Schnitzelfreitag in Nir Galim

„Ich stehe nicht pro Palästina. Ich stehe nicht pro Israel. Ich stehe pro Mensch.“ (Abt Nikodemus Schnabel, Dormitio Abtei)

Es ist dunkel frühmorgens um halb Sechs in Jerusalem. Es ist kalt. Aber, was noch schlimmer ist, es fährt keine Straßenbahn. Und ich muss vier oder fünf Stationen von der City Hall bis hin zur Central Station, dem Hauptbahnhof, und von dort noch einmal zehn Minuten zur letzten Tankstelle vor der Autobahn nach Tel Aviv laufen. Aber es ist mein freier Wille. Niemand hat mich gezwungen, in meinem Gartenhaus auf dem Berg Zion um halb Fünf aufzustehen und mich um Fünf auf den Weg zu machen.

Es ist Schnitzelfreitag. Für „unsere Soldaten“. Und ich habe mich rangehängt, um mit Birgitta und anderen patriotischen Israel-Freunden nach Nir Galim zu fahren und zum Schabbat für die Soldaten im Krieg in Gaza Challa zu schmieren. „Schabbos Challa“ ist ein traditionelles jüdisches Zopfbrot, das meist für den Schabbat gebacken wird und unseren hiesigen Hefezöpfen gleicht.

Die gläubigen Juden bereiten sich bereits am Freitagnachmittag auf den Schabbat vor und erledigen noch rasch ihre Einkäufe. Im Übrigen sind die Wörter Sabbat und Schabbat bedeutungsgleich. Und die gläubigen Christen, die die gläubigen Juden in ihrem Kampf unterstützen wollen, müssen eben schon Freitag früh los. Von den Ungläubigen wie mir ganz zu schweigen.

Aufbruch 6 Uhr morgens

Weil ich ja gerne schlaumeiere, hier noch ein Wort zum Ursprung: Challa ist das hebräische Wort für die Steuer, die den Priestern zustand. Nach der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 (siehe Jerusalem-Blog) wurde von den Rabbinern festgelegt, dass dieser Teil des Brotes nicht mehr den Priestern gegeben, sondern ins Feuer geworfen werden solle. Ja, da wurden die Priester noch zur Verantwortung gezogen. Es ist halt ein Leidesvolk. Das Challa-Nehmen ist eine der drei religiösen Pflichten der Frau im Judentum.

So, und jetzt komme ich. Weder Frau, noch Jude, noch gläubig, noch kriegsbegeistert. Aber wie sagte mir der Benediktiner-Abt Nikodemus bei meiner Ankunft zum Krieg? „Ich stehe nicht pro Palästina. Ich stehe nicht pro Israel, Ich stehe pro Mensch.“ Also Schnitzelbrötchen für Soldaten. Why not. Ob ich damit schon den Krieg unterstütze, vor dieser Antwort drücke ich mich mal.

Challa

Auf Antworten kommen wir hier noch. Die meistgestellte Frage von Freunden an mich in dem Zusammenhang ging jedoch nicht um Krieg oder Frieden, sondern um Schnitzel. Schnitzel in Israel? Ja, Schweineschnitzel dürfen die Juden nicht. Um gleich zu beruhigen, es geht um Hähnchenschnitzel und wir haben auch ein paar vegetarische Varianten dazugelegt. Und übrigens sind Schnitzel eines der beliebtesten Fleischgerichte im Heiligen Land. Nur eben als Hühnchen oder gerade noch so als Pute, wo immer die Viecher auch wachsen.

Um 6 Uhr brechen die Dänin Birgitta, der deutsche Kriegstreiber und ein blutjunger österreichischer Volontär an der Paz-Tankstelle an der Autobahn nach Tel Aviv auf. Es geht nach Nir Galim, einem kleinen Nest von 1500 Einwohnern, das von ungarischen Holocaust-Überlebenden gegründet wurde. Die einen sagen Nir Galim liegt in der Nähe des Gaza Streifens. Die anderen sagen, es liegt bei Aschdod, was es wohl eher trifft. Aber hier ist ohnehin alles nicht weiter als zwei Stunden voneinander entfernt. Wir fahren eine Stunde und kommen dann in einem Moschaw an – sowas ähnliches wie ein Kibbuz, nur kein Kibbuz. Also eine Art Landwirtschaftliche Produktions Genossenschaft. Israel lebt im Genossenschaftssystem, das die Ost-DDR gründlich versaut hat.

