„Alle Soldaten sind in meinem Alter. „

„Ich bin eine Deutsche, der man nicht ansieht, dass sie schon mal Krieg erlebt hat…“ (Martha Heider aus Ludwigslust)

Martha Heider im Beit Uri in Afula

Afula ist soetwas wie eine Nichtstadt, sagt mir Mishel in Jerusalem. „Was willst du in Afula? Da fährt man durch, wenn man nach Tiberias möchte, und gut.“ Dabei ist die Oberstadt sehr schön, finde ich, als ich ankomme. In den Bergen und mit schönen Häusern. Hier liegt auch das Beit Uri, ein Mini-Kibbuz, ein kleines Dorf, in dem Menschen mit Benachteiligungen betreut werden, auch von Freiwilligen aus Deutschland. Aber dazu kommen wir noch. Ich will es gleich vorwegschicken und neuen Fragen vorbeugen, die Flüchtlingsströme in Nord-Gaza und der Geisel-Austausch gehen nicht an diesem Blog vorbei. Mein Besuch im Westjordanland füllt den nächsten Teil

Im Reiseführer steht, Afula sei bekannt für seine Falafel. Nun gut, es muss halt immer was im Reiseführer stehen. Warum sollte man sonst in Afula Halt machen. Mein Freund Uwe Seppmann vom Beth Emmaus in Loiz bei Sternberg, der nicht nur ein christliches Gästehaus führt, sondern auch Hebräisch-Kurse gibt, hat über ein paar Ecken Martha Heider aus Ludwigslust für einen Freiwilligendienst in Israel begeistert. Nun zugegeben, Afula ist kaum größer als Ludwigslust. Und Menschen mit Beeinträchtigung kann man in den Lewitz-Werkstätten auch helfen. Und doch scheint Afula für Martha entscheidend anders.

Afula – knapp 20.000 Einwohner liegt die Stadt inmitten von Grün nördlich von Tel Aviv

„Es sind die Menschen, die mich hierher ziehen. Es ist alles wie eine große Familie. Hier ist es total normal, dass man zu seinem Glauben steht“, erzählt Martha. Als sie vor zwei Jahren in ihrer Klasse am Goethe-Gymnasium in Ludwigslust ihren Mitschülern von ihren Plänen erzählte, wurde sie nur gefragt: „Bist du jüdisch, oder was?“ Damals in der 11. hatte Martha bei Uwe Seppmann angefangen, Hebräisch zu lernen. Die Eltern sind befreundet. Hebräisch fiel ihr leicht. „Und eines Morgens bin ich aufgewacht, und wusste, ich muss da hin.“ Uwe Seppmann hat schon andere junge Leute von Israel begeistert, u.a. auch die Enkelin von Pastor Uwe Holmer, der 1990 Erich Honecker und seine Frau Margot bei sich aufnahm, und viele mehr. Ich würde mich ja auch gerne dazu zählen, lieber, Uwe, aber ich bin nicht mehr jung. So what.

„Junge Leute zieht es in den letzten Jahren verstärkt nach Israel in einen freiwilligen Dienst“, erzählt mir Uwe. „Als Vorbereitungshilfe biete ich Einführungskurse mit Sprachlehrgängen an. Organisiert wird das in der Regel von kirchlichen oder freikirchlichen Organisationen. Martha ist kurz vor dem Gaza-Krieg nach Israel geflogen. Wurde dann aber zurückgerufen. Doch persönliche Beziehungen lassen sich nicht durch staatliche Verordnungen auseinanderreißen.“ Uwe war selbst in den 70er Jahren lange in Israel. Er betreute u.a. behinderte Überlebende des Holocausts. Einem Anschlag in Nablus auf einen Bus der Aktion Sühnezeichen entging er nur knapp. Seine Liebe zu Israel tat dies keinen Abbruch.

