Kann man den Bildern noch trauen?

„Die Frage nach der Handlungsfreiheit stand ganz am Anfang meiner künstlerischen Arbeit. Sie ist so alt wie die Fotografie selbst und wird gerade wieder hochaktuell. Wer macht eigentlich das Bild: Fotograf:in oder Kamera, Künstler:in oder KI?“ (Michael Reisch; Fotokünstler)

Im Altonaer Museum ist für eine kurze Zeit bis Mitte Juni die „WORLD Press Foto 2026“ zu sehen. Ein Besuch, der sich lohnen könnte. (Foto:Autor)

Klar, man fragt sich in einer Welt der untergehenden Printmedien und der KI-generierten Nachrichten – und damit sind insbesondere Fotos gemeint – , kann man dem allen noch trauen? Nun ja, wenn man seinem eigenen Verstand noch traut, dann sollte das in Ordnung gehen. Aber… Und da fängt es schon an. Deshalb und genau deshalb, ist es gut, dass es solche altehrwürdigen Präsentationen noch gibt, wie den „WORLD Press Foto Award“, der jährlich die besten Internationalen Pressefotografien auszeichnet, auch wenn der Wettbewerb – oder heißt es heute challenge (?) – etwas aus der Zeit gefallen zu scheint. Und es ganz sicher auch ist, wenn man das Auswahlprocedere – Berücksichtigung von Fotografen von jedem Kontinent/Region, vorgeschriebene Kategorien und Präsentationsmodus – betrachtet. Sei es drum.

Vor wenigen Tagen wurde im Altonaer Museum die Ausstellung „WORLD Press Photo 2026“ eröffnet, in der bis zum 15. Juni die von der gleichnamigen Foundation als beste Pressefotografien ausgezeichneten Bilder des vergangenen Jahres zu sehen sind. Die Fakten sind schnell genannt, und nur kursorisch: Über 57.000 Einsendungen, von 3750 Fotografinnen und Fotografen aus 141 Ländern in den Kategorien Einzelbild, Story, Langzeitprojekt. Die Ausstellung wird in mehr als 80 Städten gezeigt, in 40 Ländern, stern und GEO präsentieren das Spektakel in Hamburg. Und hier kann man Fotokünstler Michael Reisch auf seine Frage „Wer macht eigentlich das Bild: Fotograf:in oder Kamera, Künstler:in oder KI?“ wohl eine sichere Antwort geben. Diese 140 Fotos der 41 besten Fotoreporter der Welt sind echt. Hoffentlich.

 

Die Gewinnerin des World Press Foto of the Year, Carol Guzy, (ZUMA Press, für den Miami Herold) mit der Serie „ICE Arrests at New York Court“ über die Verhaftungen der amerikanischen Einwanderungsbehörde im Interview.
Das diesjährige World Press Photo of the Year der Fotojournalistin Carol Guzy mit dem Titel „Seperated by ICE“ dokumentiert die Schonungslosigkeit, mit der die im Jahr 2025 von der US-Regierung verschärfte Einwanderungspolitik umgesetzt wird. Es stammt aus der Serie „ICE Arrests at New York Court“ und zeigt eine ecuadorianische Frau und ihre Töchter, nach dem ihr Ehemann nach einer Anhörung vor dem Einwanderungsgericht im Jacob K. Javits Federal Building in New York City von Beamten der Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) festgenommen wurde.

Auch die Arbeiten der diesjährigen Ausstellung zeichnen globale Krisen, politische Umbrüche und persönliche Schicksale eng miteinander verwoben. Ein besonderer Fokus liegt wieder auf den Auswirkungen bewaffneter Konflikte und deren langfristigen Folgen für Zivilgesellschaften. Bildserien aus der Ukraine und dem Nahen Osten dokumentieren nicht nur die unmittelbare Gewalt, sondern auch den Alltag zwischen Zerstörung und Hoffnung. Fotografien aus Spanien, Mexiko und dem US-Bundesstaat Kalifornien richten den Blick auf unterschiedliche Auswirkungen der Klimakrise. Sie zeigen eindrücklich, wie Waldbrände und extreme Wetterereignisse die Lebensgrundlagen ganzer Landstriche bedrohen und die Armut bzw. die Migration der betroffenen Bevölkerungen verstärken. 

