Und im kreativen Rausch kehrte der Zwei-Meter-Hühne umgehend zurück und machte aus dem Erlebnis (der Reise von Zuhause nach Ibiza und  zurück nach Zuhause) sozusagen seine Homestory. Ihm wird der Satz zugeschrieben: „Mein Panama ist da, wo ich bin”. Das Buch vom kleinen Bären und dem Tiger gilt als eines der erfolgreichsten Kinderbücher und wurde 1,5 Millionen Mal weltweit verkauft.

Blick in die Ausstellung Foto: Koslik

Die Schau, die bis zum 13. September zu sehen ist, macht eine ganze Menge Angebote für Kinder. Die jüngeren Besucher können ihre eigenen Geschichte erfinden, sie können mit Tigerenten- Bobbycars durch die Ausstellung rollern, sie können einen eigenen Zettelkasten nach dem Vorbild von Janosch erstellen. Auf vielen, vielen Tafeln haben Kurator Mathias Wedler-Schmidt und das Kunsthallen-Team in aufwändiger Kleinarbeit ganz persönliche Fragen an Janosch zusammengetragen, die sie von seiner Frau Ines beantworten ließen. Die Kinder können es nachmachen: „Wie heißt Du?…”, „Wie groß bist Du? Janosch: „2 Meter”, „Was ist Deine Lieblingssüßspeise? Schokolade”, „Was ist Deine Lieblingsfarbe? Neongelb und eigentlich alle Farben”,  „Welches Tier wärst du gerne? Löwe oder vielleicht auch ein Frosch” und, und, und Vielleicht können dabei sogar Eltern etwas über ihren Nachwuchs erfahren… Auf die Frage „Was ist dein größter Wunsch?” antwortet Janosch’ Frau Ines für ihn „Alle sollen sich vertragen, die Welt ist doch so schön”

Horst Eckerts eigener Lebensweg hätte dabei kaum stärker von der friedlichen Welt seiner Figuren abweichen können. Zur Welt kam er 1931 in Zabrze, einem oberschlesischen Bergarbeiterort, der inzwischen zu Polen gehört. Die Jahre seiner Kindheit beschrieb er später als eine Zeit von Angst und Gewalt. Der Vater war Alkoholiker, immer wieder kam es daheim zu Misshandlungen. Die Mutter war streng katholisch und vermittelte dem Kind offenbar ein dauerhaftes Gefühl von Schuld. In der Kunsthalle sind viele Zeugnisse seiner Auseinandersetzung mit seiner frühen Kindheit und auch böse Bibelillustrationen zu sehen.

Das Goldene Kind  gibt einen Einblick in die Verarbeitung seiner gewaltgeprägten Kindheit Reproduktion: Koslik

Nach dem Zweiten Weltkrieg floh die Familie aus Oberschlesien nach Norddeutschland. Nach einer Ausbildung zum Textilzeichner ging er schließlich nach München, wo er Malerei studierte. Doch nach nur kurzer Zeit musste er die Kunstakademie mit dem Vorwurf fehlenden Talents wieder verlassen. Statt aufzugeben, begann er zu schreiben und zu zeichnen. Georg Lentz, sein erster Verleger, wurde auf ihn aufmerksam. Er beauftragte ihn mit der Illustration von Kinderbüchern und gab Eckert den Namen Janosch als prägendes Autorenpseudonym.

Janosch selbst bezeichnete sich einmal als authistisch. Die Flucht nach Teneriffa soll ein Resultat seiner Selbstzweifel gewesen sein. Dort widmete er sich mit seiner Stiftung „Fundación Canarina“ den Natur- und Tierschutz. Leider konnte der inzwischen in einem Pflegeheim lebende Künstler nicht mehr selbst zu seiner Ausstellung nach Rostock kommen. 

Interview mit Kunsthallenchef Dr. Uwe Neumann

„Wir wollen mit der Ausstellung Familien abholen“

Foto. Koslik

Man muss einen Kunsthallendirektor sicher nicht fragen, wie er auf solch eine Ausstellung kommt, aber wie kamen Sie darauf?

Neumann: Ich war tatsächlich in Tübingen, wo ich mir die Udo-Ausstellung im Neuen Kunstmuseum ansah. Wir hatten ja Udo Lindenberg auch schon in Rostock. Bei der Gelegenheit hat mir der Gründer und Leiter des Neuen Kunstmuseums Tübingen sein Depot gezeigt. Bernhard Feil, der auch Kunsthändler ist, hat den gesamten Vorlass von Janosch gekauft. Ich war sofort begeistert, weil ich viele dieser Werke noch nie gesehen hatte. Wir haben vereinbart, nach der Janosch-Ausstellung zum 95. des Künstlers in Tübingen diese nach Rostock zu holen.