Martha in ihrem Job im Beit Uri in Afula bei der Betreuung

Martha Heider kam mit anderen Freiwilligen aus Köln, München, Bonn, Fulda, Dresden am 23. August 2023 nach Israel. Es war ihr Traum, bevor sie ein Studium für Kinder- und Jugendtherapie in Nordhausen beginnen will. „Ich wollte weg aus Deutschland“, erzählt sie. „Nach der Schule in Ludwigslust einfach weg, die Welt anschauen.“ Erst dachte sie an Südamerika, auch Südafrika hätte sie sich vorstellen können. Aber dann kam eben die Sache mit dem Hebräisch. „Ich wollte das weiter machen.“

Doch nach sechs Wochen änderte sich alles. Für Martha. Für ihre Freundin Marie aus Fulda, die in Jerusalem in einem Kloster als Freiwillige die Öffentlichkeitsarbeit betreut. Und für viele andere aus ihrer Organisation „Internationaler Jugendfreiwilligendienst“ . Sie trafen sich bei einem Besuch in Jerusalem am 7. Oktober als die Hamas im Süden ein Musikfestival und auch den Kibbuz Nir Oz überfiel. Am 12. Oktober wurden sie evakuiert. Aufregende Tage. Die Eltern telefonierten sich die Finger wund, um einen Flug zu bekommen. Die Lufthansa war komplett ausgebucht. Aber schließlich schafften es doch alle 23 Freiwillige in einem Flugzeug zurückzukommen. Zu ihren Einsatzorten durften sie damals nicht mehr zurück. Es gab nur noch eine Reaktion nach dem Massaker im Süden: Zurück nach Deutschland – und das so schnell wie möglich.

Aus der Werkstatt der Bewohner mit besonderer Beeinträchtigung

Seitdem mochte Martha Jerusalem nicht mehr. „Wir mussten dort fünf Tage ausharren. Keiner wusste, was kommt. Ich fand es sehr dramatisch und wollte nicht gehen. Es war nicht leicht.“ Doch zu Hause in Ludwigslust wurde ihre Stimmung nicht besser. Martha war schlecht gelaunt. Sie blies Trübsal. Bis schließlich ihr Vater sie nach Weihnachten 2023 fragte, ob sie nicht zurückkehren wolle. „Meine Eltern haben mich immer unterstützt. Mit der Organisation ging das natürlich offiziell nicht mehr. Da gab es ja die Reisewarnungen der Regierung. Aber mein Vater fragte mich, ob ich schonmal überlegt habe, als Tourist zurück zu kehren. Da wusste ich, was ich zu tun habe“, schildert Martha diese Situation. „Ich würde immer wieder zurückkommen“, sagt sie mir, wohl wissend, dass sie Ende März nach Deutschland für ihr Studium zurückkehrt.

Es ist Freitagvormittag Ende Januar 2025 im Beit Uri. Die Vorbereitungen für den Sabbat laufen. Im Café von Beit Uri in Afula wird um zehn Uhr morgens ein Geburtstag gefeiert. Martha soll auf dem Klavier spielen, eines der Instrumente, die sie beherrscht. Langsam treffen die Gäste in dem kleinen Café des Behindertendorfes ein. Neun Häuser gibt es hier, in denen 120 bis 130 Residents wohnen, also schlicht Bewohner. Martha arbeitet in einem der Häuser, betreut die Menschen dort, macht Musik mit ihnen. Andere töpfern, gärtnern, weben oder pflegen Tiere. „Sie macht einen harten Job“, sagt Ruth aus dem benachbarten Sabra House, in dem man sich der Erinnerung an den Holocaust und den Überlebenden widmet. Ruth muss es wissen, sie ist dreimal so alt wie Martha, die hier im letzten Mai erst ihren 19. Geburtstag feierte.

