Bom Caminho – Jakobsweg für Anfänger

„The best way of travelling, is to feel.“ (Der beste Weg zu reisen, ist zu fühlen)

Das gibt es doch nicht: Kaum falle ich am Mittwochmorgen nach etwas beschwerlicher Flugreise von Hamburg noch Porto aus meinem Hotel am Jardim Marqués (Garten Marqués), ist es nicht nur 25 Grad – bitte jetzt gerne ein paar Neidkommentare -, sondern ich stehe auch noch vor einer Kirche mit einer Pilgerlosung vor dem Portal. Vor der Kirche unserer Lieben Frau von der Empfängnis, der Igreja Praoquial Senhora da Conceição. Braucht man sich nicht zu merken, habe ich auch nur abgeschrieben. Aber zur portugiesischen Sprache kommen wir noch einmal. Also, wenn das kein Zeichen ist, dass mein Weg nicht nur willkommen, sondern von höchster Stelle sogar abgesegnet ist.

Wie kommts? „Pilger der Hoffnung“ ist das Motto des Heiligen Jahres 2025, das von Papst Franziskus letztes Jahr ausgerufen wurde. Ein Heiliges Jahr wird alle 25 Jahre gefeiert. Das Motto soll ein Hoffnungszeichen in unsicheren Zeiten sein und Christen sowie allen Menschen guten Willens – also ich – ermöglichen, neue Kraft zu schöpfen. Insbesondere durch das Pilgern. Na bitte, passt doch, oder? Und auch durch den Besuch von Orten des Gebets und der inneren Einkehr soll man natürlich Kraft tanken, schreibt die KI, die inzwischen zumindest auf meinem Google Wikipedia verdrängt. Deshalb muss man da auch genauer hinsehen, besonders angesichts der Krisen unserer Zeit. Aber ich mache auch das mit den Orten des Gebets…

„Du gehst schon wieder auf den Jakobsweg“, habe ich in den letzten Wochen des öfteren gehört. Ja, ich trage eure Sünden ab, habe ich natürlich nicht geantwortet. Aber seltsame Reaktion. So wie, hast Du nicht schonmal vor zwei Jahren gesündigt? Oder, hast du nicht schon mal, alle Deine Sünden dorthin geschleppt? Da fühlt man sich gleich als Sünder. Aber wir suchen doch schließlich auch nicht nur einmal im Leben nach dessen Sinn, sondern immer wieder. Manche täglich.
Ja, ich war schon zweimal auf dem Camino. Das erste Mal, im Mai 2022, habe ich mir zwei Dinge vorgenommen. Erstens, Spanisch zu lernen. Zweitens, zu mir selbst zu finden. Das zweite Mal im letzten Jahr habe ich mir zwei Dinge vorgenommen, Spanisch zu lernen und zu meinem neuen Leben mit viel Zeit zu finden. Bedeutet? Spanisch habe ich jedenfalls nicht gelernt…

„Mit allen und zum Wohle aller – Pilger der Hoffnung.

Der Weg, den ich diesmal gehe, der Camino Portugués de la Costa, der Küstenweg von Porto nach Santiago de Compostela gilt jedenfalls als der einfachste Jakobsweg, sozusagen der Jakobsweg für Anfänger. Auf seinem spanischen Abschnitt wird er auch als Klosterweg bezeichnet. Dazu kommen wir später. Es gibt einen Weg innerhalb des Landes und eben den, der entlang der Atlantikküste verläuft. Er beginnt in Porto, der zweitgrößten Stadt Portugals an der Mündung des Flusses Dour, und führt durch Vila do Conde, Viana do Castelo, Caminha, A Guarda (die erste Stadt Galiciens) und Vigo, bevor er in Redondela auf den klassischen – oder zentralen – Portugiesischen Weg trifft.

Die Gesamtstrecke von Porto nach Santiago beträgt 271 km, schreibt der Gronze, jener Reiseführer, der für den Jakobsweg ein Muss ist. Diese Route, die von Jahr zu Jahr beliebter wird, besteche durch ihre wunderschöne Landschaft, die Nähe zum Meer und die geringen körperlichen Anforderungen, da die Höhenunterschiede minimal sind. Das Klima ist fast das ganze Jahr über mild, sodass diese Route zu jeder Jahreszeit bewältigt werden kann. Damit genug der Gronze-Werbung.

