Der Camino führt zu dir selbst

„Debes hacer las cosas que crees que no puedes hacer.” 

Foncebadon

„Was suchst du auf dem Camino?“, wurde ich oft gefragt. Dann habe ich die „Think over“-Formel rausgeholt. Reflexionar. „Was bringst du mit“, wurde ich ein einziges Mal gefragt. Ich haben einen Stein mitgebracht, der die Sorgen symbolisieren soll, die man hier lässt.

Es gibt nichts zu finden, was man nicht auch woanders finden könnte. Aber wir tun es nicht. Wir haben keine Wege Zuhause, wo wir unsere Steine ablegen. Wir haben keine Zeit, die wir mit uns alleine verbringen. So kann man in dieser Zeit der ausgewählten Einsamkeit, doch etwas finden. Sich selbst. „Jeder Pilger trägt zwei Rucksäcke, und im zweiten ist der seelische Ballast“, steht in den Camino-Regeln.

Über viele, viele Etappen wächst die Erkenntnis, dass jede einzelne Etappe wie der gesamte Weg ist. Man steht Früh energisch auf. Schreitet kraftvoll aus. Um am Mittag sich das Ende herbei zu sehnen. Und am Abend stolz auf den zurückgelegten Weg zu sein. Aber auch zurück zu schauen, und bei sich zu denken, das habe ich wieder geschafft – und morgen? Es sind nicht immer die kurzen Etappen, die einfachen, wie in Triacastela, sondern die langen schwierigeren, die den Camino ausmachen.

Man braucht sicherlich nicht den Jakobsweg, um auf sein Leben zu schauen, aber er ist ein guter Weg, einmal einen Schritt vom Leben zurückzutreten. Der Weg zwingt dich zur Langsamkeit. Wenn du am Morgen auf dein iPhone schaust, stehen da 25 Kilometer, 14 Minuten mit dem Auto. Nichts. Keine Zeit, die man überdenkt. Man geht aber sechs Stunden! Ich habe in den zwei Wochen nicht ein einziges Mal Fernsehen gesehen. Ich habe nur wenig Nachrichten gelesen. Aber viel über das tägliche Leben nachgedacht.

Ganz bestimmt wird das Leben wieder voll nach jedem Pilger greifen. Aber der Jakobsweg ist auch das Leben. Auch wenn man manchmal einen Umweg gehen muss, oder vom Pfad abkommt, und sich darüber ärgert, so bleibt doch immer der Weg. Wie man den Weg geht, darauf kommt es an. So wie man das Leben geht. El fin – das Ziel – kommt irgendwann von ganz alleine. Und dann kann man am zurückgelegten Weg leider nichts mehr ändern.

Achtet auf den Weg, da draußen. Buen Camino.

PS: Ich gebe es zu, das mit dem Alleinsein hat schon mal gut geklappt. Sollte man aber nicht zu Hause ausprobieren. Nur mit meinem Spanisch, das hat gar nicht geklappt. Aber man muss nicht alles im Leben können. Manchmal reicht ein Muchas Gracias. Muchas Gracias, Camino – und allen, die diesen Blog geduldig gelesen haben, und Dir, die Du ihn ertragen hast.

„Debes hacer las cosas que crees que no puedes hacer.” – Du solltest die Dinge tun, welche Du glaubst nicht tun zu können.

Pilgerkirche in O Cebreiro

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