Wie Lucia aus Wasser Wein macht

Der Jakobsweg ist eine Reise der Seele (Shirley MacLaine, 1934)

Von Villava nach Puenta de Reina, 28 Kilometer

Also heute von Pamplona nach Puente de Reina. Über die Herberge schweigt der Pilger. Ach nein, das wäre ungerecht. Lucia hat ein wundervolles Pilgermal angeboten. Darüber zu schweigen, wäre nicht richtig. Pilgermenüs gibt es hier in allen Herbergen. Sie bestehen zumeist aus drei Gängen nach Art der Köchin, also mitunter recht unterschiedlich, wie es die Köchin halt vermag. Aber immer reichlich. Dazu gibt es in der Regel die Wahl zwischen einer Flasche Wasser oder einer Flasche Wein. Es lässt sich leicht erraten, wonach der erschöpfte Pilger nach 35 km greift. Um Wasser handelt es sich in den meisten Fällen nicht, das hatte er ja schon den ganzen Tag. Ich habe schon Herbergen gesehen, da stand auf jedem Tisch eine Flasche Wein.

Also macht am Abend Lucia aus Wasser Wein. Und das funktioniert! Salat mit Thunfisch als Vorspeise, danach gebackene Paprika mit Hähnchenbrust, einem Stapel Hähnchenbrust, à la Pamplona und Pommes. Danach als dritten Gang Joghurt mit Früchten. Gut aus der Dose. Das schaffen nur die wenigsten Pilger, ich nicht. Und da man ja als Wallfahrer ein armer Schlucker ist, gab’s das gestern Abend alles zusammen für zwölf Euro. Da soll sich mal die heimische Gastwirtschaft ein Beispiel daran nehmen. Von wegen Pilgerwege in Vorpommern.

Aber wie das Leben so ist, es gleicht halt alles aus. Der Überschwang an Glück, der mit einem guten Mahl oft einhergeht, wurde wieder gerade gerückt durch das Zimmer mit Gemeinschafts-Bad über der Pilgergaststätte. Das Zimmer war ja noch ganz ordentlich… Das das Bad hingegen war mehr Gemeinschaft als Bad. Breiten wir den Mantel des Schweigens darüber. Jakobus wird sich schon etwas dabei gedacht haben, eine Wallfahrt ist ja schließlich keine Lustreise. Ein guter Grund, um früh heraus zu sein, der erste im Bad und weg.

Jeder, der die Altstadt Pamplona durchstreift, will natürlich wissen, wo die spektakuläre Stierlaufstrecke ist, von der man in heimischen Zeitungen immer wieder im Zusammenhang mit spektakulären Aufspießungen liest. Die Fiestas de San Fermin erlebe ich heute nicht, die ist nämlich Mitte Juli. Aber am Platz vor dem Rathaus kommen die Stiere von der einen Seite und die Jakobs-Pilger von der anderen. Zum Glück nie zur gleichen Zeit und nur für ein paar Tage im Jahr. Sonst hätte der heilige Jakobus wohl seine rechte Müh, die Wirksamkeit eines festen Gauben zu beweisen.

Apropos, hier begegnet mir, wie bereits in Burguete, Ernest Hemingway. Während der Schriftsteller in Burguete Ruhe suchte, kam er hierher tatsächlich zum Stierkampf. Er machte die Fiestas de San Fermin zum Thema seines Romans „Fiesta“ im Jahr 1926. Was „El Floridita“ in Havanna war, war das Café „Iruna“ in Pamplona. So viel zum Reiseführer von Andreas Drouve. Niemand soll glauben, dass ich das alles selbst weiß, zumal ich ja den Kopf voll Pilgern habe. Insgesamt kam Hemingway acht Mal zum Stadtfest nach Pamplona, das letzte Mal 1959.

