Die Documenta des Nordens – faszinierende Kunst, wo sonst nur Kühe zwischen den Deichen stehen

„Als wir die NordArt ins Leben riefen, glaubten wir einfach daran, dass Kunst Menschen zusammenbringen kann – nicht nur Künstler und Publikum, sondern auch Nationen, Philosophen und Weltanschauungen.“ (Wolfgang Gramm, Künstler und Chefkurator der NordArt in Büdelsdorf in Schleswig-Holstein)

Pinocchios Armee, LIU Ruowang, China

Der überlebensgroße, wohl gut sechs Meter hohe Pinocchio wurde in diesem Jahr in die Halle geholt. 2022 war die Installation des chinesischen Künstlers LIU Ruowang auf der Carlshütte in Büdelsdorf der Hingucker auf der NordArt. Das kann man dem Kunstwerk guten Gewissens nachsagen, ohne die anderen 200 Künstler zu beleidigen, deren Malereien, Installationen, Fotografien, Skulpturen jedes für sich ebenfalls einzigartig sind. Aber LIU Ruowangs Figurenspiel überragt nicht nur viele andere Werke, sondern war bereits damals hochpolitisch – weil umgeben von einer 36-köpfigen Schar von Passanten, gleichsam der chinesischen Terrakotta-Armee. Den Pinocchio in der Mitte umkreisten ewig ahnungslose Zeitgenossen, die seine Lügen ungerührt oder achtlos, teils auch interessiert aber kritiklos hinnahmen.

Die Lügenfigur des chinesischen Künstlers auf der NordArt 2025 steht inzwischen inmitten einer Pinocchio Armee, in der ebendiese Zeitgenossen ihre eigenen Lügen mit ihm im Chor verbreiten. Was für eine Metapher, was für ein Bild voller Symbolik, das sicherlich nicht nur im fernen China die heiklen Verhältnisse der modernen Gesellschaft widerspiegelt.

Von einer Europareise brachte LIU Ruawang für seine Tochter eine Pinocchiofigur einst nach China mit. Seither kreisten die Worte „Puppe“ und „Lüge“ quälend in seinem Kopf, beschrieb er, was ihn 2019 zu der Figurengruppe inspirierte. Wer ist der Puppenspieler? Können Menschen der Manipulation durch die Marionette widerstehen? Die NordArt 2025 gibt jedem seine Antwort darauf.

Seit nunmehr 25 Jahren existiert die einzigartige Kunstschau in Büdelsdorf bei Rendsburg schon. Und auch wenn es ihr Ruf vielleicht noch nicht bis zu jedem Zeitungsleser in Schwerin, Berlin oder gar München geschafft hat, ist sie doch die Mega-Ausstellung des Nordens. Man kann natürlich zur „documenta“ nach Kassel fahren oder auf der „Biennale“ in Venedig flanieren, um sich an zeitgenössischer Kunst zu berauschen. Oder man fährt nach Büdelsdorf. „Vergessen Sie die documenta“, sagt eine der Damen, die mit mir in Hamburg in den Zug nach Rendsburg steigen. „Sie werden schon sehen! Kassel hat viel zur viele Skandale inzwischen. Büdelsdorf hat mindestens genauso viele internationale Künstler, aber ohne den ganzen Klamauk.“ Frauke Hegenkamp, so heißt die Dame, wie sich später herausstellt, fährt mit ihren Freundinnen bereits das dritte Mal in diesem Jahr zur Carlshütte.

„Die NordArt zählt zu den größten internationalen Ausstellungen zeitgenössischer Kunst in Europa“, urteilte schon vor Jahren das Portal „feuilletonscout“. Also los. Mich erwartet eine Stadt mit rund 10.000 Einwohnern und einer ehemaligen Eisengießerei – die Carlshütte. Sie war das erste Industrieunternehmen der  Herzogtümer Schleswig und Holstein. 1827 öffnete sie ihre Tore, 1997 schloss sie sie wieder. Übrig geblieben ist ein einmaliges Industriedenkmal mit Hallenschiffen, Wagenremise und einem mit 80.000 Quadratmetern mehr als großzügigen Park. Genug Platz also, um jedes Jahr im Sommer internationale zeitgenössische Künstler anzuziehen, die dort Bilder, Fotografien, Videos, Skulpturen und Installationen ausstellen.

Die Carlshütte, wo einst Eisen geschmolzen wurde, ist heute ein Schmelztiegel ganz anderer Art: Auf 100.000 Quadratmeter Fläche versammeln sich 200 Künstler aus 50 Nationen und 1000 Kunstwerke – und das alles 121 Tage lang. Vom 6. Juni bis 5. Oktober, gibt es Kunst satt zu sehen.

