Die fabelhafte Welt des Unicorn

Das Einhorn in der Geschichte, das Einhorn in der Kunst und das Einhorn in der Gegenwart – mehr Einhorn geht nicht. Eine ungewöhnliche Ausstellung im Museum Barberini in Potsdam.

Maerten de Vos, Einhorn, 1572
Staatliche Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin
Photo: SSGK/Ulrich Pfeuffer

Habt ihr schon ein Weihnachtsgeschenk? Dann verschenkt doch dieses Jahr mal ein Einhorn! Gibt es nicht? Ach kommt, ein bisschen mehr Phantasie zum Start in die magische Weihnachtszeit könntet ihr schon an den Tag legen. Wichtel? Nikolaus? Weihnachtsmann? Fliegende Rentiere? Gibt es die etwa? Seht ihr, jetzt sind wir im Gespräch. Und das passende Einhorn findet sich seit einigen Wochen im Museum Barberini in Potsdam. Keiner hat je so ein Fabelwesen gesehen, aber jeder weiß, wie es aussieht und was es mit ihm auf sich hat. Und das ist viel mehr, als eine Bonbontüte zu schmücken…

Dem Einhorn ist im Alltag kaum zu entkommen. Es begegnet uns als Schlüsselanhänger, gedruckt auf Shirts oder in Form von Süßigkeiten. Obwohl das Fabeltier den Menschen schon seit Jahrtausenden begleitet, hat es seinen Glanz noch immer nicht verloren. Aber warum nicht? „Die Sehnsucht nach etwas, das Hoffnung, Reinheit oder Magie verkörpert, ist einfach da. Und das Einhorn trifft genau diesen Nerv“, erklärt die Wirtschaftspsychologin Doreen Ulrich in einem Interview. Für Kinder seien sie beinahe wie ein Schutzwesen, für Erwachsene ein Glücksanker. „Sie berühren etwas, das in uns bleibt, auch wenn wir längst erwachsen sind.“

Die hochkarätige, kulturgeschichtliche Schau im Museum von SAP-Mitgründer und Kunst-Mäzen Hasso Plattner zeigt das Fabelwesen aus der Zeit von 2000 vor Christus bis zur Kunst der Gegenwart, jedoch ohne jeglichen Pop und Einhorn-Klamauk. Einige der frühesten Abbildungen des Einhorns überhaupt kann man hier sehen.

150 Werke von unter anderem Albrecht Dürer, Arnold Böcklin, René Magritte folgen dem Einhorn durch die Kunstgeschichte; die Leihgaben stammen aus über 80 Sammlungen, darunter die Gallerie degli Uffizi, Florenz, das Metropolitan Museum of Art, New York, das Musée du Louvre, Paris. (Foto: Autor)

Begleitet mich durch die Ausstellung „Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst“, und ihr werdet über ein Einhorn zu Weihnachten nachdenken. Versprochen. Und nicht als Weihnachtsbraten! Mal als Ziege, mal als Pferd, mal sanft, mal wehrhaft, immer mit dem einen Horn – und immer magisch: In 150 Ausstellungsstücken von über 80 leihgebenden Sammlungen aus 16 Ländern zeigt das Barberini auf 1200 Quadratmetern den Weg dieses besonderen Tieres durch die Kulturgeschichte.  
Gleich das Auftaktbild präsentiert das „Einhorn“ von Maerten de Vos dem Jahr 1572 ungewöhnlich und monumental wie ein fürstliches Porträt. Das Ölgemälde stammt aus einer Zeit, in der das Einhorn erst seine pferdeähnliche Gestalt erhält. Maerten de Vos‘ Einhorn ist wild, ist wehrhaft, kampfbereit und noch etwas ist anders: Es hat mehr Ziegen- oder Hirschkopf als einen Pferdeschädel, trägt Zottelbart und Ringelschwanz und Elefantenfüße. Ein zweites Einhorn hinten links, nur beim genauen Hinsehen erfassbar, entgiftet und reinigt das Wasser eines Teiches mit seinem Horn. Auf die spektakulären Heilkräfte des Horns kommen wir noch.