Vor allem aber zeigen sie – oftmals im Gegensatz zu historischen WORLD Press Fotos – Bilder, die Erklärungen bedürfen. Erklärungen zu den Bildern, die nur noch wenig für sich alleine stehen. Das ist schade. Seit 1955 zeichnet die „World Press Photo Fundation“ jedes Jahr die besten internationalen Pressefotografien des Vorjahres mit dem „World Press Photo Award“ aus. Erinnert sei an das weltberühmte Fotos, wie von dem Mädchen im Vietnamkrieg, das 1973 nackt und schreiend vor Napalm-Bomben flieht. Erinnert sei an den buddhistischen Mönch, der sich auf der Straße in Saigon selbst verbrennt. Auch die afghanische junge und hübsche Frau, die keine Nase mehr im Gesicht trägt, nur noch ein verheiltes Loch, mag noch in Erinnerungen vorhanden sein. Bibi Alsha, 18 Jahre alt, floh in ihrer Heimatstadt Kabul vor der Gewalt ihres Mannes, fotografiert 2011 von Judy Bieber.

1973

Nick Ut

Und nun aber zu ein paar diesjähriger Fotos, urteilt selbst.


Emma the Social Robot
World Press Photo Award in der Kategorie: Europe, Singles
Foto: Paula Hornickel

Waltraud unterhält sich mit Emma, einem Roboter, der Gesichter erkennt und sich an
frühere Gespräche erinnert. Obwohl Walttraud zunächst skeptisch war, sagt sie, dass sie mit
der Zeit eine Verbindung zu Emma aufgebaut hat. Albershausen, Deutschland, 3. Juli 2025
Deutschlands Pflegeheime stehen vor zwei großen Herausforderungen: der zunehmende
Personalmangel und die zunehmende Alterseinsamkeit. Eine Studie aus dem Jahr 2023 ergab,
dass sich jeder fünfte Bewohner im Alter von 80 Jahren und älter als „sehr einsam“ bezeichnet.
Diese Situation hat zu Einsätzen von sozialen Robotern wie Emma geführt, die von einem
Münchner Start-up entwickelt wurden. Waltraud, eine Bewohnerin des „Haus im
Wiesengrund“ in Albershausen, hatte zunächst ihre Zweifel, baute aber mit der Zeit eine
Bindung zu Emma auf. „Wenn sie ihre Witze erzählt, ist das wirklich gut. Das ist genau mein
Humor“, sagt Waltraud, betont jedoch, dass menschlicher Kontakt immer vorzuziehen sei.
Paula Hornickel ist eine Porträt- und Dokumentarfotografin aus Cottbus, die in Dortmund und
Berlin lebt und arbeitet.

 


Farīsāt: Gunpowder’s Daughters
World Press Photo Award in der Kategorie: Africa, Stories
Foto: Chantal Pinzi, Panos Pictures

Noura versucht, ihr Pferd nach dem Abfeuern zu kontrollieren – der gefährlichste Teil
der Vorführung. Die Reiter riskieren Verletzungen durch Schießpulver oder durch Stürze und
das Risiko, zertrampelt zu werden. Sidi Rahal, Marokko, 8. August 2025.
„Tbourida“ bezeichnet eine von der UNESCO anerkannte marokkanische Reittradition, die bis
ins 16. Jahrhundert zurückreicht und eine choreografierte Darbietung der Kavallerie-
kriegsführung beinhaltet. Frauen waren bislang davon ausgeschlossen, kämpfen jedoch seit der
Reform des marokkanischen Familienrechts im Jahr 2004, die die gesetzlichen Rechte der
Frauen stärkte, für ihre Einbeziehung. Heute reiten sieben rein weibliche Truppen unter den
insgesamt rund 300. Diese Farīsāt (Reiterinnen) tragen erhebliche persönliche Kosten, da sie
ihre Pferde, Kostüme und Schießgenehmigungen selbst finanzieren. Ihre Beharrlichkeit ist ein
kraftvolles Plädoyer für den rechtmäßigen Platz der Frauen im marokkanischen Kulturerbe.
Chantal Pinzi (geb. 1996) ist eine in Berlin lebende Fotoaktivistin, die sich auf Fotojournalismus
und Dokumentarfotografie konzentriert.


