Se tiene que viajar para aprender.

Las Herrerias – Lamas O Biduedo
Heute beginnt die Sommerfrische. Nach der ganzen Sinnfindung der letzten Tage werde ich mal über gar nichts nachdenken. Und nach dem ganzen Schwitzen in den letzten Tagen habe ich mir zudem kurze Hosen und nur einen dünnen Pullover verordnet. Das vergrößert zwar das Gewicht im Rucksack, erleichtert aber das Tragen. Vielleicht. Also auf in die Sommerfrische.
Oh, es sind tatsächlich sind es nur 12 Grad am Morgen, und für kurze Hosen eigentlich ein wenig zu sommerfrisch. Als ich Las Herrerias um 7 Uhr verlasse, bin ich nahezu allein. Auf meinem Flur steht schon ein Koffer zur Abholung durch ein Taxi bereit. Es ist offenbar der von Anna, der Amerikanerin, die mir gestern Abend begeistert erzählte, dass sie im September beim Berlin-Marathon dabei ist, aber noch kein Hotel habe. Ob ich ihr eines empfehlen könne?
Das mit den Hotels in Berlin zum Marathon dürfte ähnlich kompliziert sein, wie mit den Unterkünften am Jakobsweg. Zur Zeit ist es wirklich schwer, etwas zu buchen oder gar spontan nachzufragen. In meisten Albergues war gar nichts mehr zu machen, so dass ich jetzt wieder auf Zwischenetappen gehen muss. Auch in Triacastela, meiner nächsten Etappe, habe ich nichts mehr gefunden. So buchte ich in meiner aufsteigenden Panik gestern noch für die gesamte Strecke einfache Pensionen vor.

Sicherlich wird man noch in den Albergues Municipal, also den staatlichen Herbergen, ein Bett im Schlafsaal bekommen. Aber ein Doppelstockbett mit 24 anderen Leuten, das ist ein Abenteuer zu viel für mich. Ich habe beschlossen, dies auf diesem Weg doch nicht mehr auszuprobieren. Vielleicht kommt das ja ohnehin. Und das nächste Leben ist ein großer Schlafsaal. Dann muss ich das nicht schon jetzt machen.
Jetzt geht es richtig in die Berge hinauf nach Galicien. Die ersten 6 km geht es immer stetig bergauf. Da ich beschlossen habe, von Alternativen – ich sage nur Camino Duro – die Füße zu lassen, wandere ich eine schmale, aber wenig befahrene Dorfstraße immer der Sonne entgegen. Mein Schatten hat sich auch noch versteckt. Da hier in der Bergen um diese Zeit überall Schatten ist, sehe ich ihn weder vor mir, noch hinter mir, noch seitlich von mir. Er wird schon noch kommen.

Das mit den Koffern ist hier so eine Sache. Immer wieder habe ich mich gewundert, wenn ich Menschen begegne, deren Rucksack halb so groß, halb so voll, wie der meinige ist. Wie haben die wohl gepackt, fragte ich mich dann. Bis ich einem amerikanischen Pärchen begegnete, bei dem der Mann gut die doppelte Leibesfülle von mir hatte. Abgesehen davon, dass ihm alle Achtung gebührt, den Camino zu gehen, konnte es unmöglich sein, dass in seinem tellergroßen Rucksack das Gepäck für ein zwei oder drei Wochen verstaut ist. Am Abend in der Herberge traf ich dann die Beiden wieder und sie erwartet ein riesiger Koffer, fast schon ein halber Schrank. Und kein Fahrstuhl in der Herberge. Also wuchtete die zierliche Receptionistin das Ding in die zweite Etage. So geht Wandern auch.
Aber tatsächlich wird für den Anstieg nach O Cebreiro auf 1300 Meter ein Taxi-Service für das Gepäck empfohlen, da es der schwerste und längste Anstieg von 11 km sein soll. Na gut, die Hälfte dürfte ich ja gestern noch hinter mich gebracht haben. Es wird sich schon herausstellen.
Nach wenigen Metern geht es dann doch noch in den Wald hinein und der versprochener steile Aufstieg folgt auch ohne Camino Duro. Na Gott sei Dank, ich dachte schon das wird ein leichter Tag. Der Boden auf dem Weg ist ziemlich lehmig, und jetzt kommt mir doch der Gedanke, dass ein Wanderstab gut wäre. Aber diese Walking Stöcke, mit denen die meisten hier herumlaufen, sehen mir einfach zu lächerlich aus. Da muss ich immer an das Kaffeekränzchen aus dem Nachbardorf denken, das mir mit sechs Frauen in schöner Breite laut quatschend beim Vermessen der Feldwege zwischen LaBrue und Godern schon oft genug den Weg beim Joggen versperrt hat. So als Quatschtante möchte ich einfach nicht über den Camino.
Und als ich gestern am Fuße des Berges doch noch einen Bauern entdeckte, der selbst geschnitzte Stöcke verkaufte, war der mir in der prallen Mittagssonne einfach zu schwer. Also der Stock. Und ich dachte mir, bevor du das Ding herumschleppst und auch noch darüber stolperst, wirst du die letzten sieben Tage auch noch ohne Stock schaffen. Also was soll’s, nun ist der Stock unten und ich klemme schon halb oben am Hang.

