Janosch ist viel mehr als Kinderbücher

Oh, wie schön ist Panama – in der Kunsthalle Rostock. Die erste große Janosch-Ausstellung im Norden gibt einen Einblick in das Schaffen eines Künstler, der sich selbst einmal als autistisch bezeichnete. Ob er es ist…. Entscheidet ihr.

Hier fängt der Spaß schon an: Kunsthallen-Chef Uwe Neumann und Kurator Mathias Wedler -Schmidt auf Tigerenten in der Ausstellung

„O Bär“, sagte der Tiger, „ist das Leben nicht unheimlich schön, sag!“ „Ja“, sagte der kleine Bär, „ganz unheimlich und schön.“ 

Belauscht man diesen winzigen Dialog aus „Post für den Tiger“ in diesen Tagen ganz zufällig in Rostock, dann befindet man sich ganz sicher – und nicht zufällig – in der Kunsthalle. Dort nämlich haben Uwe Neumann und sein Team eine ganz ungewöhnliche Ausstellung zusammengetragen. „Janosch – Mein Panama“ ist eine Premiere im Norden Deutschlands.

Die Kunsthalle nimmt Kinder und Erwachsene gleichermaßen mit in die Welt eines Autors und Illustrators, dessen Figuren und Geschichten viele Menschen seit ihrer Kindheit begleiten. Doch Janosch, geboren als Horst Eckert in Oberschlesien, hat weit mehr geschaffen, als die berühmten Abenteuer von Tiger und Bär. Das macht neugierig. 

Janosch in seinem Atelier Reproduktion: Koslik/ Foto: Janosch     © VG Bild-Kunst, Bonn, 2026

Über 200 Werke erwarten die Besucher – vom Gemälde, frühen Werken, handgezeichneten Illustrationen zu seinen Büchern, Radierungen, Aquarellen bis hin zu seinem vollständigen Zimmer und Arbeitsplatz in seiner Finca auf Teneriffa, in die er sich vor mehr als 40 Jahren vor dem Trubel um seine Person zurückzog. Witziges und winziges Detail dabei, das man auch in der Rostocker Kunsthalle erleben kann: Janosch hat angeblich in seiner eigenen Tigerenten-Bettwäsche geschlafen. Wer es glaubt… 

Mit 49 Jahren gerät Janosch an einen Wendepunkt seines Lebens. Er wanderte aus nach Teneriffa. Die Einrichtung der Finca, die ihm viele Jahre als Wohnort und Atelier diente ist in der Ausstellung zu sehen. Man beachte die Bettwäsche. Foto: Koslik

Die deutschlandweit erste große Ausstellung des noch lebenden Künstlers wurde in Tübingen anlässlich seines 95. Geburtstags am 11. März dieses Jahres gezeigt. Das Neue Kunstmuseum Tübingen hatte schon vor Jahren den gesamten künstlerischen Vorlass des Kinderbuchautors und Illustrators erworben und daraus jene erste umfassende Retrospektive zusammengestellt. So kamen auch Uwe Neumann und Kurator Mathias Wedler-Schmidt auf die Idee, die Sammlung nach Rostock zu holen (siehe Interview). „Sommer, Urlaub, Ferien und Kunsthalle – das wollten wir zusammenbringen” sagt Neumann. Er hofft natürlich, mit Janosch erneut solch einen Coup zu landen wie mit der Udo Lindenberg-Exposition vor zwei Jahren oder mit der großen Hansa Schau „Rund & Eckig – Manchmal dreckig – 60 Jahre F.C. Hansa“ im letzten Jahr, die allein 20.000 Besucher in die Kunsthalle zog. Also auf zu Janosch…

Natürlich darf bei diesem Event „Oh wie schön ist Panama“ aus dem Jahr 1978 nicht fehlen. Janosch’ Schaffen umfasst mehr als 300 Bücher für Kinder und Erwachsene, die in über 30 Sprachen erschienen sind. Sehr gelungen ist die Idee des Rostocker Kurators, die Illustrationen und Texte für die kleineren Besucher auf deren Augenhöhe anzubringen. So kann es durchaus passieren, dass die Eltern mit ganz anderen Bildern im Kopf aus der Ausstellung gehen, als ihre Sprösslinge. Diese kommen übrigens bis zu einem Alter von 16 Jahren kostenlos zum Kunstgenuss. 