Geburtstagsfeier für Asaf, neben ihm seiner Mutter Henia

In „Beit Uri“ wird an diesem Freitag vor dem Sabbat Asaf, der Sohn von Henia Elior, gefeiert. Heute bleibt der Krieg mal außen vor. Asaf wohnt bereits 24 Jahre in „Uris Haus“. Die Einrichtung für Menschen, die eine besondere Hilfe benötigen, wurde in den 30er Jahren von der Tschechin Devora Schick gegründet. Sie floh damals mit ihrem behinderten Sohn Uri nach Palästina, um ihn vor der Gewalt der Nazis zu bewahren. Solche Geschichten begegnen einem hier auf Schritt und Tritt. Nachdem ihr Sohn gestorben war, widmete Devora Schick ihr Leben der Pflege und der Versorgung von Kindern mit Behinderung. Nun trägt dieses Haus den Namen ihres Sohnes. Sie selbst lebte bis zu ihrem Tod 2002 hier.

Geburtstag im Beit Uri

Es ist eine fröhliche Geburtstagsfeier für Asaf. Viele Gäste kommen. Die Israelis sind feierfreudige Menschen. Ihr Glaube hält viele Feiertage für sie bereit. Vielleicht ist es auch der Krieg, der ihnen den Wert des Lebens bewusst macht. Martha erzählt mir in den Stunden unseres Treffens von den Tagen im letzten Oktober, als die WarnApps Wellen von Angriffen aus dem Iran ankündigten. Heute wissen wir, dass die meisten der 200 ballistischen. Raketen abgefangen wurden. Damals saß Martha stundenlang im Bunker. „Alle Soldaten und Soldatinnen sind in meinem Alter“, sagt sie mehr zu sich als zu mir. „Das kann sich in Deutschland niemand vorstellen, dass Eltern hier auf diese Weise loslassen müssen.“ Inzwischen ist von knapp 800 israelischen Toten die Rede. „Ich bin eine Deutsche, der man zu Hause nicht ansieht, dass sie schon mal Krieg erlebt hat…“, sagt Martha Heider aus Ludwigslust.

Martha am Klavier

In Israel feiert man das neue Jahr niemals mit Feuerwerk. Zu sehr sitzt den Menschen der Geschosslärm im Bewusstsein. „Jede Generation hier hat einen Krieg erlebt“, resümiert die 19-Jährige aus Deutschland, erstaunlich reif, bevor sie sich an diesem Sabbat als Freiwillige aus Deutschland ans Klavier setzt, und ihren Residents und deren Gästen Lieder zum Geburtstag vorspielt.

Ein Autor auf einer Geburtstagsfeier in Israel (Fotos: Autor)

„Ich habe noch niemanden gehört, der einem wirklichen Friedensbeginn traut.“

„Es herrscht überall Misstrauen: Angst vor neuem Terror, Angst vor weiterem Krieg. Sowohl auf der israelischen als auch auf der palästinensischen Seite fühlen Menschen sich von der ganzen Welt verraten und verkauft:“ (Joachim Lenz, Evangelischer Propst von Jerusalem)

Joachim Lenz, Evangelischer Propst von Jerusalem

Am Sitz der evangelischen Kirche in der Altstadt von Jerusalem treffen das muslimische Viertel, das christliche Viertel, das jüdische und auch das armenische Viertel punktgenau aufeinander. In der Muristan Road. Rein völkerrechtlich untersteht Ost-Jerusalem, also die Altstadt, der Autonomiebehörde in Ramallah. So sieht es zumindest aus, obwohl 1993 bei den Osloer Verträgen diese Frage offen blieb. 1980 wurde Jerusalem von der israelischen Knesset als untrennbare Hauptstadt Israels erklärt. Die Palästinensische Befreiungsorganisation PLO rief 1988 den Staat Palästina aus und erklärte Jerusalem zu dessen Hauptstadt. Es ist also kompliziert. Wie alles hier. Wir werden das in diesem Blog nicht klären können.