When Giants Fall
World Press Photo Award in der Kategorie: Africa, Singles
Foto: Halden Krog, for Daily Mail

Professionelle Jäger erschießen eine Elefantenfamilie, die für die Bestandsregu-
lierung ausgewählt wurde. Sango Wildlife Conservancy, Savé Valley Conservancy, Simbabwe,
23. Oktober 2025.
Im Jahr 2025 genehmigte die Regierung Simbabwes das Töten von 50 Elefanten im Savé Valley
Conservancy zum Zweck der Populationskontrolle. Dieser Entscheidung ging eine Keulung von
200 Tieren im Jahr 2024 voraus. Die Behörden erklärten, dass die wachsende Population die
Konflikte zwischen Menschen und Wildtieren verschärft habe, da die Elefanten aufgrund der
Dürre auf der Suche nach Nahrung und Wasser in zu engem Kontakt mit den Menschen kämen.
Naturschutzorganisationen bestritten die Behauptungen einer Überpopulation und verurteilten
die Bestandsreduktion.
Halden Krog ist ein freiberuflicher Fotograf mit Sitz in Kapstadt, Südafrika.


A Desperate Place
World Press Photo Award in der Kategorie: Asia-Pacific and Oceania, Singles
Foto:Tyrone Siu, Reuter

Ein Mann schreit vor Verzweiflung, während das Feuer den Wohnkomplex in Tai Po
verschlingt, in dem er mit seiner Frau lebt. Nur wenige Augenblicke zuvor hat er mit seiner Frau
telefoniert, die im Gebäude gefangen ist. Es war ihr letztes Gespräch. Hongkong, 26. November
2025.
Ein Großbrand im Wohnkomplex Wang Fuk Court in Tai Po forderte im November 2025 168
Menschenleben. Obwohl keine offizielle Ursache bekannt gegeben wurde, ergaben
Untersuchungen der Behörden in Hongkong, dass Bambusgerüste, Baunetze und brennbare
Styroporplatten an den Fenstern als Brandbeschleuniger wirkten und die Bewohner im Inneren
einschlossen. Mehr als 2.000 Feuerwehrleute waren an den Rettungsmaßnahmen beteiligt, von
denen einer ums Leben kam und zwölf verletzt wurden.
Tyrone Siu ist Fotojournalist bei Reuters und arbeitet von Hongkong aus, wo er über lokale und
regionale Nachrichten in ganz Asien sowie über internationale Ereignisse berichtet.

Lieberman, der Gossenmaler

Ich schaffe keine Wunder, ich verwende einfach und vergeude viel Farbe… (Claude Monet, Datum unbekannt)

Max Liebermann, „Selbsbildnis“, 1934 ©Tate

Mal ehrlich, denken wir an den Impressionismus, denken wir an Frankreich. Genauer gesagt an Paris. Irgendwann zwischen 1860 und 1910. Oder so. Wir denken an die Ecole des Beaux-Arts. Wir sagen Claude Monet, Auguste Renoir, Pissaro, Manet, Degas. Wir sehen Bilder unter freiem Himmel (Pleinair), Farben, Farben, Farben und einen lockeren Pinselstrich. „Irgendwann war das Schwarz alle, dann malten wir blau“, habe ich mal irgendwo gelesen. Oder habe ich das nur geträumt?

Die Farbe ist der Hauptdarsteller. Dazu etwas französisches Laissez-Faire – fertig ist der Impressionismus. In diese schöne Stimmung platzt just der deutsche Kritiker und Realist Adolf von Menzel (1815 – 1905), und meckert spitz: „Der Impressionismus ist die Kunst der Faulheit.“ Na, ist doch typisch Deutsch, oder? Unser Vorurteil ist bedient. Wenn der Impressionismus halt nicht so schön wäre. „Ich träume ein Gemälde, dann male ich meinen Traum“, wird der Post-Impressionist Vincent von Gogh zitiert. Nun ja, nicht alle seine Träume waren schön.

