Pilger sind Menschen, die sich für das mehrfache Jahresgehalt eines pakistanischen Textilfacharbeiters, die von diesem hergestellten atmungsaktiven Schuhe, Goretexhosen und Trekkingrucksäcke kaufen, und damit auf dem Rücken der dritten Welt die Luxusprobleme der ersten Welt wegwandern. (Karsten Dusse, „Achtsam Morden am Rande der Welt“)

Von Burgos nach Hontanas, 11 Etappe, 31 Kilometer
Manchmal hat es ganz den Anschein, dass sich die etwas größeren Städte am Wegesrand mit den Jakobsweg schwer tun. Klar, die tausenden Pilger im Jahr füllen auch hier die Herbergen. Aber kaum hat man den Stadtrand erreicht und will hinein ins Getümmel, so sucht man verzweifelt nach den gelben Pfeilen oder den Strahlen der Jacobsmuschel. Klar, so eine Stadt hat ein paar mehr Abbiegungen und Seitenstraßen, und es ist wahrscheinlich auch eine Frage des Aufwandes oder des Geldes im Stadtsäckl, an jeder Einbiegung ein Zeichen zu setzen. Aber aus der Sicht des Pilgers ist es eben schwer, sich im Gewirr der Gassen zurecht zu finden, zumal sich Herbergen mit dem Jakobswegzeichen schmücken, ohne dass man sicher sein kann, dass dort wirklich der Weg entlang läuft. Dazu kommen die örtlichen Stadtplaner. Reine Künstler, sage ich. Da wandelt sich die nunmehr schon seit hunderten Kilometern bekannte Muschel plötzlich in eine wunderschöne Schmiedearbeit aus Stahl, die nur keine Sau als Wegzeichnung erkennt. Also zumindest nicht so ein unbedarfter Kunstbanause wie ich. Oder jemand findet es lustig, in Logroño mannshohe Pilger aufzustellen – aus Stahl natürlich, deren Nase in Wegesrichtung zeigt. Ja, woher soll der Pilger das wissen, wenn er das erste Mal in In eine Stadt kommt? Immer der Nase nach? Lustig.
In Burgos geht es, Jakobus sei Dank, immer an den Fluss Arlazón entlang. Und ganz anders als mein Kumpel Christian es beschrieb, ging es gar nicht durch Industriegebiete, sondern immer schön durch den Stadtpark bis direkt zum Hotel. Heute Morgen muss ich allerdings die Einfädeln zum Camino de Santiago wieder finden, und das stellt sich ebenfalls als nicht ganz ohne heraus. Aus der Stadt komme ich recht schnell, aber die Pilgerzeichen sehe ich nur sporadisch. Dank Google Maps gar kein Problem, aber das kostet halt Akku. Wenn jemand tatsächlich diesen Blog liest, und tatsächlich mit dem Gedanken spielt, dann merken: Ein starker Ersatzakku wäre eine gute Idee.
Komisch, hinter der Stadt ist wieder alles klar. Ein gelber Pfeil auf die Straße gemalt, kann ja eigentlich nicht die Welt kosten. Aber wer weiß, was gelbe Farbe in Spanien kostet. In Burgos Villalbilla sehe ich auf dem Dach eine Feldsteinkirche sogar ein Storchenpärchen. Oder sind das die ersten Geier, die auf den erschlafften Pilger harren? Doch dann kommt es. Ein Riesenautobahnkreuz. Natürlich hören hier die Jakobswegzeichen prompt auf. Wie soll man sich denn hier zurechtfinden? Vorsichtig, länglich Leitplanke entlang, die mir jetzt mein Google Maps zeigt, taste ich mich über und unter Brücken hindurch. Was hat sich Spaniens Fremdenverkehrsverband denn dabei gedacht? Konnte sich mal wieder der Tourismusminister nicht gegen den Verkehrsminister durchsetzen? Das ist ja lebensgefährlich. Und wahrscheinlich hätte man auch hier eine gute Lösung finden können, wenn schon Millionen in ein solches Kreuz gesteckt werden.