Fakt ist, die Muristan Road liegt sozusagen im Brennpunkt des Geschehens, umso mehr seit dem 7. Oktober 2023, als Hamas-Terroristen Israel überfielen. Seitdem tobt der Krieg – und auch in der ungewöhnlich breiten Straße vor der Probstei hat sich einiges verändert. Hier treffe ich den Propst von Jerusalem, Joachim Lenz, und will mit ihm über die aktuelle Situation, den Waffenstillstand und seine Kirche in dem Konflikt sprechen.

Nebenan steht die Erlöserkirche, die in den letzten Jahren vor der Jahrhundertwende, 1893–1898, auf dem Grundriss der Kreuzfahrerkirche S. Maria Latina errichtet wurde. Der preußische Kronprinz Friedrich III hat nach einer Fahrt zur Eröffnung des Suezkanals den Kirchenbau angestoßen. Ja, hier in Jerusalem geht nichts ohne Geschichte und Geschichten. Das Grundstück rund um die Muristan Road, früher Kronprinz-Friedrich-Wilhelm-Straße, ist noch heute im Besitz des lutherischen Weltbundes. Preußen-Adler an Durchgängen und Kirche zeugen davon. Die Grabeskirche ist nur wenige Schritte entfernt.

Ich habe überlegt, ob ich das Gespräch mit Joachim Lenz irgendwie kürzen oder in einen geschlossenen Text journalistisch umwandeln sollte. Ich habe es dann jedoch gelassen. Ihr könnt ja aus den Antworten auswählen.

Die Erlöserkirche in der Muristan wenige Meter von der Grabeskirche

Herr Lenz, die Welt und auch viele Deutsche blicken mit Hoffnung auf die aktuelle Waffenruhe zwischen Hamas und Israel, wie beurteilen Sie die Situation?
In unserer Gemeinde hoffen wir, dass wir bald wieder Besuch aus dem Ausland bekommen. Die Lufthansa will ab 1. Februar wieder fliegen. Das ist für jeden unten auf der Straße vor unserem Büro existenziell. Seit Corona verkaufen die Händler hier nichts mehr; sie wissen nicht, wie sie ihre Familien durchbringen können. Also herrscht erstmal vorsichtige Erleichterung und Hoffnung in den Straßen. 

Ist das der Beginn eines Friedens, wie nachhaltig ist das Abkommen?
Ich habe noch niemanden gehört, der einem wirklichen Friedensbeginn jetzt traut. Alle sind sehr skeptisch, ob der Waffenstillstand hält. Es erscheint den Menschen hier sehr, sehr wackelig. Jüdische Freunde sagen mir, dass der Geiseldeal furchtbar sei: Da würden palästinensische Massenmörder aus den Gefängnissen freigepresst, die später bestimmt wieder als Terroristen aktiv werden würden. Palästinensische Christinnen sagen mir wiederum, dass der Deal an der Gewalt israelischer Siedler im Westjordanland gar nichts ändere. Israel hat nach wie vor eine Regierung in Israel, an der rechtsextremistische Kräfte beteiligt sind, die palästinensische Autorität agiert auch oft schwierig; wie es zu einem verlässlichen Frieden in gerechten Strukturen kommen könnte, dazu habe ich noch keine Idee gehört.

Das erklärte Ziel der Regierung Netanyahu lautet, die Hamas vollständig zu vernichten. Also, wie viel Zeit geben Sie dem Abkommen von Katar?
Der israelische Verteidigungsminister Joav Galant forderte im letzten Herbst in einem offenen Brief seinen Ministerpräsidenten auf, ihm doch bitte erreichbare Kriegsziele darzulegen. Er ist eine Woche später gefeuert worden. Die Hamas hat jetzt mehr Mitglieder im Gazastreifen als zuvor, lese ich in israelischen Zeitungen: Die israelischen Streitkräfte sagen, sie hätten 20.000 Hamas-Terroristen getötet; offenbar hat die Hamas aber während des Krieges noch mehr Kämpfer neu rekrutiert. Waffenlager wurden zerstört, aber Angst und Hass sind beiderseits noch gewachsen. Die Idee Netanyahus ist nicht aufgegangen, ist von beiden Seiten zu hören. 