Seit 2018 knackt die NordArt Jahr für Jahr die 100.000-Besucher-Marke. Asien mit China und der Mongolei ist ein etablierter Schwerpunkt. Dieses Jahr gibt es einen neuen, spannenden Impuls: Erstmals wird Kunst aus Japan präsentiert – ein Highlight mit frischen, spannenden Ideen. Eine eigene Ausstellungshalle erhält dieses Jahr zudem Polen mit einem Sonderprojekt.

Hauptsponsor ist die ACO-Gruppe mit dem Unternehmer Hans-Julius Ahlmann. Künstler Wolfgang Gramm ist NordArt-Gründer und Geschäftsführer der Schau. Ahlmanns Familie gehörte eins die Carlshütte und er stellt die Hallen zur Verfügung. Es gibt eine Public Private Partnership, an der die beiden Städte Büdelsdorf von Rendsburg beteiligt sind. Den größten Teil des Budgets bekommen die Ausstellungsmacher Wolfgang Gramm und Inga Aru (Interview) über den Eintritt herein.

Walking Man (Der Wanderer), SU Xinping, China

„Als wir die NordArt ins Leben riefen, glaubten wir einfach daran, dass Kunst Menschen zusammenbringen kann – nicht nur Künstler und Publikum, sondern auch Nationen, Philosophen und Weltanschauungen“, sagt Wolfgang Gramm, Künstler und Chefkurator. Japan ist in diesem Jahr das Fokusland, und das Konzept des Dô – des Weges – steht dabei im Mittelpunkt. Chefkurator Gramm: „Dô lehrt, dass das Leben nicht das Ziel ist, sondern eine ständige Übung – das Lernen, das Tun und die gemeinsame Erfahrung. In der Kunst wie im Leben ist der Weg selbst der Sinn. Auch das diesjährige Programm zelebriert diese gemeinsame Reise über Grenzen und Generationen hinweg.“

Im China-Projekt ist der „Walking Man“ von Su Xinping zu sehen. Mit ihren klaren Konturen, kraftvollen Schritten und dem entschlossenen Ausdruck wird die Skulptur zu einem Sinnbild und einer Allegorie für die Dynamik der überschnellen Entwicklung im heutigen China. Der in der Mongolei geborene Su Xinping sucht quasi nach dem geistigen Halt in Zeiten des Wandels.

War and Peace (Krieg und Frieden) – Dubios ist die Welt, Wieslaw Smetek
Hinten: One Dollar, Wieslaw Smetek

Wieslaw Smeteks „Jaguar“ mit weißen Ledersitzen und Mozart im Autolautsprecher kommt als todbringender Panzer daher. Und Georg Washington auf einer Dollarnote erschrickt sich über den heutigen Zustand der Welt. Der Künstler aus dem Fokusland Polen, der insbesondere durch seine Karikaturen bekannt ist, sagt dazu: „Kriege hat es immer gegeben. Zu glauben, dass eine Welt ohne Kriege möglich ist, wäre eine Illusion. Als Grafikdesigner habe ich viele verschiedene Cover gestaltet, aber erst in den letzten Jahren habe ich in meinem Archiv entdeckt, wie oft ich mich in der Vergangenheit mit dem Thema Krieg und Frieden beschäftig habe. Für das aktuelle Projekt habe ich mein Auto geopfert, und mit meinen alten Titelmotiven kombiniert. Ich möchte damit zum Nachdenken darüber anregen, wie dünn die Grenze zwischen unserem komfortablem Leben und dem Krieg ist.“

Die weiße Taube, Wieslaw Smetek, Polen

Alle 1000 Kunstwerke der 209 Künstler der diesjährigen NordArt zu beschreiben, das würde selbst die geduldigsten Leser der oft zu langen Beiträge dieses Blogs auf eine harte Probe stellen. Deshalb sei zum Schluss nur noch verraten, dass vor Jahren auch einmal ein Künstler mit dem Namen Ai Weiwei, nicht nur nicht ausgestellt hat, sondern zu den abgelehnten Künstlern der Nord Art zählte. Aber das ist lange her, und niemand aus dem Team der Ausstellungsmacher mag die Geschichte wirklich bestätigen. Also Schwamm drüber. Und wer wirklich noch Lust auf weitere Informationen hat, mag mein Interview mit Inga Aru im Anschluss lesen.

