Was wir wirklich brauchen

Eine Pilgerreise ist durch und durch eine minimalistische Reise.

Eine Pilgerreise ist eine minimalistische Sache. Und das fängt schon zu Hause an. Wie reist es sich wirklich mit leichtem Gepäck? Keine vollgepackten Koffer mit zehn paar Schuhen. Keine Hotelangestellten, die die Taschen auf die Zimmer tragen. Womit kommt man wochenlang aus? Und, was kann man im puristischem Falle des klassischen Pilgerns tatsächlich 308 Kilometer auf dem Rücken tragen. Was brauchen wir wirklich. Und was ist verzichtbar? Das ist vielleicht eine Frage, die wir uns im Leben auch manches mal stellen sollten.

Was wir wirklich brauchen, das wird ganz sicher gar nicht vom Geldbeutel bestimmt. Nein, nicht einmal davon, was der oder die Nachbarin gerade in ihr Fenster – versteht sich als Garten, Garage oder auch Wohnzimmer – gestellt hat. Könnte es sein, dass das, was wir wirklich brauchen, von uns abhängt? Skoda statt Porsche? Fahrrad statt Auto? Maultier statt…. Ok, das führt jetzt irgendwie in die falsche Richtung. Maultier in Schwerin, das wäre doch eine gute Idee für eine Stadtführung. Aber brauchen wir das wirklich? Ihr wisst, was ich meine. Ich sag mal so: Glück statt Pech, ist ok. Leicht statt schwer, ist auch ok. Zumindest am Camino. Das Leben ist ja auch mitunter schwer für manchen leicht…

Am Ortseingang von Tineo

Eine Pilgerreise ist jedenfalls durch und durch eine minimalistische Reise. Das fällt dir spätestens dann ein, wenn dich dein Zehn-Kilo-Rucksack in der brütenden Sonne Spaniens in die Knie zwingt. Was im übrigen mit dem Rucksack, mit dem mancher durchs Leben geht, ganz ähnlich ist. Für den Pilger gilt, nicht mehr als ein Zehntel des Körpergewichts sollte der Rucksack wiegen. Und wie gesagt, das fängt bereits zu Hause an. Es soll Pilger geben, die beim Packen des Rucksacks den Griff von der Zahnbürste absägen, um Gewicht zu sparen. Und kaum vorzustellen, aber wahr, verrate ich hier mal ein Geheiminis. Der Pilger ist natürlich sehr gerne auf alle Fälle von Anfang an, was meint vom Packtisch im heimischen Wohnzimmer, vorbereitet. Aber tatsächlich kann man auch in Spanien in jedem kleinen Ort, Tempos, Vaseline, Sonnencreme und, und, und kaufen. Hier gibt es sogar Lidl. Wow. Geheimtipp. Nicht weitersagen.

Pilger Gepäck, fernab vom Pilgern zum Abholen bereit

Apropos tragen. Schwer vorzustellen, dass Karl der Große oder der Papst ihr Gepäck selbst mit sich schleppten, als sie auf den Camino gingen. Aber was man hier auf dem Rücken einiger Wallfahrer sieht, ist beeindruckend. Ein Spiegelbild unserer Sozialisation. Seit Beginn in Oviedo laufen zwei Spanierinnen vor mir her, die man in ihrer Aufmachung wohl eher auf dem Laufsteg vermutet hätte. Knappe Hosen, früher hätte man Hotpants gesagt, enges Dress, keine Rucksäcke. Braucht man ja auch nicht unbedingt. Es gibt ja genug Fahrdienste, die dir dein Gepäck von Ort zu Ort fahren. Und da bilden die beiden keine Ausnahme. Für kleines Geld kann man seinen Rücksack, Koffer oder was auch immer von Herberge zu Herberge fahren lassen.