Im Innenhof der Probstei

Was soll nun werden?
Das weiß hier niemand, fürchte ich. Es herrscht überall Misstrauen: Angst vor neuem Terror, Angst vor weiterem Krieg. Sowohl auf der israelischen als auch auf der palästinensischen Seite fühlen Menschen sich von der ganzen Welt verraten und verkauft – auch wenn das doch gar nicht stimmt. Hoffentlich findet die Staatengemeinschaft Wege zu Lösungen, hoffentlich auch mit den arabischen Nachbarstaaten. 

Es gibt ja die Idee der Zwei-Staaten-Lösung, kann das funktionieren?
Für die Lösung spricht zuerst einmal, dass es keine erkennbaren Alternativen gibt. Niemand hat mir erklären können, wie eine Ein-Staaten-Lösung aussehen soll. Wenn alle arabischstämmigen Menschen im Heiligen Land israelische Bürgerrechte bekämen, gäbe es bald keinen jüdischen Staat mehr, sagt die Demografie. Es braucht neue Ideen! Dass mit jüdischen Siedlungen auf palästinensischem Gebiet Fakten geschaffen werden, ist leider so. Dennoch: Wenn nicht beide Seiten eigenständig und sicher sind, gibt es keinen Frieden. Das wenige Vertrauen auf beiden Seiten ist mit dem 7. Oktober und dem Krieg zu Klump gehauen worden. Vorher war etwa die Hälfte der Israelis für eine gut ausgehandelte Zwei-Staaten-Lösung, das ist vorbei. Umgekehrt bekommt die terroristische Hamas viel Zustimmung auf der palästinensischen Seite.

Also keine Hoffnung auf Frieden im Heiligen Land?
Letzte Woche hat Bundeskanzler Olaf Scholz in Paris mit Emmanuel Macron die Unterzeichnung der Élysée-Verträge von 1963 gefeiert. Zwischen Deutschland und Frankreich herrschte Jahrhunderte lang Krieg. Es brauchte zwei Generationen für einen Frieden, aber der steht nun fest, aus Hass wurde Freundschaft. Wir haben uns als evangelische Gemeinde auf die Fahnen geschrieben, daran zu erinnern, dass unsere Hoffnung guten Grund hat. Wir lassen den Friedensstern von Bethlehem in der Kirche dauerhaft leuchten. Unsere Kirche heißt Erlöserkirche: der Erlöser lebt, also sind Erlösung, Frieden und Hoffnung möglich.

Was hat sich für Sie an einem Brennpunkt in Jerusalem, wo alle Konfliktparteien aufeinander treffen, seit dem 7. Oktober 2023 geändert?
Wir hatten vor dem 7. Oktober zum Beispiel die Idee, hier in der Muristan Road auf der Straße mit den verschiedenen Religionen und Kulturen den Geburtstag unserer Kirche gemeinsam zu feiern. Es war schwierig vorstellbar, aber ist jetzt völlig undenkbar, muslimische und jüdische Nachbarn hier an einen Tisch zu bekommen. Wir Christenmenschen sind in gutem Kontakt mit Menschen in beiden Gesellschaften, der palästinensischen und der israelischen. Das zu pflegen ist unsere Aufgabe. Wir beten auch für beide. Aber auch uns fehlen gute, konkrete Ideen für die Zukunft.

Wenn Sie Jemandem in Deutschland den hiesigen Konflikt beschreiben sollten, wie würden Sie das in wenigen Worten tun?
Das ist kaum möglich. Es gibt hier das Sprichwort: Wer zwei Wochen hier ist, möchte ein Buch schreiben. Wer zwei Monate hier ist, möchte einen Artikel schreiben. Wer zwei Jahre da ist, möchte lieber gar nichts mehr sagen. Wir sollten uns mit Bewertungen sehr zurückhalten. Wir sind nicht die Opfer, wir leben an der Seite der Opfer beider Seiten.