„Oh, wie schön ist Panama” – Tiger und Bär

Foto:  AG © VG Bild-Kunst, Bonn, 2026

Zur Erinnerung: „Oh, wie schön ist Panama” erzählt von der berühmten Reise des kleinen Bären und des kleinen Tigers, die sich auf den Weg in das Land ihrer Träume machen. Alles beginnt, als der kleine Bär eine Kiste findet, auf der „Panama“ steht und die verführerisch nach Bananen duftet. Sofort steht fest: Panama muss das schönste Land der Welt sein – und dorthin wollen die beiden reisen. 

Gemeinsam machen sich die zwei Freunde mit ihrer Tigerente und wenigen Habseligkeiten auf den Weg. Unterwegs begegnen sie vielen Tieren, fragen nach dem richtigen Weg und erleben kleine Abenteuer, die sie nur gemeinsam meistern können. Nach langer Reise kommen sie schließlich wieder dort an, wo sie einst aufgebrochen sind. Doch nun sehen sie ihr Zuhause mit neuen Augen und erkennen: Manchmal liegt das Glück näher, als man denkt. Vielleicht fühlt man sich als Erwachsener auch an die Erkenntnis erinnert, dass eben das eigene Zuhause oft der schönste Ort der Welt ist.

Uwe Neumann weiß dazu die Story zu erzählen, dass Janosch nach dem totalen Misserfolg seiner ersten beiden Kinderbücher verzweifelt und etwas trotzig geäußert haben soll, dann mache er eben jetzt richtigen Kitsch… Plüschbär inbegriffen. Aber zuerst flog der Künstler in seiner Wut nach Ibiza und hat sich dort so richtig besof…, äh eine Sause gemacht. Und im kreativen Rausch kehrte der Zwei-Meter-Hühne umgehend zurück und machte aus dem Erlebnis (der Reise von Zuhause nach Ibiza und  zurück nach Zuhause) sozusagen seine Homestory. Ihm wird der Satz zugeschrieben: „Mein Panama ist da, wo ich bin”. Das Buch vom kleinen Bären und dem Tiger gilt als eines der erfolgreichsten Kinderbücher und wurde 1,5 Millionen Mal weltweit verkauft.

Blick in die Ausstellung Foto: Koslik

Die Schau, die bis zum 13. September zu sehen ist, macht eine ganze Menge Angebote für Kinder. Die jüngeren Besucher können ihre eigenen Geschichte erfinden, sie können mit Tigerenten- Bobbycars durch die Ausstellung rollern, sie können einen eigenen Zettelkasten nach dem Vorbild von Janosch erstellen. Auf vielen, vielen Tafeln haben Kurator Mathias Wedler-Schmidt und das Kunsthallen-Team in aufwändiger Kleinarbeit ganz persönliche Fragen an Janosch zusammengetragen, die sie von seiner Frau Ines beantworten ließen. Die Kinder können es nachmachen: „Wie heißt Du?…”, „Wie groß bist Du? Janosch: „2 Meter”, „Was ist Deine Lieblingssüßspeise? Schokolade”, „Was ist Deine Lieblingsfarbe? Neongelb und eigentlich alle Farben”,  „Welches Tier wärst du gerne? Löwe oder vielleicht auch ein Frosch” und, und, und Vielleicht können dabei sogar Eltern etwas über ihren Nachwuchs erfahren… Auf die Frage „Was ist dein größter Wunsch?” antwortet Janosch’ Frau Ines für ihn „Alle sollen sich vertragen, die Welt ist doch so schön”

Horst Eckerts eigener Lebensweg hätte dabei kaum stärker von der friedlichen Welt seiner Figuren abweichen können. Zur Welt kam er 1931 in Zabrze, einem oberschlesischen Bergarbeiterort, der inzwischen zu Polen gehört. Die Jahre seiner Kindheit beschrieb er später als eine Zeit von Angst und Gewalt. Der Vater war Alkoholiker, immer wieder kam es daheim zu Misshandlungen. Die Mutter war streng katholisch und vermittelte dem Kind offenbar ein dauerhaftes Gefühl von Schuld. In der Kunsthalle sind viele Zeugnisse seiner Auseinandersetzung mit seiner frühen Kindheit und auch böse Bibelillustrationen zu sehen.