Was ich aber selbst weiß: Wo geht denn hier der verd… ,verboten, der liebliche Jakobsweg lang? Zehnmal stehe ich in Apotheken, weil hier an jeder weiten Pharmacia die Jakobswegmuschel klebt. Alles natürlich offizielle Jakobswegretter für Pilger mit kaputten Füßen. Aber vielleicht ist die Jakobsmuschel an den Apotheken ja auch nur ein Indiz dafür, dass hier bei den meisten Pilgern das erste Mal gar nichts mehr geht. Da hat eben Pamplona vorgesorgt. Bisher habe ich nicht eine einzige Apotheke mit Jakobsmuschel gesehen. Hier dagegen an jeder Ecke. Es fehlt nur noch eine „HaPe Kerkeling Apotheke“, denn der hat bei seiner Pilgerreise 2001 hier auch das erste Mal die Segel gestrichen. In der Apotheke war er allerdings schon in Zubiri.

Jetzt aber weiter. Und außerdem soll ich kürzer werden, wurde mir von Lesern des Blogs bedeutet. Stimmt, das hab ich meinen Kollegen auch immer gesagt. „Das liest doch keine S…“, so die Kritik, ohne den Inhalt überhaupt zu kennen Wie schnell sich die Perspektive ändert. Aber wem das Herz voll ist, dem läuft die Zunge über. Aber wovon soll mein Herz voll sein? Ich bin ja sozusagen out of order. Außer Betrieb. Schieben wir’s mal auf vielen neuen Eindrücke. Und wenn die Beine laufen, mag der Kopf nicht still stehen. Na, Gott sei Dank, fast 40 Jahre lang rasten meine Gedanken wie eine Sturmflut durch meinen Kopf. Der müsste heute geradezu ein ausgewaschenes Flussbett sein. Man stelle sich einmal vor, die Beine, wären ständig den Gedanken hinterher gerast. Da finde ich es so schon weit besser.

Die Wege hinter Pamplona sind eher unspektakulär. Seid hier vor Jahren kopflos und ohne Rücksicht auf die Pilgerwege eine neue Autobahn durch die alten Pfade geschnitten wurde, geht es aus der Stadt zumeist an Straßen entlang. Ausgeschildert ist es zudem auch noch schlecht. Und ständig kommen einem andere entgegen, so dass man ständig zweifelt, ob man auf den richtigen Weg ist. Aber wahrscheinlich sind es nur diese berühmten Verkehrtrumwanderer, die die Kummersteine aus Santiago wieder zurück an den Ausgangspunkt tragen. Aber wie mag das mit ihren Pilgerpässen sein?

Pilgert man nach Santiago, bekommt man einen Pilgerpass und heutzutage sogar eine Pilgerpass-Nummer, damit das Ausstellen der „Compostela“ – der Urkunde über den Pilgerstatus -, in Santiago schnell vorangeht. Wenn da an manchen Tagen schon mal 6000-8000 Pilger ankommen, mussten sich die hohen Pilgerkommissare ein gutes System ausdenken, damit jeder seine Campostela über die gelaufenen Kilometer erhält. Eine solche Urkunde habe ich bereits von meinem Weg aus Leon vor zwei Jahren. Geht man von Saint-Jean-Pied-de-Port los, so reicht so ein Pass kaum, weil man sich ja in jedem Ort oder zumindest an jedem Tag zwei Stempel holen soll. Diese erhält man in den Pilgerherbergen oder in Kirchen. Aber inzwischen gibt es sie auch in Bars, Hotels, am Imbisswagen unterwegs. Eigentlich überall. Ich frage mich manchmal, ob nicht die meisten viel mehr Stempel aus den Bars haben als aus den Kirchen. Bei mir könnte sich das vor zwei Jahren so die Waage gehalten haben.

Aber wirklich wichtig sind nur die letzten 100 km. Wenn man zuvor aus jedem Ort einen Stempel hat, reicht das voll und ganz. Denn Jakobus-Pilger darf man sich nennen, wenn man die letzten 100 Kilometer gewandert ist. Und das mit zwei Stempeln täglich nachweist. Radfahrer 200 Kilometer. Aber wie ist das denn nun mit dem Verkehrtrumpilgern? Werden denen die noch nicht erhaltenen Stempel aus ihrem Pilgerpässen aus Santiago nach und nach durch Löcher ersetzt? Fragen über Fragen. Das kommt davon, wenn man den ganzen Tag nur durch Felder latscht und niemanden trifft. Und das bei 30 Grade Celsius, gefühlt 36… Manchmal habe ich den Eindruck, hier allein unterwegs zu sein.