Was sagen Sie zur Stimmung in Deutschland, auch zur propalästinensichen Stimmung?
Ich bin Jahrgang 1961. Ich habe schon als Jugendlicher verstanden, dass es den Holocaust mit seinen entsetzlichen Folgen nie wieder geben darf. Für mich ist daher eminent wichtig, dass mein Heimatland und meine Kirche gegen Antisemitismus klare Kante zeigen. Ich verstehe aber auch die Verzweiflung der Palästinenserinnen und Palästinenser, die sich nach Frieden und Freiheit sehnen. Hier zu vermitteln haben Deutschland und auch die Kirchen über Jahrzehnte hin versucht. Wie soll das nach dem 7. Oktober noch möglich sein? Es ist gut, dass wir zu beiden Seiten die Kontakte aufrechterhalten, dass wir beide Seiten bei ihren berechtigten Anliegen unterstützen – auch wenn das sehr mühsam und manchmal unmöglich ist.

Es gibt gelegentlich Kritik, dass die Kirche nicht klar Stellung bezieht, warum drücken Sie sich?
Wir drücken uns nicht, wir stehen ein für Frieden. Die EKD bekennt sich klar zum Selbstverteidigungsrecht Israels. Wir nehmen gleichzeitig wahr und ernst, was uns unsere palästinensische lutherische Partnerkirche über Leid und Unrecht berichtet. Von manchen wurde uns vorgeworfen, wir seien einseitig Pro-Israel, von anderen, wir seien ein Hort des Antisemitismus. Beides ist falsch. Wir positionieren uns, nur eben nicht für eine Partei, sondern für Frieden in Gerechtigkeit. Der muss den Menschen generell gelten.

Gibt es in Gaza Kriegsverbrechen?
Es gibt keinen Krieg ohne Kriegsverbrechen, fürchte ich.

Gibt es in diesem Krieg in Gaza Kriegsverbrechen?
Ich bin kein Richter, ich kann und will da keine Urteile fällen. Es hat so schrecklich viel Schreckliches gegeben! Ich lese, dass Amnesty International entsprechende Vorwürfe untersucht und minutiös belegt hat. Ich habe Berichte vom Terror des 7. Oktober gelesen, da sind mir – ganz ohne Horrorfotos oder -videos – die Tränen gekommen. Es sind unfassbar furchtbare Dinge geschehen. 47.000 Kriegstote im Gazastreifen, 1.200 Terrortote an einem einzigen Tag: beides ist für mich unvorstellbar. Außerdem gibt es unzählige körperlich und seelisch Traumatisierte. Niemand kommt da mit unschuldigen Händen heraus.

Es gibt die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes, es gibt gerade vor Ostern den Wunsch vieler Pilger nach Jerusalem zu kommen, was können Sie raten?
Wir verweisen auf die Empfehlungen des Auswärtigen Amtes, die können das einschätzen. In Jerusalem sind wir die ganze Zeit über relativ sicher gewesen. Ich hoffe sehr, dass die Reisewarnungen aufgehoben werden. Jerusalem braucht Pilgerinnen und Pilger. Wir sind als evangelische Gemeinde klein geworden. Wir hatten im Frühjahr oft mit 200 oder 300 Menschen Gottesdienst gefeiert – jetzt sind wir 20 oder 25. Unser subjektives Empfinden ist, dass wir sicher sind. In Jerusalem war es nicht wie an der libanesischen Grenze oder am Gaza-Streifen.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.