Die üblichen Socken zum Trocknen hängen dagegen heute auch bei mir an meinem Rucksack. Wasserbeutel gehört natürlich auch hinein ein ganz, ganz dünnes Handtuch, ein paar Sandaletten, Badeschuhe, um bei zweifelhaften Unterkünften nicht mit dem vor drei Tagen gescheuerten Boden in Berührung zu kommen, drei T-Shirts – das alles hatten wir ja schon – usw. usw. Ein Ladegerät, das iPad für den Blog und natürlich eine winzig kleine Tastatur ist auch dabei. Macht zusammen neun Kilo. Mit Wasser zehn. Wer hätte das gedacht. Dabei sind es doch von jedem nur ein oder zwei Stücke?

Als wir heute morgen in Salas aufbrechen – inzwischen hat sich eine Pilgergesellschaft gegründet, zu der sich neben Silke, Anja und Barbara und mir auch Matthias aus München gesellt hat – sind es 12 Grad Celsius. Zwei der Damen fahren mit dem Bus voraus, die Frauengruppe hat sich vorgenommen, bereits nach 12 Tagen in Santiago de Compostela anzukommen. Eine von ihnen hat nicht mehr Urlaub. Das ist anspruchsvoll, zumindest auf dem Primitivo.

Dageblieben oder hingestellt?

Kaum sind wir losgelaufen, finde ich einen Lippenstift auf dem Weg – spanisch Camino, der Weg, nicht der Lavera. Noch lästern wir, dass dieser wohl den beiden perfekt gestylten Spanierinnen vor uns gehören würde, da schließen wir zu ihnen auf. Silke fragt sie. Zuerst empörte Reaktionen. Dann plötzlich die bange Frage: „¿Dónde, dónde, dónde?“ Wo, wo, wo? Nun gut, es war also ihrer. Im Wanderführer ist zu lesen, dass der Primitivo ab der Etappe von Salas „nach und nach, seine ganze Schönheit zu entfalten beginnt“. Cool, die wussten schon von den Lipstick-Spanierinnen?

Aber der Camino entfaltet hier nicht nur seine Schönheiten, sondern auch seine Anstrengungen. Hängt ja im Leben auch oft zusammen. Es geht stetig bergan. Von 200 Metern in Salas bis zu über 800 Meter. Aber in den Wanderführern steht eh einiges, das man noch einmal genau betrachten muss. Zum Beispiel die Sache mit dem einsamen Camino. Im Gegensatz zum Camino Francés biete der Primitivo noch ein authentisches Naturerlebnis, wird oft geschrieben. Stimmt.

Fast. Authentisch ist für dieses Jahr vom 1. bis zum wahrscheinlich 15. Juni, dass nicht nur Lippenstifte auf dem Weg liegen, sondern der Camino Primitivo quasi eine Pilgerautobahn geworden ist. Und zwar für deutsche Pilger. Inzwischen kenne ich nicht nur Silke, Barbara und Anja, Matthias aus München und Patrick aus Mönchengladbach, sondern auch Katharina und Prim (zugegeben ein Spanier), Jim und George (hatten wir hier schon) und, und, und… nach zwei Tagen! Passiert mir in Schwerin nicht.

Am Wegrand….

Ich sage mal so, der Primitivo wurde vom Geheimtipp zum geselligen Weg. Hier mal eine kleine Besserwisserstatistik: Der Camino Francés wird etwa von der Hälfte aller 500.000 Pilger (Stand 2025) gelaufen, der Küstenweg Camino Portugues von einem weiteren Drittel, während der Camino Primitivo nur von fünf Prozent favorisiert wird. 25.000! Aber müssen die alle jetzt laufen???

Aus den beabsichtigten 25 Kilometern wurden heute auf der 3. Etappe irgendwie 28 Kilometer von Salas bis weit hinter Tineo – vor allem aber, weil die Herberge etwas abseits vom Schuss liegt. Gestern auf der 2. Etappe von Grado nach Salas waren es 24,5 Kilometer. Tatsächlich sind Unterkünfte, wie alle klagen, nicht ganz einfach zu bekommen. Zumindest nicht so einfach zu finden wie Lippenstifte. Wetter so um die 20 Grad, Stimmung so um die 30 Grad, Sonnenschein. Buen Camino!