Übrigens, für dieses Bild hätten wir gar nicht bis nach Potsdam fahren müssen. Es ist eine Leihgabe des Staatlichen Museums in Schwerin. Zusammen mit neun weiteren großformatigen Tierbildern, darunter Dromedar, Elefant und Hirsch, erwarb Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg die Serie 1572 für sein Schloss in Schwerin. Aber was gilt schon der Prophet im eigenen Land?

Die Bilder von Maerten de Vos werden quasi flankiert von zwei fotografischen Drucken, sie zeigen das „Einhorn“ aus dem Jahr 2012 von Marie Cécile Thijs. Einhörner aus dem Jahr 2012?

Marie Cécile Thijs, Einhorn, 2012
Tintenstrahldruck 2025
© Marie Cécile Thijs, courtesy SmithDavidson Galle (Foto: Autor)

„Keiner hat je eins gesehen, aber alle haben eins gemalt“, sagt Barberini-Chefkurator Michael Philipp, der auch schon die große Themenausstellung zur Sonne in der Kunst im Barberini kuratierte. „Obwohl Einhörner nicht existieren, gibt es unzählige Darstellungen von ihnen in Kirchen, Museen oder Bibliotheken.“ Sechs Jahre lang konzipierte er mit seinem Team die Einhorn-Ausstellung und schaffte es, in Potsdam 150 Werke zu versammeln, die teils nie reisen oder gar öffentlich zu sehen sind.

„Jedes große Museum hat mindestens eine Einhorndarstellung“, sagt Michael Philipp, den diese Vielfalt und ihre Wurzeln interessieren. Ihren Ursprung haben Einhörner in Indien. Der römische Schriftsteller Plinius beschrieb vor 2000 Jahren „das wilde Tier in Indien“ mit Schweine-Ringelschwänzchen, Elefantenfüßen, Ziegenbart. Gesehen hat er es natürlich nie. In der Bibel wird das Fabelwesen achtmal erwähnt. Noah sollte ein Paar wie jedes andere Tier mit auf die Arche nehmen, um die Sintflut zu überstehen.

Kaspar Memberger d.Ä. (1555 – 1618?)
Einzug in die Arche Noah 1588, Residenzgalerie Salzburg
(Foto: Autor)

Für die Christen steht es für Reinheit, ja für den Gottessohn selbst. Deshalb schmiegt es sich auf vielen Bildern als wunderschönes Wesen an seine vermeintliche Mutter Maria. Der Legende nach muss eine Jungfrau nur in den Wald gehen, schon rennt das magische Tier herbei. Wenn sie das Horn streichelt, dann wird es zahm und folgt ihr. Eine Geschichte erzählt, dass man es im Mittelalter einmal mit Männern in Frauenkleidern versucht haben soll… Wahr oder nicht wahr, das magische Tier ließ sich nicht mit dem Schwindel locken. 

Luca Longhi, Junge Frau mit Einhorn
Castel Sant‘Angelo – Direzione Musei Nazionali della Città di Roma, Rom
(Foto: Autor)

Von Indien aus verbreiteten sich die Tiere nach China, Tibet, Japan, Persien und Ägypten bis nach Europa. Es gibt Geschichten von der ersten Predigt des historischen Buddha mit zwei einhörnigen Gazellen an seiner Seite, die seither als Symbol der buddhistischen Lehre gelten. In China gibt es vielschichtige Überlieferungen vom Qilin, wie dort das Einhorn genannt wird. Sein Name verbindet zwei Zeichen Ch’i und Lin, gleichsam Yin und Yang, der sich wechselseitig ergänzenden Kräfte der Harmonie. Neben Drachen, Phönix und der Schildkröte zählt das Qilin zu den vier Wundertieren der chinesischen Mythologie.