Porto vom Douro aus.

Über Porto will ich nicht soviel schreiben, weil jeder Zweite, den ich von meinem Vorhaben erzählte, mir etwas von Porto vorschwärmte. Wer genaueres wissen will, frage meinen Freund und Kollegen Dirk Lange, der kennt sich aus. Kathedrale, Sechs-Brücken-Fahrt, gegrillte Sardinen essen. Stellt euch einmal Deutschland ohne Schnitzel oder Spargel vor. So ungefähr wäre es für die Portugiesen ohne ihre Sardinen. Die sardinhas assadas dürfen auf einem Picknick nicht fehlen. Und am Abend in die Lichterschau der Igreja dos Clérigos. Meine Theaterkritik: Tolle Lasershow, schöner Kitsch, sehr bunter Abend – und natürlich schon wieder eine Pilgerweisheit. „The best way of travelling, is to feel.“ Na dann fühlen wir mal los.

Lasershow in der Igreja dos Clérigos

Um acht Uhr morgens breche ich auf, bei 25 Grad um diese Zeit – Neid wie gesagt willkommen – eine Überlebensmaßnahme. Da ich allerorten gelesen habe, dass die ersten 10 Kilometer nur Stadtwandern ist, habe ich ein wenig geschummelt. Eine ältere Frau erklärte mir in Porto, dass ich gut und gerne bis zum Fischmarkt mit der U-Bahn fahren könne – ist übrigens in Porto sehr billig, und ein Ticket notwendig, allein an einem Tag wurde ich dreimal kontrolliert. Also bis zum Mercado de Matosinhos per Metro, dort schwubs über eine noch funktionierende und betriebene Zugbrücke und schon ist man auf dem Camino bzw. Caminho, wie die Portugiesen sagen. Denen darf man übrigens nicht mit „Muchas gracias“ oder „Buen día“ oder eben „Buen Camino“ aus seinem mageren Spanischwortschatz kommen. Da fühlen die sich umgehend kolonialisiert. Nein, hier sagt man schön „Muito obrigado“, „Bom dia“ oder „Bom Caminho“.

Und kaum von der Zugbrücke herunter gefallen, schallt mir aus jedem Cafè, von jeder Hausecke ein „Bom Caminho“ entgegen. Das heißt eigentlich uns, denn schubs hatte sich eine kleine Chinesin an mich rangehängt, und mir forsch erklärt, dass ihr Englisch nicht so riesig sei. Sie würde also folgerichtig jetzt mit mir wandern. Also ihr Englisch reichte tatsächlich nicht aus, um mir zu erklären, was sie in Europa so macht, außer wandern… Und ich wollte ihr jetzt nicht erklären, wie riesig mein Englisch ist. Ich weiß gar nicht, ob ich hier „kleine Chinesin“ schreiben sollte, aber sie war wirklich klein – und Chinesin ist sie auch, erzählte sie jedenfalls. Sieht auch so aus. Aber der Satz ist bestimmt nicht Migrantenpolizei frei…

Und sie wartete, wenn ich einen Espresso kaufte, und sie wartete, wenn ich mal auf… musste, und machte sich lustig, dass ich nur 17 Kilometer am ersten Tag und mit den gesparten Stadtkilometern laufen wollte. Sie habe 28 Kilometer als Ziel. Sozusagen der große chinesische Plan. Es sollte anders kommen. Für den Spott rächte ich mich mit einer Stunde Portugiesisch für runaways. Ihr „Obligado“ wurde einfach irgendwie kein „Obrigado“. „Obligado“ – „Obrigado“. „Obligado“ – „Obrigado“. Wir gaben auf.

Linh aus China, meine erste Anhängerin in Portugal

Und dann kam er, der Küstenweg, und ich war platt. Sehr. Das muss man nicht erklären. Nicht nur ein Weg für Anfänger, sondern ein Weg für Anhänger. Küste, Küste, Küste…. Seht selbst. Nur Obligado, die in Wirklichkeit irgendwas mit Linh hieß, machte nach 15 Kilometern irgendwie schlapp. Erst mussten die Schuhe gewechselt werden, dann war der Durst groß, dann hat sie den Wanderfreund verloren, der weiter wollte. Das ist übrigens das Gute an jedem Camino: Man geht ein Stück zusammen, und wenn das Tempo nicht passt, oder die Stimmung, die Puste oder der Geruch, dann trennt man sich eben wieder. Am nächsten Tag ist der Camino immer noch da, und man wird sich wiedersehen. Adeus und tchau Obligado….