Wo die Palmen sich verneigen…

Das ganze Leben ist eine Wanderschaft, oder besser eine Pilgerreise… 

Am Start des Camino Primitivo kurz hinter Oviedo

Da steht sie, die erste Palme. Ich bin noch nicht ganz raus aus Oviedo. Und schon das Camino-GEFÜHL. „Wo die Palmen sich verneigen, wo die Purpursonne weint/ Will sie in die Gondel steigen und sie will woanders sein“, kommt mir unvermittelt in den Sinn. Nun gut, die Palme da am Wegesrand verneigt sich nicht gerade in Ehrfurcht… Obwohl das mal locker angesagt sein könnte. Pah, dieses Grünzeug, keine Achtung vor dem Alter, äh Pilger. Aber vielleicht ist diese Palme ja genau so alt wie ich. Kokospalmen werden locker 80 Jahre, und älter. Ich müsste mich vor ihr verneigen. Falls sie mal pilgert. Da bin ich kaum fünf Schritte auf dem Camino Primitivo gegangen, und schon werde ich Grüner. Hmh…

Aber zurück zum Song von City. Wie kann ein Volk, wie können Menschen, die zur Sehnsucht in „Pfefferminzhimmel“ von City getanzt und gelebt haben, plötzlich montags um die Kirche laufen, und sich nicht nur die Musik, sondern dieses ganze Land zurück wünschen. „Ob nach Tara, nach Altlanta ist ihr dabei einerlei / Vom Wind verweht hat angefangen und sie will woanders sein.“ So was von schön. Ich setzte mal einen Link auf den Song.

Ich bin auch woanders, ganz woanders. Und ich bin jeden Tag dankbar dafür, dass ich das ohne Pfefferminzhimmel sein kann. Auch wenn uns das niemand geschenkt hat, wie so oft behauptet wird. Vieles nach der Wende schon. Heute Morgen ist mein Woanders mal Oviedo. Die Stadt am Beginn meines Jakobsweges 2026. Kommt man vielleicht nicht als Erstes drauf, auf Oviedo, wenn man an Spanien denkt. Aber ich habe im Verlauf meiner inzwischen drei Caminos so viele Orte in Spanien kennengelernt, dass ich weiß, dass Spanien nicht nur Malle, und Malle nicht nur das 17. Bundesland ist – lest es gerne in diesem Blog nach. 

Für mich ist der Camino vor allem Slow traveling. Langsam reisen. Und damit intensiv wahrnehmen. Woher kommen wir? Wo gehen wir hin? Und was macht das alles mit uns. Und was macht das alles für einen Sinn? Diese und alle anderen Fragen lassen sich hervorragend am Camino erörtern – und zwar mit sich selbst. Das hat den unglaublichen Vorteil, dass du dir selbst widersprechen kannst. Kein Revierverhalten. Du kannst deine eigene Meinung x-mal revidieren. Man kann seine Lebensziele überdenken, oder auch nur einzelne Phasen. Man kann sich auch mal Sch… finden. Merkt ja keiner. Und bleibt am Camino. Großartig finden wir uns eh immer, wenn wir in Gesellschaft sind. Ausgenommen natürlich ich, hi, hi. hi… Ihr merkt, was ich meine?

Oviedo, der Aufbruch

Stopp: Gerade als ich dies so für mich hinschreibe, walzen in meine bescheidene Herberge zwei Australier, George und Jim. Blaues Basecap, rotes Shirt, blaue Wanderhosen, weiße Socken, weiser Bart – BEIDE! Sie erzählen mir, dass sie das siebte Mal den Camino gehen und nun zu alt sind. Es ist ihr letztes Mal… Jetzt müsst ihr euch eine 30minütige Unterbrechung meiner Gedanken vorstellen. Zwar wollte ich noch etwas über die eigene Mitte schreiben. Aber Jim und George sind nun in meine kommunikative Mitte und in meine innere Mitte einfach so reingeplatzt, dass ich mich schon vor dem Pilgermal am Abend fürchte. Das Nachsinnen findet dann morgen statt, oder übermorgen, oder überübermorgen… Ich habe Zeit. 

