Glaube an Dich

„Cree en ti y todo será posible.”

Na, der Tag fängt ja gut an. Ich erzähle meinem Herbergsvater Carlos, dass ich heute nach Molinaseca marschieren möchte. Er ist ein freundlicher Spanier, wollte es eben einfach wissen. Aber jetzt bekommt er große Augen. „Wohin? Molinaseca“, fragt er mich. „Ja“, sage ich unbekümmert. Ich weiß ja, es ist weit. „Oh“, sagt er, er kenne nur fünf Menschen, die es an einem Tag bis dahin geschafft haben. Jetzt wird mir Bange.

Carlos hingegen gar nicht. Er läuft durch den gesamten Frühstücksraum und erzählt jedem Wanderer, dass an dem Tisch dahinten einer sitzt, der heute bis nach Molinaseca wolle. Das sei ein Rekord. Er kenne ja nur fünf… Da sitze ein Held. Ein Held. Helden werden ja nicht geboren. Aber nun hat Carlos einen aus mir gemacht. Und dabei bin ich noch gar nicht losgelaufen.

Ich kann es an den Gesichtern ablesen, was die anderen denken. Die mögen keine Helden. Ein Verrückter. Ein Greenhorn. Einer, der so gar keine Ahnung hat. Schließlich geht es hier in die Berge. Ab Rabanal geht es ordentlich in die Höhe. 1500 Meter.

Die Socken auf dem Rucksack, so geht es morgens los…

Carlos versucht mich aufzuheitern. Es sei aber die schönste Strecke am gesamten Camino, zwinkert er mir zu. Und ich sage gleichmütig betont unbeeindruckt: „Auf der anderen Seite geht es doch auch wieder hinunter.“ Na, da kenne ich einen Schwarzseher schlecht. Carlos: „Das ist noch schwerer als hinauf.“ So jetzt wissen es alle, und ich kann nur noch losmarschieren. Ich kann doch nicht einfach so sagen: Leute, ihr kennt doch Carlos. Der ist Spanier. Die übertreiben mal schnell. Wir sind in Spanien. Und weil Carlos gerade eine Lauf hat, erzählt er mir auch noch, dass in Molinaseca ja um diese Zeit ganz schlecht Albergues zu bekommen seinen. „Buch eine“, sage ich resigniert.

Gott hilf mir, oder wer auch immer. Oder meine Endorphine. Frühstücken brauche ich unterwegs schon einmal nicht. Das Frühstück in der Herberge war wunderbar und auch gestern Abend im Dorf gab es eine richtiges Pilgermal. Ein Drei-Gänge-Menü, von Hühnersuppe, Fisch mit Fritten und hinterher einen Joghurt im Becher, direkt aus der Kaufhalle. Zum Pilgermal gehört neben der Wahl der drei Gänge auch die Wahl des Getränkes, ein Wasser oder 0,5 Liter Rotwein, inklusive in den 12 Euro. Da braucht es bei der Entscheidung keinen Beistand von Oben. In der Kneipe waren zehn Pilgertische besetzt und zehn Flaschen Rotwein standen drauf…

So nun stehe ich oben. Am Cruz de Ferro. Kleiner als gedacht. Aber ich bin flott unterwegs, hab den Aufstieg auf 1500 Meter über Rabanal in dreieinhalb Stunden geschafft. Jetzt müsste ich doch Gott am nächsten sein. Aber nichts zu sehen. Nicht mal ein Zipfelchen Gott. Dafür eine unendliche weite, schöne Berglandschaft, ein Panorama. Wie wunderbar.

Spiritualität? Was erwarte ich eigentlich? Hape Kerkeling beschreibt sich 2001 als Buddhist mit christlichen Überbau. Dazu reicht es bei mir nicht. Weder von der Gewichtigkeit, noch vom Wissen der Religion. Ich bin ja der Sohn eines Schulleiters. Da fiel die Christenlehre mal aus. Der Dorfpfarrer schickte seinen Sohn schließlich auch nicht zu den Jungen Pionieren. Ja andersrum ging’s auch. Dabei standen das Pfarrhaus und die Schule, die natürlich auch einen Glockenturm hatte, genau gegenüber. Und ich habe mit Martin, dem Pfarrerssohn, Zitterbacke-Telefone gebaut. Die Alten durften sich nicht kennen, die Kinder bekamen es zu spüren.

Diese Finka hat Hape Kerkeling schon 2001 beschrieben, allerdings nicht freudig….

Ich habe versucht, viel nachzuholen. Den Petersdom in Rom. Die Grabeskirche. Ich war im Taj Mahal in Indien und in Hampi. Auf dem Inka Trail zum Machu Picchu, und auf den Pyramiden Teotihuacán in Mexiko. Für all das braucht es keine Kirche. Obwohl, ich habe da noch so eine kleine Rückversicherung. Mein Freund Benjamin, ein fleißiger Kirchensteuerzahler, hat mir versprochen, für mich fleißig die Kirche mit seinem eigenen Beitrag zu bestechen. Seinen Obolus, den er mit Liebe zahlt. Der sei groß genug, dass auch für mein geistiges Wohl bis zum Leben danach gesorgt sei. Danke Benjamin. Dass du mich als Rucksackchrist mitnimmst.

Kurz vor Acebo, hier geht es steil bergab

Nach dem Cruz ging es tatsächlich steil bergab. Über El Acebo de San Miguel eine knieschmerzende Wanderung ins Tal. Zumal auch noch die lustigen Fahrradpilger die Wege runterstürzten als seien sie direkt auf dem Weg nach Oben.

Ich deklamierte hinter Acebo nur noch alle Redewendungen, die ich mit Esel kenne. Gehts dem Esel zu gut, geht er aufs Eis, Eselohren, Eseleien und, und, und… Hat mich doch der spanische Eseltreiber Carlos bis nach Molinaseca getrieben. Und das Hotel ist auch gut. Wieder nichts mit einer Herberge, will man aber nach 37,46 Kilometern und 1500 Metern Höhenunterschied auch nicht.

Bin ich eigentlich verrückt? Verrückt genug für den Camino schon. Motto des Tages: Alles ist möglich, man muss nur verrückt genug sein.

„Cree en ti y todo será posible.” – Glaube an Dich und alles ist möglich.

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