Janosch ist viel mehr als Kinderbücher

Oh, wie schön ist Panama – in der Kunsthalle Rostock. Die erste große Janosch-Ausstellung im Norden gibt einen Einblick in das Schaffen eines Künstler, der sich selbst einmal als autistisch bezeichnete. Ob er es ist…. Entscheidet ihr.

Hier fängt der Spaß schon an: Kunsthallen-Chef Uwe Neumann und Kurator Mathias Wedler -Schmidt auf Tigerenten in der Ausstellung

„O Bär“, sagte der Tiger, „ist das Leben nicht unheimlich schön, sag!“ „Ja“, sagte der kleine Bär, „ganz unheimlich und schön.“ 

Belauscht man diesen winzigen Dialog aus „Post für den Tiger“ in diesen Tagen ganz zufällig in Rostock, dann befindet man sich ganz sicher – und nicht zufällig – in der Kunsthalle. Dort nämlich haben Uwe Neumann und sein Team eine ganz ungewöhnliche Ausstellung zusammengetragen. „Janosch – Mein Panama“ ist eine Premiere im Norden Deutschlands.

Die Kunsthalle nimmt Kinder und Erwachsene gleichermaßen mit in die Welt eines Autors und Illustrators, dessen Figuren und Geschichten viele Menschen seit ihrer Kindheit begleiten. Doch Janosch, geboren als Horst Eckert in Oberschlesien, hat weit mehr geschaffen, als die berühmten Abenteuer von Tiger und Bär. Das macht neugierig. 

Janosch in seinem Atelier Reproduktion: Koslik/ Foto: Janosch     © VG Bild-Kunst, Bonn, 2026

Über 200 Werke erwarten die Besucher – vom Gemälde, frühen Werken, handgezeichneten Illustrationen zu seinen Büchern, Radierungen, Aquarellen bis hin zu seinem vollständigen Zimmer und Arbeitsplatz in seiner Finca auf Teneriffa, in die er sich vor mehr als 40 Jahren vor dem Trubel um seine Person zurückzog. Witziges und winziges Detail dabei, das man auch in der Rostocker Kunsthalle erleben kann: Janosch hat angeblich in seiner eigenen Tigerenten-Bettwäsche geschlafen. Wer es glaubt… 

Mit 49 Jahren gerät Janosch an einen Wendepunkt seines Lebens. Er wanderte aus nach Teneriffa. Die Einrichtung der Finca, die ihm viele Jahre als Wohnort und Atelier diente ist in der Ausstellung zu sehen. Man beachte die Bettwäsche. Foto: Koslik

Die deutschlandweit erste große Ausstellung des noch lebenden Künstlers wurde in Tübingen anlässlich seines 95. Geburtstags am 11. März dieses Jahres gezeigt. Das Neue Kunstmuseum Tübingen hatte schon vor Jahren den gesamten künstlerischen Vorlass des Kinderbuchautors und Illustrators erworben und daraus jene erste umfassende Retrospektive zusammengestellt. So kamen auch Uwe Neumann und Kurator Mathias Wedler-Schmidt auf die Idee, die Sammlung nach Rostock zu holen (siehe Interview). „Sommer, Urlaub, Ferien und Kunsthalle – das wollten wir zusammenbringen” sagt Neumann. Er hofft natürlich, mit Janosch erneut solch einen Coup zu landen wie mit der Udo Lindenberg-Exposition vor zwei Jahren oder mit der großen Hansa Schau „Rund & Eckig – Manchmal dreckig – 60 Jahre F.C. Hansa“ im letzten Jahr, die allein 20.000 Besucher in die Kunsthalle zog. Also auf zu Janosch…

Natürlich darf bei diesem Event „Oh wie schön ist Panama“ aus dem Jahr 1978 nicht fehlen. Janosch’ Schaffen umfasst mehr als 300 Bücher für Kinder und Erwachsene, die in über 30 Sprachen erschienen sind. Sehr gelungen ist die Idee des Rostocker Kurators, die Illustrationen und Texte für die kleineren Besucher auf deren Augenhöhe anzubringen. So kann es durchaus passieren, dass die Eltern mit ganz anderen Bildern im Kopf aus der Ausstellung gehen, als ihre Sprösslinge. Diese kommen übrigens bis zu einem Alter von 16 Jahren kostenlos zum Kunstgenuss. 