Am Weg ist man am Besten alleine

Den Camino geht man immer alleine los. So halte ich es zumindest. Aber man kommt immer in einer großen Familie an – nun gut, in einer Reisegesellschaft. Alle, die auf dem Weg ein Stück miteinander gegangen sind, treffen sich irgendwann in Santiago de Compostela wieder. Das ganze Leben ist ja eine Wanderschaft, oder besser eine Pilgerreise… Man trifft Menschen. Man trennt sich von Menschen. Man trifft sie wieder. Und manchmal vermisst man sie. Selten vergisst man sie. Und wenn man sich erinnert, dann sollte man das nur im Guten tun. Dann hatte das Pilgern einen Sinn.

Gehst Du nach Jerusalem, dann gehst Du zu Gott. Gehst Du nach Rom, dann gehst Du zum Papst. Gehst Du nach Santiago de Compostela, dann gehst Du zu dir selbst, heißt es. (Keine Philosophie von mir!) Und dann solltest du auch eins mit dir zurückkehren, oder?

Um 7:30 Uhr bin ich in Oviedo losgewandert. Wie gesagt, Oviedo steht auf der Liste der spanischen Reiseziele nicht ganz oben. Das hätte es allerdings verdient. Denn ebenso wie Leon, oder Burgos, oder Astorga, hat diese Stadt so viel Geschichte, dass nicht nur die australischen Pilger (die natürlich vor allem) oder die US-Pilger (die natürlich vor vor allem) sondern auch wir Deutschen vor der Geschichte der Stadt nur erblassen können. Das kann man alles bei Wikipedia nachlesen. 

Kurz gesagt, war nach der Eroberung der Iberischen Halbinsel durch die Mauren im 8. Jahrhundert Asturien die einzige Bergregion, die von den Arabern nicht eingenommen wurde. Zu kalt. Hier kommt dann der Weg (Camino) zum Heiligen Jakobus als letzter möglicher Weg nach Santiago von Oviedo als damalige Hauptstadt des Königreiches Asturien ins Spiel. Da aber die Route ziemlich bergig und schwierig war – und ist -, gilt der Camino Primitivo (im Sinne von primitiv oder zuerst) noch heute als einer der schwierigsten der inzwischen fünf großen und noch mehr Jakobswege in Spanien. 

Capilla de Fátima

Genau mit diesem Respekt bin ich losgegangen. Aber bei guten 12 Grad Celsius und leichten Hängen zu Beginn empfing mich der Primitivo als Freund. Klar, es ist nicht der Küstenweg. Es ist auch nicht der Camino Francés, aber der ist am Anfang auch nicht leicht. Auf dem Weg aus Oviedo heraus kommt man an so vielen Cafés und Bars vorbei, dass ein Espresso und ein Croissant immer noch möglich sind, da die 40-Euro-Herberge natürlich kein Frühstück anbot. Vom Vorabend konnte ich auch nicht geschädigt sein, da das hiesige Nationalgetränk Sidre, eine leichter Apfelmost mit fünf Prozent Alkohol, hier mit einem solchem handwerklichen Gezaubere eingeschenkt wird, dass die Hälfte der Flasche ohnehin auf dem Boden der Kneipe landet (Foto). Natürlich aus rein kelterischen Gründen, wegen der Lüftung des Weines.

