Roter Mohn, das ist der Jakobsweg

Pilger sind Menschen, die sich für das mehrfache Jahresgehalt eines pakistanischen Textilfacharbeiters, die von diesem hergestellten atmungsaktiven Schuhe, Goretexhosen und Trekkingrucksäcke kaufen, und damit auf dem Rücken der dritten Welt die Luxusprobleme der ersten Welt wegwandern. (Karsten Dusse, „Achtsam Morden am Rande der Welt“)

Von Burgos nach Hontanas, 11 Etappe, 31 Kilometer

Manchmal hat es ganz den Anschein, dass sich die etwas größeren Städte am Wegesrand mit den Jakobsweg schwer tun. Klar, die tausenden Pilger im Jahr füllen auch hier die Herbergen. Aber kaum hat man den Stadtrand erreicht und will hinein ins Getümmel, so sucht man verzweifelt nach den gelben Pfeilen oder den Strahlen der Jacobsmuschel. Klar, so eine Stadt hat ein paar mehr Abbiegungen und Seitenstraßen, und es ist wahrscheinlich auch eine Frage des Aufwandes oder des Geldes im Stadtsäckl, an jeder Einbiegung ein Zeichen zu setzen. Aber aus der Sicht des Pilgers ist es eben schwer, sich im Gewirr der Gassen zurecht zu finden, zumal sich Herbergen mit dem Jakobswegzeichen schmücken, ohne dass man sicher sein kann, dass dort wirklich der Weg entlang läuft. Dazu kommen die örtlichen Stadtplaner. Reine Künstler, sage ich. Da wandelt sich die nunmehr schon seit hunderten Kilometern bekannte Muschel plötzlich in eine wunderschöne Schmiedearbeit aus Stahl, die nur keine Sau als Wegzeichnung erkennt. Also zumindest nicht so ein unbedarfter Kunstbanause wie ich. Oder jemand findet es lustig, in Logroño mannshohe Pilger aufzustellen – aus Stahl natürlich, deren Nase in Wegesrichtung zeigt. Ja, woher soll der Pilger das wissen, wenn er das erste Mal in In eine Stadt kommt? Immer der Nase nach? Lustig.

In Burgos geht es, Jakobus sei Dank, immer an den Fluss Arlazón entlang. Und ganz anders als mein Kumpel Christian es beschrieb, ging es gar nicht durch Industriegebiete, sondern immer schön durch den Stadtpark bis direkt zum Hotel. Heute Morgen muss ich allerdings die Einfädeln zum Camino de Santiago wieder finden, und das stellt sich ebenfalls als nicht ganz ohne heraus. Aus der Stadt komme ich recht schnell, aber die Pilgerzeichen sehe ich nur sporadisch. Dank Google Maps gar kein Problem, aber das kostet halt Akku. Wenn jemand tatsächlich diesen Blog liest, und tatsächlich mit dem Gedanken spielt, dann merken: Ein starker Ersatzakku wäre eine gute Idee.

Komisch, hinter der Stadt ist wieder alles klar. Ein gelber Pfeil auf die Straße gemalt, kann ja eigentlich nicht die Welt kosten. Aber wer weiß, was gelbe Farbe in Spanien kostet. In Burgos Villalbilla sehe ich auf dem Dach eine Feldsteinkirche sogar ein Storchenpärchen. Oder sind das die ersten Geier, die auf den erschlafften Pilger harren? Doch dann kommt es. Ein Riesenautobahnkreuz. Natürlich hören hier die Jakobswegzeichen prompt auf. Wie soll man sich denn hier zurechtfinden? Vorsichtig, länglich Leitplanke entlang, die mir jetzt mein Google Maps zeigt, taste ich mich über und unter Brücken hindurch. Was hat sich Spaniens Fremdenverkehrsverband denn dabei gedacht? Konnte sich mal wieder der Tourismusminister nicht gegen den Verkehrsminister durchsetzen? Das ist ja lebensgefährlich. Und wahrscheinlich hätte man auch hier eine gute Lösung finden können, wenn schon Millionen in ein solches Kreuz gesteckt werden.

Doch kaum habe ich die richtige Ausfahrt genommen, seltsamerweise spricht auch das Wander-GPS plötzlich von „Fahren“, ist der Spuk wieder vorbei. Und wie vom Himmel gefallen, gelbe Pfeile, gelbe Pfeile, gelbe Pfeile. Wie schön, hier begegne ich auch Nico aus Berlin wieder, mit dem ich schon einmal eine Strecke hinter Puente la Reina gegangen bin. Er berichtet mir, dass er drei Tage aussetzen musste, weil er sich in einem überfüllten Schlafsaal im Logroño eine Grippe geholt habe. Nico hatte hinter Puente la Reina noch eine Kollegin dabei, die ist aber schon in Viana kleben geblieben. Die Füße.