Und wir sind nicht die einzigen. Ganze Schulklassen treffen ein. Deutsche Siedler, im Sinne von Christen aus Deutschland, die hier in der Gegend ganze Dörfer aufgebaut haben. Und irgendwelche Freizeit-Helfer, so wie wir.

4300 Schnitzel-Brötchen sind es am Ende

Auf langen, langen Tischen stehen das vorbereitete Zopfbrot, irgendein israelisches Tomaten-Auberginen-Ketchup, Hühnchenschnitzel, Gurken und Remoulade bereit. Vier Brötchen immer gleichzeitig – Ketchup, Gurken, Chicken, Remoulade; Ketchup, Gurken, Chicken, Remoulade; Ketchup, Gurken, Chicken, Remoulade; Ketchup, Gurken, Chicken, Remoulade… Drei Stunden lang. Irgendwann muss ich so um die 180 Challa geschmiert haben. Alle eintausend Brote gibt es einen Glockenschlag. 4300 sind es am späten Vormittag. Applaus und Jubel. Die Soldaten-Menschen werden es danken.

Ketchup, Gurken, Chicken, Remoulade…

Und es wird geredet. Eden, eine Lehrerin, die mit ihren Schülern gekommen ist, erzählt mir zum jüngsten Geisel-Deal, der in Katar ausgehandelt wurde, und dem am Freitag das Sicherheitskabinett von Benjamin Netanyahu zugestimmt hatte, dass sie zwiespältige Gefühle habe. „Der Bauch sagt Nein. So viele Terroristen werden entlassen. Die werden wieder zuschlagen. Der Kopf sagt Ja. Alles, was wir wollen, ist die Befreiung der Geiseln. Nun werden weitere entlassen. Das ist gut.“

Eine Solidaritäts-Aktion, zu der Viele kommen und für die Viele spenden

Omer, ebenfalls mit Schülern hier, widerspricht ihr: „Das ist gut. Das wollen wir doch. Geiseln frei und Waffen schweigen. Aber die israelische Armee hat schon vor Monaten erklärt, dass sie ihre Ziele erreicht hat. Warum macht Bibi immer noch weiter? Darunter leiden tausende Kinder in Gaza. Es ist Krieg. Und Krieg ist schlecht. Auch für uns.“ Es geht hin und her. Aber eigentlich wollen die Menschen nicht über den Deal sprechen, sondern sind hier, um Challah für die Soldaten zu bereiten. Am Ende werden Lieder gesungen. Ein Junge berichtet von seinen Eltern oder einen Bruder, ich habe es nicht richtig verstanden, die bei dem „Supernova“-Musikfestival in der Negev-Wüste beim Hamas-Massaker fünf Kilometer vom Gaza-Streifen getötet wurden. Schweigen. Betroffenheit. Hier ist nichts falsch.

Ich muss eines berichtigen. Am Mittwoch vor dem Schnitzelfreitag bin ich – zum zweiten Mal – in einem Hauskreis in Malha, einer Vorstadt Jerusalems gewesen. Dort stehen alle fest hinter Benjamin Netanyahu. So habe ich es geschildert. Hier betet man für Netanyahus Gesundheit, „damit er uns gut regieren kann“. Hier findet Peter aus Österreich: „Jetzt ist nicht der Zeitpunkt, einen Prozess gegen Netanyahu zu führen.“ Hier findet man den Deal zur Freilassung von „Hamas-Teufeln“ grundfalsch.

Am Schnitzelfreitag hat die gemäßigt konservative Zeitung „Maariv“ , einst gegründet von einem Leipziger Juden, eine Umfrage veröffentlicht, nach der fast drei Viertel aller Israelis, nämlich etwa 73 Prozent, das zwischen Israel und der palästinensischen Terrororganisation Hamas geschlossene Abkommen über einen Waffenstillstand und die Freilassung der in Gaza festgehaltenen Geiseln für richtig befinden. Selbst dann, wenn im Gegenzug für die Entlassung palästinensische Häftlinge aus israelischen Gefängnissen freigelassen werden. Darunter werden ganz sicher auch Terroristen sein. Neben – nach unserem Verständnis – Unschuldigen.