Sidre-Einschank, viel Gewese, wenig drin

Die ersten 25 Kilometer sind ein sehr guter Anfang, schon 14 Uhr bin ich in meinem kleinen Hotel kurz vor Grado. Allerdings ist der Besitzer noch nicht da. Es liegt am Rande der Stadt, malerisch, allerdings nicht weit von einem Autobahnstrang entfernt. Man kann es sich vorher nicht aussuchen bzw. schon, aber weiß nicht, was man wirklich bekommt. Ich habe alles vorgebucht, um nicht das Windhundrennen (First come, First serv) um die Herbergsbetten mitzumachen. Letztlich ist es ein nettes Hotel, allerdings fern vom Schuss. 

Noch eines zum Schluss: „Wer nach Santiago geht und nicht zum San Salvador, ehrt den Knecht und vergisst den Herrn“, heißt es in der Kathedrale von Oviedo „San Salvador“. Der Herr ist Christus „San Salvador“. Aber der Knecht ist Jakobus der Apostel. Laufe ich in die falsche Richtung?

Kann man den Bildern noch trauen?

„Die Frage nach der Handlungsfreiheit stand ganz am Anfang meiner künstlerischen Arbeit. Sie ist so alt wie die Fotografie selbst und wird gerade wieder hochaktuell. Wer macht eigentlich das Bild: Fotograf:in oder Kamera, Künstler:in oder KI?“ (Michael Reisch; Fotokünstler)

Im Altonaer Museum ist für eine kurze Zeit bis Mitte Juni die „WORLD Press Foto 2026“ zu sehen. Ein Besuch, der sich lohnen könnte. (Foto:Autor)

Klar, man fragt sich in einer Welt der untergehenden Printmedien und der KI-generierten Nachrichten – und damit sind insbesondere Fotos gemeint – , kann man dem allen noch trauen? Nun ja, wenn man seinem eigenen Verstand noch traut, dann sollte das in Ordnung gehen. Aber… Und da fängt es schon an. Deshalb und genau deshalb, ist es gut, dass es solche altehrwürdigen Präsentationen noch gibt, wie den „WORLD Press Foto Award“, der jährlich die besten Internationalen Pressefotografien auszeichnet, auch wenn der Wettbewerb – oder heißt es heute challenge (?) – etwas aus der Zeit gefallen zu scheint. Und es ganz sicher auch ist, wenn man das Auswahlprocedere – Berücksichtigung von Fotografen von jedem Kontinent/Region, vorgeschriebene Kategorien und Präsentationsmodus – betrachtet. Sei es drum.

Vor wenigen Tagen wurde im Altonaer Museum die Ausstellung „WORLD Press Photo 2026“ eröffnet, in der bis zum 15. Juni die von der gleichnamigen Foundation als beste Pressefotografien ausgezeichneten Bilder des vergangenen Jahres zu sehen sind. Die Fakten sind schnell genannt, und nur kursorisch: Über 57.000 Einsendungen, von 3750 Fotografinnen und Fotografen aus 141 Ländern in den Kategorien Einzelbild, Story, Langzeitprojekt. Die Ausstellung wird in mehr als 80 Städten gezeigt, in 40 Ländern, stern und GEO präsentieren das Spektakel in Hamburg. Und hier kann man Fotokünstler Michael Reisch auf seine Frage „Wer macht eigentlich das Bild: Fotograf:in oder Kamera, Künstler:in oder KI?“ wohl eine sichere Antwort geben. Diese 140 Fotos der 41 besten Fotoreporter der Welt sind echt. Hoffentlich.

 

Die Gewinnerin des World Press Foto of the Year, Carol Guzy, (ZUMA Press, für den Miami Herold) mit der Serie „ICE Arrests at New York Court“ über die Verhaftungen der amerikanischen Einwanderungsbehörde im Interview.
Das diesjährige World Press Photo of the Year der Fotojournalistin Carol Guzy mit dem Titel „Seperated by ICE“ dokumentiert die Schonungslosigkeit, mit der die im Jahr 2025 von der US-Regierung verschärfte Einwanderungspolitik umgesetzt wird. Es stammt aus der Serie „ICE Arrests at New York Court“ und zeigt eine ecuadorianische Frau und ihre Töchter, nach dem ihr Ehemann nach einer Anhörung vor dem Einwanderungsgericht im Jacob K. Javits Federal Building in New York City von Beamten der Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) festgenommen wurde.