„Oh, wie schön ist Panama” – Tiger und Bär

Foto:  AG © VG Bild-Kunst, Bonn, 2026

Zur Erinnerung: „Oh, wie schön ist Panama” erzählt von der berühmten Reise des kleinen Bären und des kleinen Tigers, die sich auf den Weg in das Land ihrer Träume machen. Alles beginnt, als der kleine Bär eine Kiste findet, auf der „Panama“ steht und die verführerisch nach Bananen duftet. Sofort steht fest: Panama muss das schönste Land der Welt sein – und dorthin wollen die beiden reisen. 

Gemeinsam machen sich die zwei Freunde mit ihrer Tigerente und wenigen Habseligkeiten auf den Weg. Unterwegs begegnen sie vielen Tieren, fragen nach dem richtigen Weg und erleben kleine Abenteuer, die sie nur gemeinsam meistern können. Nach langer Reise kommen sie schließlich wieder dort an, wo sie einst aufgebrochen sind. Doch nun sehen sie ihr Zuhause mit neuen Augen und erkennen: Manchmal liegt das Glück näher, als man denkt. Vielleicht fühlt man sich als Erwachsener auch an die Erkenntnis erinnert, dass eben das eigene Zuhause oft der schönste Ort der Welt ist.

Uwe Neumann weiß dazu die Story zu erzählen, dass Janosch nach dem totalen Misserfolg seiner ersten beiden Kinderbücher verzweifelt und etwas trotzig geäußert haben soll, dann mache er eben jetzt richtigen Kitsch… Plüschbär inbegriffen. Aber zuerst flog der Künstler in seiner Wut nach Ibiza und hat sich dort so richtig besof…, äh eine Sause gemacht. Und im kreativen Rausch kehrte der Zwei-Meter-Hühne umgehend zurück und machte aus dem Erlebnis (der Reise von Zuhause nach Ibiza und  zurück nach Zuhause) sozusagen seine Homestory. Ihm wird der Satz zugeschrieben: „Mein Panama ist da, wo ich bin”. Das Buch vom kleinen Bären und dem Tiger gilt als eines der erfolgreichsten Kinderbücher und wurde 1,5 Millionen Mal weltweit verkauft.

Blick in die Ausstellung Foto: Koslik

Die Schau, die bis zum 13. September zu sehen ist, macht eine ganze Menge Angebote für Kinder. Die jüngeren Besucher können ihre eigenen Geschichte erfinden, sie können mit Tigerenten- Bobbycars durch die Ausstellung rollern, sie können einen eigenen Zettelkasten nach dem Vorbild von Janosch erstellen. Auf vielen, vielen Tafeln haben Kurator Mathias Wedler-Schmidt und das Kunsthallen-Team in aufwändiger Kleinarbeit ganz persönliche Fragen an Janosch zusammengetragen, die sie von seiner Frau Ines beantworten ließen. Die Kinder können es nachmachen: „Wie heißt Du?…”, „Wie groß bist Du? Janosch: „2 Meter”, „Was ist Deine Lieblingssüßspeise? Schokolade”, „Was ist Deine Lieblingsfarbe? Neongelb und eigentlich alle Farben”,  „Welches Tier wärst du gerne? Löwe oder vielleicht auch ein Frosch” und, und, und Vielleicht können dabei sogar Eltern etwas über ihren Nachwuchs erfahren… Auf die Frage „Was ist dein größter Wunsch?” antwortet Janosch’ Frau Ines für ihn „Alle sollen sich vertragen, die Welt ist doch so schön”

Horst Eckerts eigener Lebensweg hätte dabei kaum stärker von der friedlichen Welt seiner Figuren abweichen können. Zur Welt kam er 1931 in Zabrze, einem oberschlesischen Bergarbeiterort, der inzwischen zu Polen gehört. Die Jahre seiner Kindheit beschrieb er später als eine Zeit von Angst und Gewalt. Der Vater war Alkoholiker, immer wieder kam es daheim zu Misshandlungen. Die Mutter war streng katholisch und vermittelte dem Kind offenbar ein dauerhaftes Gefühl von Schuld. In der Kunsthalle sind viele Zeugnisse seiner Auseinandersetzung mit seiner frühen Kindheit und auch böse Bibelillustrationen zu sehen.