Erkenntnis des Tages: Wenn die Beine laufen, mag der Kopf nicht stillstehen.

Wie ich dem heiligen Jakobus begegnete

El dia empieza bien.

Von Burguete nach Villava, 35 Kilometer

„Man muss einen Berg nicht zu besteigen, um zu wissen, dass er hoch ist“, heißt es bei Paulo Coelho in seinem sehr persönlichen Pilgertagebuch „Auf dem Jakobsweg“ aus dem Jahr 1986. „Das Schiff ist sicherer im Hafen. Aber nicht dazu wurden Schiffe gebaut“, lautet die Entgegnung des Pilgers. Das Buch ist sehr zu empfehlen. Es beschreibt sehr mystisch die Historie des sagenumwobenen Jakobswegs, der auch Milchstraße genannt wurde, weil sich die Pilger nachts an der Milchstraße orientierten.

Heute brechen nur noch die Japaner nachts um Zwei laut raschelnd in den Herbergen auf. Und die haben ihre eigenen Stirnlampen mit. Japanern leuchten wahrscheinlich keine Sterne. „Die Japaner machen’s (ja auch) mit den Stühlen“. Das ist nicht anzüglich gemeint, wie einige von euch, die mich kennen, wissen. So heißt eine CD, die ich mal bei einem Porträt-Wettbewerb von Claudia Gehrke auf der Buchmesse in Leipzig gewonnen habe. Wer Claudia Gehrke kennt, kann sich denken, worum es geht. Die anderen müssen halt googeln. Hat jetzt nichts mit Stirnlampen zu tun. Wie komme ich nur drauf? Ich habe mir es doch nie angehört.

Auf dem Höhepunkt des mystischen Weges zum heiligen Jakobus pilgerten im 14. Jahrhundert über eine Million Jakobusbrüder von SJPP nach Santiago de Compostela. Karl der Große pilgerte hier, Franz von Assisi, Isabella von Kastilien und sogar einige Päpste. Alle trugen die Muschel als Zeichen der Jakobs-Bruderschaft. Papst Johannes Paul II erklärte 1987 des Jakobsweg zum ersten europäischen Kulturweg.

Apropos tragen. Schwer vorzustellen, dass Karl der Große oder der Papst ihr Gepäck selbst mit sich schleppten. Aber was man hier auf dem Rücken einiger Wallfahrer sieht, beziehungsweise nicht sieht, ist auch beeindruckend. Ein Spiegelbild unserer Sozialisation. Heute Morgen beim Aufbruch in Burguete liefen zwei junge Spanierinnen vor mir, die man in ihrer Aufmachung wohl eher auf dem Laufsteg vermutet hätte. Knappe Hosen, früher hätte man Hotpants gesagt, enge, schwarze Glanzjacken, keine Rucksäcke. Braucht man ja auch nicht unbedingt. Es gibt ja genug Fahrdienste, mit dir dein Gepäck von Ort zu Ort fahren. Kurze Zeit später begegnete ich einer Südamerikanerin mit wilder Mähne, die auf ihrem Rücken nicht nur einen gewaltigen Rucksack platziert hatte, sondern natürlich zusätzliche Schuhe, zwei Jakobsmuscheln, Wasserflaschen, Bananen, und zwei Orangen. Das Gute, sie konnte das alles auf ihrem Rücken unterbringen, ohne dass seitlich etwas hervor stand. Orangen kleiden eben besser als nichts. Im ersten Dorf nach Burguete begegnete ich Jaque, einem Franzosen von gestern, der auf seiner dick gepolsterten Isoliermatte, über die ich mich noch gestern wunderte, auf einer Bank an einer Bushaltestelle übernachtet hatte. Gerade war er beim Frühstück. Es geht auch einfacher.

