Pilgern bedeutet, seine Tag zu strukturieren, sein Gepäck zu minimieren und dadurch unendlich viel Zeit für die Findung des inneren Ichs zu bekommen. (Karsten Dusse, „Achtsam Morden am Rande der Welt“)

Von León nach Hospital de Orbigo, 18. Etappe, 32 Kilometer
Leon schläft noch, als ich die Stadt um sieben Uhr verlasse. Klar, wo das Leben erst 21 Uhr erwacht, herrscht am nächsten Morgen Totentanz. Genau umgekehrt zu Schwerin. Antoni Gaudi sitzt einsam auf seinem Platz auf der Bank gegenüber der Casa Botins. Und kann nicht weg. Überall sind die Straßenkehrer unterwegs, nicht mal eine Bar hat hier im Zentrum geöffnet. Das war die letzten Tage auch schon anders. Da war schon der erste Trucker um die Zeit beim Morgen-Baileys. Jetzt zum Place de Marco und dann weiter auf dem Camino. Hier bin ich vor zwei Jahren schon einmal zum Camino de Compostela aufgebrochen. Was hat mich damals bewegt?
Leon verlässt man durch sich lang hinziehende Vorstädte. Wenn man denn erst mal die Einfädelung auf den Camino gefunden hat. Damals bin ich anderen Pilgern hinterher gestürzt. Während viele ihr Handy herausholen, um sich auf den rechten Weg zu navigieren, wissen die Japaner immer schon Bescheid. Schon damals hatte ich den begründeten Eindruck, dass die ihr Navi im Kopf haben. „Die Japaner sind mein Navi“, schrieb ich damals in meinem Blog. Die sind uns halt immer voraus.

Von nun an werde ich jeden Morgen mit der Sonne im Rücken losgehen. Auf meinen Weg nach Westen werde ich Tag für Tag meinen Schatten hinter mir lassen. „Jetzt beginnt der Weg, das große Abenteuer. Camino, wohin wirst du mich führen“, schrieb ich damals. Witzig – nach León schon exakt zwei Jahre später. Aber wie damals, führt der Weg erstmal eine Stunde durch die Vororte. Von wegen, der Camino ist ein Weg der Erleuchtung. Ich fürchte eher, es gibt keine Erleuchtungsgarantie. So wie es im Urlaub keine Erholungsgarantie gibt. Momentan leuchtet hier gar nix. Nur die Sonne beginnt zu brennen. Aber die gibt es ja inzwischen Zuhause auch in gleichen Lux.
Apropos Erholung, da laufe ich nun schon zwei Stunden an Einfahrtsautobahnen entlang, dass ich schon nicht mehr daran glaube, dass ich meinen Schatten überholen werde, sondern ihm nur hinterherhetze. Der Camino als Weg, auf dem man sich selbst hinterher hetzt? So habe ich das noch gar nicht gesehen. Und fange an zu grübeln. Jetzt, nachdem ich mein ganzes Leben irgendwelchen Geschichten, Politikern, Wahrheiten hinterher gehetzt bin, lande ich an dem Punkt, an dem ich mir selbst hinterher hetze? Ist es das, wovor mich kürzlich eine Freundin warnte „Stefan? Du planst schon wieder alles vor.“ Nun gut, ich habe ja noch 300 Kilometer, um mir zu überlegen, wie das Leben nach dem Camino weitergeht.
Die letzten 40 Jahre vor dem Camino, mal vorausgesetzt, dass es mir mit vier, 14 oder 24 Jahren nicht eingefallen wäre, einen Wanderweg in Spanien abzulatschen, waren jedenfalls prall gefüllt mit Leben. Und das soll auch weiter so bleiben. Nur eben anders. Es ist schon erstaunlich, was man aus so einem Arbeitsleben mitnimmt. Bei mir war es zum Schluss eine Umzugskiste. Eine Umzugskiste Leben. Nein, stimmt nicht, Berufsleben. Darin ein paar Erinnerungen, ein paar alte Zeitungen, solange es sie noch gibt, und eine Akte über das Leben eines Politikers von seinen politischen Anfängen bis heute, die ich nicht wegwerfen wollte, mit der ich ihm aber auch nicht auf die Füße treten wollte.
Dabei war dies bestimmt die spannendste Zeit des politischen Journalismus in Europa überhaupt. 1920er mal herausgenommen. Ein ganzes Volk hat sich einen Neubeginn geschenkt. Der Politiker war vorher kein Politiker, aber vielleicht schon in einer Partei, der spätere Unternehmer war noch nie Unternehmer, aber hatte sich vielleicht schon immer darüber geärgert, dass er das nicht werden konnte, der Journalist kannte keine Pressefreiheit, bekam das Größte auf der Welt und musste selbst erst lernen. Nämlich, dass Pressefreiheit nichts mit Besserwisserei zu tun hat, sondern mit Recherche und Wahrheit. Was ja viele heute nicht mehr glauben. Und denken, es ginge um Meinung. Auch Journalisten. Nun jaaaa, werdet ihr einwenden. Ganz so frei war das alles schließlich mit dem Einigungsvertrag und seinem Anschlussparagraphen nicht. Und die, die genau wussten, wie es geht, kamen ja auch gleich in Scharen mit. Ja, aber das ist ein anderes Thema.
40 Jahre, das sind nicht nur Erinnerungen, das ist Leben. Und das Leben steckt in einem selbst. Das Leben braucht keinen Möbelwagen. Und die ein oder andere Sache muss man ohnehin mit sich selbst ausmachen. Denn wenn auch das Berufsleben in eine Kiste passt, das Leben, seine Abbiegungen und seine Verästelungen mit Früchten und Früchtchen passen niemals in eine Kiste, nicht mal in die letzte. Und das ist gut so. Bevor es jetzt ins persönliche geht, war ich dennoch erstaunt, dass ich mit einer Kiste unter dem Arm meine Zeitung verließ. Viele meiner Kollegen und Freunde in der Redaktion haben mir einen großartigen Abschied geschenkt. Und die anderen haben ihr Gesicht gezeigt. Wie erwartet.
Aber, so ist eben das Sein. Das legt man nicht ab. Nach dem Motto, ach jetzt habe ich 40 Jahre geschrieben, nun laufe ich mal 40 Jahre, dann liege ich mal 4000 Jahre… Ich schreibe das hier, weil ich es will, und weil ich es hoffentlich kann. Und weil es mir Spaß macht. Der große Niedergang des heutigen Journalismus, bei dem viele, viele Rädchen ineinandergreifen, begann auch damit, als sich Journalisten in ihrer eigenen Funktionsbeschreibungen schreiben ließen: „Er schreibt nicht selbst.“ Verstehen jetzt vielleicht nicht alle, nennen wir es mal Funktionärsjournalismus, bei dem alles andere zählt, nur nicht der Leser. Aber das ist auch schon wieder ein anderes Thema. Er schreibt ja selbst. Und alle Guten, die ich kenne, tun es auch.
Übrigens, mein ehemaliger Chefredakteur und inzwischen auch Freund, Michael, der einen sehr guten täglichen Newsletter schreibt, sagte mir kürzlich zu meinem Blog. „Wenn du jeden Abend versuchst, eine Reportage zu schreiben, dann findest du nie zur Einkehr.“ Woran erkennt man den Chefredakteur? Er hat nicht gesagt, wenn du jeden Abend eine Reportage schreibst, sondern versuchst. Hi, hi…
Erkenntnis des Tages: Hetze nicht deinen Schatten nach, gehe deinen Weg.