Hafen in Porto

Küstenweg

Immer am Meer entlang

PS: Besuch beim heiligen Jakobus

Frühmorgens in der Pilgermesse begegnen wir dem Heiligen. Und seinen Gesandten auf der Erde. Ich möchte nicht dazu schreiben, was Martin Luther von dem Ablasshandel mit den Reliquien hielt. Das könnt ihr euch selbst zusammengooglen. Aber Luther war bekanntlich kein Freund des Ablasshandels. Was ihn nun wieder nahe an den jüdischen Wanderprediger und seine Reaktion auf die Händler und Geldwechsler am Stephanus Tor, האריות, heute Lions Tor, in der heiligen Stadt brachte. Seht die Bilder vom Grab des Jakobus und der Pilgermesse heute Morgen in Santiago de Campostela.

Und am Ende liegen wir uns in den Armen

Dein Weg endet nie, denn der Jakobsweg wird dich zwar bis nach Santiago tragen, doch da ist der Weg noch nicht zu Ende. (Vera Apel-Jösch)

Der erste Tag nach dem Camino

Nun liegt er da, der Kummerstein aus Saint-Jean-Piere-de-Port. Vor der Kathedrale des heiligen Jakobus in Santiago de Campostela. 800 Kilometer habe ich ihn durch Spanien geschleppt, mit ihm geredet, ihn aus der Tasche geholt und wieder gut verstaut. Eintausendmal habe ich nachgesehen, ob er auch nicht weg ist. Er bleibt hier in Santiago. Als mein Wegzeichen. Aber was nimmt der Pilger mit nach Hause?

Jeder Pilger geht seinen eigenen Weg. Und den Weg weist dir dein Körper. Höre auf ihn. Höre in deinem Alltag auf deinen Körper. Er wird dir sagen, was du schaffen kannst und was nicht. Der Ehrgeiz spricht über den Kopf. Dein Körper, sagt dir, ob du das schaffen kannst, was dein Kopf für dich plant. Wenn du Körper und Geist zusammenbringen kannst, dann kannst du auch im Einklang durch das Leben pilgern. Auf dem Camino habe ich mich oft von unserer kleinen Gruppe getrennt, weil es mir viel zu schnell voran ging, dann in halbstündige Pausen die Erschöpfung ausgeglichen wurde. Das ist oft auch im Alltag so. Finde deinen eigenen Rhythmus. Lass dein Leben nicht vom Tempo und vom Inhalt anderer bestimmen. Leicht dahin gesagt, aber sich zumindest im Alltag daran zu erinnern, das kann schon etwas ändern. Auf dem Camino wird man wie im Alltag oft von anderen Pilgern, von anderen Menschen beeinflusst. Auf dem Camino kannst du dem bewusst entgegentreten oder eben bewusst auf andere einschwenken. Im Alltag gibt es Abhängigkeiten, aber du kannst dir zumindest bewusst werden, ob eine Entscheidung auch dein eigener Wille ist, oder ob du das erfüllst, was andere von dir erwarten. Am Ende deines Weges kannst du über alles nachdenken und sogar eine Bilanz ziehen, aber ändern kannst du es nur auf dem Weg, nicht im Nachhinein. Vertraue auf dein eigenes Urteilsvermögen. Bringe es ins Gleichgewicht mit den Erwartungen der anderen.

