Die fabelhafte Welt des Unicorn

Das Einhorn in der Geschichte, das Einhorn in der Kunst und das Einhorn in der Gegenwart – mehr Einhorn geht nicht. Eine ungewöhnliche Ausstellung im Museum Barberini in Potsdam.

Maerten de Vos, Einhorn, 1572
Staatliche Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin
Photo: SSGK/Ulrich Pfeuffer

Habt ihr schon ein Weihnachtsgeschenk? Dann verschenkt doch dieses Jahr mal ein Einhorn! Gibt es nicht? Ach kommt, ein bisschen mehr Phantasie zum Start in die magische Weihnachtszeit könntet ihr schon an den Tag legen. Wichtel? Nikolaus? Weihnachtsmann? Fliegende Rentiere? Gibt es die etwa? Seht ihr, jetzt sind wir im Gespräch. Und das passende Einhorn findet sich seit einigen Wochen im Museum Barberini in Potsdam. Keiner hat je so ein Fabelwesen gesehen, aber jeder weiß, wie es aussieht und was es mit ihm auf sich hat. Und das ist viel mehr, als eine Bonbontüte zu schmücken…

Dem Einhorn ist im Alltag kaum zu entkommen. Es begegnet uns als Schlüsselanhänger, gedruckt auf Shirts oder in Form von Süßigkeiten. Obwohl das Fabeltier den Menschen schon seit Jahrtausenden begleitet, hat es seinen Glanz noch immer nicht verloren. Aber warum nicht? „Die Sehnsucht nach etwas, das Hoffnung, Reinheit oder Magie verkörpert, ist einfach da. Und das Einhorn trifft genau diesen Nerv“, erklärt die Wirtschaftspsychologin Doreen Ulrich in einem Interview. Für Kinder seien sie beinahe wie ein Schutzwesen, für Erwachsene ein Glücksanker. „Sie berühren etwas, das in uns bleibt, auch wenn wir längst erwachsen sind.“

Die hochkarätige, kulturgeschichtliche Schau im Museum von SAP-Mitgründer und Kunst-Mäzen Hasso Plattner zeigt das Fabelwesen aus der Zeit von 2000 vor Christus bis zur Kunst der Gegenwart, jedoch ohne jeglichen Pop und Einhorn-Klamauk. Einige der frühesten Abbildungen des Einhorns überhaupt kann man hier sehen.

150 Werke von unter anderem Albrecht Dürer, Arnold Böcklin, René Magritte folgen dem Einhorn durch die Kunstgeschichte; die Leihgaben stammen aus über 80 Sammlungen, darunter die Gallerie degli Uffizi, Florenz, das Metropolitan Museum of Art, New York, das Musée du Louvre, Paris. (Foto: Autor)

Begleitet mich durch die Ausstellung „Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst“, und ihr werdet über ein Einhorn zu Weihnachten nachdenken. Versprochen. Und nicht als Weihnachtsbraten! Mal als Ziege, mal als Pferd, mal sanft, mal wehrhaft, immer mit dem einen Horn – und immer magisch: In 150 Ausstellungsstücken von über 80 leihgebenden Sammlungen aus 16 Ländern zeigt das Barberini auf 1200 Quadratmetern den Weg dieses besonderen Tieres durch die Kulturgeschichte.  
Gleich das Auftaktbild präsentiert das „Einhorn“ von Maerten de Vos dem Jahr 1572 ungewöhnlich und monumental wie ein fürstliches Porträt. Das Ölgemälde stammt aus einer Zeit, in der das Einhorn erst seine pferdeähnliche Gestalt erhält. Maerten de Vos‘ Einhorn ist wild, ist wehrhaft, kampfbereit und noch etwas ist anders: Es hat mehr Ziegen- oder Hirschkopf als einen Pferdeschädel, trägt Zottelbart und Ringelschwanz und Elefantenfüße. Ein zweites Einhorn hinten links, nur beim genauen Hinsehen erfassbar, entgiftet und reinigt das Wasser eines Teiches mit seinem Horn. Auf die spektakulären Heilkräfte des Horns kommen wir noch.