In der Erlöserkirche leuchtet Tag und nach der Stern von Bethlehem, auch Friedensstern, bei uns bekannt als Herrnhuter Stern

Merle Hofer – was der Konflikt mit den Medien in Deutschland macht

„Wer zwei Wochen hier ist, möchte ein Buch schreiben. Wer zwei Monate hier ist, möchte einen Artikel schreiben. Wer zwei Jahre hier ist, möchte gar nichts mehr sagen.“ (Sprichwort in Jerusalem)

Sticker von toten Soldaten am Jaffa Tor in Jerusalem (Foto: Autor)

Ich habe Merle vor einigen Tagen in Jerusalem getroffen. Sie wohnt hier in Westjerusalem. Ihre Eltern wohnen in Mecklenburg-Vorpommern, unweit meiner einstigen Heimatstadt Güstrow. Merle ist in einem Dorf bei Krakow am See aufgewachsen. Sie ist keine christliche Zionistin. Sie ist keine Jüdin. Sie kommt aus einer Pfarrersfamilie. Sie hat Arabistik studiert. Sie spricht Arabisch. Sie spricht Hebräisch. Sie hat Freunde auf beiden Seiten. Seit 2013 lebt die 40-Jährige in Jerusalem. Seit elf Jahren. Sie arbeitet für „Israel Netz“ – ein spendenfinanziertes Nachrichtenportal.

Wir haben uns lange in einem Café in Jerusalem über das Agreement von Katar unterhalten, laut dem 33 israelische Geiseln gegen (nach unterschiedlichen Quellen) bis zu 1904 Palästinenser, darunter viele Terroristen, ausgetauscht werden sollen, und eine Waffenruhe von 42 Tagen in Gaza vereinbart wurde.

Eine Woche ist seit der Freilassung der ersten drei Geiseln vergangen. Heute wurden weitere vier Geiseln übergeben. Sie erhielten Freilassungs-Urkunden und Souvenirs von der Hamas. Das ist mehr als zynisch. Bislang hält die Waffenruhe in Gaza. Nachdem viele Freunde und Leser mich gefragt haben, was von dem allen zu halten sei, habe ich Merle Hofer gebeten, ihren Kommentar zum aktuellen Waffenstillstand hier weitergeben zu dürfen. Ich finde ihn lesenswert und sicherlich fundierter als meine Weisheiten aus der Froschperspektive von drei Wochen Jerusalem. Wer zwei Wochen hier ist, möchte ein Buch schreiben. Wer zwei Monate hier ist, möchte einen Artikel schreiben. Wer zwei Jahre da ist, möchte gar nichts mehr sagen, heißt es in einem wohl neueren israelischen Sprichwort. In den nächsten Tagen folgt dann ein Interview mit dem Probst von Jerusalem von mir, der seine Perspektive darstellt. Danke Merle!

Merle Hofer „Der ausbleibende Aufschrei der Medien und die Rolle des Roten Kreuzes“:

„Tatsächlich kämpft Israel zwar mit massiven innenpolitischen Herausforderungen, doch zeichnet das Land eine starke Zivilgesellschaft aus. Beim Verfolgen der Medien in Deutschland fiel in den vergangenen Monaten immer wieder auf, dass hauptsächlich nur eine Sichtweise der Israelis wiedergegeben wird, die suggeriert, Israel wäre keine funktionierende Demokratie oder gar eine Theokratie.

Die am Sonntag veröffentlichten Bilder im Gazastreifen werfen Fragen auf: Die „Journalisten“ zeigten von dort in den vergangenen 15 Monaten fast ausschließlich Zivilisten auf ihren Bildern. Kaum jedoch trat am Sonntagmittag die Feuerpause in Kraft und die drei Frauen wurden dem Roten Kreuz zur Übergabe an Israel übergeben, waren bewaffnete maskierte Hamas-Terroristen auch auf Fotos und in den Sozialen Medien sehr präsent. Sie hatten den Schutz ihres perfiden und mit internationalen Geldern unterstützten Tunnelsystems verlassen. Israel befindet sich auch in einem Krieg der Bilder.

Spätestens heute muss daher doch die Frage auch in deutschen Medien präsent und zulässig werden: Ist die Darstellung der israelischen Armee vielleicht also doch legitim, wonach es sich bei den von der Hamas behaupteten 47.000 Toten nicht nur um Zivilisten, sondern bei knapp der Hälfte um bewaffnete Terroristen handelte?