Dem Horn wurden Jahrhunderte lang heilsame und magische Kräfte nachgesagt. Selbst Luther soll auf dem Sterbebett seinen Tod damit versucht haben hinauszuzögern. „Man sollte sich hüten, sich heute über diesen Glauben lustig zu machen“, sagt Kurator Michael Philipp. „Die Leute wussten es nicht besser.“ Gemäß der frühchristlichen Naturkunde symbolisierte das Einhorn Jesus Christus und wirkte heilend gegen Schlangengift, die Pest und weitere Krankheiten. Deshalb tragen Apotheken auch oft den Namen Einhorn-Apotheke. In einer christlichen Legende hieß es, das Einhorn reinige einen See vom Gift einer Schlange, indem es mit seinem Horn ein Kreuz über dem Wasser schlage. Fürsten ließen sich aus dem Horn Trinkpokale anfertigen und überprüften ihre Speisen mit Stücken dieses Horns. In Zeiten populärer Giftmorde war das sozusagen lebenserhaltend. Ein Stück Einhorn stand immer mit bei Tische.

Die Frage seiner medizinischen Wirksamkeit trieb die Menschen lange Zeit um. Naturforscher experimentierten dazu mit Tieren wie Hunden und Tauben. Erst im 16. Jahrhundert begannen die Wissenschaftler, das zu hinterfragen. 

Apothekenschild um 1720 für die Zisterzienser Abtei Stift Zwettl.

Im 17. Jahrhundert konnten Naturforscher dann beweisen, dass solche langen, spiralartig gedrehten Einhorn-Hörner in Wahrheit Narwal-Zähne waren. Mehrere imposante Exemplare sind nun auch in Potsdam zu sehen. Der „Stab des heiligen Amor“ mit vergoldetem Beschlag wirkt liegend wie ein Schwert, und das mehr als zwei Meter lange „Einhorn-Horn von Saint-Denis“, einst Pilger-Ziel, thront vertikal an der tief dunkelblauen Wand.

Olaf Nicolai, La Lotta, 2006
Präpariertes Fell, Horn, Polyester, elektrische Heizung, Temperatursteuerung, Privatsammlung (Foto: Autor)

Gewaltiger und echter wirkt dagegen „La Lotta“ von Olaf Nicolai aus dem Jahr 2006: ein lebensgroßes Pferdepräparat mit Narwal-Zahn, auf dem Museumsboden liegend, aber bereit, um aufzustehen. Nicht nur die schwarze Fell- und Hornfarbe ist ungewohnt zu sehen. Auch strahlt „La Lotta“ Wärme aus – dank eines Heizkörpers in seinem oder ihrem Inneren. Aber so einfach macht es uns der Künstler nicht. Der Einhorn-Körper entwickelt eine Wärme von 43 Grad. 43 Grad Celsius, bei denen alles Leben die Klasse der Säugetiere verlässt. Ein Spiel mit der Unmöglichkeit, mit Wunschbildern und Phantasie, wie auch René Magrittes „Der Meteor“, in dem Einhorn und Dame verschmelzen und statt eines Horns einen Turm im Mond zeigen.

René Magritte, Der Meteor, 1964
Öl auf Leinwand, Privatsammlung (Foto: Autor)

Lassen wir zum Schluss doch noch einen Blick auf den Weg des Fabelwesens in die Literatur und Popkultur zu, insbesondere in Filme und Serien in den 1980er-Jahren. Mit „Das letzte Einhorn“ erscheint 1982 einer der bekanntesten Zeichentrickfilme. Erinnert sei auch an das kurze Leben eines Unicorns in Cornelia Funkes Tintenherz-Trilogie. Oder reicht der Blick zurück auf die Gebrüder Grimm, die im Jahr 1882 mit dem „Tapferen Schneiderlein“ dem gefährlichen Einhorn im dunklen Wald ein dauerhaftes Denkmal setzten?