Dinge, die fliegen wie Schiffen, Anna Myga Kaste, Deutschland
Your Body (mitte), XIANG Jing, China
The End, XIANG Jin, China
Fotos: Autor

INTERVIEW

Kuratorin Inga Aru:
„Der Norden bietet mehr als Kühe zwischen den Deichen“

Foto: Jörg Wohlfromm

Inga, Sie sind Senior Kuratorin der NordArt, verraten Sie uns, wie kam es vor 26 Jahren zu der Kunstausstellung im doch eher ländlichen Büdelsdorf in Schleswig-Holstein?

Inga Aru:  Kurz gefasst ist es die Geschichte der Freundschaft eines kunstbegeisterten Unternehmers und eines Künstlers mit Organisationstalent. Hans-Julius Ahlmann, Gastgeber im Kunstwerk Carlshütte und Gesellschafter der ACO Gruppe, und Wolfgang Gramm, Künstler und Chefkurator der NordArt, wollten Anfang der 1990er Jahre ihre Heimat lebenswerter machen. Heraus entwickelte sich eine Kunstausstellung, die der Stadt einen besonderen Anziehungspunkt gibt. Das fing klein an, mit Kunst im Betrieb, und heute ist es eine der größten internationalen Kunstausstellungen in Europa. Hans-Julius Ahlmann und seine Frau, Johanna Ahlmann, mein Mann, Wolfgang Gramm, und ich hatten von Beginn an ein internationales Format im Sinn.

Würden Sie den Begriff „Documenta des Nordens“ akzeptieren?

Das hat einmal ein Journalist geprägt, und ich finde es nicht schlecht. Aber wir sind anders als die Biennale in Venedig oder die Documenta in Kassel. Qualität und Inhalt stehen auch bei uns an oberster Stelle. Das Konzept der NordArt ist aber als Gesamtkunstwerk zu sehen, ein dynamisches Zusammenspiel den Kunstwerken aus aller Welt und der Kulisse der historischen Eisengießerei Carlshütte.

Im vergangenen Jahr feierten Sie ihr 25-jähriges Bestehen mit einer Retrospektive vergangener Preisträger, was ist in diesem das Hauptthema?

Wir haben jedes Jahr einen Länderfokus. Das ist in diesem Jahr Japan und das Konzept des Dô – des Weges. Dô lehrt, dass das Leben nicht das Ziel ist. Es ist die ständige Übung – das Lernen, das Tun, die gemeinsame Erfahrung. Dazu kommen einige Sonderprojekte, wie z.B. von Künstlern aus Polen, aus der Mongolei und ein Gast aus Israel. Ein besonderer Fokus in den letzten 10 Jahre hat auch chinesische zeitgenössische Kunst in der NordArt.

Sie haben jährlich etwa 3000 Bewerbungen für die NordArt, machen Sie dafür Vorgaben?

Die Künstler sind völlig frei. Unsere Jury sucht aus den Einreichungen jene aus, die uns für ein Gesamtkonzept inspirieren. Gesamt präsentieren wir jährlich 200 ausgewählte Künstler.

Haben Sie auch schon einmal berühmte Künstler abgelehnt?

Eigentlich nicht, aber manchmal passt es eben nicht. Hier geht es jedoch nicht um einen olympischen Wettbewerb, und darum, wer zuerst ins Ziel kommt. Es kommt einzig darauf an, dass der Künstler sein Handwerk beherrscht und, dass sein Werk etwas bewegen kann.

Sie haben diese Pinocchio-Installation des chinesischen Künstlers LIU Ruowang neu sortiert und in die Halle geholt, wie politisch darf die NordArt sein?

Politik sollte man nie ausschließen. Aber es ist nicht die erste Funktion von Kunst, sich der Politik zu widmen. Das ist nicht die Prämisse, unter der wir die Werke aussuchen. Kunst ist aber auch keine Illustration. Sie ist viel mehr als nur die Spiegelung einer Situation oder sollte es zumindest sein. 

Wenn Sie jetzt Lesern oder Besuchern außerhalb Schleswig-Holsteins Lust auf die NordArt in Büdelsdorf machen sollten, wie würden Sie das tun?

Wir haben hier ein faszinierende Kunstoase. Hier kannst du träumen. Die Ausstellung ist einfach gut. Der Norden bietet mehr als Kühe zwischen den Deichen. Hier zeigen wir, worauf Kunst Antworten sucht, wie z.B. Klimazerstörung, Umwelt, Krieg, aber nicht als Endzeitszenario, sondern als Sinnbild unser aller Hoffnung auf eine bessere Welt.

Inga, Danke für das Gespräch!

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