Das Goldene Kind  gibt einen Einblick in die Verarbeitung seiner gewaltgeprägten Kindheit Reproduktion: Koslik

Nach dem Zweiten Weltkrieg floh die Familie aus Oberschlesien nach Norddeutschland. Nach einer Ausbildung zum Textilzeichner ging er schließlich nach München, wo er Malerei studierte. Doch nach nur kurzer Zeit musste er die Kunstakademie mit dem Vorwurf fehlenden Talents wieder verlassen. Statt aufzugeben, begann er zu schreiben und zu zeichnen. Georg Lentz, sein erster Verleger, wurde auf ihn aufmerksam. Er beauftragte ihn mit der Illustration von Kinderbüchern und gab Eckert den Namen Janosch als prägendes Autorenpseudonym.

Janosch selbst bezeichnete sich einmal als authistisch. Die Flucht nach Teneriffa soll ein Resultat seiner Selbstzweifel gewesen sein. Dort widmete er sich mit seiner Stiftung „Fundación Canarina“ den Natur- und Tierschutz. Leider konnte der inzwischen in einem Pflegeheim lebende Künstler nicht mehr selbst zu seiner Ausstellung nach Rostock kommen. 

Interview mit Kunsthallenchef Dr. Uwe Neumann

„Wir wollen mit der Ausstellung Familien abholen“

Foto. Koslik

Man muss einen Kunsthallendirektor sicher nicht fragen, wie er auf solch eine Ausstellung kommt, aber wie kamen Sie darauf?

Neumann: Ich war tatsächlich in Tübingen, wo ich mir die Udo-Ausstellung im Neuen Kunstmuseum ansah. Wir hatten ja Udo Lindenberg auch schon in Rostock. Bei der Gelegenheit hat mir der Gründer und Leiter des Neuen Kunstmuseums Tübingen sein Depot gezeigt. Bernhard Feil, der auch Kunsthändler ist, hat den gesamten Vorlass von Janosch gekauft. Ich war sofort begeistert, weil ich viele dieser Werke noch nie gesehen hatte. Wir haben vereinbart, nach der Janosch-Ausstellung zum 95. des Künstlers in Tübingen diese nach Rostock zu holen.

Der Kurator Mathias Wedler-Schmidt sprach von einem Werksumfang von mehreren Tausend Bildern. Wie sucht man daraus 200 Werke aus?

Neumann: Es gibt natürlich einige Schlüsselwerke, die wir zeigen wollten, wie eben Panama oder die Illustrationen zu Herrn Wondrak, den Janosch für seine Kolumne im ZEITmagazin geschaffen hat. Alles weitere ist natürlich auch subjektiv. Man sucht sich Kernthemen aus, die man gerne bearbeiten will. Ich bin dem Kurator Mathias Wedler-Schmidt sehr dankbar, dass er so eine umfassende Ausstellung dieses Künstlers zusammengestellt hat.

Was hat Sie am meisten erstaunt, an den vielen noch nicht gezeigten Werken?

Neumann: Diese naive Malerei, mit der Janosch sein eigenes Leben abarbeitet. Zum Beispiel das „Goldene Kind“, das hat mich sehr bewegt. Da ist ein Paar zu sehen, wo der Vater das Kind an der Hand hält und es ist gülden. Wenn man weiß, dass Horst Eckert viel von seinem Vater geschlagen wurde, und eine streng katholische Mutter hatte, ist das eine intensive Arbeit.

Die Kunsthalle hatte immer einen Jahrescoup – Uecker, Lindenberg, Hansa, in welche Kategorie passt da Janosch?

Neumann: Wir wollen mit der Ausstellung Familien abholen. Wir haben ja die Hauptausstellung mit Olaf Heine, dem bekannten Fotokünstler. Für mich ist das eine perfekte Zusammenstellung von Malerei, Karikaturen, Geschichten und die großartige Fotokunst von Olaf Heine.