Auf dem Camino habe ich viele Pilger gesehen, die mit übergroßen Rucksäcken marschiert sind, oder die sogar wie in den letzten Tagen beschrieben, das volle Gepäck vom anderen Ende der Welt bis auf den Jakobsweg mitschleppen, um daraus auf dem Weg zu leben. Doch gerade der Weg lehrt dich, dass du nur das mitnehmen solltest, was du auch wirklich tragen kannst. Was du wirklich bewältigen kannst. Obwohl ich auf dem Jakobsweg genau nach dem Grundsatz vorgegangen bin, nur das mitzunehmen, was ich brauche, habe ich doch am Ende festgestellt, dass ich viel weniger gebraucht hätte. Natürlich ist es schön, wenn du durchweicht von einem Regenschauer weißt, in deinem Rucksack liegen die nächsten trockenen Sachen, ein weiteres Shirt oder sogar eine weitere Jacke. Und natürlich ist es noch beruhigender, wenn du weißt, dass du sogar noch eine dritte Hose, eine drittes Shirt oder Jacke hast. So für alle Fälle. Wir alle bauen für das vor, was morgen oder übermorgen oder überhaupt nicht passiert oder passieren könnte. Das ist auch gut so. Und uns mitgegeben. Vorsorgen für Unvorhersehbares. Das können wir uns oft sogar leisten. Aber eigentlich belasten wir uns auch damit. Wir lasten uns für unseren Lebensweg viel mehr auf, als wir letztlich tragen können. Wir merken es im Alltag nur nicht, weil wir nicht jeden Tag unser Päckchen schnüren. Aber wir tragen unser Päckchen. Darin sind nicht nur wie auf dem Jakobsweg Hosen und T-Shirts, sondern unsere Sorgen, unsere Hoffnungen, unsere Enttäuschungen und unsere Erwartungen. Liebe. Mitunter ein bisschen mehr, als wir uns selbst aufbürden sollten. Das ist nicht schlimm. Wir müssen es uns nur eingestehen. Dann können wir es auch ändern. Wenn wir es wollen.

Jede Entscheidung auf dem Camino für etwas, ist auch eine Entscheidung gegen etwas. Das gilt für den Weg, auf dem man sich auch einmal schnell verirren kann. Das gilt für die Herberge am Abend, die vielleicht netter aussah, als sie letztlich war. Das gilt aber auch dafür, ob du dich jemanden anschließt, oder ob du dich dagegen entscheidest, ob du ein Gespräch beginnst, oder ob du eher sagst, nein, ich möchte meine Ruhe haben. Ob du glaubst, in der richtigen Community zu sein. Am Jakobsweg ist es einfach, seine Entscheidungen zu revidieren. Maximal musst du ein Stück zurückgehen. Aber du erlebst auch hier nicht nur die schönen Momente, und die lustigen Gespräche, sondern du erlebst auch Enttäuschungen. Und du musst damit umgehen. Dich entscheiden, ob du dich den ganzen Tag darüber ärgerst, oder den Mut hast, die Entscheidung neu zu beurteilen und anders zu fällen, auch wenn Du Angst hast, einem Anderen auf den Schlips zu treten. Das ist alles ganz normal. Du musst nur bereit sein, mit deinen Entscheidungen zu leben und auch die Enttäuschungen hinzunehmen. Natürlich sind die Nebenwirkungen auf dem Jakobsweg viel geringer als im Alltag. Das stimmt. Aber man hat auch im Leben immer zwei Möglichkeiten.

Wenn der Pilger das alles vom Camino de Santiago mit zurück nach Hause nimmt, dann bringt er etwas mit, was größer ist, als die wunderbare Erfahrung, 800 Kilometer gegangen zu sein. Das Schwere daran ist übrigen nicht, an einem Tag einmal 25, 28 oder sogar 35 Kilometer zu gehen. Die Überwindung und der Ansporn ist es, dies jeden Tag zu tun. Jeden Tag in dem Wissen aufzustehen, oh heute liegen wieder 25 Kilometer vor mir. Tag für Tag, Woche für Woche, einen Monat lang. Das ist wie in unserem Alltag. Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr – das Leben mit seinen Unebenheiten, seinen Stimmen von außen, seinem Ehrgeiz von innen, und all jenen unerwarteten Ereignissen zu leben. Auch das kann einen der Camino lehren. Und wenn du einmal von deinem Weg enttäuscht wirst, dann lebe damit. Buen Camino.

Erkenntnis des Tages: Am Ende des Weges liegen die Pilger sich vor der Kathedrale von Santiago de Campostela in den Armen und feiern den Weg. Wie auch immer jeder seinen Camino gegangen ist. Welch eine Hoffnung fürs Leben.

Da bleibt er, der Kummerstein…