Doch kaum habe ich die richtige Ausfahrt genommen, seltsamerweise spricht auch das Wander-GPS plötzlich von „Fahren“, ist der Spuk wieder vorbei. Und wie vom Himmel gefallen, gelbe Pfeile, gelbe Pfeile, gelbe Pfeile. Wie schön, hier begegne ich auch Nico aus Berlin wieder, mit dem ich schon einmal eine Strecke hinter Puente la Reina gegangen bin. Er berichtet mir, dass er drei Tage aussetzen musste, weil er sich in einem überfüllten Schlafsaal im Logroño eine Grippe geholt habe. Nico hatte hinter Puente la Reina noch eine Kollegin dabei, die ist aber schon in Viana kleben geblieben. Die Füße.
Umgehend möchte er von mir wissen, warum ich den Weg gehe. Das ist mir jetzt aber doch ein bisschen zu schnell und zu nahe. Ich nuschele etwas von Abstand und Jobende und neuer Abschnitt und neuen Wegen. Ich will doch nicht einem dreißigjährigen Berliner hier nach drei Minuten mein Herz ausschütten. Aber dann kommt es. Er sei aus ganz vielen Gründen auf dem Weg, erzählt er mir. Sein Bruder sei vor zwei Jahren an der ersten Schutzimpfung gegen Covid gestorben. Seine Tochter habe eine schlimme Hautkrankheit. Sein Chef hat kein Verständnis für ihn. Er habe nicht einmal für den Camino Urlaub erhalten, so dass er eben unbezahlt frei genommen habe. Und er habe in den letzten vier Wochen keine zwei Tage am Stück frei gehabt. Er arbeitet bei einem privaten Pflegedienst. „Mal früher Feierabend hab ich eigentlich nur, wenn ein Patient stirbt“, sagt Nico. Wow, das ist jetzt aber mal eine Packung. Da ist jemand vom Unglück verfolgt. Oder fühlt sich verfolgt. „In jeder Kirche, die mir hier begegnet, bete ich für meinen Bruder und für meine Tochter“, berichtet Nico. Nach der Mutter seiner Tochter frage ich ihn mal lieber nicht.
Bete ich mal für ihn, dass er hier auf dem Weg ein wenig Zufriedenheit findet, und er sich nicht mehr ganz so als Zielscheibe der Ungerechtigkeit der Welt fühlt. Irgendwo in Rabé las Oalzadas bleibe ich an einer riesigen Kirche stehen. Ich fotografiere ein wenig. Mitglieder der Kirchgemeinde hängen gerade Fotos an den Mauern auf. Nico zieht weiter. Vielleicht hat er das Beten heute ausgesetzt.
Man sieht auf dem Weg ganz selten Gruppen. Hier und da geht mal ein älteres Pärchen, das sich gegenseitig hilft. Dann trifft man zwei junge Mädchen, die sich ja immer etwas aus ihren reichhaltigen Erfahrungen zu erzählen haben. Aber die meisten Pilger gehen alleine, suchen ihren Weg, und sind fest in ihren Gedanken versunken. Auch ich ordne mir hier in meinem Kopf ein Bild von meiner Welt, von den Menschen um mich herum. Irgendwie setzt sich das alles zusammen wie in einem Puzzle. Mal greift ein Teil in das andere, mal muss ich es beiseite legen, um es später wieder aufzuheben. Ich bin so gespannt, was für ein Bild am Ende entstehen wird. Eines weiß ich allerdings schon jetzt, den Camino de Campostela betritt man nicht voller Sorgen und verlässt ihn voller Zufriedenheit. Man kann bestimmt seine Welt ordnen, weil man sich hier einmal im Leben, einmal im Jahr, einmal überhaupt die Zeit dafür nimmt. Aber man ändert hier nicht seinen Chef und die ganze Welt, Nico. Wenn wir viel Glück haben, ändern wir uns ein bisschen und der heilige Jakobus hilft uns dabei. Aber der Jakobsweg wird unsere Welt nicht verändern. Wenn wir zurück sind, wird sie genauso da sein, wie wir sie verlassen haben. Die Frage ist nur, ob wir sie noch genauso sehen.

Die heutige Etappe ist traumhaft schön. Nach Tardjajos und Hornillos del Camino wandere ich hinauf auf die Hochebene der Mesata und hinein in das Dorf Hontanas. Hier sollen angeblich vor 20 Jahren noch keine Autos gefahren sein, nur Pferdefuhrwerke. Das Dorf ist tatsächlich ziemlich ausgestorben. Aber der Weg dahin voller roten Mohn links und rechts. Ich höre das Lied „Roter Mohn“ von Rosita Serrano aus dem Jahr 1938, das später noch einmal durch die junge Marianne Rosenberg neu interpretiert wurde. Unbedingt anhören! Die Kirchenglocken läuten, während ich schreibe…
Erkenntnis des Tages: Der Jakobsweg verändert nicht die Welt, aber vielleicht unsere Sicht auf sie.