Übrigens, für dieses Bild hätten wir gar nicht bis nach Potsdam fahren müssen. Es ist eine Leihgabe des Staatlichen Museums in Schwerin. Zusammen mit neun weiteren großformatigen Tierbildern, darunter Dromedar, Elefant und Hirsch, erwarb Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg die Serie 1572 für sein Schloss in Schwerin. Aber was gilt schon der Prophet im eigenen Land?

Die Bilder von Maerten de Vos werden quasi flankiert von zwei fotografischen Drucken, sie zeigen das „Einhorn“ aus dem Jahr 2012 von Marie Cécile Thijs. Einhörner aus dem Jahr 2012?

Marie Cécile Thijs, Einhorn, 2012
Tintenstrahldruck 2025
© Marie Cécile Thijs, courtesy SmithDavidson Galle (Foto: Autor)

„Keiner hat je eins gesehen, aber alle haben eins gemalt“, sagt Barberini-Chefkurator Michael Philipp, der auch schon die große Themenausstellung zur Sonne in der Kunst im Barberini kuratierte. „Obwohl Einhörner nicht existieren, gibt es unzählige Darstellungen von ihnen in Kirchen, Museen oder Bibliotheken.“ Sechs Jahre lang konzipierte er mit seinem Team die Einhorn-Ausstellung und schaffte es, in Potsdam 150 Werke zu versammeln, die teils nie reisen oder gar öffentlich zu sehen sind.

„Jedes große Museum hat mindestens eine Einhorndarstellung“, sagt Michael Philipp, den diese Vielfalt und ihre Wurzeln interessieren. Ihren Ursprung haben Einhörner in Indien. Der römische Schriftsteller Plinius beschrieb vor 2000 Jahren „das wilde Tier in Indien“ mit Schweine-Ringelschwänzchen, Elefantenfüßen, Ziegenbart. Gesehen hat er es natürlich nie. In der Bibel wird das Fabelwesen achtmal erwähnt. Noah sollte ein Paar wie jedes andere Tier mit auf die Arche nehmen, um die Sintflut zu überstehen.

Kaspar Memberger d.Ä. (1555 – 1618?)
Einzug in die Arche Noah 1588, Residenzgalerie Salzburg
(Foto: Autor)

Für die Christen steht es für Reinheit, ja für den Gottessohn selbst. Deshalb schmiegt es sich auf vielen Bildern als wunderschönes Wesen an seine vermeintliche Mutter Maria. Der Legende nach muss eine Jungfrau nur in den Wald gehen, schon rennt das magische Tier herbei. Wenn sie das Horn streichelt, dann wird es zahm und folgt ihr. Eine Geschichte erzählt, dass man es im Mittelalter einmal mit Männern in Frauenkleidern versucht haben soll… Wahr oder nicht wahr, das magische Tier ließ sich nicht mit dem Schwindel locken. 

Luca Longhi, Junge Frau mit Einhorn
Castel Sant‘Angelo – Direzione Musei Nazionali della Città di Roma, Rom
(Foto: Autor)

Von Indien aus verbreiteten sich die Tiere nach China, Tibet, Japan, Persien und Ägypten bis nach Europa. Es gibt Geschichten von der ersten Predigt des historischen Buddha mit zwei einhörnigen Gazellen an seiner Seite, die seither als Symbol der buddhistischen Lehre gelten. In China gibt es vielschichtige Überlieferungen vom Qilin, wie dort das Einhorn genannt wird. Sein Name verbindet zwei Zeichen Ch’i und Lin, gleichsam Yin und Yang, der sich wechselseitig ergänzenden Kräfte der Harmonie. Neben Drachen, Phönix und der Schildkröte zählt das Qilin zu den vier Wundertieren der chinesischen Mythologie.

