Der kopflose Jakob ruft

Don`t dream it. Be it.

Von Saint-Jean-Lied-de-Port nach Burgete, 27 Kilometer

Vor wenigen Tagen endete ein weit beachtetes Opernspektakel von Florentina Holzinger im Mecklenburgischen Staatstheater mit einem Zitat des bekannten Songs aus der „Rocky Horror Picture Show“. „Don`t dream it. Be it.“ Daran hatte ich zwar nicht gedacht, als ich mir vor einem halben Jahr vornahm, am Ende meines Berufslebens als Zeitungsreporter etwas Neues anzufangen – und zwar mit dem Jakobsweg. Aber das scheint mir eine gute Entschuldigung zu sein, warum ich gestern von Hamburg nach Biarritz, von Biarritz mit dem Bus nach Bayonne, und heute Morgen 6.30 Uhr von da nach Saint-Jean-Pied-de-Port, dem Eingangstor zum Jakobsweg, geflogen und gefahren bin. Man braucht ja immer eine gute Begründung gegen seinen inneren Schweinehund und für die vielen Fragen „Warum machst Du das?“, „Warum machst Du das ohne Deine Frau“, „Warum machst Du das dort und nicht hier“. Also eben: Don`t Dream ist. Be it.

Den Jakobsweg gibt es ja inzwischen als ein ganzes Geflecht von Wegen. Vor einigen Jahren begegnete ich der typischen Muschel mit den Strahlen am Rennsteig. Kürzlich wurde ich gefragt, warum ich den Weg nicht in Vorpommen laufe. Und letzte Woche bot mir mein Freund Uwe Seppmann, der in Loiz bei Sternberg in MeckPomm ein Christliches Gästehaus betreibt, an, mir den ersten Wanderstempel bei ihm abzuholen. Was es mit den Stempeln auf sich hat, erkläre ich in einem der nächsten Teile.

Warum der Jakobsweg Jakobsweg heißt, darum kommt ihr hier nicht herum, aber ich mache es unzulässig kurz. Der Legende nach ging der Apostel Jakob für einige Jahre nach Nordwestspanien, um dort Missionsarbeit zu leisten. Leider war er bei den keltischen Galiciern gar nicht erfolgreich. Also wurde er bei seiner Rückkehr von König Herodes geköpft. Weil er so ziemlich kopflos war und zudem auch nicht begraben werden durfte, brachten ihn seine Jünger zurück nach Spanien. Ein paar Wunder später lagen seine Überreste als Reliquien in der Kathedrale von Santiago de Campostela, was nun wiederum wahrscheinlich seinen Namen von der historischen Grabstätte Campus Stellae (Feld der Sterne) hat. Heute ist Santiago de Campostela neben Jerusalem und Rom der bedeutendste Pilgerort der Christenheit.

Na kopflos bin ich zumindest nicht. Noch nicht.

Am Montagmorgen ist in Saint-Jean-Pied-de-Port die Hölle los. Ach ne, das Bild geht wohl nicht. Eigentlich habe ich ein wenig Schiss. Denn fast alle Pilgerbücher, insbesondere auch das berühmte von HaPe Kerkeling, berichten von der ersten, sehr steilen Etappe nicht nur von Höllenqualen, schon wieder!, soll Höhenqualen heißen, sondern vor allem auch von Regen beim Anstieg in die Pyrenäen. Das kann ja lustig werden.

So, St.-Jean-Pied gleicht einen Ameisenhaufen, schreiben die Jakobus-Dichter? Heute Morgen ist hier nichts los. Ne rien. Vier weitere Pilger steigen mit mir aus dem Zug aus Bayonne. Ein Pärchen aus Hongkong. Lesley aus den Staaten mit Bill, der ein Land nuschelt, dass nicht Staaten heißt, ich aber auch nicht verstehe. Da mein Mandarin am Morgen nicht so flüssig ist, quatsche ich im Zug mit Lesley und Bill aus Irgendwo. Sie hat sich genau drei Wochen Zeit genommen, und will sehen, wie weit sie kommt. Er reist zwar irgendwie mit ihr, will aber nur die erste Etappe laufen. Dabei hatte ich schon gerade Respekt vor seinem winzigen Rucksack bekommen, während meiner inzwischen mit dem gefüllten Wasserschlauch bestimmt zehn Kilo wiegt.