Das Goldene Kind  gibt einen Einblick in die Verarbeitung seiner gewaltgeprägten Kindheit Reproduktion: Koslik

Nach dem Zweiten Weltkrieg floh die Familie aus Oberschlesien nach Norddeutschland. Nach einer Ausbildung zum Textilzeichner ging er schließlich nach München, wo er Malerei studierte. Doch nach nur kurzer Zeit musste er die Kunstakademie mit dem Vorwurf fehlenden Talents wieder verlassen. Statt aufzugeben, begann er zu schreiben und zu zeichnen. Georg Lentz, sein erster Verleger, wurde auf ihn aufmerksam. Er beauftragte ihn mit der Illustration von Kinderbüchern und gab Eckert den Namen Janosch als prägendes Autorenpseudonym.

Janosch selbst bezeichnete sich einmal als authistisch. Die Flucht nach Teneriffa soll ein Resultat seiner Selbstzweifel gewesen sein. Dort widmete er sich mit seiner Stiftung „Fundación Canarina“ den Natur- und Tierschutz. Leider konnte der inzwischen in einem Pflegeheim lebende Künstler nicht mehr selbst zu seiner Ausstellung nach Rostock kommen. 

Interview mit Kunsthallenchef Dr. Uwe Neumann

„Wir wollen mit der Ausstellung Familien abholen“

Foto. Koslik

Man muss einen Kunsthallendirektor sicher nicht fragen, wie er auf solch eine Ausstellung kommt, aber wie kamen Sie darauf?

Neumann: Ich war tatsächlich in Tübingen, wo ich mir die Udo-Ausstellung im Neuen Kunstmuseum ansah. Wir hatten ja Udo Lindenberg auch schon in Rostock. Bei der Gelegenheit hat mir der Gründer und Leiter des Neuen Kunstmuseums Tübingen sein Depot gezeigt. Bernhard Feil, der auch Kunsthändler ist, hat den gesamten Vorlass von Janosch gekauft. Ich war sofort begeistert, weil ich viele dieser Werke noch nie gesehen hatte. Wir haben vereinbart, nach der Janosch-Ausstellung zum 95. des Künstlers in Tübingen diese nach Rostock zu holen.

Der Kurator Mathias Wedler-Schmidt sprach von einem Werksumfang von mehreren Tausend Bildern. Wie sucht man daraus 200 Werke aus?

Neumann: Es gibt natürlich einige Schlüsselwerke, die wir zeigen wollten, wie eben Panama oder die Illustrationen zu Herrn Wondrak, den Janosch für seine Kolumne im ZEITmagazin geschaffen hat. Alles weitere ist natürlich auch subjektiv. Man sucht sich Kernthemen aus, die man gerne bearbeiten will. Ich bin dem Kurator Mathias Wedler-Schmidt sehr dankbar, dass er so eine umfassende Ausstellung dieses Künstlers zusammengestellt hat.

Was hat Sie am meisten erstaunt, an den vielen noch nicht gezeigten Werken?

Neumann: Diese naive Malerei, mit der Janosch sein eigenes Leben abarbeitet. Zum Beispiel das „Goldene Kind“, das hat mich sehr bewegt. Da ist ein Paar zu sehen, wo der Vater das Kind an der Hand hält und es ist gülden. Wenn man weiß, dass Horst Eckert viel von seinem Vater geschlagen wurde, und eine streng katholische Mutter hatte, ist das eine intensive Arbeit.

Die Kunsthalle hatte immer einen Jahrescoup – Uecker, Lindenberg, Hansa, in welche Kategorie passt da Janosch?

