Janosch ist viel mehr als Kinderbücher

Oh, wie schön ist Panama – in der Kunsthalle Rostock. Die erste große Janosch-Ausstellung im Norden gibt einen Einblick in das Schaffen eines Künstler, der sich selbst einmal als autistisch bezeichnete. Ob er es ist…. Entscheidet ihr.

Hier fängt der Spaß schon an: Kunsthallen-Chef Uwe Neumann und Kurator Mathias Wedler -Schmidt auf Tigerenten in der Ausstellung

„O Bär“, sagte der Tiger, „ist das Leben nicht unheimlich schön, sag!“ „Ja“, sagte der kleine Bär, „ganz unheimlich und schön.“ 

Belauscht man diesen winzigen Dialog aus „Post für den Tiger“ in diesen Tagen ganz zufällig in Rostock, dann befindet man sich ganz sicher – und nicht zufällig – in der Kunsthalle. Dort nämlich haben Uwe Neumann und sein Team eine ganz ungewöhnliche Ausstellung zusammengetragen. „Janosch – Mein Panama“ ist eine Premiere im Norden Deutschlands.

Die Kunsthalle nimmt Kinder und Erwachsene gleichermaßen mit in die Welt eines Autors und Illustrators, dessen Figuren und Geschichten viele Menschen seit ihrer Kindheit begleiten. Doch Janosch, geboren als Horst Eckert in Oberschlesien, hat weit mehr geschaffen, als die berühmten Abenteuer von Tiger und Bär. Das macht neugierig. 

Janosch in seinem Atelier Reproduktion: Koslik/ Foto: Janosch     © VG Bild-Kunst, Bonn, 2026

Über 200 Werke erwarten die Besucher – vom Gemälde, frühen Werken, handgezeichneten Illustrationen zu seinen Büchern, Radierungen, Aquarellen bis hin zu seinem vollständigen Zimmer und Arbeitsplatz in seiner Finca auf Teneriffa, in die er sich vor mehr als 40 Jahren vor dem Trubel um seine Person zurückzog. Witziges und winziges Detail dabei, das man auch in der Rostocker Kunsthalle erleben kann: Janosch hat angeblich in seiner eigenen Tigerenten-Bettwäsche geschlafen. Wer es glaubt… 

Mit 49 Jahren gerät Janosch an einen Wendepunkt seines Lebens. Er wanderte aus nach Teneriffa. Die Einrichtung der Finca, die ihm viele Jahre als Wohnort und Atelier diente ist in der Ausstellung zu sehen. Man beachte die Bettwäsche. Foto: Koslik

Die deutschlandweit erste große Ausstellung des noch lebenden Künstlers wurde in Tübingen anlässlich seines 95. Geburtstags am 11. März dieses Jahres gezeigt. Das Neue Kunstmuseum Tübingen hatte schon vor Jahren den gesamten künstlerischen Vorlass des Kinderbuchautors und Illustrators erworben und daraus jene erste umfassende Retrospektive zusammengestellt. So kamen auch Uwe Neumann und Kurator Mathias Wedler-Schmidt auf die Idee, die Sammlung nach Rostock zu holen (siehe Interview). „Sommer, Urlaub, Ferien und Kunsthalle – das wollten wir zusammenbringen” sagt Neumann. Er hofft natürlich, mit Janosch erneut solch einen Coup zu landen wie mit der Udo Lindenberg-Exposition vor zwei Jahren oder mit der großen Hansa Schau „Rund & Eckig – Manchmal dreckig – 60 Jahre F.C. Hansa“ im letzten Jahr, die allein 20.000 Besucher in die Kunsthalle zog. Also auf zu Janosch…

Natürlich darf bei diesem Event „Oh wie schön ist Panama“ aus dem Jahr 1978 nicht fehlen. Janosch’ Schaffen umfasst mehr als 300 Bücher für Kinder und Erwachsene, die in über 30 Sprachen erschienen sind. Sehr gelungen ist die Idee des Rostocker Kurators, die Illustrationen und Texte für die kleineren Besucher auf deren Augenhöhe anzubringen. So kann es durchaus passieren, dass die Eltern mit ganz anderen Bildern im Kopf aus der Ausstellung gehen, als ihre Sprösslinge. Diese kommen übrigens bis zu einem Alter von 16 Jahren kostenlos zum Kunstgenuss. 

