Jakobus lässt es krachen, Regen

Der Sinn des Lebens besteht darin, das Leben jeden Tag aufs Neue zu genießen. Der Tod spielt an einem einzigen Tag des Lebens eine Rolle. Am letzten. Für ein erfülltes Leben brauchen wir den Alltag. Mit all seinen Problemen, mit all seinen Glücksmomenten, all den die LupaLupa-Tänzen. (Karsten Dusse „Achtsam Morden am Ende der Welt“)

Von El Burgo Ranero nach Puenta Villerente, 16. Etappe, 25 Kilometer

Ja, es gibt sie natürlich auch hier am Jakobsweg. Diese Tage, die niemand braucht. Da wachst du früh auf, und fragst dich: Warum machst du das eigentlich? Über das Warum habe ich schon Vieles an dieser Stelle herumphilosophiert und sinniert. Über die Erleuchtung, über die Einkehr, über das Gedankenkarussell, das hier vielleicht mal gebremst werden und einen anderen Dreh bekommen soll. Aber hilft dir das, wenn du aus dem Fenster schaust und draußen prasseln die Regenschauer gegen Fensterscheibe? Und auf dem Straßenpflaster bilden sich Segelreviere! Nein, nein die schöne Schönwetterphilosophie hilft dir immer. Es gibt kein schlechtes Wetter, nur die falsche Kleidung. Also ignorieren. Vergiss es. Natürlich motiviert das nicht! Das ist, wie wenn du aufstehst und zur Arbeit gehen willst, und schon beim Aufstehen weißt, heute gibt es ein deftiges Gewitter von Oben. Da hast du halt schlicht keine Lust. Da kann die Motivation gestern, vor einem Monat, vor einem halben Jahr noch so groß gewesen sein, jetzt ist sie halt irgendwie gleich Null. Das ist, wie wenn du 40 Jahre in der Arena gekämpft hast, und dann kommt der nächste Römer.

Gut, an eine Regenpelerine habe ich gedacht. Schlechtes Wetter hatte ich ja irgendwann mal erwartet, und ich tröste mich mit den Gedanken, dass es heute eh nur 25 Kilometer sind bis Puenta Villerente. Also hinaus ins Freibad fröhlich und vergnügt.

Fühlt sich gar nicht so schlimm an, denke ich noch bei mir. War ja wohl doch nur eine Nachthusche, hoffe ich da noch. Jakobus wird seine Jünger nicht schon vor dem Ziel taufen wollen. Typischer Fall von Denkste. Also trete ich forsch hinaus aus meiner wunderbaren Herberge, die gestern noch ein blödes Trucker-Motel an einer Tankstelle war (was davon kommt, wenn man nicht alle Hotelinformationen auf den Onlineportal liest), aber heute ein wunderbarer, trockener Erdenfleck ist.

Und was denkt sich Jakobus? Dienstag, super, da lassen wir es heute mal krachen. Die Bauern wird es freuen. Und was gestern noch die größte Sorge laut Pilgerführer war, nämlich dass ich eine weitere langweilige Etappe so kurz vor der größten Stadt auf dem Weg, Leon, vor mir habe, hört sich heute schon fast wie Süßholzgeraspel an:

„Die lange und eintönige Strecke zwischen El Burgo Ranero und Reliegos wird unsere Entschlossenheit auf die Probe stellen, das Grab des heiligen Apostels zu Fuß zu erreichen. Auf halber Strecke gibt es einen Brunnen, dennoch müssen wir vor allem im Sommer ausreichend Wasser mitnehmen.“ (Gronze, Pilgerportal)