Zurück zur Umfrage: Knapp ein Fünftel der israelischen Bevölkerung ist gegen die Vereinbarung. Es wurde auch gefragt, ob Israel seine Kriegsziele erreicht habe. 36 Prozent meinten, keines der Ziele sei erreicht. Einerseits sind viele Israelis der Ansicht, es sei falsch, eine Vereinbarung mit einer Terrororganisation zu unterschreiben. Andererseits müssen die 98 Geiseln, die sich weiterhin in der Gewalt der Hamas befinden, irgendwie freikommen, so sie noch leben. Dieser Aspekt ist für die meisten Israelis offensichtlich ausschlaggebend.

Als wir am Mittag aus Nir Galim zurückkommen, liegt Jerusalem im Sonnenschein. 20 Grad. Die Stadt erwartet den Schabbat. Bis 16 Uhr haben hier noch die Geschäfte auf. Am Sonnabend ruht das Land. Konsequent. Mich erreicht am Nachmittag eine Nachricht, in der sich drei Soldaten für die Schabbat-Brote bedanken. Es war kein verlorener Tag für Israel und kein verlorener Tag in Israel. Schalom Schabbat.

Der Autor als Challah-Experte am Schnitzelfreitag in Nir Galim. 180 Brötchen in drei Stunden für die Sache…

Wirrnis Jerusalem – und was Menschen in Israel über den Waffenstillstand denken

„Getrennt durch die Basargassen liegen die vier Viertel der alten Stadt: das armenische, das christliche, das mohammedanische, das jüdische, streng getrennt, sich hassend, sich nicht kennend.“ (Gabriele Tergit, 1934)

4000-jähriges Jerusalem – und es hat sich wohl viel aber zugleich so wenig verändert. Ich möchte neben meinen Bildern heute eine große Anleihe bei Gabriele Tergit nehmen, die in den 1930er Jahren Palästina bereiste und Jerusalem beschrieb. Wer tiefer in die Geschichte der letzten 4000 Jahre einsteigen möchte, der sollte in die Jerusalem Biografie von Simon Sebag Montefiore schauen, sehr empfehlenswert. Wer Geschichten in der Geschichte der Heiligen Stadt lesen will, dem empfehle ich sehr das neue Buch meines langjährigen Freundes und ehemaligen Kommilitonen Holger Haase „Ejhaw: Die Wächter der Lade“, das im Jahr 67 nach Christi spielt, also in der Zeit der Eroberung Jerusalems durch die Römer im Jüdischen Krieg – und heute bei Amazon zu kaufen ist. Wunder, oh Wunder, soweit der Werbeblock. Holger, das kostet was… Zum Krieg kommen wir hier auch noch.

„Niemand kennt das Alter seiner Wohnung, vielleicht 2000 Jahre, vielleicht 400 Jahre alt… Nur schmale Gassen, kein Weg für Pferd und Wagen, geschweige für Auto“, schreibt Gabriele Tergit im letzten Jahrhundert. Das ist es vielleicht, was auch heute noch den Reiz der Innenstadt Jerusalems ausmacht. In einem fast wie mit dem Lineal gezogenen Quadrat von vier Kilometer Umfang, ein Kilometer Länge an jeder Seite befinden sich alle heiligen Stätten – der Felsendom, die Klagemauer, die Grabeskirche aus dem 4. Jahrhundert und die vier Stadtviertel. Das moslemische, erreichbar durch das Damaskus-Tor, das christliche am Jaffa Tor, das jüdische Viertel an der Klagemauer und das armenische Viertel, das bis zum Zions-Tor und zum Zionsberg mit Davidsgrab, Abendmahlsaal und meiner Unterkunft, der Dormitio Abtei, reicht.