Dem Horn wurden Jahrhunderte lang heilsame und magische Kräfte nachgesagt. Selbst Luther soll auf dem Sterbebett seinen Tod damit versucht haben hinauszuzögern. „Man sollte sich hüten, sich heute über diesen Glauben lustig zu machen“, sagt Kurator Michael Philipp. „Die Leute wussten es nicht besser.“ Gemäß der frühchristlichen Naturkunde symbolisierte das Einhorn Jesus Christus und wirkte heilend gegen Schlangengift, die Pest und weitere Krankheiten. Deshalb tragen Apotheken auch oft den Namen Einhorn-Apotheke. In einer christlichen Legende hieß es, das Einhorn reinige einen See vom Gift einer Schlange, indem es mit seinem Horn ein Kreuz über dem Wasser schlage. Fürsten ließen sich aus dem Horn Trinkpokale anfertigen und überprüften ihre Speisen mit Stücken dieses Horns. In Zeiten populärer Giftmorde war das sozusagen lebenserhaltend. Ein Stück Einhorn stand immer mit bei Tische.

Die Frage seiner medizinischen Wirksamkeit trieb die Menschen lange Zeit um. Naturforscher experimentierten dazu mit Tieren wie Hunden und Tauben. Erst im 16. Jahrhundert begannen die Wissenschaftler, das zu hinterfragen. 

Apothekenschild um 1720 für die Zisterzienser Abtei Stift Zwettl.

Im 17. Jahrhundert konnten Naturforscher dann beweisen, dass solche langen, spiralartig gedrehten Einhorn-Hörner in Wahrheit Narwal-Zähne waren. Mehrere imposante Exemplare sind nun auch in Potsdam zu sehen. Der „Stab des heiligen Amor“ mit vergoldetem Beschlag wirkt liegend wie ein Schwert, und das mehr als zwei Meter lange „Einhorn-Horn von Saint-Denis“, einst Pilger-Ziel, thront vertikal an der tief dunkelblauen Wand.

Olaf Nicolai, La Lotta, 2006
Präpariertes Fell, Horn, Polyester, elektrische Heizung, Temperatursteuerung, Privatsammlung (Foto: Autor)

Gewaltiger und echter wirkt dagegen „La Lotta“ von Olaf Nicolai aus dem Jahr 2006: ein lebensgroßes Pferdepräparat mit Narwal-Zahn, auf dem Museumsboden liegend, aber bereit, um aufzustehen. Nicht nur die schwarze Fell- und Hornfarbe ist ungewohnt zu sehen. Auch strahlt „La Lotta“ Wärme aus – dank eines Heizkörpers in seinem oder ihrem Inneren. Aber so einfach macht es uns der Künstler nicht. Der Einhorn-Körper entwickelt eine Wärme von 43 Grad. 43 Grad Celsius, bei denen alles Leben die Klasse der Säugetiere verlässt. Ein Spiel mit der Unmöglichkeit, mit Wunschbildern und Phantasie, wie auch René Magrittes „Der Meteor“, in dem Einhorn und Dame verschmelzen und statt eines Horns einen Turm im Mond zeigen.

René Magritte, Der Meteor, 1964
Öl auf Leinwand, Privatsammlung (Foto: Autor)

Lassen wir zum Schluss doch noch einen Blick auf den Weg des Fabelwesens in die Literatur und Popkultur zu, insbesondere in Filme und Serien in den 1980er-Jahren. Mit „Das letzte Einhorn“ erscheint 1982 einer der bekanntesten Zeichentrickfilme. Erinnert sei auch an das kurze Leben eines Unicorns in Cornelia Funkes Tintenherz-Trilogie. Oder reicht der Blick zurück auf die Gebrüder Grimm, die im Jahr 1882 mit dem „Tapferen Schneiderlein“ dem gefährlichen Einhorn im dunklen Wald ein dauerhaftes Denkmal setzten?

