Provokation Banksy

„Kunst ist nicht wie alle andere Kultur, weil ihr Erfolg nicht vom Publikum abhängt… Die Kunst, die wir betrachten ist das Werk einiger ausgewählter Personen. Wenn Sie in eine Kunstgalerie gehen, sind Sie einfach nur ein Tourist, der sich den Trophäenschrank etlicher Millionäre ansieht.“ (Banksy)

Mild, Mild, West, 1999 *

Er ist ein Provokateur. Er ist ein Geheimnis. Er ist politisch. Und er ist zweifellos der bekannteste unbekannte Künstler unserer Zeit. Seine Ausstellungen, zu denen in der jüngeren Vergangenheit zweieinhalb Millionen Zuschauer kamen, sind Kult. 150 000 kamen allein zu „Mystery of Banksy“ vor zwei Jahren im Kellergeschoss der Hamburger Galeria Kaufhof. Jetzt ist Banksy in Hamburg zurück. „House of Banksy – Unauthorized Exhibition Hamburg“ – lautet die Einladung in die Show in der besten Flaniermeile der Hansestadt, die am Donnerstagabend mit Pomp und Prominenz eröffnet wurde. Auf einer Fläche von 1500 Quadratmetern versprechen die Ausstellungsmacher eine noch „nie dagewesene Präsentation von über 150 Motiven des gefeierten Künstlers“. Damit werde sie zur weltweit größten Werkschau seiner Kunst und hebe sich deutlich von allen bisher gezeigten Banksy-Ausstellungen ab. Zur Wahrheit gehört aber auch, wer „Mystery of Banksy“ vor zwei Jahren gesehen hat, wird nicht allzuviel Neues entdecken. Wer Banksy kennenlernen will, wird tatsächlich überrascht werden und mitgenommen auf eine visuelle Erlebnisreise.

Unter den B-Stars Sandy MeyerWölden, Janina Kunze, Claudia Obert, Max Suhr, Kathy Krause… Ob das dem Kommerzgegener Banksy gefallen hätte? The Show must go on…

Graffitis, Fotografien, Skulpturen, Videoinstallationen und Drucke auf verschiedenen Materialien wie Leinwand, Holz, Aluminium, Gips, Beton, Backstein und Plexiglas wurden eigens für diese Schau reproduziert und in einem aufwändigen Setting zusammengetragen. Dem Besucher offenbart sich ein tiefgehender Einblick in Banksys Gesamtwerk, das aufgrund seines Anonymstatus nicht vom Künstler selbst autorisiert wurde, wie es der Titel – ähnlich der Schwestershow in München – bereits andeutet. Wie Kuratorin Virginia Jean deutlich macht, handelt es sich um reine Repliken. Kunstwerke von Banksy, die sich etwa an Häusermauern in seiner englischen Heimat aufgesprüht finden, wurden in der Vergangenheit oft gereinigt oder herausgerissen und teuer verkauft. Man müsste wohl in 30 verschiedene Städte reisen, um zu sehen, dass man sie oftmals nicht mehr sieht. Sie sind flüchtig. Dennoch macht Kuratorin Virginia Jean Mut: „Kein historisches Kunstwerk hält uns so den Spiegel vor, wie die aktuellen Kunswerke Banksys.“ 


Eines von Banksys Werken, das 2011 in Fitzrovia, London, auftauchte. Es zeigt eine Ratte mit roter Farbe auf der Pfote, darüber einen Schriftzug: „Wenn Graffiti etwas ändern könnte, wäre es illegal“. Banksy scheint sich hier auf eine Zitat von Emmy Goldman zu beziehen: „Wenn Wahlen etwas ändern könnten, wären sie illegal.“ Die Frauenrechtlerin setzte sich für das Wahlrecht für Frauen ein.


Beim Thema Street-Art kommt man an Banksy nicht vorbei. Er ist wohl der berühmteste und auch der mysteriöseste Graffiti-Künstler der Welt. Eine seiner verlockensten Stärken in den Augen der Öffentlichkeit ist zweifellos diese Anonymität. Die Besessenheit, seine Identität geheim zu halten, zieht die Öffentlichleit magisch an. Denn Banksys Botschaften sind politisch und gegen den Kunstkommerz oder die Kommerzkunst gerichtet (siehe Zitat oben). In den 1980er Jahren begannen die Werke des Briten in Bristol aufzutauchen. Sie waren jedoch zu dieser Zeit noch weit davon entfernt, als Kunst anerkannt zu werden. Zumal sich in dieser Zeit junge Sprayer in stattlicher Zahl mit wenig originellen, aber um so mehr provokanten Botschaften an Häuserwänden präsentierten. Banksys Schablonen hingegen sind oft witzig, lebendig und pulsierend, als wollten sie jederzeit aus dem Hintergrund herausspringen. Hinzu kommt ein politischer, kultureller oder auch gesellschaftlicher Kontext, in dem das Werk über ein Zeugnis der Street-Art, des Pop-up hinauswächst. Schön zu sehen an dem historischen Gemälde Lenins mit dessen typischer, kämpferischer Handbewegung der Agitation nach vorn, die Banksy umdeutet in eine Balancebewegung eines Inlineskaters auf Rolleblades. Ein winziges Detail – und aus einem politischen Agitprop-Plakat wird ein ironisches Zeugnis, eine bildliche Satire kommunistischer Propaganda.