Die üblichen Socken zum Trocknen hängen heute auch bei mir an meinem Rucksack. Wasserbeutel gehört natürlich auch hinein ein ganz, ganz dünnes Handtuch, ein paar Sandaletten, Badeschuhe, um bei zweifelhaften Unterkünften nicht mit dem vor drei Tagen gescheuerten Boden in Berührung zu kommen, drei T-Shirts, ein paar lange Hosen, ein paar kurze Hosen, zwei Unterhosen, zwei Paar Strümpfe, ein Pollöverchen, Regenjacke, eine Badehose, Waschzeug einschließlich rei in der Tube, kein Rasiezeug, ich will mir ja einen Bart wanden lassen – bescheuert. Ein Ladegerät, das iPad für den Blog und natürlich eine winzig kleine Tastatur ist auch dabei. Macht zusammen neun Kilo. Mit Wasser zehn. Wer hätte das gedacht. Dabei sind es doch von jeden nur ein oder zwei Stücke? Nein, zwei Kondome habe ich nicht mit, wie in manchen Packlisten empfohlen wird, ich gehöre zu den anderen Pilgern. Zu denen ohne Pilgerstab, denn den habe ich noch immer nicht. Und in Saint-Jean-Pied-de-Port habe ich ja keinen bekommen. Das MUSS ich unbedingt meinem Kummerstein sagen. Aber ob der Geld dabei hat?

Zu allem Unglück rutschen mir heute Morgen die neuen Wandersocken in den Schuhen hin und her. Die sind doch brandneu und von Martina geschenkt, danke! Es war nur Phantomschmerz. Kurzer Halt an einem Muschelstein, Rucksack herunter, Schuhe aus, nichts gesehen. Gut, dann eben munter weiter. Martina an den Füßen kratzt mich nicht mehr. Es geht flott voran, auch wenn es über den wiederum 800 Meter hohen Erro-Pass gehen muss. Kaum war ich 500 Meter gegangen, da riefen mir aufgeregte Pilger hinterher. Ein Mann hatte mein Pilgeretui mit dem Geldbeutel am Muschelstein aufgefunden. Oh, Schreck. Aber es ist ja noch mal alles gut gegangen. Ich habe ihm reichlich gedankt. Das war bestimmt der heilige Jakobus. Ich habe ihn den ganzen Tag nicht mehr gesehen.

Der Tag fängt ja gut an. Und das meine ich auch so, der Tag fängt gut an. Wie muss man den Satz eigentlich betonen? Damit er nicht diesen fiesen zu Hause Touch bekommt. „Du hast den Geschirrspüler gestern Abend nicht ausgeräumt! Der Tag fängt ja gut an.“ Dann sage ich es eben mit meinem blendenden Google-Spanisch. El dia empieza bien. Gracias James.

Zubiri. Am Mittag bin ich in Zubiri. Hier nach 20 Kilometern hört für die meisten Pilger die zweite Etappe von Roncesvalles auf. Für mich nicht. Ich hänge noch einmal 17 km dran. Ich bin halt mehr so der sportliche Typ. Stefan mit den Marathonbeinen. Obwohl mit dem Marathon war es ja in der letzten Zeit auch nicht mehr so toll. Mehr Schummel als Fummel. Nein, ich mag es gern am Anfang etwas länger, am Ende etwas kürzer. Ist doch im Leben auch so. Natürlich nicht, was ihr denkt. Das kommt von alleine. Da braucht die Natur keine Ratio. Am Anfang ist das Leben unendlich lang, am Ende ist es kurz. Und dein ganzes Arbeitsleben passt in eine kleine Jaffakiste. Aber dazu kommen wir später hier ein gleicher Stelle nochmal. Bevor wir heute ins Philosophieren geraten.

Also Zubiri ist ein wunderbares Basken-Dörfchen, das man über eine gotische Brücke mit zwei Bögen erreicht, die je nach Lesart die Tollwutbrücke, wovor sie die Rinder heilen soll, oder auch Paradiesbrücke genannt wird. Wen sie davor heilen soll, ist nicht beschrieben. Die Pfarrkirche ist dem Heiligen Stefan gewidmet. Wozu brauchen die hier die ETA? Eine marxistisch-leninistische, seperatistische baskisch-nationalistische Untergrundorganisation. Gut, hat sich ja dann 2018 auch erledigt. Da wandert der Heilige Stefan nach einem guten Mittagsimbiss mal lieber weiter.

Apropos erledigt, um 17 Uhr bin ich endlich im Hostel in Villava vor den Toren Pamplonas, wie ich jetzt feststelle. Völlig fertig. 35 km – die längste Strecke auf der auf dem ganzen Weg. Den Rest? Fragt den Stein.