Neumann: Wir wollen mit der Ausstellung Familien abholen. Wir haben ja die Hauptausstellung mit Olaf Heine, dem bekannten Fotokünstler. Für mich ist das eine perfekte Zusammenstellung von Malerei, Karikaturen, Geschichten und die großartige Fotokunst von Olaf Heine.

Ihr Werbespruch zur Ausstellung?

Neumann: Taucht ein in diese wunderbare Welt von Janosch.

Was kommt nächstes Jahr?

Neumann: Viele, viele Ausstellungen… Aber die große  Ausstellung wird sich dem Schlager widmen. Seine Auswirkungen auf die Kunst, auf die Gesellschaft, den Ost-West-Vergleich… Ich finde den Schlager faszinierend.

Jetzt wird’s spirituell

„No eres lo que logras, eres lo que superas.” (Du bist nicht das, was Du erreichst – sondern das, was Du überwindest.)

Ich will mal hier ein bisschen mit meinem angelesenen Wissen angeben. Auf dem Jakobsweg geht es ja vor allem um den heiligen Jakobus den Älteren. Ach, werdet ihr jetzt denken, das ist ja mal interessant. Aber, der heiligste aller Jakobswege ist ganz offenbar der Espiritual, der sogar erst 1992 offiziell als Jakobsweg aus der Taufe gehoben wurde. Als Pilgerweg, wie gesagt. Wenn man beim heiligen Jakobus und dessen verschlungenen Wegen von Taufe sprechen darf…

Das hat sich aber offenbar unter den Spaniern noch nicht so richtig herumgesprochen. Mein heutiger Vermieter hat noch nicht einmal seinen Hin… äh Popo vom Sofa gehoben, um mich in die Pension zu hereinzulassen. Ich musste erst aufdringlich werden. Worauf er mir erklärte, er spreche kein Englisch. Auch nicht für die stattliche Summe von 67 Euro für die Nacht. Da ich – wie bereits beschrieben – auch viele sehr freundliche Gastgeber hatte, darf Kritik hier auch mal sein. Ach, egal…

Wenn der Camiño Portugués de la Costa bis Pontevedra mehr so ein Wanderweg an der Atlantikküste war – ja, das muss man doch mal zugeben – kommt es am Ende beim spirituellen Weg ganz dicke mit den Legenden. Man kann auch auf dem Camino central stur weiterlatschen. Dann wirds eben nicht spirituell…

Hinauf geht es den Rio Ulla

Laut einer Legende wurde der Apostel Jakobus auf Befehl von Herodes Agrippa I. in Jerusalem hingerichtet, also genau gesagt geköpft. Das Thema hatten wir hier ja schon. Er war nicht so richtig erfolgreich bei der Missionierung der iberischen Halbinsel. Und Planerfüllung wurde im alten Rom mindestens so groß geschrieben wie in der Täteretäh, gut DDR. Also Kopf ab.

Seine Jünger, die ihm bis dort gefolgt waren, stahlen den kopflosen Jakob und brachten ihn auf ein Boot aus Stein, auf dem es weder ein Steuer noch Besatzung gab. So heißt es in den Erzählungen. Tatsächlich scheint es eher eines der Steinboote gewesen zu sein, mit denen damals galizischer Granit und Mineralien ins palästinensische Jaffa verschifft wurden.

Tatsächlich sei der Leichnam von Jakobus in Begleitung seiner Schüler Teodoro und Atanasio in die Flussmündung von Arousa und den Río Ulla aufwärts bis nach Padrón, dem Hafen der römischen Stadt Iria Flavia, gebracht worden. Die Überfahrt ging als Translatio in die Geschichte ein. Eine andere Legende sagt, dass es die Engel und die Sterne waren, die das Boot bis an die galizische Küste brachten. Also ich tippe auf Engel…

Oh Captain, my Captain…

So war das vor 2000 Jahren. Ich bin heute Mittag in Vilanova de Arousa in ein Stein… äh Eisenboot gestiegen und den Fluss Ulla hinauf nach Padrón gefahren. Eine sehr fröhlich Art des Pilgerns. 33 Kilometer an einem Tag zurückgelegt, davon 21 mit dem Boot.