Unbekannter Schnitzer, Schneider und Einhorn, 1946, für ein Diorama zum Märchen „Das tapfere Schneiderlein“, Spielwarenfabrik Egon Umbreit, Eibenstock, Stadtmuseum Dresden, Nachbau (Foto: Autor)

Das Diorama stellt eine Szene aus dem Märchen „Das tapfere Schneiderlein“ dar. Dass dabei das schreckliche Einhorn eine Löwenmähne verpasst bekommt, ist der Freiheit des Künstlers bzw. der Künstlerin geschuldet. Die Geschichte eines solchen Einhornfangs war bereits im 16. Jahrhundert sehr beliebt. Bestimmt kann sich ja der Leser an die List des Schneiders erinnern…

„So sieht doch kein Einhorn aus!“, monierte schon 1885 ein Atelierbesucher beim Anblick von Arnold Böcklins Gemälde „Das Schweigen des Waldes“. „Ach“, entgegnete der Künstler, „haben Sie eins gesehen?“ Womit der Schweizer Maler im Entstehungsjahr seines dunkel gestimmten Ölbildes nicht nur ironisch auf die zeitgemäße Skepsis dem Fabeltier gegenüber zielte, sondern ebenso auf die Freiheit der Kunst. Gibt es vielleicht doch Einhörner?

Ein Stück Normalität im UnNormalen

„Es ist eine Illusion, dass Fotos mit der Kamera gemacht werden… sie werden mit dem Auge, dem Herz und dem Kopf gemacht.“ (Henri Cartier-Bresson)

Wem gehört das Heilige Land? „Natürlich uns“, sagen die Israelis und Juden. „Nein, selbstverständlich uns“, entgegnen Araber und Muslime. „Das Heilige Land gehört uns zwar nicht, aber es ist uns heilig. Wir wollen ebenfalls mitbestimmen, wer Zugang zu den heiligen Stätten erhält, und wie“, erklären die Christen. Dieses Zitat von Michael Wolffsohn beschreibt wie selten ein anderes unsere Sicht auf Israel und gleichzeitig den Konflikt im Heiligen Land.

Wenn wir nach Israel schauen, steht doch oft als erstes die Frage: Ja, wem gehört es denn nun, dieses Israel? Und als nächstes haben wir in unserer Stubenphilosophie auch gleich die Antwort parat, oder besser gesagt, die Antworten… Wahlweise nämlich, „natürlich den Palästinensern“, bzw. „natürlich den Juden“ oder auch gern „gehört das Heilige Land nicht uns Christen?“. Und da sitzen wir mitten im Salat und wissen nicht weiter. Oder wissen eben genau weiter, in unserem Kosmos – und haben die Konflikte genau in unserer guten Stube.

Während der Eröffnung der Ausstellung mit Fotos aus Israel mit Landtagspräsidentin Birgit Hesse (SPD) und Finanzminister Heiko Geue (Foto: Stephan Rudolph-Kramer)

Das schreibe ich nicht auf, weil ich in den drei Monaten meines Aufenthalts in Israel am Beginn dieses Jahres die Antwort auf diese Frage gefunden hätte, sondern weil mir diese Frage – ausgesprochen oder nicht ausgesprochen – in den letzten Wochen auf jeder meiner Führungen durch meine Israel-Ausstellung im Schlossmuseum in Schwerin immer wieder gestellt wurde. Ich kann sie nicht beantworten. Und deshalb war ich auch nicht ein viertel Jahr in Jerusalem auf dem Zionsberg in einem Gartenhaus eines Klosters.

Ich war da, weil ich wissen wollte, wie die Menschen dort mit dieser Frage leben können. Oder machen wir es halb so dramatisch: Wie sie damit leben. Selbst das ließe sich schnell beantworten: Wie wir auch, wenn uns ein großes Unrecht widerfährt. Erst regen wir uns auf. Dann teilen wir es mit. Schließlich wehren wir uns dagegen. Und dann leben wir mit dem Ergebnis. Fatal? Banal? Katastrophal? Oder doch normal?