Ihr Werbespruch zur Ausstellung?

Neumann: Taucht ein in diese wunderbare Welt von Janosch.

Was kommt nächstes Jahr?

Neumann: Viele, viele Ausstellungen… Aber die große  Ausstellung wird sich dem Schlager widmen. Seine Auswirkungen auf die Kunst, auf die Gesellschaft, den Ost-West-Vergleich… Ich finde den Schlager faszinierend.

Kann man den Bildern noch trauen?

„Die Frage nach der Handlungsfreiheit stand ganz am Anfang meiner künstlerischen Arbeit. Sie ist so alt wie die Fotografie selbst und wird gerade wieder hochaktuell. Wer macht eigentlich das Bild: Fotograf:in oder Kamera, Künstler:in oder KI?“ (Michael Reisch; Fotokünstler)

Im Altonaer Museum ist für eine kurze Zeit bis Mitte Juni die „WORLD Press Foto 2026“ zu sehen. Ein Besuch, der sich lohnen könnte. (Foto:Autor)

Klar, man fragt sich in einer Welt der untergehenden Printmedien und der KI-generierten Nachrichten – und damit sind insbesondere Fotos gemeint – , kann man dem allen noch trauen? Nun ja, wenn man seinem eigenen Verstand noch traut, dann sollte das in Ordnung gehen. Aber… Und da fängt es schon an. Deshalb und genau deshalb, ist es gut, dass es solche altehrwürdigen Präsentationen noch gibt, wie den „WORLD Press Foto Award“, der jährlich die besten Internationalen Pressefotografien auszeichnet, auch wenn der Wettbewerb – oder heißt es heute challenge (?) – etwas aus der Zeit gefallen zu scheint. Und es ganz sicher auch ist, wenn man das Auswahlprocedere – Berücksichtigung von Fotografen von jedem Kontinent/Region, vorgeschriebene Kategorien und Präsentationsmodus – betrachtet. Sei es drum.

Vor wenigen Tagen wurde im Altonaer Museum die Ausstellung „WORLD Press Photo 2026“ eröffnet, in der bis zum 15. Juni die von der gleichnamigen Foundation als beste Pressefotografien ausgezeichneten Bilder des vergangenen Jahres zu sehen sind. Die Fakten sind schnell genannt, und nur kursorisch: Über 57.000 Einsendungen, von 3750 Fotografinnen und Fotografen aus 141 Ländern in den Kategorien Einzelbild, Story, Langzeitprojekt. Die Ausstellung wird in mehr als 80 Städten gezeigt, in 40 Ländern, stern und GEO präsentieren das Spektakel in Hamburg. Und hier kann man Fotokünstler Michael Reisch auf seine Frage „Wer macht eigentlich das Bild: Fotograf:in oder Kamera, Künstler:in oder KI?“ wohl eine sichere Antwort geben. Diese 140 Fotos der 41 besten Fotoreporter der Welt sind echt. Hoffentlich.

 

Die Gewinnerin des World Press Foto of the Year, Carol Guzy, (ZUMA Press, für den Miami Herold) mit der Serie „ICE Arrests at New York Court“ über die Verhaftungen der amerikanischen Einwanderungsbehörde im Interview.
Das diesjährige World Press Photo of the Year der Fotojournalistin Carol Guzy mit dem Titel „Seperated by ICE“ dokumentiert die Schonungslosigkeit, mit der die im Jahr 2025 von der US-Regierung verschärfte Einwanderungspolitik umgesetzt wird. Es stammt aus der Serie „ICE Arrests at New York Court“ und zeigt eine ecuadorianische Frau und ihre Töchter, nach dem ihr Ehemann nach einer Anhörung vor dem Einwanderungsgericht im Jacob K. Javits Federal Building in New York City von Beamten der Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) festgenommen wurde.