Der Felsendom fotografiert vom Ölberg

„So ist das armenische Viertel: weit, reich, still, Öllampe an den Ecken zwischen den hohen Mauern, über die die Pinie sieht, hohe schmale Zypressen, das feine zarte wehende Blatt des Pfefferbaums und des Eurkalyptus, die Welt des armenischen Patriarchen…“, schreibt Tergit. Und: „So ist das christliche Viertel: sauber, gepflegt, reich, Schulen, Klöster, Stiftungen… Gekehrt ist das holprige Pflaster, sauber jedes Papier entfernt. Tief versteckt die Grabeskirche… Im mohammedanischen Viertel ist Wimmeln von Mensch und Tier…“

Die Dormitio Abtei auf dem Zionsberg

Schließlich beobachtete Tergit, was man noch heute so beschreiben könnte: „Jerusalem war eine jüdische Stadt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Vertrieben wiedergekommen, vertrieben, wiedergekommen… Hier liegt an einer Ecke die Klagemauer, Rest des im Jahr 70 von Titus zerstörten Tempels, nichts als eine gewaltige Mauer, 18 Meter hoch und ebenso tief unter der Erde… nichts als eine Mauer aus gewaltigen Quadern… An diesen Steinen weinen durch die Jahrtausende Juden um ihre untergegangene Freiheit. Tausende winzige Zettel stecken zwischen den Steinen, hineingesteckt, damit Gott die darauf geschriebenen Bitten erhört…“ Wie aktuell.

An der Klagemauer

Ich werde in diesen Tagen oftmals gefragt, wie dieser Deal von Katar zur Waffenruhe und einer Geiselfreilassung zwischen Israel und der Hamas im Land ankomme. Weltweit sorgt das Gaza-Abkommen für Aufatmen. Die Lufthansa will die Flüge nach Tel Aviv wieder aufnehmen. Die Bundesregierung – zwar nicht beteiligt – dringt auf eine konsequente Umsetzung der Einigung. Eine vom Iran gestützte Miliz will ihre Angriffe auf Israel einstellen. Also alles wieder gut im Heiligen Land? Nein! Ganz und gar nicht.

In Tel Aviv wird gegen das Abkommen demonstriert. Angehörige von gefallenen Soldaten übernachten aus Protest gegen die Einigung mit der Terrororganisation vor dem Büro von Premierminister Benjamin Netanyahu. Vor dem Obersten Gerichtshof in Jerusalem wurden Särge mit israelischen Flaggen aufgestellt. Die rechte Partei „Religiöser Zionismus“ macht ihren Verbleib in der Netanyahu-Koalition davon abhängig, ob nach dem 42-tägigen Geiselabkommens mit Waffenruhe die „vollständige Vernichtung“ der Hamas fortgesetzt werde.

Eiliges, geschäftiges Treiben in der Innenstadt

Das Abkommen geht aber nicht nur einigen rechten Politikern gegen den Strich: Auch im Hauskreis der seit 1991 in Israel lebenden christlichen Religionslehrerin Christa Behr, die sich der Sühne in Israel verschrieben hat, betete man am Abend des Deals, gestern, am 15. Januar, dafür, dass die „Teufel von der Hamas“ besiegt werden. Ich habe mich dem Kreis, der jeden Mittwoch zusammenkommt und aus österreichischen, deutschen, georgischen und ukrainischen Teilnehmerinnen und Teilnehmern besteht, angeschlossen. Einige von ihnen leben bereits seit Jahrzehnten in Jerusalem, andere arbeiten als Volontäre für eine Zeit mit Christa zusammen. Hier kennt man Land und Leute. Wenn auch zweifellos ein streng konservativer Kreis. Hier betet man für Netanyahus Gesundheit. Hier ist man überzeugt, dass nur die vollständige Vernichtung der Hamas zu einem dauerhaften Frieden führen könne. Und hier ist man sich ganz sicher, dass Israel das Recht und sogar die Pflicht habe, sich dauerhaft und Tag für Tag gegen seine Feinde zu stellen. Ein modernes Sparta. Ein Volk im Krieg.

Und hier herrscht die Meinung vor, dass der Preis des Abkommens zu hoch sei. Einer spricht von einem „Pakt mit dem Teufel“. Der Hamas könne man nicht glauben. 1000 freigelassene Terroristen werden zum Terror zurückkehren und israelische Soldaten töten. Peter aus Österreich erinnert daran, dass 2012 bereits 1000 Terroristen, er meint inhaftierte Palästinenser, für Soldaten ausgetauscht wurden. Er sieht den 7. Oktober 2023 als direkte Folge davon. Peter lebt mit seiner Frau seit 1971 in Jerusalem. Er ist kein Jude. Er ist Christ. Messianer.