Das ist der Spirit des Espiritual. Zwei Etappen geht es zu Fuß, eine Etappe mit dem heiligen Nachen. Dann noch 17 Kilometer bis zum Sternenfeld – Santiago de Compostela, wo nur 820 Jahre später Hirten unter den Sternen ein eigenartiges Leuchten wahrnahmen. Und der Heilige Jakobus stand auf, und befreite die Spanier von den Mauren. Das dauerte zwar ein paar Jahrhunderte. Aber seither ist Jakobus der Schutzheilige der Spanier. Auch meines heutigen Vermieters, selbst wenn er sich das ganz tapfer nicht anmerken ließ.

Jakobus war auch einst der Schutzheilige der Portugiesen. Bis denen auffiel, dass bei Kriegsstreitigkeiten mit den Nachbarn ein gemeinsamer Schutzheiliger mit dem Feind irgendwie nicht hilfreich ist. Wie soll sich der Heilige entscheiden? Die Portugiesen wechselten flugs den Schutzpatron aus. Wen haben wir Deutsche eigentlich als Schutzheiligen? Also die KI wirft an dieser Stelle folgendes aus: „Der Schutzpatron Deutschlands ist der Erzengel Michael. Er wird auch als „Deutscher Michel“ verehrt und gilt als Schutzpatron der Soldaten und Ritter, sowie vieler anderer Berufsgruppen“.

Hi, hi, der Deutsche Michel als Schutzpatron des deutschen Volkes. Und auch der Ritter, also mir. Ach nein, mein Schutzpatron ist ja der Heilige Jakobus, der Schutzheilige der Wanderer und Pilger. Bin ich jetzt ein Spanier? Hossa! Ich glaube 31 Grad sind nicht nur zum Pilgern zu warm, sondern auch zum Schreiben…

Buen Camino!

11 Etappen, 313 Kilometer

PS: Eine Legende sagt auch, dass eine Jungfrau die Ankunft des heiligen Jakobus in Santiago ankündigen sollte. Aber die Gute hatte zu viel Wein genossen und verschlief die Ankunft. Seither ist der Wein in Spanien versiegt. Daran merkt man, dass Legenden nicht immer hieb- und stichfest sind.

Das Kloster in Armentaira, die höchsten Stelle des Camino Portugués

O Conde

Unten liegt der Nebel über den See von Poio

Meine Füße unter dem Tisch der alten Apothekerin

Ich schenke Dir diesen Anhänger mit der Jakobsmuschel, dem Symbol des Pilgers und dem Emblem des Jakobswegs. Ihre Linien stehen für die vielen Wege aus aller Welt, die sich in einer Richtung vereinen: dem Inneren Weg. (Augusto)

Also, ich gebe es ja zu: Die Unterkünfte auf meinem Weg sind alle vorgeplant, bezahlt und haben so gar nichts Spontanes. Ich hatte in meinem Leben genug Herbergen. Internat in der EOS, Kaserne, Studentenheim – das macht zehn Prozent meiner gesamten Lebensnächte aus. Und für diese Prozentzahl muss ich noch mindestens 20 Jahre leben und schlafen! Aber ohne Abenteuer sind auch die geplanten, und mitunter teuren Unterkünfte nicht.

Gestern zum Beispiel in San Miguel de Oia kam mir mein gebuchtes Zimmer mit Bad etwas komisch vor. Ich hatte mit eigenem Bad reserviert. Muss nicht, aber ist schön. Aber da standen nicht nur eine Reihe von Kosmetik-Artikeln, Frauen-Needs, sondern auch eine elektrische Zahnbürste. Zweifelsfrei, das Haus und das Zimmer waren Spitze. Aber eine elektrische Zahnbürste für den Gast? Und diese ganze Creme?