Israelis sind grundsätzlich selbstkritisch. Viele äußern lautstark große Unzufriedenheit mit ihrer Regierung – so auch darüber, dass immer noch 94 Menschen als Geiseln im Gazastreifen festgehalten werden. 

Das Rote Kreuz als Transport-Unternehmen?

Dabei gäbe es viel Grund, auch über andere Faktoren zu berichten. So stellt sich etwa die Frage, warum sich das Internationale Rote Kreuz damit begnügt, als Transportmittel für die Geiseln zwischen den Terroristen und der israelischen Armee zu dienen, statt ihrem Auftrag nachzukommen und die unschuldigen Israelis in der Geiselhaft zu besuchen. Diesen selbsterklärten Auftrag hat die Organisation in den vergangenen 472 Tagen nicht erfüllt. Hingegen haben palästinensische Häftlinge in Israel Zugang zu Ärzten, und ihre Angehörigen wissen über deren Zustand Bescheid. 

Im November 2023 entließ die Hamas 105 Menschen aus der Geiselhaft. Nach weniger als zwei Monaten beschrieben diese nicht nur unzumutbare hygienische Zustände, sondern waren von Ungeziefer befallen und hatten Hautkrankheiten entwickelt. Teilweise waren sie sexuell belästigt und vergewaltigt worden und ausschließlich alle waren stark unterernährt. Unter den Freigelassenen waren Kinder und Greise. Chronisch Erkrankte bekamen keinen Zugang zu Medikamenten. 

Vor den Augen der Welt: ein zynisches „Abschiedsgeschenk“

Am Sonntag hat die Hamas nun weitere Geiseln freigelassen. An Zynismus ist kaum zu überbieten, dass die Terrorgruppe die drei Frauen mit jeweils einer Tasche entließ, in der sie ihnen sogenannte „Souvenirs“ mitgaben: Eine Landkarte von Gaza, ein Halsband mit der Aufschrift „Palästina“ und Fotos aus ihrer Geiselhaft.

Das Lächeln auf den Gesichtern der jungen Frauen, die am Sonntagabend erstmals nach 15 Monaten ihre Familien wiedersahen, darf unter keinen Umständen über einen wichtigen Aspekt hinwegtäuschen: Die israelischen Abteilungen in den Krankenhäusern stellen sich auf Geiseln ein, deren Gesundheitszustand an die „von Überlebenden des Holocaust“ erinnert.

Kurz bevor der Deal am Sonntagvormittag in Kraft trat, verkündete die Armee, dass sie die verbliebenen Leichenteile des 2014 entführten 21-jährigen Soldaten Oron Schaul geborgen habe. Damit verbleiben 94 Geiseln im Gazastreifen. Mehrere Dutzend von ihnen sind tot, doch ein großer Teil lebt.

Wo bleibt die Kritik der Medien?

Nicht zuletzt wären bei der Berichterstattung in Deutschland auch die zahlreichen selbst erklärten „Palästina-Freunde“ und „Menschenrechtler“, die sich häufig lediglich als notorische Israel-Hasser erweisen, zu fragen: „Wenn es euch wirklich um die Einhaltung von Menschenrechten geht und jüdisches Leben für euch schon nicht zählt, wo bleibt der Aufschrei darüber, dass seit 15 Monaten neben den 84 Israelis zudem acht Thailänder, ein Nepalese und ein Tansanier in den Händen der Hamas sind?“ Ob sie tot sind oder lebendig, ist unbekannt. Vom Roten Kreuz ist über sie nichts zu hören.“

Vier israelische Soldatinnen wurden heute entlassen, auch sie tragen eine Geschenktüte und erhielten Freilassungsurkunden. Im Gegenzug sollen 104 bis 200 zum Teil Terroristen entlassen werden. Die Zahlen sind unterschiedlich. Auch hier ist das Rote Kreuz aktiv. (Das Foto stammt von der Plattform X und trägt die den Stempel der Nachrichtenagentur AFP)