Friedliches Stadtbild in Jerusalem

Natürlich wird im Haus von Christa Behr in Malha – gesprochen Malkcha – seit dem 7. Oktober jeden Tag für das Überleben der Geiseln gebetet. Natürlich sorgt die Freilassung der 33 Geiseln für Erleichterung. Aber auch hier mehr Misstrauen als Vertrauen. Was ist mit den anderen Familien? Wie viele der Geiseln leben noch? Jetzt ist von 98 Menschen die Rede. Aber eine immer wieder geforderte Liste habe die Hamas niemals vorgelegt. Erst jüngst wurden 101 Namen genannt, die aber Israel zuvor der Hamas übersandte, um über den Verbleib dieser Menschen Auskunft zu erhalten. Misstrauen und Hass sind groß.

Es ist eng in der Altstadt – hier am Lions Tor

Es gibt einen interessanten Rundbrief des Publizisten und Redners Doron Schneider, der das Oslo-Abkommen von 1993 als unmittelbare Ursache der Katastrophe vom 7. Oktober identifiziert. Damals wurde der Abzug des israelischen Militärs aus dem Gaza-Streifen und die Quasi-Übergabe an die PLO von Yasser Arafat vereinbart. „Bis zu diesem Abkommen gab es in Gaza keine Raketen, keine Tunnel und keine riesigen Waffenlager. Israelis kauften auf den Märkten von Gaza ein, junge Israelis lernten in Khan Yunis Autofahren und Dutzende jüdische Gemeinden blühten in Sicherheit im Gaza-Streifen“, schreibt Doron Schneider. Er meint ganz offenbar Siedler. Und wieder kollidiert das israelische Sicherheitsbedürfnis mit dem palästinensischen Verlangen nach Freiheit….

Das sind einige Meinungen, die ich hier höre. Die nächsten Tage werde ich zum Ort Nir Galim am Gaza-Streifen aufbrechen, um dort Menschen zu treffen, die die Soldaten unterstützen. In den nächsten Wochen werde ich anderen Leuten, vielleicht mit anderen Meinungen begegnen. Schalom.

Karte Tripadvisor

Der Autor auf dem größten Markt Jerusalems: Mahane Yehuda Market (alle Fotos: Autor)

PS vom 17. Januar: Inzwischen gibt es eine Umfrage der hiesigen Zeitung „Maariv“, nach der fast drei Viertel der Israelis, etwa 73 Prozent, das Abkommen zwischen Israel und der palästinensischen Terrororganisation Hamas unterstützen Knapp ein Fünftel ist gegen die Vereinbarung. Bei den Wählern der Parteien der Netanyahu-Koalition sieht es ganz anders aus. Nur 52 Prozent stimmen den Deal zu. Das Sicherheitskabinett hat den Waffenstillstand und der Freilassung von Hunderten Palästinensern im Gegenzug zur Freilassung von 33 Geiseln zugestimmt.

Ein Land zwischen Panik und Euphorie

„Juden, Beduinen, Christen, Drusen – der Schmerz und die Trauer über den Verlust einer Geisel vereint uns alle.“ (Botschafter Steffen Seibert auf X)

Man kann in diesen Tage nicht durch Jerusalem gehen, ohne an die noch immer verschleppten Geiseln erinnert zu werden. Überall sind Bilder und Plakate angebracht – an Bushaltestellen, an Geschäften, an Straßenlaternen. 101 Menschen lautete die letzte Zahl. In Tel Aviv und anderen Städten dasselbe Bild. Erst am Samstagabend gab es in Tel Aviv erneut eine große Demonstration, der sich Botschafter verschiedener Länder anschlossen. Die Zeit der stillen Diplomatie in den Hinterzimmern der Politik, einst entscheidendes Merkmal von Außenpolitik, scheint auch im Auswärtigen Amt in Berlin vorüber zu sein. In Prag, in Bukarest und auch hier in Tel Aviv zeigen Diplomaten zu verschiedenen Fragen offen Haltung.

Alle Geiseln müssten nach Hause zurückkehren, und der Krieg in Gaza, der Hunderttausenden schreckliches Leid bringe, müsse enden, sagte der Deutsche Botschafter und ehemalige Nachrichtensprecher Steffen Seibert, übrigens in bestem Hebräisch. „Diese beiden Ziele hängen zusammen und wir müssen zusehen, dass sie so schnell wie möglich erreicht werden.“ Dies postete Steffen Seibert auch auf X.