Dass es die Israel Ausstellung in Schwerin in diesen Tagen gibt, das habe ich vor allem einem Mann zu verdanken (und wie immer den treibenden Frauen hinter ihm): Finanzminister Heiko Geue (SPD). Er wollte die Ausstellung meiner Fotos in sein Ministerium holen. Dann gab es die Sorge der Belegschaft vor möglichen Übergriffen. In Schwerin! Doch letztlich landete die Ausstellung durch das Beharren von Minister Geue und dem Plädoyer von Landtagspräsidenten Birgit Hesse (SPD) in den Räumen des Schlossmuseums am Landtag in Mecklenburg-Vorpommern. Klingt anbiedernd? Ist aber so. Wenn sich niemand für eine Sache einsetzt, dann wird sie auch nicht geschehen..

Wer die genaueren Umstände um die abgesagte und doch stattfindende Ausstellung wissen möchte, der kann sie googlen, die Umstände. Es war ein ziemlicher öffentlicher Aufstand. Und erst am letzten Sonnabend wurde eine Gegendemonstration versucht. Niemals käme mir hier das Wort „Stadtbild“ über die Lippen. Ich finde, Heiko Geue hat hier ein Zitat verdient: „Die Entscheidung, die Ausstellung damals zu verschieben, ist mir nicht leichtgefallen. Ich bin der jüdischen Gemeinde in Deutschland sehr verbunden. Gerade deshalb war es mir wichtig, diesen Blick auf den Alltag in Israel zu ermöglichen und eine menschliche Dimension zu zeigen.“

Als ich am 5. Januar dieses Jahres (2025) am Abend im Airport Ben Gurion aus dem Flugzeug stieg und schließlich mit meinem Drei-Monats-Koffer auf das Jaffa-Tor in Jerusalem zuzockelte, kam ich unverhofft und ungeplant genau ins Zentrum dieser Bowl, die die Unverträglichkeiten des Konfliktes in Israel an die Oberfläche spült.

Angekommen in der Dormitio-Abtei, einem Kloster der (erzkatholischen) Benediktiner direkt neben dem (jüdischen Heiligtum) Davids-Grab am Rande (des moslemischen) Ostjerusalems, das völkerrechtlich unter palästinensischer Verwaltung steht. Alles andere ist in meinem Blog auf diesen Seiten nachzulesen – irgendwo zwischen Kunst, Jakobsweg und eben Israel.

Führung zum Kultur Wochenende in Schwerin (Foto: Karin Koslik)

Um es zu erklären, die Ausstellung zeigt das Alltagsleben in Israel nach dem 7. Oktober 2023, nach dem ersten Jahr der Trauer. Avil Schneider, Chefredakteur von „Israel heute“, schilderte mir, wie seine beiden Söhne am 8. Oktober nach dem black shabbath vor seiner Haustür standen und ihm erklärten, dass sie jetzt ihr Land verteidigen werden. Einer von beiden hatte seine Hochzeit für den 23 Oktober geplant. Keiner von beiden hatte in seiner Lebensplanung einen Krieg vorgesehen.

Das Gartenhaus im Klostergarten

Die Fotos in der Ausstellung erzählen Geschichten von Menschen (ergänzt durch selbst eingelesene Beiträge aus meinem Blog), die an ihrem Leben und an ihren Festen trotz des Terrors der Hamas weiter klammern, die es nicht durch ihre Finger flutschen lassen wollen. Ja, das ist schwer begreiflich. Benjamin Netanyahu hat sein Volk mit dem Krieg in Gaza aus dem Trauma des 7. Oktober in eine dauerhafte Traumatisierung geführt. Aber die Bilder zeigen ein seit Jahrtausenden ewig sterbendes Volk, das ein normales Leben möchte. Im UnNormalen? Im Leben.

Kinder nach der Schule am Hurva Square vor der wohl bekanntesten Synagoge Jerusalems

Die Ausstellung ist unterteilt in vier Räume über die Menschen in Israel mit vielen Porträts und Straßenszenen. Ich habe selbst Ende Februar am Tel Aviv-Marathon teilgenommen, einem ausgesprochen friedlichen Lauffest. Und es ist ein Palästina Raum zu sehen, in dem besonders ein Bild Hoffnung ausstrahlt: zwei muslimische Mädchen aus Jerusalem und aus Beit Jala an der deutschen Schule Talitha Kumi, die Freundinnen sind. Ein sicherer Ort zum Lernen. Ein sicherer Ort für die Zukunft.