Unbekannter Schnitzer, Schneider und Einhorn, 1946, für ein Diorama zum Märchen „Das tapfere Schneiderlein“, Spielwarenfabrik Egon Umbreit, Eibenstock, Stadtmuseum Dresden, Nachbau (Foto: Autor)

Das Diorama stellt eine Szene aus dem Märchen „Das tapfere Schneiderlein“ dar. Dass dabei das schreckliche Einhorn eine Löwenmähne verpasst bekommt, ist der Freiheit des Künstlers bzw. der Künstlerin geschuldet. Die Geschichte eines solchen Einhornfangs war bereits im 16. Jahrhundert sehr beliebt. Bestimmt kann sich ja der Leser an die List des Schneiders erinnern…

„So sieht doch kein Einhorn aus!“, monierte schon 1885 ein Atelierbesucher beim Anblick von Arnold Böcklins Gemälde „Das Schweigen des Waldes“. „Ach“, entgegnete der Künstler, „haben Sie eins gesehen?“ Womit der Schweizer Maler im Entstehungsjahr seines dunkel gestimmten Ölbildes nicht nur ironisch auf die zeitgemäße Skepsis dem Fabeltier gegenüber zielte, sondern ebenso auf die Freiheit der Kunst. Gibt es vielleicht doch Einhörner?

Ein Stück Normalität im UnNormalen

„Es ist eine Illusion, dass Fotos mit der Kamera gemacht werden… sie werden mit dem Auge, dem Herz und dem Kopf gemacht.“ (Henri Cartier-Bresson)

Wem gehört das Heilige Land? „Natürlich uns“, sagen die Israelis und Juden. „Nein, selbstverständlich uns“, entgegnen Araber und Muslime. „Das Heilige Land gehört uns zwar nicht, aber es ist uns heilig. Wir wollen ebenfalls mitbestimmen, wer Zugang zu den heiligen Stätten erhält, und wie“, erklären die Christen. Dieses Zitat von Michael Wolffsohn beschreibt wie selten ein anderes unsere Sicht auf Israel und gleichzeitig den Konflikt im Heiligen Land.

Wenn wir nach Israel schauen, steht doch oft als erstes die Frage: Ja, wem gehört es denn nun, dieses Israel? Und als nächstes haben wir in unserer Stubenphilosophie auch gleich die Antwort parat, oder besser gesagt, die Antworten… Wahlweise nämlich, „natürlich den Palästinensern“, bzw. „natürlich den Juden“ oder auch gern „gehört das Heilige Land nicht uns Christen?“. Und da sitzen wir mitten im Salat und wissen nicht weiter. Oder wissen eben genau weiter, in unserem Kosmos – und haben die Konflikte genau in unserer guten Stube.

Während der Eröffnung der Ausstellung mit Fotos aus Israel mit Landtagspräsidentin Birgit Hesse (SPD) und Finanzminister Heiko Geue (Foto: Stephan Rudolph-Kramer)

Das schreibe ich nicht auf, weil ich in den drei Monaten meines Aufenthalts in Israel am Beginn dieses Jahres die Antwort auf diese Frage gefunden hätte, sondern weil mir diese Frage – ausgesprochen oder nicht ausgesprochen – in den letzten Wochen auf jeder meiner Führungen durch meine Israel-Ausstellung im Schlossmuseum in Schwerin immer wieder gestellt wurde. Ich kann sie nicht beantworten. Und deshalb war ich auch nicht ein viertel Jahr in Jerusalem auf dem Zionsberg in einem Gartenhaus eines Klosters.

Ich war da, weil ich wissen wollte, wie die Menschen dort mit dieser Frage leben können. Oder machen wir es halb so dramatisch: Wie sie damit leben. Selbst das ließe sich schnell beantworten: Wie wir auch, wenn uns ein großes Unrecht widerfährt. Erst regen wir uns auf. Dann teilen wir es mit. Schließlich wehren wir uns dagegen. Und dann leben wir mit dem Ergebnis. Fatal? Banal? Katastrophal? Oder doch normal?