Und jetzt kommt das Museum Barberini in Potsdam daher und will mit seiner neuesten Ausstellung beweisen, dass der Impressionismus genauso zu Deutschland gehört wie zu Frankreich. Die Namen habe wir irgendwie alle schon mal gehört: Lesser Ury, berühmt für seine Berliner Straßenszenen bei Regen, Fritz von Uhde, Sabine Lepsius…. Und natürlich Max Slevogt, Lovis Corinth und Max Liebermann. Der Impressionismus hat auch ein deutsches Gesicht.

Während der Vorbesichtigung der Ausstellung „Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland“, geöffnet bis 7. Juni. ©Autor

Liebermann war der Kopf der Berliner Secession und Wegbereiter der Moderne in Deutschland. Er war aber auch verrufen als „Arme-Leute-Maler“ und wurde am deutschen Kaiserhof gern als „Gossenmaler“ geschmäht. Dazu kommen wir noch.

„Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland“ zeigt seit Freitag (28. Februar) bis Anfang Juni in Potsdam mit über 110 Werken aus mehr als 60 internationalen Sammlungen eindrucksvoll die Entwicklung des Impressionismus in Deutschland. Eine der bislang umfangreichsten Ausstellungen dieser Art. Die letzte Liebermann-Schau fand 2004 in Hamburg statt.

Die Ausstellung würdigt Max Liebermann nicht nur als zentralen Künstler, sondern auch als Sammler, Ausstellungsmacher und Mentor. Als Präsident der Berliner Secession war Liebermann im erzkonservativen Kaiserreich, Wilhelm I. hatte sich 1871 im Spiegelsaal des Schlosses Versailles zum ersten deutschen Kaiser ausrufen lassen, eine Stimme für Internationalität und künstlerische Erneuerung. Dünnes Eis am Kaiserhof.

Barberini-Direktorin und Kuratorin Ortrud Westheider ©Autor
Im Hintergrund Liebermanns Bild „Freistunde im Amsterdamer Waisenhaus“ (1881/81), Städelmuseum Frankfurt am Main
. Eines der Bilder, die Liebermann den Ruf als Arme-Leute-Maler einbrachten. ©Städelsches Museums-Verein e.V.

Liebermann war bald nach Kriegsende, 1873, nach Paris gegangen. Die Stadt befand sich noch im Wiederaufbau. Der Maler entdeckte – wie vor ihm die französischen Impressionisten – die Freilichtmalerei. Wiederholt stellte er danach im Pariser Salon aus, etwa 1882 sein Gemälde „Freistunde im Amsterdamer Waisenhaus“.

Für die Organisation des deutschen Pavillons auf der Pariser Weltausstellung wurde er 1889 in die Société des Beaux-Arts aufgenommen. Und das, obwohl Kaiser Wilhelm I. den deutschen Künstlern die Teilname an der Weltausstellung 1889 untersagt hatte.

Für den inoffiziellen deutschen Beitrag auf der Weltausstellung wählte er naturalistische oder unter freiem Himmel gemalte Szenen deutscher Künstler wie etwa Fritz von Uhde und Wilhelm Trübner aus, die mit der offiziellen Kunst des Kaiserreichs brachen. Unter den sechs eigenen Werken waren dem französischen Publikum nur „Die Netzflickerinnen“ neu. Alfred Lichtwark erwarb es danach für die Sammlung der Hamburger Kunsthalle. Nach Liebermanns Vorstoß sollte die kaiserliche Kunstpolitik noch weitere fünfzehn Jahre lang die Außenwirkung bestimmen, berichtet Ortrud Westheider, Direktorin im Barberini und Kuratorin der Ausstellung. Und doch war ein Anfang gemacht.