„Oh, wie schön ist Panama” – Tiger und Bär

Foto:  AG © VG Bild-Kunst, Bonn, 2026

Zur Erinnerung: „Oh, wie schön ist Panama” erzählt von der berühmten Reise des kleinen Bären und des kleinen Tigers, die sich auf den Weg in das Land ihrer Träume machen. Alles beginnt, als der kleine Bär eine Kiste findet, auf der „Panama“ steht und die verführerisch nach Bananen duftet. Sofort steht fest: Panama muss das schönste Land der Welt sein – und dorthin wollen die beiden reisen. 

Gemeinsam machen sich die zwei Freunde mit ihrer Tigerente und wenigen Habseligkeiten auf den Weg. Unterwegs begegnen sie vielen Tieren, fragen nach dem richtigen Weg und erleben kleine Abenteuer, die sie nur gemeinsam meistern können. Nach langer Reise kommen sie schließlich wieder dort an, wo sie einst aufgebrochen sind. Doch nun sehen sie ihr Zuhause mit neuen Augen und erkennen: Manchmal liegt das Glück näher, als man denkt. Vielleicht fühlt man sich als Erwachsener auch an die Erkenntnis erinnert, dass eben das eigene Zuhause oft der schönste Ort der Welt ist.

Uwe Neumann weiß dazu die Story zu erzählen, dass Janosch nach dem totalen Misserfolg seiner ersten beiden Kinderbücher verzweifelt und etwas trotzig geäußert haben soll, dann mache er eben jetzt richtigen Kitsch… Plüschbär inbegriffen. Aber zuerst flog der Künstler in seiner Wut nach Ibiza und hat sich dort so richtig besof…, äh eine Sause gemacht. Und im kreativen Rausch kehrte der Zwei-Meter-Hühne umgehend zurück und machte aus dem Erlebnis (der Reise von Zuhause nach Ibiza und  zurück nach Zuhause) sozusagen seine Homestory. Ihm wird der Satz zugeschrieben: „Mein Panama ist da, wo ich bin”. Das Buch vom kleinen Bären und dem Tiger gilt als eines der erfolgreichsten Kinderbücher und wurde 1,5 Millionen Mal weltweit verkauft.

Blick in die Ausstellung Foto: Koslik

Die Schau, die bis zum 13. September zu sehen ist, macht eine ganze Menge Angebote für Kinder. Die jüngeren Besucher können ihre eigenen Geschichte erfinden, sie können mit Tigerenten- Bobbycars durch die Ausstellung rollern, sie können einen eigenen Zettelkasten nach dem Vorbild von Janosch erstellen. Auf vielen, vielen Tafeln haben Kurator Mathias Wedler-Schmidt und das Kunsthallen-Team in aufwändiger Kleinarbeit ganz persönliche Fragen an Janosch zusammengetragen, die sie von seiner Frau Ines beantworten ließen. Die Kinder können es nachmachen: „Wie heißt Du?…”, „Wie groß bist Du? Janosch: „2 Meter”, „Was ist Deine Lieblingssüßspeise? Schokolade”, „Was ist Deine Lieblingsfarbe? Neongelb und eigentlich alle Farben”,  „Welches Tier wärst du gerne? Löwe oder vielleicht auch ein Frosch” und, und, und Vielleicht können dabei sogar Eltern etwas über ihren Nachwuchs erfahren… Auf die Frage „Was ist dein größter Wunsch?” antwortet Janosch’ Frau Ines für ihn „Alle sollen sich vertragen, die Welt ist doch so schön”

Horst Eckerts eigener Lebensweg hätte dabei kaum stärker von der friedlichen Welt seiner Figuren abweichen können. Zur Welt kam er 1931 in Zabrze, einem oberschlesischen Bergarbeiterort, der inzwischen zu Polen gehört. Die Jahre seiner Kindheit beschrieb er später als eine Zeit von Angst und Gewalt. Der Vater war Alkoholiker, immer wieder kam es daheim zu Misshandlungen. Die Mutter war streng katholisch und vermittelte dem Kind offenbar ein dauerhaftes Gefühl von Schuld. In der Kunsthalle sind viele Zeugnisse seiner Auseinandersetzung mit seiner frühen Kindheit und auch böse Bibelillustrationen zu sehen.