Ja, Wasser habe ich genug. Sozusagen von oben. Da werde ich das Grab des Heiligen Apostels locker zu Fuß erreichen, und noch eine ganze Menge übrig haben. Aber als es dann auch noch zu anfängt zu gewittern, und man als gutausgebildeter Pionier oder Pfadfinder der alten Physik die Zeit zwischen Blitz und Donner in Sekunden zu zählen beginnt, und die Zahlen immer weiter in den unteren, einstelligen Bereich rutschen, da rutscht auch das Herz ein bisschen mit nach unten. In den einstelligen Bereich der Hosentasche. Na heute werde ich wenigstens nicht nur vom Schwitzen nass. Hinter mir, vor mir, links von mir, rechts von mir, überall Regengestalten und das „Buen Camino“ verflüssigt sich, sobald es die Lippen verlässt. Sch… Tag, könnte man schreien, wenn man natürlich als erfahrener Pilger nicht wüsste, dass auch ein Regentag dazugehört. Ein Regentag gehört dazu, ein Regentag gehört dazu, ein Regentag… Schön.

Schnell sind meine tollen Wanderschuhe pitschnass, aber das lenkt wenigstens meine Gedanken vom Kopf auf die Füße. Die Gehwerkzeuge spielen bei einem 800 Kilometer-Marsch immer auch in Pilgergesprächen eine große Rolle. Bleibt jemand zurück, dann ist es nicht die Kondition, sondern dann sind es immer die Füße. Paula, die Volleyballerin, hat sich ganz Profi die Beine von unten nach oben durchgetaped. Na, wenn es hilft. Knieschützer sind sehr beliebt, und immer wieder die Frage nach Blasen. Ist jetzt nicht mein Hauptthema, weil mich in den letzten 30 Jahren weder Blasen, noch Schmerzen der Achillessehne, noch Knie vom Laufen abgehalten haben. Ich bekomme keine Blasen, solange ich meine Schuhgröße dem Fuß und nicht dem Schuh anpasse. Nicht meine Klagemauer, ohne dass ich daran selbst einen Verdienst hätte. Aber für viele andere ist das ein Thema, und das ist dann eben so. Aber wenn die Blasen kommen, dann ist der Camino bestens vorbereitet. Noch nirgendwo auf der Welt habe ich Automaten gesehen, ähnlich unseren Trinkautomaten, aus denen man Blasenpflaster, Fußcreme, Kniebandagen, Elastikbinden oder auch einfach nur ein Tape ziehen konnte. Hier in Spanien gibt es das. Also wird es wohl auch gebraucht werden. Fazit: Knie, Fuß, Waden – behandelst du am Automaten.

Nach 20 Kilometern kommt endlich Mansilla de las Mulas, Mansilla der Maultiere. Und hier wagt sich plötzlich die Sonne heraus. Sie wirft einen Strahl über einen kleinen Bauernmarkt mit Gemüse, Käse und Schinken aus der Region. Die Menschen sitzen rund um den Marktplatz und trinken fröhlich ein Gläschen Rotwein. Es ist Halb Zwölf. Und dann wartet da die Kirche Santa Maria. Eigentlich eine Kirche wie jede andere, ein bisschen bescheidener, eine Pilgerstatue auf einer Säule. Aber der pudelnasse Wanderer sucht nur nach Wärme und Trockenheit. Und drinnen singt die argentinische, Katholic-Pop Sängerin Athenas „Contigo Maria“. Da bleibst du stehen und hörst zu. Ganz schön kitschig.

In dem Moment weißt du, der Weg ist nicht unter deinen Füßen, der Weg ist in dir. Die letzten fünf Kilometer vergehen wie im Flug. Und als ob der Wegheilige sich doch noch einen kleinen Scherz erlaubt, heißt die nächste Albergue „El Delfín Verde“, der Grüne Delfin. Und sie hat einen riesengroßen Pool im Garten. Ja, jetzt weiß ich zwar, warum ich meine Badehose eingepackt habe, aber nun müssen wir nur noch den richtigen Tag dafür finden, Mensch heiliger Jakobus ganz schön daneben!

Erkenntnis des Tages: Der Weg ist nicht der Matsch an deinen Schuhen. Der Weg ist in dir.

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