„Judengasse in Amsterdam“, 1909, Privatsammlung BRENNET GmbH, ©Autor
Für schlichte Straßenszenen wählte Liebermann ambitioniert große Leinwände, die nach dem Regelwerk der Akademie der Historienmalerei vorbehalten blieben sollten, was dem Künstler den Ruf als Gossenmaler einbrachte

Im Gegenteil zum französischen Impressionismus, der oft den schönen Augenblick in der Landschaft gefangen hielt, malten die deutschen Impressionisten Familienszenen, Straßenszenen oder auch Theaterbilder. Besonders die in Potsdam ebenfalls zu sehenden „Waisenkinder in Lübeck“ (1884), „Freistunde im Amsterdamer Waisenhaus“ (1881/82) oder die „Judengasse in Amsterdam“ (1909) brachten Liebermann seinen Ruf als „Arme-Leute-Maler“ oder eben als „Gossenmaler“ ein.

Malerkollegen wie Lesser Uri, Sabine Lepsius oder Max Slevogt widmeten sich Kinderbildern – eine Mode im aufstrebenden Bürgertum, die eigenen Kinder porträtieren zu lassen-, dem Theater oder auch Haus und Garten.

„Doppelportrait der Geschwister Cornelia (geb. 1921) und Charlotte Hahn (geb. 1926)“, Sabine Lepsius, ©Photo: Jens Ziehe
Kinderbilder beflügelten im aufstrebenden Bürgertum zu jener Zeit den Geist der Reformpädagogik, die den Religionsunterricht und Militarismus kritisierte

Am 15. April 1901 bat Liebermann den Journalisten Théodore Duret, ein begüterter Republikaner, der den Cognac-Handel seines Vaters in Europa vertrat, um Unterstützung für eine große Impressionisten-Ausstellung in Berlin. Er fragte nach der Möglichkeit, ein Gemälde von Manet aus Durets Sammlung auszuleihen, und bat ihn, ein weiteres Bild des Malers aus französischem Privatbesitz zu vermitteln. Der Ton war freundschaftlich und vertraut. Wiederum ging es um dasselbe Anliegen: dem Impressionismus zum Durchbruch zu verhelfen. Duret wurde wie bereits bei den französischen Impressionisten um Monet und Manet ein journalistischer Wegbegleiter des deutschen Impressionismus, u.a. mit seinem 1909 erschienenem Buch „Die Impressionisten“ im Verlag von Bruno Cassirer.

Ab 1915 widmete sich Liebermann überwiegend seiner Villa am Wannsee, heute Erinnerungs- und Gedenkstätte, und dem selbstangelegten Garten dort. Vom wachsenden Antisemitismus in Deutschland verbittert, fand der Künstler hier seit den 1920er Jahren seinen Rückzugsraum.

„Kinderstube“, 1889, Fritz von Uhde ©bpk/Hamburger Kunsthalle

Der Maler starb zwei Jahre nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, die der modernen Malerei in Deutschland ein abruptes Ende setzten. Seine Witwe Martha Liebermann beging 1943 wenige Tage vor der geplanten Deportation nach Theresienstadt Suizid. Tochter Käthe und Enkelin Maria waren bereits 1938 in die USA geflohen. Liebermanns Sammlung französischer Impressionisten ist heute international verstreut, während seine Villa am Wannsee als bedeutendes kulturelles Vermächtnis und politisches Mahnmal erhalten bleibt.

„Das Champagnerlied“, 1902, Max Slevogt ©bpk / Staatsgalerie Stuttgart
Die Theatristik beschäftige die deutschen Impressionisten stark. Es ist überliefert, dass der portugiesische Bariton Francisco d‘Andrade den „Don Giovanni“ in der Mozart-Oper 1902 im Theater des Westens in seiner Arie so feurig interpretierte, dass das Orchester ihm folgte und der Dirigent den Taktstock wutentbrannt ins Orchester warf.

Die fabelhafte Welt des Unicorn

Das Einhorn in der Geschichte, das Einhorn in der Kunst und das Einhorn in der Gegenwart – mehr Einhorn geht nicht. Eine ungewöhnliche Ausstellung im Museum Barberini in Potsdam.