Umgehend möchte er von mir wissen, warum ich den Weg gehe. Das ist mir jetzt aber doch ein bisschen zu schnell und zu nahe. Ich nuschele etwas von Abstand und Jobende und neuer Abschnitt und neuen Wegen. Ich will doch nicht einem dreißigjährigen Berliner hier nach drei Minuten mein Herz ausschütten. Aber dann kommt es. Er sei aus ganz vielen Gründen auf dem Weg, erzählt er mir. Sein Bruder sei vor zwei Jahren an der ersten Schutzimpfung gegen Covid gestorben. Seine Tochter habe eine schlimme Hautkrankheit. Sein Chef hat kein Verständnis für ihn. Er habe nicht einmal für den Camino Urlaub erhalten, so dass er eben unbezahlt frei genommen habe. Und er habe in den letzten vier Wochen keine zwei Tage am Stück frei gehabt. Er arbeitet bei einem privaten Pflegedienst. „Mal früher Feierabend hab ich eigentlich nur, wenn ein Patient stirbt“, sagt Nico. Wow, das ist jetzt aber mal eine Packung. Da ist jemand vom Unglück verfolgt. Oder fühlt sich verfolgt. „In jeder Kirche, die mir hier begegnet, bete ich für meinen Bruder und für meine Tochter“, berichtet Nico. Nach der Mutter seiner Tochter frage ich ihn mal lieber nicht.

Bete ich mal für ihn, dass er hier auf dem Weg ein wenig Zufriedenheit findet, und er sich nicht mehr ganz so als Zielscheibe der Ungerechtigkeit der Welt fühlt. Irgendwo in Rabé las Oalzadas bleibe ich an einer riesigen Kirche stehen. Ich fotografiere ein wenig. Mitglieder der Kirchgemeinde hängen gerade Fotos an den Mauern auf. Nico zieht weiter. Vielleicht hat er das Beten heute ausgesetzt.

Man sieht auf dem Weg ganz selten Gruppen. Hier und da geht mal ein älteres Pärchen, das sich gegenseitig hilft. Dann trifft man zwei junge Mädchen, die sich ja immer etwas aus ihren reichhaltigen Erfahrungen zu erzählen haben. Aber die meisten Pilger gehen alleine, suchen ihren Weg, und sind fest in ihren Gedanken versunken. Auch ich ordne mir hier in meinem Kopf ein Bild von meiner Welt, von den Menschen um mich herum. Irgendwie setzt sich das alles zusammen wie in einem Puzzle. Mal greift ein Teil in das andere, mal muss ich es beiseite legen, um es später wieder aufzuheben. Ich bin so gespannt, was für ein Bild am Ende entstehen wird. Eines weiß ich allerdings schon jetzt, den Camino de Campostela betritt man nicht voller Sorgen und verlässt ihn voller Zufriedenheit. Man kann bestimmt seine Welt ordnen, weil man sich hier einmal im Leben, einmal im Jahr, einmal überhaupt die Zeit dafür nimmt. Aber man ändert hier nicht seinen Chef und die ganze Welt, Nico. Wenn wir viel Glück haben, ändern wir uns ein bisschen und der heilige Jakobus hilft uns dabei. Aber der Jakobsweg wird unsere Welt nicht verändern. Wenn wir zurück sind, wird sie genauso da sein, wie wir sie verlassen haben. Die Frage ist nur, ob wir sie noch genauso sehen.

Die heutige Etappe ist traumhaft schön. Nach Tardjajos und Hornillos del Camino wandere ich hinauf auf die Hochebene der Mesata und hinein in das Dorf Hontanas. Hier sollen angeblich vor 20 Jahren noch keine Autos gefahren sein, nur Pferdefuhrwerke. Das Dorf ist tatsächlich ziemlich ausgestorben. Aber der Weg dahin voller roten Mohn links und rechts. Ich höre das Lied „Roter Mohn“ von Rosita Serrano aus dem Jahr 1938, das später noch einmal durch die junge Marianne Rosenberg neu interpretiert wurde. Unbedingt anhören! Die Kirchenglocken läuten, während ich schreibe…

Erkenntnis des Tages: Der Jakobsweg verändert nicht die Welt, aber vielleicht unsere Sicht auf sie.