Auch die Arbeiten der diesjährigen Ausstellung zeichnen globale Krisen, politische Umbrüche und persönliche Schicksale eng miteinander verwoben. Ein besonderer Fokus liegt wieder auf den Auswirkungen bewaffneter Konflikte und deren langfristigen Folgen für Zivilgesellschaften. Bildserien aus der Ukraine und dem Nahen Osten dokumentieren nicht nur die unmittelbare Gewalt, sondern auch den Alltag zwischen Zerstörung und Hoffnung. Fotografien aus Spanien, Mexiko und dem US-Bundesstaat Kalifornien richten den Blick auf unterschiedliche Auswirkungen der Klimakrise. Sie zeigen eindrücklich, wie Waldbrände und extreme Wetterereignisse die Lebensgrundlagen ganzer Landstriche bedrohen und die Armut bzw. die Migration der betroffenen Bevölkerungen verstärken. 

Vor allem aber zeigen sie – oftmals im Gegensatz zu historischen WORLD Press Fotos – Bilder, die Erklärungen bedürfen. Erklärungen zu den Bildern, die nur noch wenig für sich alleine stehen. Das ist schade. Seit 1955 zeichnet die „World Press Photo Fundation“ jedes Jahr die besten internationalen Pressefotografien des Vorjahres mit dem „World Press Photo Award“ aus. Erinnert sei an das weltberühmte Fotos, wie von dem Mädchen im Vietnamkrieg, das 1973 nackt und schreiend vor Napalm-Bomben flieht. Erinnert sei an den buddhistischen Mönch, der sich auf der Straße in Saigon selbst verbrennt. Auch die afghanische junge und hübsche Frau, die keine Nase mehr im Gesicht trägt, nur noch ein verheiltes Loch, mag noch in Erinnerungen vorhanden sein. Bibi Alsha, 18 Jahre alt, floh in ihrer Heimatstadt Kabul vor der Gewalt ihres Mannes, fotografiert 2011 von Judy Bieber.

1973

Nick Ut

Und nun aber zu ein paar diesjähriger Fotos, urteilt selbst.


Emma the Social Robot
World Press Photo Award in der Kategorie: Europe, Singles
Foto: Paula Hornickel

Waltraud unterhält sich mit Emma, einem Roboter, der Gesichter erkennt und sich an
frühere Gespräche erinnert. Obwohl Walttraud zunächst skeptisch war, sagt sie, dass sie mit
der Zeit eine Verbindung zu Emma aufgebaut hat. Albershausen, Deutschland, 3. Juli 2025
Deutschlands Pflegeheime stehen vor zwei großen Herausforderungen: der zunehmende
Personalmangel und die zunehmende Alterseinsamkeit. Eine Studie aus dem Jahr 2023 ergab,
dass sich jeder fünfte Bewohner im Alter von 80 Jahren und älter als „sehr einsam“ bezeichnet.
Diese Situation hat zu Einsätzen von sozialen Robotern wie Emma geführt, die von einem
Münchner Start-up entwickelt wurden. Waltraud, eine Bewohnerin des „Haus im
Wiesengrund“ in Albershausen, hatte zunächst ihre Zweifel, baute aber mit der Zeit eine
Bindung zu Emma auf. „Wenn sie ihre Witze erzählt, ist das wirklich gut. Das ist genau mein
Humor“, sagt Waltraud, betont jedoch, dass menschlicher Kontakt immer vorzuziehen sei.
Paula Hornickel ist eine Porträt- und Dokumentarfotografin aus Cottbus, die in Dortmund und
Berlin lebt und arbeitet.

 


Farīsāt: Gunpowder’s Daughters
World Press Photo Award in der Kategorie: Africa, Stories
Foto: Chantal Pinzi, Panos Pictures