Maerten de Vos, Einhorn, 1572
Staatliche Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin
Photo: SSGK/Ulrich Pfeuffer

Habt ihr schon ein Weihnachtsgeschenk? Dann verschenkt doch dieses Jahr mal ein Einhorn! Gibt es nicht? Ach kommt, ein bisschen mehr Phantasie zum Start in die magische Weihnachtszeit könntet ihr schon an den Tag legen. Wichtel? Nikolaus? Weihnachtsmann? Fliegende Rentiere? Gibt es die etwa? Seht ihr, jetzt sind wir im Gespräch. Und das passende Einhorn findet sich seit einigen Wochen im Museum Barberini in Potsdam. Keiner hat je so ein Fabelwesen gesehen, aber jeder weiß, wie es aussieht und was es mit ihm auf sich hat. Und das ist viel mehr, als eine Bonbontüte zu schmücken…

Dem Einhorn ist im Alltag kaum zu entkommen. Es begegnet uns als Schlüsselanhänger, gedruckt auf Shirts oder in Form von Süßigkeiten. Obwohl das Fabeltier den Menschen schon seit Jahrtausenden begleitet, hat es seinen Glanz noch immer nicht verloren. Aber warum nicht? „Die Sehnsucht nach etwas, das Hoffnung, Reinheit oder Magie verkörpert, ist einfach da. Und das Einhorn trifft genau diesen Nerv“, erklärt die Wirtschaftspsychologin Doreen Ulrich in einem Interview. Für Kinder seien sie beinahe wie ein Schutzwesen, für Erwachsene ein Glücksanker. „Sie berühren etwas, das in uns bleibt, auch wenn wir längst erwachsen sind.“

Die hochkarätige, kulturgeschichtliche Schau im Museum von SAP-Mitgründer und Kunst-Mäzen Hasso Plattner zeigt das Fabelwesen aus der Zeit von 2000 vor Christus bis zur Kunst der Gegenwart, jedoch ohne jeglichen Pop und Einhorn-Klamauk. Einige der frühesten Abbildungen des Einhorns überhaupt kann man hier sehen.

150 Werke von unter anderem Albrecht Dürer, Arnold Böcklin, René Magritte folgen dem Einhorn durch die Kunstgeschichte; die Leihgaben stammen aus über 80 Sammlungen, darunter die Gallerie degli Uffizi, Florenz, das Metropolitan Museum of Art, New York, das Musée du Louvre, Paris. (Foto: Autor)

Begleitet mich durch die Ausstellung „Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst“, und ihr werdet über ein Einhorn zu Weihnachten nachdenken. Versprochen. Und nicht als Weihnachtsbraten! Mal als Ziege, mal als Pferd, mal sanft, mal wehrhaft, immer mit dem einen Horn – und immer magisch: In 150 Ausstellungsstücken von über 80 leihgebenden Sammlungen aus 16 Ländern zeigt das Barberini auf 1200 Quadratmetern den Weg dieses besonderen Tieres durch die Kulturgeschichte.  
Gleich das Auftaktbild präsentiert das „Einhorn“ von Maerten de Vos dem Jahr 1572 ungewöhnlich und monumental wie ein fürstliches Porträt. Das Ölgemälde stammt aus einer Zeit, in der das Einhorn erst seine pferdeähnliche Gestalt erhält. Maerten de Vos‘ Einhorn ist wild, ist wehrhaft, kampfbereit und noch etwas ist anders: Es hat mehr Ziegen- oder Hirschkopf als einen Pferdeschädel, trägt Zottelbart und Ringelschwanz und Elefantenfüße. Ein zweites Einhorn hinten links, nur beim genauen Hinsehen erfassbar, entgiftet und reinigt das Wasser eines Teiches mit seinem Horn. Auf die spektakulären Heilkräfte des Horns kommen wir noch.

Übrigens, für dieses Bild hätten wir gar nicht bis nach Potsdam fahren müssen. Es ist eine Leihgabe des Staatlichen Museums in Schwerin. Zusammen mit neun weiteren großformatigen Tierbildern, darunter Dromedar, Elefant und Hirsch, erwarb Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg die Serie 1572 für sein Schloss in Schwerin. Aber was gilt schon der Prophet im eigenen Land?

Die Bilder von Maerten de Vos werden quasi flankiert von zwei fotografischen Drucken, sie zeigen das „Einhorn“ aus dem Jahr 2012 von Marie Cécile Thijs. Einhörner aus dem Jahr 2012?