Das Goldene Kind  gibt einen Einblick in die Verarbeitung seiner gewaltgeprägten Kindheit Reproduktion: Koslik

Nach dem Zweiten Weltkrieg floh die Familie aus Oberschlesien nach Norddeutschland. Nach einer Ausbildung zum Textilzeichner ging er schließlich nach München, wo er Malerei studierte. Doch nach nur kurzer Zeit musste er die Kunstakademie mit dem Vorwurf fehlenden Talents wieder verlassen. Statt aufzugeben, begann er zu schreiben und zu zeichnen. Georg Lentz, sein erster Verleger, wurde auf ihn aufmerksam. Er beauftragte ihn mit der Illustration von Kinderbüchern und gab Eckert den Namen Janosch als prägendes Autorenpseudonym.

Janosch selbst bezeichnete sich einmal als authistisch. Die Flucht nach Teneriffa soll ein Resultat seiner Selbstzweifel gewesen sein. Dort widmete er sich mit seiner Stiftung „Fundación Canarina“ den Natur- und Tierschutz. Leider konnte der inzwischen in einem Pflegeheim lebende Künstler nicht mehr selbst zu seiner Ausstellung nach Rostock kommen. 

Interview mit Kunsthallenchef Dr. Uwe Neumann

„Wir wollen mit der Ausstellung Familien abholen“

Foto. Koslik

Man muss einen Kunsthallendirektor sicher nicht fragen, wie er auf solch eine Ausstellung kommt, aber wie kamen Sie darauf?

Neumann: Ich war tatsächlich in Tübingen, wo ich mir die Udo-Ausstellung im Neuen Kunstmuseum ansah. Wir hatten ja Udo Lindenberg auch schon in Rostock. Bei der Gelegenheit hat mir der Gründer und Leiter des Neuen Kunstmuseums Tübingen sein Depot gezeigt. Bernhard Feil, der auch Kunsthändler ist, hat den gesamten Vorlass von Janosch gekauft. Ich war sofort begeistert, weil ich viele dieser Werke noch nie gesehen hatte. Wir haben vereinbart, nach der Janosch-Ausstellung zum 95. des Künstlers in Tübingen diese nach Rostock zu holen.

Der Kurator Mathias Wedler-Schmidt sprach von einem Werksumfang von mehreren Tausend Bildern. Wie sucht man daraus 200 Werke aus?

Neumann: Es gibt natürlich einige Schlüsselwerke, die wir zeigen wollten, wie eben Panama oder die Illustrationen zu Herrn Wondrak, den Janosch für seine Kolumne im ZEITmagazin geschaffen hat. Alles weitere ist natürlich auch subjektiv. Man sucht sich Kernthemen aus, die man gerne bearbeiten will. Ich bin dem Kurator Mathias Wedler-Schmidt sehr dankbar, dass er so eine umfassende Ausstellung dieses Künstlers zusammengestellt hat.

Was hat Sie am meisten erstaunt, an den vielen noch nicht gezeigten Werken?

Neumann: Diese naive Malerei, mit der Janosch sein eigenes Leben abarbeitet. Zum Beispiel das „Goldene Kind“, das hat mich sehr bewegt. Da ist ein Paar zu sehen, wo der Vater das Kind an der Hand hält und es ist gülden. Wenn man weiß, dass Horst Eckert viel von seinem Vater geschlagen wurde, und eine streng katholische Mutter hatte, ist das eine intensive Arbeit.

Die Kunsthalle hatte immer einen Jahrescoup – Uecker, Lindenberg, Hansa, in welche Kategorie passt da Janosch?

Neumann: Wir wollen mit der Ausstellung Familien abholen. Wir haben ja die Hauptausstellung mit Olaf Heine, dem bekannten Fotokünstler. Für mich ist das eine perfekte Zusammenstellung von Malerei, Karikaturen, Geschichten und die großartige Fotokunst von Olaf Heine.

Ihr Werbespruch zur Ausstellung?

Neumann: Taucht ein in diese wunderbare Welt von Janosch.

Was kommt nächstes Jahr?

Neumann: Viele, viele Ausstellungen… Aber die große  Ausstellung wird sich dem Schlager widmen. Seine Auswirkungen auf die Kunst, auf die Gesellschaft, den Ost-West-Vergleich… Ich finde den Schlager faszinierend.

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