Also fragte ich Marta, die Vermieterin (Foto im letzten Text): „Marta, das ist wirklich m e i n Bad?“ Und sie; „Ja, Max, Deins.“ Pause. „Und meins.“ Hm, darauf bist du nicht vorbereitet. Da beginnt sofort das Kopfkino. Aber es war auch nicht schlimm. Die Zahnbürste haben wir uns jedenfalls nicht geteilt. Es wurde ein netter Abend mit Schwimmen im Atlantik. Marta schickte mich zum Strand. Bis dahin hatte ich noch nicht im Atlantik gebadet. Saukalt. Wahrscheinlich roch ich nach 20 Kilometern komisch. Und außerdem war der Strand genau gegenüber des Hauses. Marta erzählte mir, dass sie vier Jahre in Beijing gelebt hat. Ihren Salat konnte ich natürlich auch nicht ablehnen, wenn wir uns schon das Bad teilten. Außerdem war er köstlich. Und sie erklärte mir, dass man sich in Spanien bei Abschied zweimal auf die Wangen küsst, nicht wie in Frankreich dreimal. Zu Deutschland und Küssen hab ich nix gesagt.

Einen Tag später bin ich Redondela angekommen. Dort begrüßte mich Augusto, der Enkel der ersten Apothekerin in der Stadt, und Urenkel der Namensgebern einer Straße der Stadt. Er zeigte mir nicht nur voller Stolz die Wohnung seiner Oma, in der ich nun eine Nacht verbringen sollte – mit eigenem Bad und ohne Oma. Er hatte sogar schon Tage zuvor die Kräuter meines Gefallens abgefragt, mit denen er mir – ganz in der Tradition des Hauses – einen Fußbad Kräuter Beutel vorbereiten würde, wenn ich meine Füße dann unter den Tisch der alten Apothekerin stellte.

Kräuterbad, Kräuter unbekannt, Füße bekannt…

Dazu legte mir Augusto eine Camino-Muschel-Kette aufs Bett und einen Brief. Den zitiere ich mal hier:

„Lieber Max-Stefan,

Herzlich willkommen in La Casa de la Abuela Boticaria / Das Haus der Apotheker-Oma. Ich hoffe, dass du einen außergewöhnlichen Aufenthalt in diesem Haus hast – das nun dein Zuhause ist – und in diesem kleinen und charmanten Ort namens Redondela.

Mein Ziel ist es, dass du dich im Haus meiner Großmutter wohlfühlst. Daher bitte ich dich im Voraus: Wenn du irgendein Problem bemerkst – ob groß oder klein – sag mir bitte Bescheid, damit ich es lösen und sicherstellen kann, dass du dich wirklich wie zu Haus fühlst.

Auf dieser Etappe deines persönlichen Weges möchte ich dir ein wenig Kontext mitgeben der dir hilft, diesen Ort besser zu verstehen, an dem du gerade wohnst.

Über mich

Hallo! Ich heiße José Augusto Ventín Sánchez. Ich wurde 1984 in Madrid geboren, als Sohn einer lebensfrohen Madrilenin und eines weisen Galiciers. Ich bin Vater von zwei Kindern, die in Kolumbien geboren wurden, und fühle mich als Bruder all jener unruhigen Geister, die diesen Planeten durchwandern.

Ich habe an der Universität Complutense in Madrid studiert, wo ich viel über die Komplexität menschlicher Beziehungen gelernt habe. Ich habe geforscht und alternative Medien geschaffen – immer angetrieben von dem, was uns herausfordert und wachsen lässt.

2012 bin ich nach Kolumbien gezogen – ein Land, das mir Liebe, tiefe Erkenntnisse und die Erfahrung geschenkt hat, Kinder in den Bergen großzuziehen. Dort habe ich gelernt, dass man die Vielfalt und Komplexität des Lebens mit Demut annehmen muss.

2024 hat das Leben eine unerwartete Wendung genommen und mich zurück nach Galicien geführt, ins magische Land meiner Wurzeln. Hier in Redondela kehre ich zurück zu den Düften und Landschaften meiner Kindheit: dem nassen Stein, dem tiefen Grün der Wälder und der sanften Brise im Parque de la Alameda de Castelao. In diesem Haus meiner Großmutter, in dem ich so viel erlebt und gefühlt habe, beginnt nun ein neues Kapitel.