Steffen Seibert auf der Demonstration am letzten Sonnabend in Tel Aviv, auf der Plattform X von ihm gepostet. Die gelbe Schleife am Revers steht in Israel als Symbol für die Solidarität mit den Geiseln. (Quelle: Plattform X)

Auch wenn dieser Blog kein Nachrichten-Kanal werden soll, kann ich dem Thema nicht ausweichen. Wer keine politische Landeskunde aus meiner Froschperspektive haben möchte, sollte nicht weiterlesen. Aber ein Ziel meines Aufenthaltes besteht ja auch darin zu verstehen, was die Menschen hier bewegt, antreibt, rührt. Auch wenn das nur in Maßen gelingen kann. Das ist mir bewusst. Aber nun bin ich hier, und kann nicht anders.

Die Demonstration am Samstagabend (Quelle: Plattform X)

Bei dem Angriff der Terrororganisation Hamas wurden am 7. Oktober 2023 im Süden Israels etwa 1200 Menschen getötet und rund 250 verschleppt. Das sind die bekannten Fakten. Etwa 100 Geiseln befinden sich noch immer im Gazastreifen. Unter ihnen seien auch Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft, unter anderem auch der deutschen, schreibt die Jüdische Allgemeine in Jerusalem. In Israel spricht man vom größten Verbrechen an Juden seit dem Holocaust, der Schoa an sechs Millionen Juden in Europa durch die Nationalsozialisten. Die im Übrigen keine Kommunisten waren, wie Alice Weidel auf X im Gespräch mit Elon Musk mal munter behauptete. Derzeit laufen im Golfstaat Katar Gespräche über eine Waffenruhe und die Freilassung der Geiseln. Die USA haben sich eingeschaltet, und sehen angeblich gute Chancen.

Überall in der Stadt findet man Solidaritätsaufkleber.

Wie ist die Lage in Israel? Offenbar aus dem Trauma, dass sich die Vernichtung des jüdischen Volkes diesmal auf israelischen Boden wiederholen könnte, schlägt Israel jeden auch nur angedeuteten Versuch von Terror gegen sein Land zurück. Auch präventiv. Erst am Sonntag, dem 12 Januar, führte es Luftangriffe im Osten und im Süden des Libanon. Es geht um Stellungen der Hisbollah. Selbst bei Nichtanhängern der Regierung Netanyahu im Land findet das Anerkennung.

„Benjamin Netanyahu hat an Unterstützung immer mehr gewonnen“, berichtet Georg, der als Sicherheitsberater der EU in Ramallah arbeitet, dem Sitz des Palästinensischen Legislativrates und des Büros der palästinensischen Polizeibehörde. Die Bevölkerung sei inzwischen sogar bereit für die Verteidigung des Landes tote Soldaten und den Verlust von Flugzeugen hinzunehmen: im Iran, im Libanon, in Gaza, wo wöchentlich auch israelische Soldaten sterben, aber laut Hamas inzwischen 49.000 palästinensische Opfer zu beklagen seien. Nachprüfbar ist das nicht. Und die derzeitige Paralysierung von Syrien als Gegner bekam die Regierung Netanyahu quasi noch obendrauf. Es gibt Menschen hier, die beobachtet haben wollen, dass die Israelis geradezu euphorisch angesichts ihrer Erfolge sind.

Solidaritätsbekundungen auch an vielen Geschäften.

Erst am Wochenende wurde eine aus dem Jemen geschickte Drohne im Süden Israels abgefangen. Ein Hubschrauber habe die Drohne nahe der Ortschaft Gvulot in der Negev-Wüste abgeschossen, berichtet die „Times of Israel“. Die Huthi-Rebellen im Jemen sind wie die Hamas im Gaza-Streifen und die libanesische Hisbollah-Miliz mit dem Erzfeind Iran verbündet. Die Huthis attackieren regelmäßig Handelsschiffe im Roten Meer. Nach eigenen Angabe aus Solidarität mit der Hamas. Nicht zuletzt wird der Kampf gegen den Terror nach hiesigem Verständnis auch so gedeutet, dass Israel den Kopf hinhält für Europa.