Dass es die Israel Ausstellung in Schwerin in diesen Tagen gibt, das habe ich vor allem einem Mann zu verdanken (und wie immer den treibenden Frauen hinter ihm): Finanzminister Heiko Geue (SPD). Er wollte die Ausstellung meiner Fotos in sein Ministerium holen. Dann gab es die Sorge der Belegschaft vor möglichen Übergriffen. In Schwerin! Doch letztlich landete die Ausstellung durch das Beharren von Minister Geue und dem Plädoyer von Landtagspräsidenten Birgit Hesse (SPD) in den Räumen des Schlossmuseums am Landtag in Mecklenburg-Vorpommern. Klingt anbiedernd? Ist aber so. Wenn sich niemand für eine Sache einsetzt, dann wird sie auch nicht geschehen..

Wer die genaueren Umstände um die abgesagte und doch stattfindende Ausstellung wissen möchte, der kann sie googlen, die Umstände. Es war ein ziemlicher öffentlicher Aufstand. Und erst am letzten Sonnabend wurde eine Gegendemonstration versucht. Niemals käme mir hier das Wort „Stadtbild“ über die Lippen. Ich finde, Heiko Geue hat hier ein Zitat verdient: „Die Entscheidung, die Ausstellung damals zu verschieben, ist mir nicht leichtgefallen. Ich bin der jüdischen Gemeinde in Deutschland sehr verbunden. Gerade deshalb war es mir wichtig, diesen Blick auf den Alltag in Israel zu ermöglichen und eine menschliche Dimension zu zeigen.“

Als ich am 5. Januar dieses Jahres (2025) am Abend im Airport Ben Gurion aus dem Flugzeug stieg und schließlich mit meinem Drei-Monats-Koffer auf das Jaffa-Tor in Jerusalem zuzockelte, kam ich unverhofft und ungeplant genau ins Zentrum dieser Bowl, die die Unverträglichkeiten des Konfliktes in Israel an die Oberfläche spült.

Angekommen in der Dormitio-Abtei, einem Kloster der (erzkatholischen) Benediktiner direkt neben dem (jüdischen Heiligtum) Davids-Grab am Rande (des moslemischen) Ostjerusalems, das völkerrechtlich unter palästinensischer Verwaltung steht. Alles andere ist in meinem Blog auf diesen Seiten nachzulesen – irgendwo zwischen Kunst, Jakobsweg und eben Israel.

Führung zum Kultur Wochenende in Schwerin (Foto: Karin Koslik)

Um es zu erklären, die Ausstellung zeigt das Alltagsleben in Israel nach dem 7. Oktober 2023, nach dem ersten Jahr der Trauer. Avil Schneider, Chefredakteur von „Israel heute“, schilderte mir, wie seine beiden Söhne am 8. Oktober nach dem black shabbath vor seiner Haustür standen und ihm erklärten, dass sie jetzt ihr Land verteidigen werden. Einer von beiden hatte seine Hochzeit für den 23 Oktober geplant. Keiner von beiden hatte in seiner Lebensplanung einen Krieg vorgesehen.

Das Gartenhaus im Klostergarten

Die Fotos in der Ausstellung erzählen Geschichten von Menschen (ergänzt durch selbst eingelesene Beiträge aus meinem Blog), die an ihrem Leben und an ihren Festen trotz des Terrors der Hamas weiter klammern, die es nicht durch ihre Finger flutschen lassen wollen. Ja, das ist schwer begreiflich. Benjamin Netanyahu hat sein Volk mit dem Krieg in Gaza aus dem Trauma des 7. Oktober in eine dauerhafte Traumatisierung geführt. Aber die Bilder zeigen ein seit Jahrtausenden ewig sterbendes Volk, das ein normales Leben möchte. Im UnNormalen? Im Leben.

Kinder nach der Schule am Hurva Square vor der wohl bekanntesten Synagoge Jerusalems

Die Ausstellung ist unterteilt in vier Räume über die Menschen in Israel mit vielen Porträts und Straßenszenen. Ich habe selbst Ende Februar am Tel Aviv-Marathon teilgenommen, einem ausgesprochen friedlichen Lauffest. Und es ist ein Palästina Raum zu sehen, in dem besonders ein Bild Hoffnung ausstrahlt: zwei muslimische Mädchen aus Jerusalem und aus Beit Jala an der deutschen Schule Talitha Kumi, die Freundinnen sind. Ein sicherer Ort zum Lernen. Ein sicherer Ort für die Zukunft.

