Wie ich dem heiligen Jakobus begegnete

El dia empieza bien.

Von Burguete nach Villava, 35 Kilometer

„Man muss einen Berg nicht zu besteigen, um zu wissen, dass er hoch ist“, heißt es bei Paulo Coelho in seinem sehr persönlichen Pilgertagebuch „Auf dem Jakobsweg“ aus dem Jahr 1986. „Das Schiff ist sicherer im Hafen. Aber nicht dazu wurden Schiffe gebaut“, lautet die Entgegnung des Pilgers. Das Buch ist sehr zu empfehlen. Es beschreibt sehr mystisch die Historie des sagenumwobenen Jakobswegs, der auch Milchstraße genannt wurde, weil sich die Pilger nachts an der Milchstraße orientierten.

Heute brechen nur noch die Japaner nachts um Zwei laut raschelnd in den Herbergen auf. Und die haben ihre eigenen Stirnlampen mit. Japanern leuchten wahrscheinlich keine Sterne. „Die Japaner machen’s (ja auch) mit den Stühlen“. Das ist nicht anzüglich gemeint, wie einige von euch, die mich kennen, wissen. So heißt eine CD, die ich mal bei einem Porträt-Wettbewerb von Claudia Gehrke auf der Buchmesse in Leipzig gewonnen habe. Wer Claudia Gehrke kennt, kann sich denken, worum es geht. Die anderen müssen halt googeln. Hat jetzt nichts mit Stirnlampen zu tun. Wie komme ich nur drauf? Ich habe mir es doch nie angehört.

Auf dem Höhepunkt des mystischen Weges zum heiligen Jakobus pilgerten im 14. Jahrhundert über eine Million Jakobusbrüder von SJPP nach Santiago de Compostela. Karl der Große pilgerte hier, Franz von Assisi, Isabella von Kastilien und sogar einige Päpste. Alle trugen die Muschel als Zeichen der Jakobs-Bruderschaft. Papst Johannes Paul II erklärte 1987 des Jakobsweg zum ersten europäischen Kulturweg.

Apropos tragen. Schwer vorzustellen, dass Karl der Große oder der Papst ihr Gepäck selbst mit sich schleppten. Aber was man hier auf dem Rücken einiger Wallfahrer sieht, beziehungsweise nicht sieht, ist auch beeindruckend. Ein Spiegelbild unserer Sozialisation. Heute Morgen beim Aufbruch in Burguete liefen zwei junge Spanierinnen vor mir, die man in ihrer Aufmachung wohl eher auf dem Laufsteg vermutet hätte. Knappe Hosen, früher hätte man Hotpants gesagt, enge, schwarze Glanzjacken, keine Rucksäcke. Braucht man ja auch nicht unbedingt. Es gibt ja genug Fahrdienste, mit dir dein Gepäck von Ort zu Ort fahren. Kurze Zeit später begegnete ich einer Südamerikanerin mit wilder Mähne, die auf ihrem Rücken nicht nur einen gewaltigen Rucksack platziert hatte, sondern natürlich zusätzliche Schuhe, zwei Jakobsmuscheln, Wasserflaschen, Bananen, und zwei Orangen. Das Gute, sie konnte das alles auf ihrem Rücken unterbringen, ohne dass seitlich etwas hervor stand. Orangen kleiden eben besser als nichts. Im ersten Dorf nach Burguete begegnete ich Jaque, einem Franzosen von gestern, der auf seiner dick gepolsterten Isoliermatte, über die ich mich noch gestern wunderte, auf einer Bank an einer Bushaltestelle übernachtet hatte. Gerade war er beim Frühstück. Es geht auch einfacher.