Also ein Tag für einsame Pilger. Wir schleichen regelrecht durch die leeren Gassen von St.-Jean-Pied und müssen sogar ein wenig Ausschau nach dem Pilgerbüro halten, weil uns kein einziger Rucksackträger den Weg weist. Dort in der Rue Citadelle 39 warten schon drei Pilgerweg-Feldwebel auf ihre ersten Opfer. Da es menschenleer ist, ist gerade viel Zeit für eine ausführliche Einweisung. Ganz nach den Rotkäppchen-Regeln: nicht vom Weg abkommen, keine Blumen am Wegrand abpflücken, nicht von fremden Tieren anquatschen lassen. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass meine Feldwebelin sehr nett ist, und fragt, ob ich für den Aufstieg gar keinen Stock hätte. Schwups ist sie verschwunden und holt so einen Wander-Pickser aus Alu. Der aber ist dem Herrn nicht Holz genug. Er lehnt ab. Hoffentlich freundlich. Dann endlich der ersehnte Stempel von der Stadt am Pilgertor des Camino Francés.

Nun noch flugs einen wunderbaren Pilgerstock aus Holz kaufen und hinaus. Hinaus durch das berühmte Pilgertor. Denkste, der Stock bleibt in der Stadt. Kein einziger Händler hat um 8:30 Uhr bereits geöffnet. So muss es halt ohne gehen. Zumindest auf den erste Kilometern. Denn zurück traue ich mich jetzt auch nicht. Schnell sammle ich am Ufer des kleinen Flusses Kive noch einen Kummerstein ein. Der soll mir die nächsten 800 Kilometer zuhören, wenn ich über den Weg fluche, und über das Leben, wenn ich über die letzten Jahrzehnte nachdenke, wenn ich meine Eselleien mit mir bespreche. Und dann in Compostela findet der Stein einen neuen Ort, und alles bleibt bis ans Ende der Welt bei Jakobus. Soll der sich doch damit herumärgern. Falls kein Verkehrtrum-Pilger, den Stein dort aufnimmt und wieder zurück nach SJPP trägt. Dann muss ich nochmal hin. Ich meine nicht Rückwärtspilger, so wie Rückwärtsläufer, die es auch beim Marathon gibt. Das sind jene die mit dem Hintern voran laufen, und hinten den Kopf hängen lassen. Nein, nein, ich meine schon verkehrtherum.

Sehr verehrter HaPe Kerkeling und alle anderen Pilgerdichter, hört zu: Es regnet nicht, es ist nicht voll, aber ja, es ist steil. Verdammt, oh, richtig steil. Ich muss zwar nicht auf einem der dreirädrigen Goliath Goli (Mini-Lkw) die Ladefläche mit einem Widder teilen, obwohl auch einige an mir vorbeizockeln. Also Widder-Taxis. Irgendwie auch komisch, die Schafböcke werden 1000 Meter hinaufgefahren und wir Schafe machen das freiwillig zu Fuß. Aber Gott-sei-Dank hat Jakobus nach zwei Stunden und 800 Höhenmetern steil bergauf das Refugio Borda d‘Orisson hinterlassen. Dort gibt es erstmal Kaffee und ein Baguette chorizo – hoffentlich nicht vom Schaf.

Wer wissen will, warum ich für die restlichen 300 Höhenmeter und 18 Kilometer weitere 6 Stunden brauche, und warum es besser gewesen wäre, doch einen Pilgerstab dabei zu haben, und wie man den Unterschied von den Pyrenäen im französischen Baskenland und denen in Navarra spürt, und warum hier oben Pferde mit Glocken um den Hals herumlaufen, der frage den Stein. Der kam nämlich gegen 16 Uhr nach fast acht Stunden in Burguete in Spanien an.

Erkenntnis des Tages: Der Himmel weint nicht über jeden. Mache deine eigenen Erfahrungen.

Hinterlasse einen Kommentar