Red Lenin, 2007 (Banksy war fasziniert von Lenin)

Seine Antikriegsstatements, sein Steinewerfer, der mit Blumen droht, oder auch das Hotelzimmer in Bethlehem mit Blick auf die illegal errichtete Sperranlage, die das Westjordanland von Israel abtrennt – Banksys Bildkommentare zum Weltgeschehen sind höchst aktuell und politisch brisant. Das „Walled off Hotel“ in Bethlehem ist ein Boutique-Hotel, das mit „der schlechtesten Aussicht der Welt“ wirbt. Es gilt – gemeinsam mit anderen Kreativen entworfen – als Banksy Kommentar zum israelisch-palestinensischen Konflikt. Im aktuellen vom Hamas-Terror provozierten Krieg hat es an Aktualität nichts verloren, eher gewonnen. 2017 gegründet zog das Walled off Hotel bislang 140.000 Besucher an.

The Walled off Hotel, 2017

Banksys Kririk am Kunskommerz geriet durch sein wohl bekanntestes Bild des „Mädchen mit dem Luftballon“ aber auch in ein klassisches Dilemma …. „Girl with Ballon“ zeigt ein Mädchen dessen Haare und Kleid im Wind wehen und das nach einem roten, herzförmigen Luftballon greift. Verlust der Unschuld oder Ankunft neuer Hoffnung und Liebe? 2002 erschien das Bild in der Londoner Southbank, wurde aber von der Stadtverwaltung übermalt. Daraufhin produzierte es Banksy in unsignierten und signierten Siebdrucken in geringer Auflage. Einer der Drucke stand 2006 zur Versteigerung. Wenige Augenblicke nach dem Zuschlag für 860 000 Pfund löste der Künstler einen Schredder im Rahmen aus, und zerstörte die Leinwand. Mit diesem Statement zur Kommerzialisierung der Kunst wurde er weit über die Grenzen der Kunstbranche hinaus weltberühmt. 2021 wechselte das Bild unter einem neuen Titel „Love is in the Bin“ (Die Liebe ist im Eimer) den Besitzer. Im Londoner Auktionshaus Sotheby‘s kam es für 16 Millionen Pfund unter den Hammer. Die Kommerzialisierung ist offenbar nicht einmal durch einen Künstler wie Banksy aufzuhalten.

Love is in the Bin, 2021, 2006, 2001

Seine Identität mag der 45 – 50-jährige Brite geheim halten können, seine Weke erobern dagegen weltweit die Straßen und die Auktionshäuser. Und das höchst erfolgreich und spektakulär. Banksy gilt als einer der teuersten Künstler der Gegenwart. Kuratorin Virginia Jean ist gemeinsam mit Ausstellungsmacher Oliver Forster zweifellos ein Coup gelungen. Die aus England stammende und in Berlin lebende Galeristin präsentiert den Pop-Art Künstler nach jahrelanger Arbeit mit rein klassischer Kunst und so wird die Ausstellung auch zu ihrer persönlichen Befreiung. Sie sagt: „Ein Bansky-Werk berührt jeden und ist an jeden gerichtet.“ Kunst für Jedermann, verspricht die Ausstellung etwas profan. Seht selbst. Was sind Worte gegen Bilder? 

Ausstellungseröffnung am 19. September mit Kuratorin Virginia Jean und Produzent Oliver Forster (Fotos: Autor)

*(Banksy zeichnete diese Wandbild in drei Tagen und bei vollem Tageslicht. Auslöser war eine Protestparty in der Winterstoke Road, wo die Polizei versuchte, die Zusammenkunft zu unterbinden. Das Kunstwerk gilt als Wahrzeichen der kulturellen Szene der Stadt in der Auseinandersetzung mit der Regierung. 2009 wurde es von einer Anti-Graffiti Organisation mit roter Farbe übersprüht. Es fanden sich Freiwillige, die das Graffiti retteten.)

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