Achtsam Morden auf dem Jakobsweg

Wir alle sind Pilger, die auf ganz verschiedenen Wegen einem gemeinsamen Ziel zuwandern. (Antoine de Saint-Exupéry)

Von Ibeas de Jurraos nach Burgos, 10. Etappe, 15 Kilometer

Es ist wirklich besser, am frühen Morgen zu laufen, da knallt die Sonne noch nicht so, geben Pilgerführer gerne Rat. Hey, wieso „da knallt die Sonne noch nicht“? Heute Morgen sind es hier in Ibeas genau 6 Grad Celsius. Ich suche meine Strickunterhosen. Die ich natürlich nicht dabei habe. Ja, nicht mal habe. Ich habe zu Hause ja auch noch extra die etwas dickere Jacke ausgepackt, um sie unter der spanischen Sonne nicht 800 Kilometer weit schleppen zu müssen. Also hilft nur das Zwiebelprinzip. Ein langes Sweatshirt, T-Shirt, dünne Jacke, lange Hosen, Käppi… Doch die Zwiebel friert immer noch. Was für ein unerwartetes Dilemma.

Aber würde ich nicht genauso jammern, wenn es um 8 Uhr schon 28 Grad wären? Man kann es halt den Menschen nie recht machen. Dem Pilger im Allgemeinen schon gar nicht.

Heute geht es nach Burgos. Ich habe von Ibeas extra nur 15 Kilometer Weg eingeplant, damit ich mir die erste größere Stadt auf dem Camino näher anschauen kann. Zudem gab mir mein langjähriger Kollege Christian noch den Tipp, am Stadtrand doch den Bus zu nehmen. Bevor der Pilger kilometerlang durch Industriegebiete und an Autohäusern vorbei schlurft. Es geht ja schließlich nicht um den heiligen SEAT, sondern um den heiligen Jakobus.

In der Pension begegne ich Zala aus Ljubljana. Ich habe die sportliche Frau mit den kurzen blonden Haaren bereits auf dem Weg gesehen. Als ich gerade mit der Wirtin berate, welchen Bus man am Stadtrand von Burgos nehmen könnte, damit man ins Zentrum kommt, schaltet sich Zala ins Gespräch ein. Die Wirtin konnte mir absolut nicht helfen, welches die richtige Busnummer sei, gab mir aber den wertvollen Tip, wenn ich an eine Bushaltestelle kommen sollte, dann doch die dort stehenden Spanier zu fragen. Zala aus Slowenien meinte nun wiederum, es sei besser mit dem Taxi zu fahren. Sie war gestern schon in Burgos, fand dort aber keine Unterkunft, und sei dann wieder die 15 Kilometer mit dem Taxi zurückgefahren.

Da frage ich mich doch umgehend, wie kommt man auf diese kleine, schlecht ausgeschilderte Pension in diesem kleinen Nest vor der Stadt, nach der ich gestern selbst erst einmal 10 Minuten suchen musste, weil sie in dem Häuserwirrwarr des Ortes nicht recht auszumachen war? Zala erzählte mir, dass sie bereits das dritte Mal auf dem Jakobsweg sei, und sich sozusagen auskenne. Aha. Aber keine Unterkunft in Burgos finden. Schließlich erzählte mir die Drefachpilgerin aus Slowenien, dass sie gestern 45 Kilometer gegangen sei. Wow. Ja, und am Vortag seien es sogar 48 gewesen. Da habe ich also eine Kampfpilgerin getroffen.

Noch nie hat mir jemand erzählt, dass er 45 und 50 km am Tag ginge. Ich wurde ich vor einigen Tagen als verrückt erklärt, als ich eingestand, 35 Kilometer gegangen zu sein. Natürlich locker, ließ ich noch heraushängen. Obwohl locker… Nein, 20-25 km sind eher das normale Maß. Sonst kommt man ja gar nicht zu innerer Einkehr.