Marie Cécile Thijs, Einhorn, 2012
Tintenstrahldruck 2025
© Marie Cécile Thijs, courtesy SmithDavidson Galle (Foto: Autor)

„Keiner hat je eins gesehen, aber alle haben eins gemalt“, sagt Barberini-Chefkurator Michael Philipp, der auch schon die große Themenausstellung zur Sonne in der Kunst im Barberini kuratierte. „Obwohl Einhörner nicht existieren, gibt es unzählige Darstellungen von ihnen in Kirchen, Museen oder Bibliotheken.“ Sechs Jahre lang konzipierte er mit seinem Team die Einhorn-Ausstellung und schaffte es, in Potsdam 150 Werke zu versammeln, die teils nie reisen oder gar öffentlich zu sehen sind.

„Jedes große Museum hat mindestens eine Einhorndarstellung“, sagt Michael Philipp, den diese Vielfalt und ihre Wurzeln interessieren. Ihren Ursprung haben Einhörner in Indien. Der römische Schriftsteller Plinius beschrieb vor 2000 Jahren „das wilde Tier in Indien“ mit Schweine-Ringelschwänzchen, Elefantenfüßen, Ziegenbart. Gesehen hat er es natürlich nie. In der Bibel wird das Fabelwesen achtmal erwähnt. Noah sollte ein Paar wie jedes andere Tier mit auf die Arche nehmen, um die Sintflut zu überstehen.

Kaspar Memberger d.Ä. (1555 – 1618?)
Einzug in die Arche Noah 1588, Residenzgalerie Salzburg
(Foto: Autor)

Für die Christen steht es für Reinheit, ja für den Gottessohn selbst. Deshalb schmiegt es sich auf vielen Bildern als wunderschönes Wesen an seine vermeintliche Mutter Maria. Der Legende nach muss eine Jungfrau nur in den Wald gehen, schon rennt das magische Tier herbei. Wenn sie das Horn streichelt, dann wird es zahm und folgt ihr. Eine Geschichte erzählt, dass man es im Mittelalter einmal mit Männern in Frauenkleidern versucht haben soll… Wahr oder nicht wahr, das magische Tier ließ sich nicht mit dem Schwindel locken. 

Luca Longhi, Junge Frau mit Einhorn
Castel Sant‘Angelo – Direzione Musei Nazionali della Città di Roma, Rom
(Foto: Autor)

Von Indien aus verbreiteten sich die Tiere nach China, Tibet, Japan, Persien und Ägypten bis nach Europa. Es gibt Geschichten von der ersten Predigt des historischen Buddha mit zwei einhörnigen Gazellen an seiner Seite, die seither als Symbol der buddhistischen Lehre gelten. In China gibt es vielschichtige Überlieferungen vom Qilin, wie dort das Einhorn genannt wird. Sein Name verbindet zwei Zeichen Ch’i und Lin, gleichsam Yin und Yang, der sich wechselseitig ergänzenden Kräfte der Harmonie. Neben Drachen, Phönix und der Schildkröte zählt das Qilin zu den vier Wundertieren der chinesischen Mythologie.

Dem Horn wurden Jahrhunderte lang heilsame und magische Kräfte nachgesagt. Selbst Luther soll auf dem Sterbebett seinen Tod damit versucht haben hinauszuzögern. „Man sollte sich hüten, sich heute über diesen Glauben lustig zu machen“, sagt Kurator Michael Philipp. „Die Leute wussten es nicht besser.“ Gemäß der frühchristlichen Naturkunde symbolisierte das Einhorn Jesus Christus und wirkte heilend gegen Schlangengift, die Pest und weitere Krankheiten. Deshalb tragen Apotheken auch oft den Namen Einhorn-Apotheke. In einer christlichen Legende hieß es, das Einhorn reinige einen See vom Gift einer Schlange, indem es mit seinem Horn ein Kreuz über dem Wasser schlage. Fürsten ließen sich aus dem Horn Trinkpokale anfertigen und überprüften ihre Speisen mit Stücken dieses Horns. In Zeiten populärer Giftmorde war das sozusagen lebenserhaltend. Ein Stück Einhorn stand immer mit bei Tische.