Die meisten Pilger, die nicht mit Walking Stäbchen unterwegs sind, aber einem Stock haben, laufen hier mit halben Zaunpfählen herum. Das soll die historische Form sein. Ein dicker Pfahl mit einer Eisenspitze. Der soll vor den wilden Hunden schützen, die es hier in den Bergen geben soll. Ich habe noch keinen wilden Hund gesehen. Eisenspitzenstöcke dafür zuhauf. Na die Pilger werden schon wissen, was sie tun. So ein Walking Stöckchen schluckt jedenfalls so ein wilder Hund in Nullkommanix .
Nichts Denken geht auf dem steilen Waldpfad schon einmal gut. Weil man alle Kraft für das Schnaufen braucht. Es ist doch so steil wie versprochen. Pilger finden sich kaum. Und wenn, dann in meinem Alter. Die Jungpioniere, die gestern Abend unter meinem Fenster noch tüchtig gefeiert haben, liegen noch in den Betten.
Dann ist er da, der Grenzstein zu Galizien. Ich lasse Kastilien hinter mir, und marschiere direkt auf das kleine gallische Dorf O Cebreiro zu. Es hat wirklich etwas gallisches mit seinen kleinen Rundhäusern und Strohdächern – auch wenn das Vorbild von Asterix und Obelix eher keltisch war.

Da stehen nur ein paar Häuser. Kein Wunder, dass hier oben keine Herberge mehr zu bekommen war. Der Wind pfeift auf 1300 Metern mächtig um die Ecken, so dass ich mich erst einmal in einen Schrankraum verziehe, um hier zu frühstücken. Heute gibt es mal nicht die übliche Chorizo mit Tapas sondern die Wirtin stellt mir für 5 Euro eine riesige gebratene Brotscheibe hin, etwas Butter, eine große Tasse Kaffee und ein frisch gepressten Orangensaft. Herrlich nach dem Aufstieg.
Am Rand des kleinen Dörfchens befindet sich eine romanische Pilgerkirche. Hier inne zu halten ist für jeden Pilger Pflicht. Auch ich gehe hinein, wo mich Choräle aus nicht sichtbaren Lautsprechern empfangen. Und ein Meer von Kerzenlicht. Ich zünde eine Kerze an – gegen eine kleine Spende, und gedenke denen, an die gedacht sein will. In der Mitte haben Pilger einen riesigen Jakobswegpfeil aus Kerzen aufgestellt. Der Pfeil weißt in Richtung Kreuz. Das Ziel.
Die Kirche beherbergt einen galizischen Nationalschatz, den heiligen Gral und ein Hostientellerchen. Die hatte ich mir aber größer vorgestellt. Nach dem Erzählungen verwandelte sich hier nach einem Weihnachtsgottesdienst im 14. Jahrhundert der Wein im Gral in Blut und die Hostie in Fleisch. Na das kann ja nicht viel gewesen sein, so winzig wie die Dinger sind.
Die meisten Pilger machen sich eilig wieder auf. Ich habe noch etwas Zeit, da ich in Triacastela keine Unterkunft bekommen habe und deshalb nicht die ganze Strecke laufen muss. Aber außer den wunderschönen Häusern aus Feldsteinen, gibt es hier nicht zu sehen. Abgesehen von den Amerikanerinnen am Straßenrand mit ihren riesigen Koffern. Was haben die hier gemacht? Pilgern ganz bestimmt nicht. Aber was macht man dann hier oben auf dem Berg?

Unterwegs schaue ich mir noch ein paar Casas an. Auf dem Friedhof in Linares ist ein beeindruckendes Ensemble zu sehen. Über jeden Familiengrab steht „Casa Família“ und dann der Name. Na, wenn man in so einer Casa unterkommt, muss einem ja nicht Bange sein. Aber es muss ja nicht gleich sein.
Se tiene que viajar para aprender. – Man muss reisen um zu lernen,