Diesen Ratschlag bekam ich zumindest in dem christlichen Hospiz in Villamayor von einer Schweizerin, Sibyl. Auch sie ist gerade in den Ruhestand gegangen, in den vorzeitigen, und will nun von ihrem Beruf als Lehrerin ein wenig Abstand bekommen. Erzählte sie mir. Und, dass sie auf die Idee mit dem Jakobsweg wegen eines Buches gekommen sei. „Achtsam Morden“ von Karsten Dusse. In Teil 3 der Reihe – „Achtsam Morden am Rande der Welt“ – beschreibt dieser, wie ein Mord auf dem Jakobsweg so am Rande passiert. Das ist eine neue Buch-Serie, die an sich sehr amüsant ist, weil sie Morde als Resultat einer psychoanalytischen Behandlung des Helden in den Mittelpunkt stellt. Aber ein solches Buch als Ausgangspunkt und Inspiration für den Jakobsweg? Das finde ich schon irgendwie komisch. Ich sehe mir meine Mitpilger jetzt doch ein bisschen genauer an und halte mich von Sibyl fern. Man weiß ja nie. Zumal der Romanteil mit den Worten beginnt: „Jeder Mensch, der geboren wird, stirbt. Das ist unglaublich beruhigend. Statt uns jeden Tag mit der Frage zu belasten, wann wir sterben werden, könnten wir uns auch jeden Tag an der Frage erfreuen, wie wir an all den anderen Tagen leben wollen.“ Zu Fuß ins Ich also…

Zurück zum Jakobsweg. Wenn ich es so recht bedenke, ist doch zwischen 20 beziehungsweise 25 Kilometern und 40 beziehungsweise 45 Kilometern so um die 30 Kilometer das richtige Schrittmaß, oder nicht? Es kommt natürlich immer darauf an, dass es passt. Und 28-32 Kilometer passen für mich halt. Sieben Stunden Nachdenken am Tag ist doch eine gute Denkphase, oder?

Und wie gesagt, zwischendurch begegnet man ja immer wieder Pilgern, die gerne zu einem kleinen Plausch bereit sind. Und immer wieder lernt man Menschen kennen, die eine spannende Geschichte mit sich herumtragen. So wie gestern Paula aus Atlanta, Georgia, die mir erzählte, dass sie auch schon mal in Deutschland gelebt habe. In Wiesbaden. Aha. Sie habe dort Volleyball gespielt. Ja, aha. Wer spielt nicht alles irgendwann mal in seiner Jugend Volleyball? Sie kenne auch Schwerin. Aha. Vom Volleyball. Oh, jetzt wird’s interessant. Wo sie denn Volleyball gespielt habe, will ich wissen. In der ersten Bundesliga der Frauen, sagt sie, beim VC Wiesbaden. Na, die flunkert doch, denke ich mir noch, obwohl sportlich sieht sie aus. Als Profi, sagt sie, sie ist Paula Gentil, und hat 2008-2009 für Wiesbaden gespielt. Das muss ich doch flugs bei Dr. Google nachschlagen, und ja, es stimmt.

Paula Gentil war dreimalige All-American und führte Minnesota zu zwei Final Four-Teilnahmen. Sie stellte 2004 den NCAA-Saisonrekord auf, lese ich nach. Und jetzt arbeitet die 41-Jährige in der Biomedizin und braucht eben mal eine Auszeit. Also ein Selfie zum Angeben.

Das Foto habe ich natürlich gleich meinem Freund Ingo geschickt. Der kennt sich in Volleyball aus. Und wenn man auf dem Jakobsweg schon mal einer lebendigen Heiligen der NCAA begegnet, dann muss man doch damit angeben. Natürlich habe ich es nicht so einfach gemacht, sondern ganz scheinheilig gefragt, ob er die Volleyballerin an meiner Seite erkenne. Fabiana Oliviera kam es sofort wie aus der Pistole geschossen zurück, zweimal Olympiagold für Brasilien. Wer ist nun wieder Fabiana Oliviera? Na, vielleicht morgen…

Genau von meinem Hotelbalkon in Burgos (50 Euro) blicke ich auf die Brücke Santa Maria, die auf das Arco Santa Maria, das Tor Santa Maria, hinführt. Dahinter ist schon von hier die Kathedrale von Burgos zu sehen, natürlich am Plaza de Santa Maria. Sie gilt als eine der größten Glaubensburgen Spaniens, zusammen mit Sevilla und Palma de Mallorca. Im gotischen Zuckerbäckerstil seht sie der Sagrade de Familía von Antoni Gaudi in Barcelona in nichts nach. Und ist natürlich Weltkulturerbe. Nur der französische Baumeister ist nicht bekannt. Für ein Bauwerk, das Jahrhunderte bis zur Fertigstellung brauchte, ist sie ziemlich wie aus einem Guss. Alles andere kann man nachlesen. Witzig sind wie so oft die Details im Inneren. Außer, dass das Hauptschiff völlig verbaut ist, findet sich hinter der Doppelturmfassade ein kleines Wahrzeichen in solcher Höhe, dass man den Kopf in den Nacken legen muss: der Fliegenschnapper. „Papamoscas“. Zur vollen Stunde öffnet die sehr realistische Nachbildung eines mittelalterlichen Gauklers zu jedem Glockenschlag den Mund und schließt ihn wieder. Allerdings behaupten die Einheimischen, die wirkliche. Fliegenschnapper ständen unten im Kirchenschiff, die die Figur mit weit geöffneten Mündern bestaunten. Wer weiß. Ich hab ihn nicht schnappen gesehen.