„Israel ist nicht mehr das, was es einmal war“, beobachtet hingegen Kathi, die seit 1966 hier lebt und sich das Land als junge Frau als Lebensmittelpunkt aussuchte. Ihre Tochter und ihre Enkelin wohnen hier. Ihre Familie dagegen in Belgien. Die ehemalige Fotografin lebt in einem Vorort von Jerusalem. Sie findet wie viele linke Israelis die derzeitige national-konservative Regierung schrecklich. Ultraorthodoxe Juden besiedeln inzwischen ganze Städte, wie die Metropole Bnei Brak. Bnei Brak ist eines der Hauptzentren des Tora-Studiums. Dort wählten vier Fünftel der Einwohner ultraorthodoxe oder religiös-zionistische Parteien. Die 200.000 Einwohner-Stadt zählt zu den ärmsten in Israel. Während der Corona-Pandemie gab es hier eine extrem hohe Zahl an Infizierten. Die Stadt wurde von der Polizei abgeriegelt. Armeeeinheiten führten auf freiwilliger Basis Evakuierungen durch. Aber das nur am Rande.

Kathi aus Belgien hat als Fotografin ein Buch über Vögel in Israel veröffentlicht. Eines ihrer Hauptthemen: Kraniche als Pilger auf dem Weg in den Süden. Hunderttausende Kraniche rasten in Israel, wie wir es auch aus Mecklenburg-Vorpommern kennen.

Das Entweder-Oder-Denken habe im gesamten Land zugenommen, berichtet auch Nikodemus Schnabel. Er ist Abt in der Dormitio Abtei, dem Benediktiner Kloster auf dem Zions-Berg, das ich mir als Wohnstätte in Jerusalem ausgesucht habe. Abt Nikodemus lebt seit 2006 in Jerusalem und verfolgt die politische Lage nicht erst seit dem 7. Oktober. Er selbst war einst im Auswärtigen Amt in Berlin tätig. Für ihn sei nicht der 7. Oktober das entscheidende Datum bei der Veränderung der Stimmung im Land, berichtet er, sondern der Antritt dieser national-konservativen Regierung von Benjamin Netanyahu. Seither herrsche offener Hass im Land. „Die Situation ist eine Katastrophe. Wir sind gerade auf einem absoluten Tiefpunkt“, sagt Abt Nikodemus. Es gebe aktuell politisch nichts Gutes zu berichten. Nur Verlierer auf beiden Seiten. Der Abt: „Die Israelis verlieren. Die Palästinenser verlieren. Es ist ein Ozean von Leid. Meine Hoffnung ist, dass es einen Schrecken gibt, der zu einem Nachdenken führt.“

Täglich finden an der Klagemauer in Jerusalem Soldaten-Appelle statt

Amos Oz, der israelische Schriftsteller und Journalist, habe einst gesagt, man müsse den Kompromiss enttabuisieren. Die derzeitige Haltung, dass keine der beiden Seiten auch nur einen Millimeter nachgebe, bringe beide Seite nicht weiter, beobachtet Schnabel: „Fakt ist, wenn man den Extremisten von der Hamas und Co. und dem Minister für Nationale Sicherheit, Itamar Ben Gvir und Co., folgt, dann gibt es nur eine Lösung. Die jeweilig anderen Seite muss weg. Das ist zynisch.“ Inzwischen leben fast acht Millionen israelische Juden u n d bald acht Millionen Palästinenser in Israel und in den Autonomie-Gebieten. Die Frage sei, wie schafft man es, dass man zusammenkommt.

Der Traum der national-konservativen Siedler, jetzt auch im Gaza-Streifen wieder zu siedeln, den man 2005 unter Ariel Sharon vollständig räumte und der palästinensischen Autonomie-Behörde überließ, wäre jedoch ganz offenbar ein Schritt in die entgegengesetzte Richtung. Hoffnungen auf die derzeitigen Verhandlungen in Katar scheinen da doch eher mit Vorsicht zu genießen sein. Zumal auch auf der Westbank radikalisierte Israelis Palästinensische Dörfer angreifen und dabei wiederum von der israelischen Armee vertrieben werden sollten. Im zerstrittenen Israel gibt es mehr als militärischen Fronten.

Der Autor heute vor dem Jaffa-Tor in Jerusalem.