Der Kurator Mathias Wedler-Schmidt sprach von einem Werksumfang von mehreren Tausend Bildern. Wie sucht man daraus 200 Werke aus?

Neumann: Es gibt natürlich einige Schlüsselwerke, die wir zeigen wollten, wie eben Panama oder die Illustrationen zu Herrn Wondrak, den Janosch für seine Kolumne im ZEITmagazin geschaffen hat. Alles weitere ist natürlich auch subjektiv. Man sucht sich Kernthemen aus, die man gerne bearbeiten will. Ich bin dem Kurator Mathias Wedler-Schmidt sehr dankbar, dass er so eine umfassende Ausstellung dieses Künstlers zusammengestellt hat.

Was hat Sie am meisten erstaunt, an den vielen noch nicht gezeigten Werken?

Neumann: Diese naive Malerei, mit der Janosch sein eigenes Leben abarbeitet. Zum Beispiel das „Goldene Kind“, das hat mich sehr bewegt. Da ist ein Paar zu sehen, wo der Vater das Kind an der Hand hält und es ist gülden. Wenn man weiß, dass Horst Eckert viel von seinem Vater geschlagen wurde, und eine streng katholische Mutter hatte, ist das eine intensive Arbeit.

Die Kunsthalle hatte immer einen Jahrescoup – Uecker, Lindenberg, Hansa, in welche Kategorie passt da Janosch?

Neumann: Wir wollen mit der Ausstellung Familien abholen. Wir haben ja die Hauptausstellung mit Olaf Heine, dem bekannten Fotokünstler. Für mich ist das eine perfekte Zusammenstellung von Malerei, Karikaturen, Geschichten und die großartige Fotokunst von Olaf Heine.

Ihr Werbespruch zur Ausstellung?

Neumann: Taucht ein in diese wunderbare Welt von Janosch.

Was kommt nächstes Jahr?

Neumann: Viele, viele Ausstellungen… Aber die große  Ausstellung wird sich dem Schlager widmen. Seine Auswirkungen auf die Kunst, auf die Gesellschaft, den Ost-West-Vergleich… Ich finde den Schlager faszinierend.

Drei Wunder in Compostela

Santiago bereitet einem immer den Empfang, der einem zusteht.

Santiago bereitet einem immer den Empfang, der einem zusteht. So schrieb es Hape Kerkeling vor etwa 20 Jahren. Ihn empfing die Stadt natürlich wie einen König. Und mich? Ha, als ich am Morgen in Lavacolla aufbreche, hatte sich schon mal das erste Wunder erfüllt. Nein, nicht die Rechtscheibprüfung auf dem IPad. Die macht immer noch was sie will, und nicht, was ich will. Seht es mir also nach, wenn ich nicht alle ihre Fehler herausfinde, die sie zu meinen dazu erfindet.

Nein, nein, das erste Wunder war oder ist, dass Deutschland 7 : 1 gegen Curaçao gewonnen hat. Man stelle sich einmal vor – gegen Curaçao! Diese berühmte Fußballnation! 160.000 Einwohner. Alles Fußballer. Der Bundestrainer hat den Jungs sofort zwei Tage freigegeben. Jürgen Klopp hat umgehend seine „Noch“-Bemerkung über Nagelsmann zurückgenommen. „Noch“ – hä? Und die deutschen Leidmedien (das ist nicht das Rechtschreibprogramm, das bin ich) jubeln ohne Halt und Versta…, äh Verstecken. Also ein Wunder – ganz klar.

Schwester Viyana aus Amsterdam, an welche Netflix Serie erinnert mich der Name nur. Hoffentlich nix mit Hexen

Von Lavacolla sind es nur neun Kilometer nach Compostela. Es gibt dabei einen Brauch, den keiner mehr kennt, aber auch keiner weitersagt, seltsam seltsam. Die letzten fünf Kilometer vor Santiago de Compostela sollen angeblich barfuß gegangen werden. Von hier aus sind die Türme der Kathedrale schon zu sehen. In Gedenken an den heiligen Jakobus sollen sich die Pilger am Monte da Gozo nun die Schuhe ausziehen und mit nackten Füßen zur Kathedrale weiterziehen. Inzwischen nimmt die Kirche diese Regel nicht mehr allzu eng. Riecht ja auch. Wer dennoch die letzten Kilometer zelebrieren will, kann zumindest seinen Pilgerhut lüften und den Abschluss seiner Pilgerreise genießen.

