„Die Frage nach der Handlungsfreiheit stand ganz am Anfang meiner künstlerischen Arbeit. Sie ist so alt wie die Fotografie selbst und wird gerade wieder hochaktuell. Wer macht eigentlich das Bild: Fotograf:in oder Kamera, Künstler:in oder KI?“ (Michael Reisch; Fotokünstler)

Klar, man fragt sich in einer Welt der untergehenden Printmedien und der KI-generierten Nachrichten – und damit sind insbesondere Fotos gemeint – , kann man dem allen noch trauen? Nun ja, wenn man seinem eigenen Verstand noch traut, dann sollte das in Ordnung gehen. Aber… Und da fängt es schon an. Deshalb und genau deshalb, ist es gut, dass es solche altehrwürdigen Präsentationen noch gibt, wie den „WORLD Press Foto Award“, der jährlich die besten Internationalen Pressefotografien auszeichnet, auch wenn der Wettbewerb – oder heißt es heute challenge (?) – etwas aus der Zeit gefallen zu scheint. Und es ganz sicher auch ist, wenn man das Auswahlprocedere – Berücksichtigung von Fotografen von jedem Kontinent/Region, vorgeschriebene Kategorien und Präsentationsmodus – betrachtet. Sei es drum.
Vor wenigen Tagen wurde im Altonaer Museum die Ausstellung „WORLD Press Photo 2026“ eröffnet, in der bis zum 15. Juni die von der gleichnamigen Foundation als beste Pressefotografien ausgezeichneten Bilder des vergangenen Jahres zu sehen sind. Die Fakten sind schnell genannt, und nur kursorisch: Über 57.000 Einsendungen, von 3750 Fotografinnen und Fotografen aus 141 Ländern in den Kategorien Einzelbild, Story, Langzeitprojekt. Die Ausstellung wird in mehr als 80 Städten gezeigt, in 40 Ländern, stern und GEO präsentieren das Spektakel in Hamburg. Und hier kann man Fotokünstler Michael Reisch auf seine Frage „Wer macht eigentlich das Bild: Fotograf:in oder Kamera, Künstler:in oder KI?“ wohl eine sichere Antwort geben. Diese Fotos sind echt. Hoffentlich.

Das diesjährige World Press Photo of the Year der Fotojournalistin Carol Guzy mit dem Titel „Seperated by ICE“ dokumentiert die Schonungslosigkeit, mit der die im Jahr 2025 von der US-Regierung verschärfte Einwanderungspolitik umgesetzt wird. Es stammt aus der Serie „ICE Arrests at New York Court“ und zeigt eine ecuadorianische Frau und ihre Töchter, nach dem ihr Ehemann nach einer Anhörung vor dem Einwanderungsgericht im Jacob K. Javits Federal Building in New York City von Beamten der Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) festgenommen wurde.
Auch die Arbeiten der diesjährigen Ausstellung zeichnen globale Krisen, politische Umbrüche und persönliche Schicksale eng miteinander verwoben. Ein besonderer Fokus liegt wieder auf den Auswirkungen bewaffneter Konflikte und deren langfristigen Folgen für Zivilgesellschaften. Bildserien aus der Ukraine und dem Nahen Osten dokumentieren nicht nur die unmittelbare Gewalt, sondern auch den Alltag zwischen Zerstörung und Hoffnung. Fotografien aus Spanien, Mexiko und dem US-Bundesstaat Kalifornien richten den Blick auf unterschiedliche Auswirkungen der Klimakrise. Sie zeigen eindrücklich, wie Waldbrände und extreme Wetterereignisse die Lebensgrundlagen ganzer Landstriche bedrohen und die Armut bzw. die Migration der betroffenen Bevölkerungen verstärken.
Vor allem aber zeigen sie – oftmals im Gegensatz zu historischen WORLD Press Fotos – Bilder, die Erklärungen bedürfen. Erklärungen zu den Bildern, die nur noch wenig für sich alleine stehen. Das ist schade. Seit 1955 zeichnet die „World Press Photo Fundation“ jedes Jahr die besten internationalen Pressefotografien des Vorjahres mit dem „World Press Photo Award“ aus. Erinnert sei an das weltberühmte Fotos, wie von dem Mädchen im Vietnamkrieg, das 1973 nackt und schreiend vor Napalm-Bomben flieht. Erinnert sei an den buddhistischen Mönch, der sich auf der Straße in Saigon selbst verbrennt. Auch die afghanische junge und hübsche Frau, die keine Nase mehr im Gesicht trägt, nur noch ein verheiltes Loch, mag noch in Erinnerungen vorhanden sein. Bibi Alsha, 18 Jahre alt, floh in ihrer Heimatstadt Kabul vor der Gewalt ihres Mannes, fotografiert 2011 von Judy Bieber.