Die üblichen Socken zum Trocknen hängen heute auch bei mir an meinem Rucksack. Wasserbeutel gehört natürlich auch hinein ein ganz, ganz dünnes Handtuch, ein paar Sandaletten, Badeschuhe, um bei zweifelhaften Unterkünften nicht mit dem vor drei Tagen gescheuerten Boden in Berührung zu kommen, drei T-Shirts, ein paar lange Hosen, ein paar kurze Hosen, zwei Unterhosen, zwei Paar Strümpfe, ein Pollöverchen, Regenjacke, eine Badehose, Waschzeug einschließlich rei in der Tube, kein Rasiezeug, ich will mir ja einen Bart wanden lassen – bescheuert. Ein Ladegerät, das iPad für den Blog und natürlich eine winzig kleine Tastatur ist auch dabei. Macht zusammen neun Kilo. Mit Wasser zehn. Wer hätte das gedacht. Dabei sind es doch von jeden nur ein oder zwei Stücke? Nein, zwei Kondome habe ich nicht mit, wie in manchen Packlisten empfohlen wird, ich gehöre zu den anderen Pilgern. Zu denen ohne Pilgerstab, denn den habe ich noch immer nicht. Und in Saint-Jean-Pied-de-Port habe ich ja keinen bekommen. Das MUSS ich unbedingt meinem Kummerstein sagen. Aber ob der Geld dabei hat?

Zu allem Unglück rutschen mir heute Morgen die neuen Wandersocken in den Schuhen hin und her. Die sind doch brandneu und von Martina geschenkt, danke! Es war nur Phantomschmerz. Kurzer Halt an einem Muschelstein, Rucksack herunter, Schuhe aus, nichts gesehen. Gut, dann eben munter weiter. Martina an den Füßen kratzt mich nicht mehr. Es geht flott voran, auch wenn es über den wiederum 800 Meter hohen Erro-Pass gehen muss. Kaum war ich 500 Meter gegangen, da riefen mir aufgeregte Pilger hinterher. Ein Mann hatte mein Pilgeretui mit dem Geldbeutel am Muschelstein aufgefunden. Oh, Schreck. Aber es ist ja noch mal alles gut gegangen. Ich habe ihm reichlich gedankt. Das war bestimmt der heilige Jakobus. Ich habe ihn den ganzen Tag nicht mehr gesehen.

Der Tag fängt ja gut an. Und das meine ich auch so, der Tag fängt gut an. Wie muss man den Satz eigentlich betonen? Damit er nicht diesen fiesen zu Hause Touch bekommt. „Du hast den Geschirrspüler gestern Abend nicht ausgeräumt! Der Tag fängt ja gut an.“ Dann sage ich es eben mit meinem blendenden Google-Spanisch. El dia empieza bien. Gracias James.

Zubiri. Am Mittag bin ich in Zubiri. Hier nach 20 Kilometern hört für die meisten Pilger die zweite Etappe von Roncesvalles auf. Für mich nicht. Ich hänge noch einmal 17 km dran. Ich bin halt mehr so der sportliche Typ. Stefan mit den Marathonbeinen. Obwohl mit dem Marathon war es ja in der letzten Zeit auch nicht mehr so toll. Mehr Schummel als Fummel. Nein, ich mag es gern am Anfang etwas länger, am Ende etwas kürzer. Ist doch im Leben auch so. Natürlich nicht, was ihr denkt. Das kommt von alleine. Da braucht die Natur keine Ratio. Am Anfang ist das Leben unendlich lang, am Ende ist es kurz. Und dein ganzes Arbeitsleben passt in eine kleine Jaffakiste. Aber dazu kommen wir später hier ein gleicher Stelle nochmal. Bevor wir heute ins Philosophieren geraten.

Also Zubiri ist ein wunderbares Basken-Dörfchen, das man über eine gotische Brücke mit zwei Bögen erreicht, die je nach Lesart die Tollwutbrücke, wovor sie die Rinder heilen soll, oder auch Paradiesbrücke genannt wird. Wen sie davor heilen soll, ist nicht beschrieben. Die Pfarrkirche ist dem Heiligen Stefan gewidmet. Wozu brauchen die hier die ETA? Eine marxistisch-leninistische, seperatistische baskisch-nationalistische Untergrundorganisation. Gut, hat sich ja dann 2018 auch erledigt. Da wandert der Heilige Stefan nach einem guten Mittagsimbiss mal lieber weiter.

Apropos erledigt, um 17 Uhr bin ich endlich im Hostel in Villava vor den Toren Pamplonas, wie ich jetzt feststelle. Völlig fertig. 35 km – die längste Strecke auf der auf dem ganzen Weg. Den Rest? Fragt den Stein.

Erkenntnis des Tages: Wenn du noch gar nicht weißt, dass du Hilfe von Jakobus brauchst, ist er da und hilft dir. Aber ob das immer klappt?

Hinterlasse einen Kommentar