Erst vorgestern habe ich auf dem Weg eine Nonne aus Holland kennengelernt. Nun mag man allgemein denken, eine Nonne auf dem Jakobsweg, was hat die denn zu büßen? Nun gut, es ist eine holländische Nonne. Wer weiß, was die so konsumieren. Die letzten Meter gehen wir heute gemeinsam, und wir tauschen mein „Max“ gegen ihr „Viyana“. Nun weiß ich zwar, wie sie heißt, aber nicht, was sie verbrochen hat… Aber vielleicht geht es ja gar nicht um Buße, sondern um Glauben. Sie ist jedenfalls sichtlich sehr glücklich Santiago zu sehen. Santiago soll im Übrigen hier für Jakobus stehen. Santo (heilig) Iago (Jakob) – unterm Sternenfeld, Campo stela.

Auf der Plaza vor der Kathedrale in Santiago fallen sich Pilger in die Arme und beglückwünschen sich. Menschen jubeln, riesige Freude überall. Das ist schön. Die einen oder anderen treffen sich vom Weg wieder. Wir beglückwünschen uns. Ein Jahrmarkt der Freude. Und ich wandere mit einer Nonne die letzten Meter. Oh, das gibt mit zu denken. Während mein Freund Uwe (Seppmann) begeistert ist, als ich ihm das Foto sende. Aber mit dem Betreten der Plaza sind wir alle keine Pilger mehr. Es beginnt was Neues.

Vor der Kathedrale… mit Heilgenschein. Es ist soweit, oh

Und plötzlich sehe ich auf den Fotos einen Heiligenschein über mir ganz am oberen Ende des Bildes. Na, den hat mir doch der, hm, hm… Das zweite Wunder. Ein Heiligenschein, der nur noch nicht ganz auf meinem Kopf Patz genommen hat. Aber das kann man doch nach vier Wanderungen auf dem Camino nicht ablehnen, oder… Einen Heiligenschein, den bekommt man sonst nur bei 98,9 Prozent auf einem Parteitag, oder?

Zumal die Pilgerurkunde, die mir schließlich die strengen Pilgerkommissare der katholischen Pilgerinquisition ausstellen, auch vom Stefanus Maximum spricht. Das müsste doch wieder für ein Jahr Sünden reichen, oder?

„Maximum Stephanum Koslik
hoc sacratissimum templum perfecto Itinere sive pedibus sive equitando post… postrema centum milia metrorum birota verro post ducenta pietatas causa, devote visitasse. In quorum fidem praesentes litteras sigillo eiusdem Sanctae Ecclesiae munitas ei confert.“

In meinem perfektem Latein übersetzt: „Maximus Stephanus Koslik
hat diesen heiligsten Tempel andächtig besucht und die Reise vollendet, … um ihn aus Frömmigkeit zu besuchen. In seinem Glauben werden ihm die vorliegenden Schreiben durch das Siegel derselben Heiligen Kirche verliehen.“

Das steht auf meiner Compostela. Damit bin ich zwar nicht offiziell heilig, aber fast. Aber darum geht es ja auch gar nicht. Auf dem Jakobsweg geht es vor allem um das Selbst. Um das Ich. Und NICHT im Sinne von – Ich bin dann mal der Größte. Sondern um – WER bin ich? Ich habe selten so viele glückliche Menschen an einem Ort getroffen, wie in Santiago de Compostela. Jeder freut sich. Jeder lacht. Jeder ist angekommen. Und ist glücklich (vielleicht ausgenommen die Reisebus-Reisenden, die sich ja immer streiten). In Santiago kommt vielleicht das Glück an. Schlechte Laune hat hier keine guten Karten. Das dritte Wunder. Das Glück-Wunder.

Aber der Camino endet nicht in Santiago, er begleitet dich auf eine Reise ins eigene Ich. Pilgern geht überall. Besonders ist es auch in Deutschland möglich, wo es inzwischen ein weit verzweigtes Netz von Abschnitten des Jakobsweges gibt. Was ist ein Pilgerweg? Ein Weg, den ein Pilger geht. Oder auch, siehe oben, eine Reise ins eigene Ich. Wenn es soweit ist, dann weißt du es einfach. Jeder kann sofort loslegen. Keiner muss es. Einen Weg nach Hause gibt es immer.  Buen Camino.