Erkenntnis des Tages: Wenn du noch gar nicht weißt, dass du Hilfe von Jakobus brauchst, ist er da und hilft dir. Aber ob das immer klappt?

Der kopflose Jakob ruft

Don`t dream it. Be it.

Von Saint-Jean-Lied-de-Port nach Burgete, 27 Kilometer

Vor wenigen Tagen endete ein weit beachtetes Opernspektakel von Florentina Holzinger im Mecklenburgischen Staatstheater mit einem Zitat des bekannten Songs aus der „Rocky Horror Picture Show“. „Don`t dream it. Be it.“ Daran hatte ich zwar nicht gedacht, als ich mir vor einem halben Jahr vornahm, am Ende meines Berufslebens als Zeitungsreporter etwas Neues anzufangen – und zwar mit dem Jakobsweg. Aber das scheint mir eine gute Entschuldigung zu sein, warum ich gestern von Hamburg nach Biarritz, von Biarritz mit dem Bus nach Bayonne, und heute Morgen 6.30 Uhr von da nach Saint-Jean-Pied-de-Port, dem Eingangstor zum Jakobsweg, geflogen und gefahren bin. Man braucht ja immer eine gute Begründung gegen seinen inneren Schweinehund und für die vielen Fragen „Warum machst Du das?“, „Warum machst Du das ohne Deine Frau“, „Warum machst Du das dort und nicht hier“. Also eben: Don`t Dream ist. Be it.

Den Jakobsweg gibt es ja inzwischen als ein ganzes Geflecht von Wegen. Vor einigen Jahren begegnete ich der typischen Muschel mit den Strahlen am Rennsteig. Kürzlich wurde ich gefragt, warum ich den Weg nicht in Vorpommen laufe. Und letzte Woche bot mir mein Freund Uwe Seppmann, der in Loiz bei Sternberg in MeckPomm ein Christliches Gästehaus betreibt, an, mir den ersten Wanderstempel bei ihm abzuholen. Was es mit den Stempeln auf sich hat, erkläre ich in einem der nächsten Teile.

Warum der Jakobsweg Jakobsweg heißt, darum kommt ihr hier nicht herum, aber ich mache es unzulässig kurz. Der Legende nach ging der Apostel Jakob für einige Jahre nach Nordwestspanien, um dort Missionsarbeit zu leisten. Leider war er bei den keltischen Galiciern gar nicht erfolgreich. Also wurde er bei seiner Rückkehr von König Herodes geköpft. Weil er so ziemlich kopflos war und zudem auch nicht begraben werden durfte, brachten ihn seine Jünger zurück nach Spanien. Ein paar Wunder später lagen seine Überreste als Reliquien in der Kathedrale von Santiago de Campostela, was nun wiederum wahrscheinlich seinen Namen von der historischen Grabstätte Campus Stellae (Feld der Sterne) hat. Heute ist Santiago de Campostela neben Jerusalem und Rom der bedeutendste Pilgerort der Christenheit.

Na kopflos bin ich zumindest nicht. Noch nicht.

Am Montagmorgen ist in Saint-Jean-Pied-de-Port die Hölle los. Ach ne, das Bild geht wohl nicht. Eigentlich habe ich ein wenig Schiss. Denn fast alle Pilgerbücher, insbesondere auch das berühmte von HaPe Kerkeling, berichten von der ersten, sehr steilen Etappe nicht nur von Höllenqualen, schon wieder!, soll Höhenqualen heißen, sondern vor allem auch von Regen beim Anstieg in die Pyrenäen. Das kann ja lustig werden.

So, St.-Jean-Pied gleicht einen Ameisenhaufen, schreiben die Jakobus-Dichter? Heute Morgen ist hier nichts los. Ne rien. Vier weitere Pilger steigen mit mir aus dem Zug aus Bayonne. Ein Pärchen aus Hongkong. Lesley aus den Staaten mit Bill, der ein Land nuschelt, dass nicht Staaten heißt, ich aber auch nicht verstehe. Da mein Mandarin am Morgen nicht so flüssig ist, quatsche ich im Zug mit Lesley und Bill aus Irgendwo. Sie hat sich genau drei Wochen Zeit genommen, und will sehen, wie weit sie kommt. Er reist zwar irgendwie mit ihr, will aber nur die erste Etappe laufen. Dabei hatte ich schon gerade Respekt vor seinem winzigen Rucksack bekommen, während meiner inzwischen mit dem gefüllten Wasserschlauch bestimmt zehn Kilo wiegt.