Yasmin aus Beit Jala (West Bank) und Maria aus Jerusalem

PS: Ich wurde oft gefragt, warum Israel? Die Antwort fällt mir nicht leicht. Nicht leicht vor allem als Journalist. Geboren in einem anti-israelischen Staat. Aktuell von einer geprägten Berichterstattung der eigenen Zunft beeinflusst, wollte ich hinter den Vorhang sehen. Ich wollte die Menschen in Israel erkennen. Mein Leben gibt mir jetzt die Zeit, alle meine Spleene oder auch Marotten auszukosten. Das Bild davon, oder besser die Fotos, sind im Schloss in Schwerin zu sehen. Auf vielen Führungen konnte ich vielen Menschen inzwischen diese, meine Sichten auf Israel erläutern.

Danke, den vielen Besuchern, die inzwischen in dieser Ausstellung waren, täglich so um die zweihundert. Sicherlich kamen viele als Beifang des Schlossmuseums. Aber sie haben sich diese Fotos angesehen. Danke!

Nachtrag: Inzwischen ist die Ausstellung wieder abgebaut. Knapp 4450 Leute haben sich die Fotos angeschaut. Ein kleiner Teil davon kam sogar zielgerichtet nur wegen der Israel-Bilder. Die meisten Besucher haben das Welterbe-Schloss in Schwerin besucht, und – siehe oben – die Ausstellung quasi mitgenommen. Ich danke allen, die sie möglich gemacht und die sie interessant genug für einen Rundgang fanden. Gerne mache ich auch Vorträge zu meiner Zeit in Israel.

Und hier einige Begleitung der Medien….

Camino Never Ends, oh

Dein Weg endet nie, denn der Jakobsweg wird dich zwar bis nach Santiago tragen, doch da ist der Weg noch nicht zu Ende. (Vera Apel-Jösch)

„Der Camino endet nie.“ Na, solche Sprüche wünschst du dir ja fünf Kilometer vor Santiago de Compostela, bei 33 Grad, gefühlt kann ich es gar nicht ausdrücken. Und da stehen sie an jedem Brückenpfeiler. „Der Camino endet nie – auch wenn du wieder zu Hause bist.“ „Santiago ist nicht das Ziel des Jakobswegs, es ist der Anfang.“ Oh! „Der Weg gibt dir, was du brauchst, nicht was du suchst.“ Bin ich jetzt Masochist? „Wir sind alle Pilger, die auf ganz verschiedenen Wegen einem gemeinsamen Treffpunkt zuwandern.“ Na, das stimmt ja zumindest grundsätzlich. Nur bei dem einen ist der Treffpunkt die Hölle, bei dem anderen der Himmel…

Apropos Himmel, der Peregrino-Himmel heißt auf alle Fälle Santiago de Compostela. Das war vor drei Jahren so, das war voriges Jahr so, das ist jetzt so, als ich vor der Kathedrale in der Stadtmitte stehe. Egal, ob du den Camino Francés oder den Camino Portugués gehst – vor Santiago geht es nochmal ordentlich bergauf und bergab. Da pfeift die Wanderer-Lunge. Und da spornt doch jeder Camino-Spruch a la „Du bist nicht der Erste, der hier geht. Reiß dich zusammen!“ richtig an, oder?

Zwar wird meine Urkunde, die ich wenig später nach dem Vorlegen meines Pilgerpasses mit täglich zwei Stempeln aus Kirchen, Bars oder Albergues bei der strengen Pilgerbehörde unweit der Kathedrale erhalte, 260 Kilometer Weg auswerfen. Aber meine Umwege auf dem Camino Espiritual und dem Küstenweg weisen auf meine Strava-Lauf-App gut 80 Kilometer mehr aus. „Gehe jeden Umweg, und dein Leben wird länger“, könnte ich jetzt den Sprüchen hinzufügen. Aber nicht einfacher.