Noura versucht, ihr Pferd nach dem Abfeuern zu kontrollieren – der gefährlichste Teil
der Vorführung. Die Reiter riskieren Verletzungen durch Schießpulver oder durch Stürze und
das Risiko, zertrampelt zu werden. Sidi Rahal, Marokko, 8. August 2025.
„Tbourida“ bezeichnet eine von der UNESCO anerkannte marokkanische Reittradition, die bis
ins 16. Jahrhundert zurückreicht und eine choreografierte Darbietung der Kavallerie-
kriegsführung beinhaltet. Frauen waren bislang davon ausgeschlossen, kämpfen jedoch seit der
Reform des marokkanischen Familienrechts im Jahr 2004, die die gesetzlichen Rechte der
Frauen stärkte, für ihre Einbeziehung. Heute reiten sieben rein weibliche Truppen unter den
insgesamt rund 300. Diese Farīsāt (Reiterinnen) tragen erhebliche persönliche Kosten, da sie
ihre Pferde, Kostüme und Schießgenehmigungen selbst finanzieren. Ihre Beharrlichkeit ist ein
kraftvolles Plädoyer für den rechtmäßigen Platz der Frauen im marokkanischen Kulturerbe.
Chantal Pinzi (geb. 1996) ist eine in Berlin lebende Fotoaktivistin, die sich auf Fotojournalismus
und Dokumentarfotografie konzentriert.


When Giants Fall
World Press Photo Award in der Kategorie: Africa, Singles
Foto: Halden Krog, for Daily Mail

Professionelle Jäger erschießen eine Elefantenfamilie, die für die Bestandsregu-
lierung ausgewählt wurde. Sango Wildlife Conservancy, Savé Valley Conservancy, Simbabwe,
23. Oktober 2025.
Im Jahr 2025 genehmigte die Regierung Simbabwes das Töten von 50 Elefanten im Savé Valley
Conservancy zum Zweck der Populationskontrolle. Dieser Entscheidung ging eine Keulung von
200 Tieren im Jahr 2024 voraus. Die Behörden erklärten, dass die wachsende Population die
Konflikte zwischen Menschen und Wildtieren verschärft habe, da die Elefanten aufgrund der
Dürre auf der Suche nach Nahrung und Wasser in zu engem Kontakt mit den Menschen kämen.
Naturschutzorganisationen bestritten die Behauptungen einer Überpopulation und verurteilten
die Bestandsreduktion.
Halden Krog ist ein freiberuflicher Fotograf mit Sitz in Kapstadt, Südafrika.


A Desperate Place
World Press Photo Award in der Kategorie: Asia-Pacific and Oceania, Singles
Foto:Tyrone Siu, Reuter

Ein Mann schreit vor Verzweiflung, während das Feuer den Wohnkomplex in Tai Po
verschlingt, in dem er mit seiner Frau lebt. Nur wenige Augenblicke zuvor hat er mit seiner Frau
telefoniert, die im Gebäude gefangen ist. Es war ihr letztes Gespräch. Hongkong, 26. November
2025.
Ein Großbrand im Wohnkomplex Wang Fuk Court in Tai Po forderte im November 2025 168
Menschenleben. Obwohl keine offizielle Ursache bekannt gegeben wurde, ergaben
Untersuchungen der Behörden in Hongkong, dass Bambusgerüste, Baunetze und brennbare
Styroporplatten an den Fenstern als Brandbeschleuniger wirkten und die Bewohner im Inneren
einschlossen. Mehr als 2.000 Feuerwehrleute waren an den Rettungsmaßnahmen beteiligt, von
denen einer ums Leben kam und zwölf verletzt wurden.
Tyrone Siu ist Fotojournalist bei Reuters und arbeitet von Hongkong aus, wo er über lokale und
regionale Nachrichten in ganz Asien sowie über internationale Ereignisse berichtet.

Lieberman, der Gossenmaler

Ich schaffe keine Wunder, ich verwende einfach und vergeude viel Farbe… (Claude Monet, Datum unbekannt)

Max Liebermann, „Selbsbildnis“, 1934 ©Tate

Mal ehrlich, denken wir an den Impressionismus, denken wir an Frankreich. Genauer gesagt an Paris. Irgendwann zwischen 1860 und 1910. Oder so. Wir denken an die Ecole des Beaux-Arts. Wir sagen Claude Monet, Auguste Renoir, Pissaro, Manet, Degas. Wir sehen Bilder unter freiem Himmel (Pleinair), Farben, Farben, Farben und einen lockeren Pinselstrich. „Irgendwann war das Schwarz alle, dann malten wir blau“, habe ich mal irgendwo gelesen. Oder habe ich das nur geträumt?