Bekannt ist Burgos auch für seine Speisen, z.B. Morcilla de Burgos, eine Art Blutwurst mit Reis, Zwiebeln und Schmalz, die in Scheiben geschnitten warm gegessen wird. Gerne auch auf einem Bett aus Kartoffeln und mit lange durchgekochtem Schweineohr und Schweineschnauze serviert. Blutwurst probiert, lecker. Schweineohr ignoriert, besser. Eine tolle Stadt, die man überhaupt nicht auf dem Schirm hat.

Natürlich lebt man auch als Pilger in Spanien nicht ganz abgeschieden von den Nachrichten aus der Welt und vor allem aus Deutschland. Habe gestern einen Tweet von Patrick Dahlemann, Chef der Staatskanzlei in Schwerin und Vertrauter von Manuela Schwesig, verfolgt. Dahlemann ist als SPD-Mann mit einem Dreierbündnis mit Links-Genossen in seinem neuen Heimatdorf Mönkebude zur Kommunalwahl angetreten und brüstete sich nun seines großen Wahlerfolgs – und bekam postwendend die Hucke voll. Er hat zwar durchaus beachtliche 455 Stimmen bei den Kommunalwahlen erhalten, aber den großen Erfolg hatte in Wirklichkeitdie die CDU mit Christoph Bade mit 950 Stimmen. Diese ständigen Übertreibungen sind es, die die Leute aufregen… Und die die herkömmliche Politik unglaubwürdig machen. Und wenn es dann schiefläuft, sind die anderen Schuld, z.B. der Bund.

Erkenntnis des Tages: Man weiß nicht immer, wer der wirkliche Fliegenschnapper ist. Mitunter man selbst.

Die Gewerkschaft des Himmelreichs lässt grüßen

Most of the time, when you don‘t get answer, it’s because you didn‘t find a good question.

Von Ciruena über Santo Domingo nach Belorado, 8. Etappe, 26 Kilometer

Santo Domingo de la Calzada ist nach dem heiligen Domingo benannt, der hier im Mittelalter ein Hospiz für die Armen errichtete und sich ihrer annahm. Die romanisch, gotische Kathedrale auf dem Domplatz ist ihm gewidmet. Aber wenn man die malerische Altstadt betritt, kommt man zuerst an der Monasterio Cisterciense aus dem 17. Jahrhundert vorüber, der Pilgerherberge des Zisterzienserklosters. HaPe Kerkeling behauptet in seinem bekannten Buch aus dem Jahr 2001, dass er hier einmal von vier Uhr bis sechs Uhr morgens in einer sehr unerquicklichen Situation eingeschlossen gewesen sei. Weil er frühmorgens nach Stunden von Schlaflosigkeit, geschuldet dem Schnarchen anderer und laufender Toilettenspülung, aus der Klosterherberge mit ihren fünf Schlafsälen zu je neun Betten flüchten wollte, packte er voller Hast seine Sachen und nichts wie raus. Laut schlug die schwere Klosterpforte hinter ihm ins Schloss. Wo er nur zwei Meter vor sich ein festverschlossenes Gitter vorfand. Ja, es ist halt ein Nonnenkloster. Doppelter Verschluss von innen – und von außen. Dort saß der sonst stets zu Scherzen aufgelegte Pilger zwei Stunden in der Kälte gefangen. Bis punkt sechs Uhr die Dienst-Nonne das schwere Gitter öffnete. So beschreibt er es zumindest. Eine Geschichte, die sich bei Prüfung der näheren Umstände durchaus so zugetragen haben könnte. Wie ein Foto zeigt. Hundekalt ist es jedenfalls heute Morgen hier auch.

