Der Camino quer durch eine Kirche

Der Weg ist immer besser als die schönste Herberge. (Miguel de Cervantes)

Von Hontanas nach Itero de la Vega, 12, Etappe, 22 Kilometer

Einer der ungewöhnlichsten Anblicke auf den Etappen des Jakobsweg ist ganz sicher der Camino de Santiago durch die Klosterkirche von San Antonio. Genau durch die gotischen Bögen, die über dem Jakobsweg aufsteigen und einst die Kirche mit dem Pilgerspital verbanden. Eigentlich eine Attraktion. Der Jakobsweg quer durch die Kirche. Mehr geht nicht. Aber so richtig ist hier nichts los. Durch die Fenster im Mauerwerk schaut die Hochebene der Iberischen Meseta.

Das Frauenkloster de San Antonio war im 12. Jahrhundert eine Gründung des Antoniter-Ordens und für Heilungen der Pilger bekannt. Aber so recht erfolgreich war der Orden nicht, das Antoniusfeuer führte eher in den Himmel als zum längeren Dasein auf Erden. Heute ist der Bogen über dem Jakobsweg eher eine Informationstauschbörse durch hinterlassene Zettelchen in den zahlreichen Nischen im Mauerwerk. Aber selbst das dürfte im Zeitalter von Instagram und WhatsApp längst Vergangenheit sein.

In „Die walfart und Straß zu Sant Jacob“ beschrieb der deutsche Servitenmönch Hermann Künig von Fach auf seiner Pilgerschaft 1494 in Versform in seinem Pilgerbuchs „Ich bin dann mal weg“ den Ort Castrojeriz mit folgenden Worten:

„Über eine halbe Meile findest du ein Schloß heißt Fritz.
Auf Deutsch ist es geheißen die lange Stadt
darin man vier Spitäler hat.“

Erstaunlich lang ist Castrojeriz geblieben. Für frühere Pilger war es eine wichtige Station von Spitälern mehrerer Ordensgemeinschaften. Heute soll man in dem Ort neue Kräfte schöpfen, um den langen Anstieg auf den Alto de Mosterales zu bewältigen, in 1040 Meter Höhe. Eine der schönsten Etappen um diese Jahreszeit. Viele Pilger überspringen die Meseta-Hochebene im Sommer, weil dann die blühende Felder verbrannt, die Mohnblumen verblüht und die Erde verdorrt ist. Aber Jetzt ist Jetzt. Und im Jetzt liegt die Schönheit des Weges.

In Itero de la Vega ist nur noch eine Albergua geöffnet und die ist knüppelvoll. Also alle acht Betten belegt. Sogar die Küche mit dem Sofa wird vermietet. Nummer neun. Auch ich muss mir hier das Zimmer teilen. Na, da bin ich ja mal gespannt. Da ist es wieder: Die Summe aller seiner Bestandteile macht den Tag.

Erkenntnis des Tages: Im Jetzt liegt die Schönheit des Weges.

Ein Gedanke zu “Der Camino quer durch eine Kirche

  1. Habe ich nie verstanden, warum Pilger die Meseta auslassen. Kilometerlang wir in Trance geradeaus gehen. Auch mal eine Minute am Stück mit geschlossenen Augen. Das war sowohl zu Fuß als auch auf dem Fahrrad der intensivste Moment der ganzen Reisen. Buen camino weiterhin.

    Like

Hinterlasse einen Kommentar