Die Farbe ist der Hauptdarsteller. Dazu etwas französisches Laissez-Faire – fertig ist der Impressionismus. In diese schöne Stimmung platzt just der deutsche Kritiker und Realist Adolf von Menzel (1815 – 1905), und meckert spitz: „Der Impressionismus ist die Kunst der Faulheit.“ Na, ist doch typisch Deutsch, oder? Unser Vorurteil ist bedient. Wenn der Impressionismus halt nicht so schön wäre. „Ich träume ein Gemälde, dann male ich meinen Traum“, wird der Post-Impressionist Vincent von Gogh zitiert. Nun ja, nicht alle seine Träume waren schön.

Und jetzt kommt das Museum Barberini in Potsdam daher und will mit seiner neuesten Ausstellung beweisen, dass der Impressionismus genauso zu Deutschland gehört wie zu Frankreich. Die Namen habe wir irgendwie alle schon mal gehört: Lesser Ury, berühmt für seine Berliner Straßenszenen bei Regen, Fritz von Uhde, Sabine Lepsius…. Und natürlich Max Slevogt, Lovis Corinth und Max Liebermann. Der Impressionismus hat auch ein deutsches Gesicht.

Während der Vorbesichtigung der Ausstellung „Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland“, geöffnet bis 7. Juni. ©Autor

Liebermann war der Kopf der Berliner Secession und Wegbereiter der Moderne in Deutschland. Er war aber auch verrufen als „Arme-Leute-Maler“ und wurde am deutschen Kaiserhof gern als „Gossenmaler“ geschmäht. Dazu kommen wir noch.

„Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland“ zeigt seit Freitag (28. Februar) bis Anfang Juni in Potsdam mit über 110 Werken aus mehr als 60 internationalen Sammlungen eindrucksvoll die Entwicklung des Impressionismus in Deutschland. Eine der bislang umfangreichsten Ausstellungen dieser Art. Die letzte Liebermann-Schau fand 2004 in Hamburg statt.

Die Ausstellung würdigt Max Liebermann nicht nur als zentralen Künstler, sondern auch als Sammler, Ausstellungsmacher und Mentor. Als Präsident der Berliner Secession war Liebermann im erzkonservativen Kaiserreich, Wilhelm I. hatte sich 1871 im Spiegelsaal des Schlosses Versailles zum ersten deutschen Kaiser ausrufen lassen, eine Stimme für Internationalität und künstlerische Erneuerung. Dünnes Eis am Kaiserhof.

Barberini-Direktorin und Kuratorin Ortrud Westheider ©Autor
Im Hintergrund Liebermanns Bild „Freistunde im Amsterdamer Waisenhaus“ (1881/81), Städelmuseum Frankfurt am Main
. Eines der Bilder, die Liebermann den Ruf als Arme-Leute-Maler einbrachten. ©Städelsches Museums-Verein e.V.

Liebermann war bald nach Kriegsende, 1873, nach Paris gegangen. Die Stadt befand sich noch im Wiederaufbau. Der Maler entdeckte – wie vor ihm die französischen Impressionisten – die Freilichtmalerei. Wiederholt stellte er danach im Pariser Salon aus, etwa 1882 sein Gemälde „Freistunde im Amsterdamer Waisenhaus“.

Für die Organisation des deutschen Pavillons auf der Pariser Weltausstellung wurde er 1889 in die Société des Beaux-Arts aufgenommen. Und das, obwohl Kaiser Wilhelm I. den deutschen Künstlern die Teilname an der Weltausstellung 1889 untersagt hatte.

Für den inoffiziellen deutschen Beitrag auf der Weltausstellung wählte er naturalistische oder unter freiem Himmel gemalte Szenen deutscher Künstler wie etwa Fritz von Uhde und Wilhelm Trübner aus, die mit der offiziellen Kunst des Kaiserreichs brachen. Unter den sechs eigenen Werken waren dem französischen Publikum nur „Die Netzflickerinnen“ neu. Alfred Lichtwark erwarb es danach für die Sammlung der Hamburger Kunsthalle. Nach Liebermanns Vorstoß sollte die kaiserliche Kunstpolitik noch weitere fünfzehn Jahre lang die Außenwirkung bestimmen, berichtet Ortrud Westheider, Direktorin im Barberini und Kuratorin der Ausstellung. Und doch war ein Anfang gemacht.