Auch die Arbeiten der diesjährigen Ausstellung zeichnen globale Krisen, politische Umbrüche und persönliche Schicksale eng miteinander verwoben. Ein besonderer Fokus liegt wieder auf den Auswirkungen bewaffneter Konflikte und deren langfristigen Folgen für Zivilgesellschaften. Bildserien aus der Ukraine und dem Nahen Osten dokumentieren nicht nur die unmittelbare Gewalt, sondern auch den Alltag zwischen Zerstörung und Hoffnung. Fotografien aus Spanien, Mexiko und dem US-Bundesstaat Kalifornien richten den Blick auf unterschiedliche Auswirkungen der Klimakrise. Sie zeigen eindrücklich, wie Waldbrände und extreme Wetterereignisse die Lebensgrundlagen ganzer Landstriche bedrohen und die Armut bzw. die Migration der betroffenen Bevölkerungen verstärken. 

Vor allem aber zeigen sie – oftmals im Gegensatz zu historischen WORLD Press Fotos – Bilder, die Erklärungen bedürfen. Erklärungen zu den Bildern, die nur noch wenig für sich alleine stehen. Das ist schade. Seit 1955 zeichnet die „World Press Photo Fundation“ jedes Jahr die besten internationalen Pressefotografien des Vorjahres mit dem „World Press Photo Award“ aus. Erinnert sei an das weltberühmte Fotos, wie von dem Mädchen im Vietnamkrieg, das 1973 nackt und schreiend vor Napalm-Bomben flieht. Erinnert sei an den buddhistischen Mönch, der sich auf der Straße in Saigon selbst verbrennt. Auch die afghanische junge und hübsche Frau, die keine Nase mehr im Gesicht trägt, nur noch ein verheiltes Loch, mag noch in Erinnerungen vorhanden sein. Bibi Alsha, 18 Jahre alt, floh in ihrer Heimatstadt Kabul vor der Gewalt ihres Mannes, fotografiert 2011 von Judy Bieber.

1973

Nick Ut

Und nun aber zu ein paar diesjähriger Fotos, urteilt selbst.


Emma the Social Robot
World Press Photo Award in der Kategorie: Europe, Singles
Foto: Paula Hornickel

Waltraud unterhält sich mit Emma, einem Roboter, der Gesichter erkennt und sich an
frühere Gespräche erinnert. Obwohl Walttraud zunächst skeptisch war, sagt sie, dass sie mit
der Zeit eine Verbindung zu Emma aufgebaut hat. Albershausen, Deutschland, 3. Juli 2025
Deutschlands Pflegeheime stehen vor zwei großen Herausforderungen: der zunehmende
Personalmangel und die zunehmende Alterseinsamkeit. Eine Studie aus dem Jahr 2023 ergab,
dass sich jeder fünfte Bewohner im Alter von 80 Jahren und älter als „sehr einsam“ bezeichnet.
Diese Situation hat zu Einsätzen von sozialen Robotern wie Emma geführt, die von einem
Münchner Start-up entwickelt wurden. Waltraud, eine Bewohnerin des „Haus im
Wiesengrund“ in Albershausen, hatte zunächst ihre Zweifel, baute aber mit der Zeit eine
Bindung zu Emma auf. „Wenn sie ihre Witze erzählt, ist das wirklich gut. Das ist genau mein
Humor“, sagt Waltraud, betont jedoch, dass menschlicher Kontakt immer vorzuziehen sei.
Paula Hornickel ist eine Porträt- und Dokumentarfotografin aus Cottbus, die in Dortmund und
Berlin lebt und arbeitet.