Die Frage seiner medizinischen Wirksamkeit trieb die Menschen lange Zeit um. Naturforscher experimentierten dazu mit Tieren wie Hunden und Tauben. Erst im 16. Jahrhundert begannen die Wissenschaftler, das zu hinterfragen. 

Apothekenschild um 1720 für die Zisterzienser Abtei Stift Zwettl.

Im 17. Jahrhundert konnten Naturforscher dann beweisen, dass solche langen, spiralartig gedrehten Einhorn-Hörner in Wahrheit Narwal-Zähne waren. Mehrere imposante Exemplare sind nun auch in Potsdam zu sehen. Der „Stab des heiligen Amor“ mit vergoldetem Beschlag wirkt liegend wie ein Schwert, und das mehr als zwei Meter lange „Einhorn-Horn von Saint-Denis“, einst Pilger-Ziel, thront vertikal an der tief dunkelblauen Wand.

Olaf Nicolai, La Lotta, 2006
Präpariertes Fell, Horn, Polyester, elektrische Heizung, Temperatursteuerung, Privatsammlung (Foto: Autor)

Gewaltiger und echter wirkt dagegen „La Lotta“ von Olaf Nicolai aus dem Jahr 2006: ein lebensgroßes Pferdepräparat mit Narwal-Zahn, auf dem Museumsboden liegend, aber bereit, um aufzustehen. Nicht nur die schwarze Fell- und Hornfarbe ist ungewohnt zu sehen. Auch strahlt „La Lotta“ Wärme aus – dank eines Heizkörpers in seinem oder ihrem Inneren. Aber so einfach macht es uns der Künstler nicht. Der Einhorn-Körper entwickelt eine Wärme von 43 Grad. 43 Grad Celsius, bei denen alles Leben die Klasse der Säugetiere verlässt. Ein Spiel mit der Unmöglichkeit, mit Wunschbildern und Phantasie, wie auch René Magrittes „Der Meteor“, in dem Einhorn und Dame verschmelzen und statt eines Horns einen Turm im Mond zeigen.

René Magritte, Der Meteor, 1964
Öl auf Leinwand, Privatsammlung (Foto: Autor)

Lassen wir zum Schluss doch noch einen Blick auf den Weg des Fabelwesens in die Literatur und Popkultur zu, insbesondere in Filme und Serien in den 1980er-Jahren. Mit „Das letzte Einhorn“ erscheint 1982 einer der bekanntesten Zeichentrickfilme. Erinnert sei auch an das kurze Leben eines Unicorns in Cornelia Funkes Tintenherz-Trilogie. Oder reicht der Blick zurück auf die Gebrüder Grimm, die im Jahr 1882 mit dem „Tapferen Schneiderlein“ dem gefährlichen Einhorn im dunklen Wald ein dauerhaftes Denkmal setzten?

Unbekannter Schnitzer, Schneider und Einhorn, 1946, für ein Diorama zum Märchen „Das tapfere Schneiderlein“, Spielwarenfabrik Egon Umbreit, Eibenstock, Stadtmuseum Dresden, Nachbau (Foto: Autor)

Das Diorama stellt eine Szene aus dem Märchen „Das tapfere Schneiderlein“ dar. Dass dabei das schreckliche Einhorn eine Löwenmähne verpasst bekommt, ist der Freiheit des Künstlers bzw. der Künstlerin geschuldet. Die Geschichte eines solchen Einhornfangs war bereits im 16. Jahrhundert sehr beliebt. Bestimmt kann sich ja der Leser an die List des Schneiders erinnern…

„So sieht doch kein Einhorn aus!“, monierte schon 1885 ein Atelierbesucher beim Anblick von Arnold Böcklins Gemälde „Das Schweigen des Waldes“. „Ach“, entgegnete der Künstler, „haben Sie eins gesehen?“ Womit der Schweizer Maler im Entstehungsjahr seines dunkel gestimmten Ölbildes nicht nur ironisch auf die zeitgemäße Skepsis dem Fabeltier gegenüber zielte, sondern ebenso auf die Freiheit der Kunst. Gibt es vielleicht doch Einhörner?