„Judengasse in Amsterdam“, 1909, Privatsammlung BRENNET GmbH, ©Autor
Für schlichte Straßenszenen wählte Liebermann ambitioniert große Leinwände, die nach dem Regelwerk der Akademie der Historienmalerei vorbehalten blieben sollten, was dem Künstler den Ruf als Gossenmaler einbrachte

Im Gegenteil zum französischen Impressionismus, der oft den schönen Augenblick in der Landschaft gefangen hielt, malten die deutschen Impressionisten Familienszenen, Straßenszenen oder auch Theaterbilder. Besonders die in Potsdam ebenfalls zu sehenden „Waisenkinder in Lübeck“ (1884), „Freistunde im Amsterdamer Waisenhaus“ (1881/82) oder die „Judengasse in Amsterdam“ (1909) brachten Liebermann seinen Ruf als „Arme-Leute-Maler“ oder eben als „Gossenmaler“ ein.

Malerkollegen wie Lesser Uri, Sabine Lepsius oder Max Slevogt widmeten sich Kinderbildern – eine Mode im aufstrebenden Bürgertum, die eigenen Kinder porträtieren zu lassen-, dem Theater oder auch Haus und Garten.

„Doppelportrait der Geschwister Cornelia (geb. 1921) und Charlotte Hahn (geb. 1926)“, Sabine Lepsius, ©Photo: Jens Ziehe
Kinderbilder beflügelten im aufstrebenden Bürgertum zu jener Zeit den Geist der Reformpädagogik, die den Religionsunterricht und Militarismus kritisierte

Am 15. April 1901 bat Liebermann den Journalisten Théodore Duret, ein begüterter Republikaner, der den Cognac-Handel seines Vaters in Europa vertrat, um Unterstützung für eine große Impressionisten-Ausstellung in Berlin. Er fragte nach der Möglichkeit, ein Gemälde von Manet aus Durets Sammlung auszuleihen, und bat ihn, ein weiteres Bild des Malers aus französischem Privatbesitz zu vermitteln. Der Ton war freundschaftlich und vertraut. Wiederum ging es um dasselbe Anliegen: dem Impressionismus zum Durchbruch zu verhelfen. Duret wurde wie bereits bei den französischen Impressionisten um Monet und Manet ein journalistischer Wegbegleiter des deutschen Impressionismus, u.a. mit seinem 1909 erschienenem Buch „Die Impressionisten“ im Verlag von Bruno Cassirer.

Ab 1915 widmete sich Liebermann überwiegend seiner Villa am Wannsee, heute Erinnerungs- und Gedenkstätte, und dem selbstangelegten Garten dort. Vom wachsenden Antisemitismus in Deutschland verbittert, fand der Künstler hier seit den 1920er Jahren seinen Rückzugsraum.

„Kinderstube“, 1889, Fritz von Uhde ©bpk/Hamburger Kunsthalle

Der Maler starb zwei Jahre nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, die der modernen Malerei in Deutschland ein abruptes Ende setzten. Seine Witwe Martha Liebermann beging 1943 wenige Tage vor der geplanten Deportation nach Theresienstadt Suizid. Tochter Käthe und Enkelin Maria waren bereits 1938 in die USA geflohen. Liebermanns Sammlung französischer Impressionisten ist heute international verstreut, während seine Villa am Wannsee als bedeutendes kulturelles Vermächtnis und politisches Mahnmal erhalten bleibt.

„Das Champagnerlied“, 1902, Max Slevogt ©bpk / Staatsgalerie Stuttgart
Die Theatristik beschäftige die deutschen Impressionisten stark. Es ist überliefert, dass der portugiesische Bariton Francisco d‘Andrade den „Don Giovanni“ in der Mozart-Oper 1902 im Theater des Westens in seiner Arie so feurig interpretierte, dass das Orchester ihm folgte und der Dirigent den Taktstock wutentbrannt ins Orchester warf.