Gemmas Esstisch…

La Casa de la Abuela Boticaria

Dieses Gebäude gehörte meiner Großmutter Gemma Pereira Otero. Sie war eine kämpferische Frau mit festen moralischen Überzeugungen. Sie war eine Mutter, die auch die Rolle des Vaters übernahm, und eine engagierte Fachfrau in ihrer Gemeinschaft. Sie war tatsächlich die erste Apothekerin von Redondela. Ihre Generation war eine Generation starker Menschen. Es waren Kinder des spanischen Bürgerkriegs, die in der Widrigkeit eine Schule der Überwindung sahen. Meine Großmutter nutzte ihre Apotheke, um politischen Gefangenen während der Diktatur zu helfen und machte sie so zu einem Ort der Verbindung zwischen der Stadt, dem Dorf und den ländlichen Gebieten rund um Redondola. Sie war eine Apothkerin der alten Schule – eine, die noch eigene Rezepturen entwickelte und herstellte, bevor die Industrialisierung der Medikamente den ursprünglichen Geist der Apotheken verdrängte.

Die Wohnung der alten Apothekerin

Bevor dieses Gebäude existierte, stand hier ein altes Haus, in dem meine Urgroßmutter Ernestina Otero (die Mutter von Gemma) lebte. Tatsächlich trägt heute eine Straße in Redondela ihren Namen. Sie war Leiterin der Lehrerausbildungsschule, Präsidentin des Provinzialrats für Grundschulbildung in Pontevedra, und unterzeichnete im Jahr 1933 das Manifest der galicischen Intellektuellen zugunsten des Autonomiestatuts.

Später entschied sich meine Großmutter Gemma, das alte Haus abzureißen und dieses Gebäude zu errichten, wobei sie die alten Holzbalken wiederverwendete, um den Boden der Wohnung zu gestalten. Der Boden, auf dem du heute stehst, ist also über 100 Jahre alt.

Die Kräutertüte, die ich dir für deine Füße dagelassen habe, ist ein Rezept meiner Großmutter Gemma. Ich schenke dir diese Kräutertüte als Zeichen der Fürsorge. Die Mischung besteht 100 Prozent aus natürlichen Kräutern. Mein Ziel ist es, all ihre natürlichen Rezepturen wieder zu entdecken, damit jeder Reisende die Casa de la Abuela Boticaria besucht, um sich wohlzufühlen, auszuruhen und neue Kraft für seinen Weg zu schöpfen. Dies ist meine Hommage an Gemma Pereira Otero, der Apothekerin des Ortes, und an die bedingungslose Liebe, die Großmütter ihren Enkeln schenken…

Nippes

Lieber Max, ich wünsche dir, dass dein Aufenthalt hier dir Frieden auf deinem Weg bringt.

Fühl dich frei, dich mit anderen Reisenden zu verbinden, die heute gemeinsam mit dir dieses Zuhause teilen. Dieses Haus ist ein Ort der Begegnung für all jene Seelen, die auf der Suche nach spirituellem Wachstum sind. Gleichzeitig lade ich dich ein, die Ruhe der Kontemplation als Form des Miteinanders zu genießen.

Ich schenke dir diesen Anhänger mit der Jakobsmuschel, dem Symbol des Pilgers und Emblem des Jakobswegs, Ihre Linien stehen für die vielen Wege aus aller Welt, die sich in einer Richtung vereinen: dem inneren Weg. Sie zu tragen, ist ein Zeichen der Zugehörigkeit – aber auch eine Möglichkeit, Türen zu öffnen, Gastfreundschaft zu erfahren und dich daran zu erinnern, dass du Teil einer großen Gemeinschaft von Pilgern bist, die ein gemeinsames Ziel verbindet: die Selbsterkenntnis.

Mit herzlichen. Grüßen,
Augusto“

Liebe Marta, lieber Augusto, Eure Herbergen waren so unterschiedlich, wie es nicht anders sein könnte, an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Und jede war ein prägendes Erlebnis, das mir in Erinnerung bleiben wird, auf welchen Weg ich auch immer gehe. Ich danke euch und allen anderen Gastgebern auf dem Jakobsweg, die für die Pilger da sind.

Buen Camino.

Hier noch ein paar Fotos meines Weges Heute 8. Etappe, 211 Kilometer

Pontesampeio

Pontevedera, Iglesia de San Bartolomé