1973
Nick Ut
Und nun aber zu ein paar diesjähriger Fotos, urteilt selbst.

Emma the Social Robot
World Press Photo Award in der Kategorie: Europe, Singles
Foto: Paula Hornickel
Waltraud unterhält sich mit Emma, einem Roboter, der Gesichter erkennt und sich an
frühere Gespräche erinnert. Obwohl Walttraud zunächst skeptisch war, sagt sie, dass sie mit
der Zeit eine Verbindung zu Emma aufgebaut hat. Albershausen, Deutschland, 3. Juli 2025
Deutschlands Pflegeheime stehen vor zwei großen Herausforderungen: der zunehmende
Personalmangel und die zunehmende Alterseinsamkeit. Eine Studie aus dem Jahr 2023 ergab,
dass sich jeder fünfte Bewohner im Alter von 80 Jahren und älter als „sehr einsam“ bezeichnet.
Diese Situation hat zu Einsätzen von sozialen Robotern wie Emma geführt, die von einem
Münchner Start-up entwickelt wurden. Waltraud, eine Bewohnerin des „Haus im
Wiesengrund“ in Albershausen, hatte zunächst ihre Zweifel, baute aber mit der Zeit eine
Bindung zu Emma auf. „Wenn sie ihre Witze erzählt, ist das wirklich gut. Das ist genau mein
Humor“, sagt Waltraud, betont jedoch, dass menschlicher Kontakt immer vorzuziehen sei.
Paula Hornickel ist eine Porträt- und Dokumentarfotografin aus Cottbus, die in Dortmund und
Berlin lebt und arbeitet.

Farīsāt: Gunpowder’s Daughters
World Press Photo Award in der Kategorie: Africa, Stories
Foto: Chantal Pinzi, Panos Pictures
Noura versucht, ihr Pferd nach dem Abfeuern zu kontrollieren – der gefährlichste Teil
der Vorführung. Die Reiter riskieren Verletzungen durch Schießpulver oder durch Stürze und
das Risiko, zertrampelt zu werden. Sidi Rahal, Marokko, 8. August 2025.
„Tbourida“ bezeichnet eine von der UNESCO anerkannte marokkanische Reittradition, die bis
ins 16. Jahrhundert zurückreicht und eine choreografierte Darbietung der Kavallerie-
kriegsführung beinhaltet. Frauen waren bislang davon ausgeschlossen, kämpfen jedoch seit der
Reform des marokkanischen Familienrechts im Jahr 2004, die die gesetzlichen Rechte der
Frauen stärkte, für ihre Einbeziehung. Heute reiten sieben rein weibliche Truppen unter den
insgesamt rund 300. Diese Farīsāt (Reiterinnen) tragen erhebliche persönliche Kosten, da sie
ihre Pferde, Kostüme und Schießgenehmigungen selbst finanzieren. Ihre Beharrlichkeit ist ein
kraftvolles Plädoyer für den rechtmäßigen Platz der Frauen im marokkanischen Kulturerbe.
Chantal Pinzi (geb. 1996) ist eine in Berlin lebende Fotoaktivistin, die sich auf Fotojournalismus
und Dokumentarfotografie konzentriert.

When Giants Fall
World Press Photo Award in der Kategorie: Africa, Singles
Foto: Halden Krog, for Daily Mail
Professionelle Jäger erschießen eine Elefantenfamilie, die für die Bestandsregu-
lierung ausgewählt wurde. Sango Wildlife Conservancy, Savé Valley Conservancy, Simbabwe,
23. Oktober 2025.
Im Jahr 2025 genehmigte die Regierung Simbabwes das Töten von 50 Elefanten im Savé Valley
Conservancy zum Zweck der Populationskontrolle. Dieser Entscheidung ging eine Keulung von
200 Tieren im Jahr 2024 voraus. Die Behörden erklärten, dass die wachsende Population die
Konflikte zwischen Menschen und Wildtieren verschärft habe, da die Elefanten aufgrund der
Dürre auf der Suche nach Nahrung und Wasser in zu engem Kontakt mit den Menschen kämen.
Naturschutzorganisationen bestritten die Behauptungen einer Überpopulation und verurteilten
die Bestandsreduktion.
Halden Krog ist ein freiberuflicher Fotograf mit Sitz in Kapstadt, Südafrika.

A Desperate Place
World Press Photo Award in der Kategorie: Asia-Pacific and Oceania, Singles
Foto:Tyrone Siu, Reuter
Ein Mann schreit vor Verzweiflung, während das Feuer den Wohnkomplex in Tai Po
verschlingt, in dem er mit seiner Frau lebt. Nur wenige Augenblicke zuvor hat er mit seiner Frau
telefoniert, die im Gebäude gefangen ist. Es war ihr letztes Gespräch. Hongkong, 26. November
2025.
Ein Großbrand im Wohnkomplex Wang Fuk Court in Tai Po forderte im November 2025 168
Menschenleben. Obwohl keine offizielle Ursache bekannt gegeben wurde, ergaben
Untersuchungen der Behörden in Hongkong, dass Bambusgerüste, Baunetze und brennbare
Styroporplatten an den Fenstern als Brandbeschleuniger wirkten und die Bewohner im Inneren
einschlossen. Mehr als 2.000 Feuerwehrleute waren an den Rettungsmaßnahmen beteiligt, von
denen einer ums Leben kam und zwölf verletzt wurden.
Tyrone Siu ist Fotojournalist bei Reuters und arbeitet von Hongkong aus, wo er über lokale und
regionale Nachrichten in ganz Asien sowie über internationale Ereignisse berichtet.