Monasterio Cisterciense

Überhaupt scheint die Obernonne des Monasterio die Pilger gerne ein wenig zum Narren zu halten. Da steht doch am festverschlossenen Eingangstor ein durchaus pilgerfreundlicher Hinweis „Klostergebäck, Wein, Mandeln, Nüsse, Quitte zum Verkauf am Eingang der Hospederia, Calle Pinnar Nr. 2“. Also stiefel ich los, an sechs Meter hohen Mauern vorbei bis zur Calle Pindar. Was ich nicht finde, ist das Klostergebäck. Die Klosterbäcker hatten wahrscheinlich gestern, am Sonntag, frei. Gut kein Gebäck. Nur Gepäck.
Auch ansonsten höre ich wohl den Gottesdienst und die Litaneien im Inneren, aber von Außen ist nur zu lesen: Türzeiten von 11 bis 13:30 Uhr. Na, dann eben nicht. Ich habe ja meinen Kummerstein, erzähle ich eben dem alle Geheimnisse. Da wird sich Gott ganz schön ärgern. Ich wusste doch schon immer, die katholische Kirche ist nichts für jeden. Das wundert mich schon seit Tagen. Es stehen zwar wundervolle Gotteshäuser, ja Kathedralen am Wegesrand, aber man kommt nicht hinein. Anders, als man es zum Beispiel aus Polen kennt, wo die Menschen vor dem Sündigen im Job schnell noch mal in die Kirchen flutschen. Oder in Südamerika, wo Familien ganze Tage in ihrer Kirche verbringen, und in Cusco sogar ein gebratenes Meerschweinchen auf dem Tisch des „Letzten Abendmales“ liegt. Kann man drüber nachdenken. OK, was will uns die spanische Kirche sagen? Du kommst hier net rein? Oder, auch Gott hat Öffnungszeiten? Oder einfach nur, die Gewerkschaft des Himmelreichs lässt grüßen. Und wenn es diese Gewerkschaft gibt, ist dann der Papst der Gewerkschaftsführer oder der Stellvertreter des CEO?

Die Kathedrale von Santo Domingo ist nicht nur groß und großartig, sondern sogar geöffnet. Hier entschließe ich nicht dann doch fünf Euro Eintrittsgeld zu investieren, vor allem wegen einer sonderbaren Geschichte. In der Kathedrale lebt in einem goldenen Käfig ein weißer Hahn mit Henne. Und das kam so:
Unter den vielen Pilgern nach Santiago de Compostela, die in St. Domingo de la Calzada Halt machten, befand sich im Mittelalter ein Ehepaar mit ihrem achtzehnjährigen Sohn Hugonell aus Xanten. Das Mädchen im Gasthaus, in dem die Familie untergebracht war, verliebte sie sich in ihn. Angesichts seiner Gleichgültigkeit beschloss sie Rache zu nehmen, so geht die Geschichte. Das habe ich mir nicht ausgedacht. So steckte sie einen silbernen Becher in sein Gepiick, und als die Pilger ihre Reise fortsetzten, zeigte das Mädchen den Diebstahl an. Das Gesetz des Mittelalters ahndete den Diebstahl von Silber mit der Todestrafe, sodass der unschuldige Pilger gehängt wurde. Mittelalter halt. Als die Eltern kamen, um ihren erhängten Sohn zu sehen, hörten sie plötzlich die Stimme ihres Sohnes. Der erzählte ihnen, dass der Heilige Domingo de la Calzada sein Leben gerettet hätte. Sofort gingen sie zum Richter der Stadt und berichteten ihm von dem Wunder. Ungläubig erwiderte dieser, ihr Sohn sei so lebendig wie der gebratene Hahn und die Henne, die er soeben verspeisen wolle. In dem Moment sprangen der Hahn und die Henne vom Teller, und fingen an zu gackern. Seitdem sagt man: „Santo Domingo de la Calzada brachte das Brathähnchen zum gackern!“ So kamen der Hahn und Henne in den Dom.

Eine weitere Legende besagt, wenn ein Pilger den Dom betritt und der Hahn kräht, dann ist ihm Santiago de Campostela sicher. Nach mir kräht kein Hahn. Muss ich mich eben auf mich verlassen, und auf alle, die mir die Daumen drücken. Das ist auch genug. Vielleicht hätte ich 15 Euro Eintritt geben sollen. Irgendwie erinnert mich der goldene Käfig an den Käfig in dem ein anderer Pilger 2001 vor dem Monasterio Cisterciense für zwei Stunden eingeschlossen war. Fällt mir jetzt gerade nicht ein.

Erkenntnis des Tages: Auch wenn kein Hahn nach dir kräht, geh Deinen Weg.

Die Kathedrale von Santo Domingo