Also ein Tag für einsame Pilger. Wir schleichen regelrecht durch die leeren Gassen von St.-Jean-Pied und müssen sogar ein wenig Ausschau nach dem Pilgerbüro halten, weil uns kein einziger Rucksackträger den Weg weist. Dort in der Rue Citadelle 39 warten schon drei Pilgerweg-Feldwebel auf ihre ersten Opfer. Da es menschenleer ist, ist gerade viel Zeit für eine ausführliche Einweisung. Ganz nach den Rotkäppchen-Regeln: nicht vom Weg abkommen, keine Blumen am Wegrand abpflücken, nicht von fremden Tieren anquatschen lassen. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass meine Feldwebelin sehr nett ist, und fragt, ob ich für den Aufstieg gar keinen Stock hätte. Schwups ist sie verschwunden und holt so einen Wander-Pickser aus Alu. Der aber ist dem Herrn nicht Holz genug. Er lehnt ab. Hoffentlich freundlich. Dann endlich der ersehnte Stempel von der Stadt am Pilgertor des Camino Francés.

Nun noch flugs einen wunderbaren Pilgerstock aus Holz kaufen und hinaus. Hinaus durch das berühmte Pilgertor. Denkste, der Stock bleibt in der Stadt. Kein einziger Händler hat um 8:30 Uhr bereits geöffnet. So muss es halt ohne gehen. Zumindest auf den erste Kilometern. Denn zurück traue ich mich jetzt auch nicht. Schnell sammle ich am Ufer des kleinen Flusses Kive noch einen Kummerstein ein. Der soll mir die nächsten 800 Kilometer zuhören, wenn ich über den Weg fluche, und über das Leben, wenn ich über die letzten Jahrzehnte nachdenke, wenn ich meine Eselleien mit mir bespreche. Und dann in Compostela findet der Stein einen neuen Ort, und alles bleibt bis ans Ende der Welt bei Jakobus. Soll der sich doch damit herumärgern. Falls kein Verkehrtrum-Pilger, den Stein dort aufnimmt und wieder zurück nach SJPP trägt. Dann muss ich nochmal hin. Ich meine nicht Rückwärtspilger, so wie Rückwärtsläufer, die es auch beim Marathon gibt. Das sind jene die mit dem Hintern voran laufen, und hinten den Kopf hängen lassen. Nein, nein, ich meine schon verkehrtherum.

Sehr verehrter HaPe Kerkeling und alle anderen Pilgerdichter, hört zu: Es regnet nicht, es ist nicht voll, aber ja, es ist steil. Verdammt, oh, richtig steil. Ich muss zwar nicht auf einem der dreirädrigen Goliath Goli (Mini-Lkw) die Ladefläche mit einem Widder teilen, obwohl auch einige an mir vorbeizockeln. Also Widder-Taxis. Irgendwie auch komisch, die Schafböcke werden 1000 Meter hinaufgefahren und wir Schafe machen das freiwillig zu Fuß. Aber Gott-sei-Dank hat Jakobus nach zwei Stunden und 800 Höhenmetern steil bergauf das Refugio Borda d‘Orisson hinterlassen. Dort gibt es erstmal Kaffee und ein Baguette chorizo – hoffentlich nicht vom Schaf.

Wer wissen will, warum ich für die restlichen 300 Höhenmeter und 18 Kilometer weitere 6 Stunden brauche, und warum es besser gewesen wäre, doch einen Pilgerstab dabei zu haben, und wie man den Unterschied von den Pyrenäen im französischen Baskenland und denen in Navarra spürt, und warum hier oben Pferde mit Glocken um den Hals herumlaufen, der frage den Stein. Der kam nämlich gegen 16 Uhr nach fast acht Stunden in Burguete in Spanien an.

Erkenntnis des Tages: Der Himmel weint nicht über jeden. Mache deine eigenen Erfahrungen.