Mit Emma aus Frankreich, sie habe ich zuletzt in Portugal getroffen…

Deshalb heißt es ja auch über die drei großen Pilgerwege der Christenheit: Nach Jerusalem wanderst du, um Gott zu finden. Nach Rom wanderst du zum Papst. Aber nach Santiago wanderst du, um dich selbst zu finden. Und sich selbst findet man ja meist nur über Umwege.

Jetzt bin ich also knapp 350 Kilometer gepilgert und treffe auf dem Platz vor der Kathedrale in Santiago mal geradeso zwei Mitpilger. Zu den Unterschieden zwischen dem Francés und dem de la Costa kann man schon mal festhalten, der Küstenweg wird sehr viel seltener gegangen. Auch wenn Statistiken etwas anderes suggerieren. Aber er ist auch sehr viel ruhiger. In Portugal bin ich sehr gut zurechtgekommen. In Spanien fiel die Verständigung auf Englisch schwer bis völlig aus. Wahrscheinlich nehmen die Spanier den Briten noch immer den alten Piraten Sir Frances Drake übel und verweigern das Englische. Und, bis auf die letzte Etappe per Schiff auf den Spuren des alten Jakobus ist der Küstenweg viel weniger spirituell.

Das wars aber auch schon. Santiago empfängt mich erneut wie einen König. Der Platz vor der Kathedrale kennt nur glückliche Pilger. Im Pilgerbüro, das international besetzt ist, zieht ein Volontär aus den USA (in meinem Alter, hi, hi), meine goldene Compostela unter dem Tisch hervor, die dort schon vorbereitet liegt. Das letzte Mal wurde ich ja von der Pilgerpolizei gemaßregelt, weil nicht alle Stempel ordnungsgemäß waren. Es fehlte gelegentlich einer. Ja, mit der katholischen Kirche ist nicht zu spaßen. Gerade noch der Camino Inquisition entkommen.

Der Caminho in Portugal

Man braucht ganz sicher nicht den Jakobsweg, um auf sein Leben zu schauen. Aber er ist eine gute Idee, einmal einen Schritt vom Leben zurückzutreten. Der Weg zwingt dich zur Langsamkeit. Wenn du am Morgen auf dein iPhone schaust, stehen da 25 Kilometer. 14 Minuten mit dem Auto. Man geht aber sechs Stunden! Ich habe in den zwei Wochen nicht ein einziges Mal ferngesehen. Ich habe nur wenig Nachrichten gelesen. Aber ich habe viel über das Leben nachgedacht. Ein Leben, bei dem ich mich inzwischen nicht mehr frage, was muss ich noch machen (Löffelliste), sondern, werde ich das noch einmal sehen?

Nachdenken kann man auch in Jerusalem. Das habe ich diesem Jahr gelernt. Sein Leben überdenken kann man sicherlich auch bei anderen Gelegenheiten, die jeder für sich finden muss. Aber ich habe in meinem Leben gelernt, man kann das nur sehr schwer so nebenbei. Neben dem Alltag. Neben der Arbeit. Neben der Familie – auch wenn die oftmals noch der größte Ruhepunkt im Leben ist.

Auf dem Camino wird man – wie im Alltag oft – von anderen Menschen beeinflusst. Dort kannst du anderen Pilgern entgegentreten oder eben auf andere einschwenken. Am Ende deines Weges kannst du über alles nachdenken und sogar eine Bilanz ziehen, aber ändern kannst du es nur auf dem Weg, nicht im Nachhinein. Lasst euer Leben nicht vom Tempo anderer bestimmen.

Insofern stimmt es dann doch: „Camino never ends.“ Auch wenn mein Camino-Blog hier und heute endet. Hinterlasst gerne ein „Schade“, oder ein „Gott-sei-Dank“.

Buen Camino auf eurem Weg

Pilger aus Vietnam, wer hätte das gedacht…

Vila Praia de Ancora

In der Kathedrale von Santiago