 


Farīsāt: Gunpowder’s Daughters
World Press Photo Award in der Kategorie: Africa, Stories
Foto: Chantal Pinzi, Panos Pictures

Noura versucht, ihr Pferd nach dem Abfeuern zu kontrollieren – der gefährlichste Teil
der Vorführung. Die Reiter riskieren Verletzungen durch Schießpulver oder durch Stürze und
das Risiko, zertrampelt zu werden. Sidi Rahal, Marokko, 8. August 2025.
„Tbourida“ bezeichnet eine von der UNESCO anerkannte marokkanische Reittradition, die bis
ins 16. Jahrhundert zurückreicht und eine choreografierte Darbietung der Kavallerie-
kriegsführung beinhaltet. Frauen waren bislang davon ausgeschlossen, kämpfen jedoch seit der
Reform des marokkanischen Familienrechts im Jahr 2004, die die gesetzlichen Rechte der
Frauen stärkte, für ihre Einbeziehung. Heute reiten sieben rein weibliche Truppen unter den
insgesamt rund 300. Diese Farīsāt (Reiterinnen) tragen erhebliche persönliche Kosten, da sie
ihre Pferde, Kostüme und Schießgenehmigungen selbst finanzieren. Ihre Beharrlichkeit ist ein
kraftvolles Plädoyer für den rechtmäßigen Platz der Frauen im marokkanischen Kulturerbe.
Chantal Pinzi (geb. 1996) ist eine in Berlin lebende Fotoaktivistin, die sich auf Fotojournalismus
und Dokumentarfotografie konzentriert.


When Giants Fall
World Press Photo Award in der Kategorie: Africa, Singles
Foto: Halden Krog, for Daily Mail

Professionelle Jäger erschießen eine Elefantenfamilie, die für die Bestandsregu-
lierung ausgewählt wurde. Sango Wildlife Conservancy, Savé Valley Conservancy, Simbabwe,
23. Oktober 2025.
Im Jahr 2025 genehmigte die Regierung Simbabwes das Töten von 50 Elefanten im Savé Valley
Conservancy zum Zweck der Populationskontrolle. Dieser Entscheidung ging eine Keulung von
200 Tieren im Jahr 2024 voraus. Die Behörden erklärten, dass die wachsende Population die
Konflikte zwischen Menschen und Wildtieren verschärft habe, da die Elefanten aufgrund der
Dürre auf der Suche nach Nahrung und Wasser in zu engem Kontakt mit den Menschen kämen.
Naturschutzorganisationen bestritten die Behauptungen einer Überpopulation und verurteilten
die Bestandsreduktion.
Halden Krog ist ein freiberuflicher Fotograf mit Sitz in Kapstadt, Südafrika.


A Desperate Place
World Press Photo Award in der Kategorie: Asia-Pacific and Oceania, Singles
Foto:Tyrone Siu, Reuter

Ein Mann schreit vor Verzweiflung, während das Feuer den Wohnkomplex in Tai Po
verschlingt, in dem er mit seiner Frau lebt. Nur wenige Augenblicke zuvor hat er mit seiner Frau
telefoniert, die im Gebäude gefangen ist. Es war ihr letztes Gespräch. Hongkong, 26. November
2025.
Ein Großbrand im Wohnkomplex Wang Fuk Court in Tai Po forderte im November 2025 168
Menschenleben. Obwohl keine offizielle Ursache bekannt gegeben wurde, ergaben
Untersuchungen der Behörden in Hongkong, dass Bambusgerüste, Baunetze und brennbare
Styroporplatten an den Fenstern als Brandbeschleuniger wirkten und die Bewohner im Inneren
einschlossen. Mehr als 2.000 Feuerwehrleute waren an den Rettungsmaßnahmen beteiligt, von
denen einer ums Leben kam und zwölf verletzt wurden.
Tyrone Siu ist Fotojournalist bei Reuters und arbeitet von Hongkong aus, wo er über lokale und
regionale Nachrichten in ganz Asien sowie über internationale Ereignisse berichtet.