Vor einigen Woche habe ich einen Vortrag in der Reuter-Stadt Stavenhagen gehalten, und Fritz Reuter als Dank mitbekommen. Ich habe den mecklenburgischen Dichter zu Jakobus getragen…. Es war mir eine Ehre.

https://frlm-mv.de/2026/06/15/fritz-reuter-auf-dem-jakobsweg-schweriner-journalist-nimmt-sonderfigur-mit-nach-santiago-de-compostela/

Wer war eigentlich der heilige Jakobus?

Die Pilgerreise hier auf dem Camino ist grundsätzlich schon eine gute Zeit, um über das Leben nachzudenken.

Ich bin ja ständig mit mir im Zweifel. Das macht so eine Pilgerschaft leider nicht besser. Soll ich das hier in dem Blog nun alles notieren, oder ist das alles irgendwie „ü“? Ich weiß, es gibt euch, die ihr das lest. Großes Danke! Judith aus meiner Abi-Zeit hat mir mal gesagt, dass sie wegen der schrägen Fotos schon ein paar Kaffeetassen verkippt hat. Oder ihr, so wie Lilli, die ihr das zumindest anklickt und einfach als Fly-bys dabei seid – klicken, gucken, weg. Wenn es tatsächlich mehr ist, gebt mir ein Herzchen. Die kommen an meiner Seite der Scheibe (IPad) grün an. Keine Gefahr.

Bin ich heute ein wenig melancholisch? Nun ja, meine drittvorletzte Etappe. Ich bin in Melide. Nach 24 Kilometern und etwa fünf Stunden pilgern. In Melide muss ich schon mindestens zweimal auf dem Jakobsweg gewesen sein. Aber keine Ahnung. Eher durchgewandert. Einmal, als ich 2022 in León losgelaufen bin, einmal 2024.

Auszug am Morgen aus Melide. Hier treffen der Primitivo und der Franches zusammen. Die Pilgerschar verdoppelt sich.

Melide ist bekannt – tara – für seinen Tintenfisch. Es soll Menschen geben, die behaupten, Pulpo könne man in Spanien nur wirklich im Binnenland richtig zubereiten. Man bekommt ihn frittiert oder auch in der eigenen Tinte. Pulpo á feira, gekocht und mit Olivenöl, Salz und Paprika, oder auch mit gekochten Kartoffeln, bekannt als Pulpo a la Gallega, oder eben gegrillt mit Panade in der – richtig – Pulperia, In vielen Orten entlang des Jakobsweg gibt es das Gerücht, Melide sei die Pulpo-Hauptstadt.

Es gibt die Legende, dass spanische Pilger gar nicht bis nach Santiago de Compostela gehen, sondern hier in Melide hängen bleiben, gerade wegen des Pulpo. Ob das stimmt, kann der Pilger aus Alemania natürlich nicht nachprüfen. Aber wenn es so ist, dann gibt es halt unterschiedliche Pilger. Die einen, die nach Melide zum Tintenfisch pilgern und quasi den Pulpo anbeten. Die anderen, die nach Santiago zum heiligen Jakobus pilgern, um dort am Ende ihrer Wallfahrt eben Jakobus dem Älteren zu begegnen. Na gut, seinen Gebeinen. Aber vielleicht ist das eine gar nicht soweit entfernt vom anderen, schließlich hat ja auch Jakobus mit seinem Vater als Fischer am See Genezareth seinen Lebensunterhalt verdient.

Es ist an der Zeit, hier noch einmal die Geschichte des Jakobus zu erzählen. Sie ist quasi der Grund für den Weg. Ich meine jetzt nicht für meinen Weg. Da müsste ich über die Gründe (ist nun auch schon der vierte Camino) länger nachdenken. Obwohl, darüber berichte ich hier ja ständig, und kehre mein Innerstes nach Außen. Was sonst nicht so meine Art ist.

Die Pilgerreise hier auf dem Camino ist grundsätzlich schon eine gute Zeit, über das Leben nachzudenken. Und sich sein Leben bewusst zu machen. Wann tut man das schon? Man lebt es. Man denkt doch selten über Entscheidungen nach. Man bereut sie. Ja. Oder auch nicht. Man ärgert sich. Ja, Oder auch nicht. Man vergisst sie. Oder auch nicht. Aber hier hast du so viel Zeit, dass du darüber nachdenken kannst. Musst! Richtig? Falsch?? Bereuen??? Vergessen????

