Prüft alles und behaltet das Gute. (Jahreslosung 2025, Paulus, 1. Thessalonicher 5,21)

„Ich glaub, es geht schon wieder los“, singt Schlagerbarde Roland Kaiser. Und das seit 1988. Da bin ich doch in einem guten Zeitlimit, wenn ich jetzt zu meinem dritten Jakobsweg aufbreche. Der alte Sozialdemokrat hat wahrscheinlich bei seinem Lied nicht an das mehrmalige Wandern auf dem heiligen Pfad gedacht, sondern mehr an das mehrmalige Verlieben – in wen auch immer. Es gibt jedenfalls ein Bettszene im Song. Und die Lust auf Leben wird da besungen. Das passt.
Das erste Mal war ich im Mai 2022 auf dem Jakobsweg unterwegs. Seither hat sich einiges verändert. Viel verändert. Mein Leben. Damals habe ich mir gut zwei Wochen Muse für den Weg von León nach Santiago de Compostela genommen. Nehmen können. Im vergangenen Jahr gab mir das Leben so viel Zeit, wie ich für meinen Weg benötige. Das deutet auch schon auf die wichtigste Veränderung. Zeit. Freiheit. Ein neuer Weg. Im Juni 2024 bin ich ihn ganz gegangen, den Camino. Von Sean Jean Pied de Port in Frankreich bis nach Santiago de Compostela in Nordspanien. Es wurde ein anderer Weg. Niemand kann zweimal in denselben Fluss steigen, soll Heraklit seine Lehren zusammengefasst haben.
Ich habe viele Menschen kennengelernt und bin mit manchem Unbekannten ein Stück des unbekannten Weges gegangen. Seither war ich zu Jahresbeginn für einige Zeit in Israel und habe dort ebenfalls neue Wege – für mich – beschritten. Ich habe dort sogar den Kopf des Jakobus gesehen – na gut, seinen Schrein. Ob die Reliquie in der St.-Jakobus-Kathedrale des armenischen Patriarchen tatsächlich an besagtem Orte liegt, und alle übrigen Jakobusreliquien in der Kathedrale von Santiago de Campostela… Wer weiß, wer weiß. Ich bin jedenfalls täglich auf dem Weg vom Zions-Berg, meinem Gartenhaus in einem Klostergarten (kann man in diesem Blog nachlesen), in die Altstadt dort vorbeigegangen. Und manchmal hörte ich ein schwaches Rufen.

Also gehe ich jetzt einen für mich neuen Jakobsweg, den Camiono Portugués de la Costa. Den Küstenweg. Der Portugiesische Küstenweg folgt der Atlantikküste von Porto über Viana do Castelo, A Guarda und Vigo bis er in Redondela auf den zentralen Portugiesischen Weg trifft. Dieser Weg wird seit dem 16. Jahrhundert von Pilgern genutzt und erfreut sich stetig wachsender Beliebtheit. Dafür gibt es viele Gründe: wunderschöne Landschaften, eine bequeme Route ohne größere Höhenunterschiede, gute Infrastruktur, Strände, Kultur und vieles mehr; ganz zu schweigen von der Gastronomie und den unglaublichen Sonnenuntergängen über dem Meer. So steht es zumindest in den Reiseführern. Es soll der leichteste Jakobsweg sein. Sozusagen für Anfänger. Von Kirchen steht da nix.
Aber in denen habe ich mich ja bereits im letzten Jahr verloren – und vielleicht auch gefunden. Also diesmal himmlische Landschaften. „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe“, lautete die Jahreslosung 2024 der Herrnhuter Brüdergemeinde. „Prüft alles, und behaltet das Gute“, lauter der Bibelvers für 2025. Ich finde das passt. Am Dienstag geht es nach Porto, und am Donnerstag gehe ich los. Und prüfe. Jakobsweg, ich komme.
