„No eres lo que logras, eres lo que superas.”

Heute lasse ich etwas hinter mir. Nein, es ist nicht mein Schatten. Der klebt irgendwie an mir, wie ein Kaugummi an der Schuhsole. Mein Leben schon gar nicht, hihi. Ich lasse meine warme Wanderjacke in der Pension. Seit Tagen schleppe ich sie mit mir herum, ohne sie wirklich zu brauchen. Sie ist mir ohnehin zwei Nummern zu groß. (Meine Lederhose aus dem Thüringer Wald, die ich in der 4. Klasse erhielt, passt mir heute noch. Meine Mutter sagte immer: „Der Junge wächst schon noch rein.“ Stimmt übrigens. Heute – 50 Jahre später – ist sie mir schon fast zu eng.)
Und die Wanderjacke hatte ich das letzte Mal vor dem Camino vor einem Jahr an. Also was soll’s. Das kann natürlich jetzt nicht so weitergehen Tag für Tag. Dann käme ich ja ziemlich verlassen zurück. Aber vielleicht sollten wir auch im Alltag von Zeit zu Zeit prüfen, was wir so alles mit uns herum schleppen. Was uns inzwischen eine Nummer zu klein geworden, oder schon immer eine Nummer zu groß gewesen ist. Das reicht ja für den Anfang.

Die Frage ist, was brauchen wir wirklich im Leben. Die stellt man sich ja nicht so oft. Und wir wollen ja auch nicht die Konsumgesellschaft an den Rand des Ruins bringen. Und so einfach, wie es Andreas vor ein paar Tagen sagte – der auch schon in einem früheren Blog eine Rolle spielte -„Man braucht nicht viel, um glücklich zu sein“, so einfach ist es natürlich auch nicht.
An einem Tag braucht man gar nichts. Am anderen Tag braucht man seine Arbeit. Und am dritten Tag sind es vielleicht die Karten für die Elbphilharmonie, die einen glücklich machen.
Meinen Sinnweg nutze ich heute dafür, darüber nachzudenken und ein wenig zu sortieren, was man wirklich braucht.

Aber erst einmal muss ich aus der Nacht kommen. Ich habe fürchterlich schlecht geträumt, wahrscheinlich sind in diesem uralten Gemäuer aus dem 16. Jahrhundert, das, wie ich in den Erklärungen auf dem Zimmer lesen konnte, einst die Casa Grande de Sarria war, noch immer die Marqueses de Vilaverde de Lima unterwegs. Wahrscheinlich spukt hier eine 550 Jahre alte Dame durchs Haus und hat mich nicht schlafen lassen. In den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren die alten Gemäuer dann zum Unglück auch noch das Gerichtsgebäude. Ich möchte gar nicht wissen, welcher arme Tropf hier sein Todesurteil erhielt. Und das alles begegnete mir nachts ganz alleine im Haus in meinen Träumen.

Und dann kündigt Hape Kerkeling in seinem Buch (welches mir hier ein wenig als Wanderführer dient) auch noch an, dass es heute nach Portomarin durch einen Zauberwald gehe, in dem sich seine Freundinnen fürchterlich verlaufen haben. Da muss ich erst mal durchkommen. Jacobus stehe mir bei. Ja, das kann einen schon beschäftigen wenn man sieben Tage allein unterwegs ist. So ein Zauberwald. Na ich bin ja gespannt.
Und tatsächlich, nur wenige Kilometer nach Sarria verschwindet der Weg in einem düsteren Wald. In dem fallen dann unmittelbar vor den Pilgern auch noch etliche Hunde übereinander her. Riesengebelle. Riesengeschrei. Einige Frauen weinen vor Angst und laufen zurück. Letztlich hat irgendein Idiot seinen Schäferhund mit auf den Weg genommen. Das ging nicht gut. Steht in allen Führern. Das haben sich die Hunde im Wald nicht gefallen lassen. Aber wie kann man auch einen Hund mitnehmen, wenn doch überall an den Allbergues steht, man nehme keine Hunde.
Ab Sarria sind es die letzten 100 Kilometer der jakobinischen Route. Die braucht man, um die Pilgerurkunde zu erhalten. Und der Pilgerstrom, der aus Sarria zieht, erinnerten einen Schulausflug einer Gesamtschule. Das hat mit der Einsamkeit der letzten Tage wenig zu tun. Eher mit einem Volkswandertag. Einige haben sogar ein Radio dabei. Ich knall mir jetzt die Ohrhörer rein und höre „Never“. Fuck of Silence. (Schöner Film von Martin Scorsese mit Liam Neeson.)

Dafür ist Portomarin sehr schön. Die mittelalterliche Stadt verschwand – wie mein Gronze, mein anderer, wesentlich sachlichere Jakobsweg-Reiseführer mir erklärt – 1963 im Wasser des Belesar-Stausees. Die „Gebäude mit dem höchsten historischen Wert wurden in die moderne Stadt am Ufer des Sees“ oben auf dem Berg verlegt.

So kann man es natürlich auch elegant ausdrücken. Ich kenne aus meiner Jugend die Geschichte von einem Dorf, das für den Stausee von Hohenwarte überflutet wurde. Und in Ost und West gibt es ähnliche Beispiele aus zahlreichen Kohlerevieren. Da war stets von Enteignung, Widerstand und Tränen die Rede. Merke Reiseführer sind höfliche Leute.
„No eres lo que logras, eres lo que superas.” – Du bist nicht das, was Du erreichst – sondern das, was Du überwindest.