Der heilige Jakob, hatte auch über einiges nachzudenken. So besonders erfolgreich war er ja nicht bei seiner mehrjährigen Missionsreise in Spanien. Wahrscheinlich kam er als einziger Christ auf die Iberische Halbinsel – und verließ sie als einziger Christ. Wer weiß. Ich habe seine Geschichte hier schon ein paar mal in Varianten geschildert. Als ich im vergangenen Jahr einige Zeit in Jerusalem verbrachte, habe ich die Jakobsgeschichte noch einmal in anderem Lichte gesehen (kann man in diesem Blog nachlesen). Sein Kopf ist ja noch da, in der heiligen Stadt. In der Armenischen Apostolischen Kirche. Nun gut. Ein ander Mal.

Die Armenische Apostolische Kirche, die ich täglich in Jerusalem passierte und immer, immer, immer den Ruf des Jakobus hörte, dessen Kopf hier liegt. Möglicherweise.

Kürzlich habe ich eine Schilderung der Jakobus- Story von Brigitte Riebe in „Die Straße der Sterne“ gelesen, die sehr melodisch klingt.

Mitte des 9. Jahrhundert verbreitete sich im westlichen Abendland ein Gerücht.. Irgendwo in Spanien, ganz am Ende der Welt, im Königreich Galizien, berichteten heilige Männer von geheimnisvollen Lichtern. Man habe das Grab von Jakobus des Äternen gefunden, hieß es. Jakobus war ein Sohn von Maria Salomé. Jesus hat ihn den Donnersohn genannt. Er gehörte zu dessen engsten Vertauten, bis er wahrscheinlich am 7. April im Jahr 30 (andere sagen am 3. April 33) am Kreuz und so… Also Jesus.

Herodes, der römische Herrscher in Jerusalem, hatte Jakobus aber leider 45 nach Christus Geburt enthaupten lassen – nach seiner ziemlich erfolglosen Missionsreise auf der iberischen Halbinsel. Jakobus war damit nicht nur ein erfolgloser Missionar, sondern auch der erste Märtyrer des Christentums.

Danach brachten seine Jünger den Leichnam, offenbar ohne Kopf, auf ein Schiff ohne Segel oder Steuer. Das wurde letztlich vom Wind und von Engeln zurück nach Galizien geleitet. Wow. Muschelbedeckt kam es an – die Muschel wurde später auch das Wahrzeichen der Jakobspilger. Nach einigen sehr mystischen Abendteuern mit Engeln und Drachen kam Jakobus Leichnam schließlich irgendwo zur Ruhe. Und das Ganze geriet in Vergessenheit. Im Jahr 812 bemerkt der Einsiedler Pilarius ein seltsames Licht über einer Anhöhe. In anderen Geschichten waren es auch Schäfer.

Im Wald kurz hinter Melide…

Um es kurz zu machen. Seither heißt der Ort Campo estela. Sternenfeld. Der Rest dauert noch ein paar Jahrhunderte, in denen Jakobus die iberische Halbinsel von den Mauren befreite, die damals die iberische Halbinsel unter ihrer Knute hatten – also vom Islam. Seither trägt Jakobus den Beinamen Mata Malus – Maurentöter. Er wurde in vielen Schlachten als Heiliger angerufen. Also jetzt nicht mit dem Handy. Aber irgendwie hat die Geschichte schon mit der Sternenstraße zu tun, mit der Straße der Götter. Ein Symbol der Hoffnung für ewiges Glück.

Sozusagen ist Jakobus jetzt nicht gerade der Vater des Handys, aber schon irgendwie der Schutzheilige für die Befreiung Europas vom Islam. Damals. Das ist jetzt nicht ganz konform. Es gab ja mal einen Bundespräsidenten, der sagte, der Islam gehöre zu Deutschland. Aber das ist ja auch 1000 Jahre her. Also nicht das mit dem Bundespräsidenten, sondern das mit dem Maurentöter. Die Pilgerschaft verschafft einem schon seltsamen Gedanken. Oder?

Nach Jerusalem, um Jesu willen, heißt es. Nach Rom, um des Papstes. Nach Santiago, um sich selbst willen. Den Ruf „Ultreia“. auf den Lippen. „Vorwärts“ – das ist der Pilgergruß. Ultreia.

Man war einstmals bei den Mitmenschen geachtet, wenn man eine Pilgerreise unternahm. Und Pilgern lohnte sich sogar. Man wurde während der Pilgerschaft aller Sünden enthoben. Großartig. Gläubiger mussten sich gedulden. Strafen waren ausgesetzt. Steuern auch. Finanzamt, ich freue mich darauf… Buen Camino!