Yasmin aus Beit Jala (West Bank) und Maria aus Jerusalem

PS: Ich wurde oft gefragt, warum Israel? Die Antwort fällt mir nicht leicht. Nicht leicht vor allem als Journalist. Geboren in einem anti-israelischen Staat. Aktuell von einer geprägten Berichterstattung der eigenen Zunft beeinflusst, wollte ich hinter den Vorhang sehen. Ich wollte die Menschen in Israel erkennen. Mein Leben gibt mir jetzt die Zeit, alle meine Spleene oder auch Marotten auszukosten. Das Bild davon, oder besser die Fotos, sind im Schloss in Schwerin zu sehen. Auf vielen Führungen konnte ich vielen Menschen inzwischen diese, meine Sichten auf Israel erläutern.

Danke, den vielen Besuchern, die inzwischen in dieser Ausstellung waren, täglich so um die zweihundert. Sicherlich kamen viele als Beifang des Schlossmuseums. Aber sie haben sich diese Fotos angesehen. Danke!

Nachtrag: Inzwischen ist die Ausstellung wieder abgebaut. Knapp 4450 Leute haben sich die Fotos angeschaut. Ein kleiner Teil davon kam sogar zielgerichtet nur wegen der Israel-Bilder. Die meisten Besucher haben das Welterbe-Schloss in Schwerin besucht, und – siehe oben – die Ausstellung quasi mitgenommen. Ich danke allen, die sie möglich gemacht und die sie interessant genug für einen Rundgang fanden. Gerne mache ich auch Vorträge zu meiner Zeit in Israel.

Und hier einige Begleitung der Medien….

Aber mal gehörig auf dem Holzweg

Caminhe com o seu, coração e abrace o seu Caminho.
(Gehe mit deinem Herzen und nimm deinen Weg an. Spruch am Wegrand)

Also, wer den Caminho de la Costa wandert, befindet sich sozusagen mal so richtig auf dem Holzweg. Und zwar die meiste Zeit. Zumindest auf den ersten Etappen. Und das liegt nicht daran, dass es mir auf den ersten vier Etappen kaum gelungen ist, in irgendeine Kirche hinein zu schauen. Nicht, dass ich ohne Kirche nicht kann. Das würde mir ohnehin keiner abnehmen. Aber irgendwie gehört das doch zur Pilgerei dazu, oder zur Pilgereise. Aber an meinem Weg stehen einfach keine Kirchen. Es hängen auch keine Heiligen herum, wie letztes Jahr am Camino Francés. Also keine Bilder von Heiligen. Obwohl „Sao José“, an jedem Tante-Emma-Laden zu lesen ist, Heiliger Josef.

Und da sind auch keinerlei Leidenssprüche zu lesen, wie auf dem langen Camino. So wie: „Omina mea mecum porto.“ – „Alles, was mein ist, trage ich bei mir.“ Das angeblich oft von Pilgern verwendet wird. In der Hinsicht ist beim Caminho Portugués de la Costa völlig Fehlanzeige. Woran mag das wohl liegen? Vielleicht ist das ja hier gar kein wirklicher Pilgerweg. Sehr wahrscheinlich, denn soweit das Auge blickt, sind keine Pilger zu sehen. Mitunter stundenlang. Da frage ich mich allerdings, woher die Camino Doktoren (Camino spanisch – Caminho portugiesisch) im Pilgerbüro in Santiago de Compostela die Behauptung nehmen, dass der portugiesische Küstenweg der zweit meist bewanderte Jakobsweg sei.

Aber es wird schon irgendwo so ein Pilgerprofessor stehen, und die Wanderer mit so einem kleinen mechanischen Handklicker aus dem letzten Jahrhundert herunter zählen. Von wegen Klicks zählen erst seit dem Internet. Ach ja, Holzweg. Das mit dem Holzweg ist wortwörtlich gemeint. Wer wirklich an der Küste entlang geht, es gibt ja auch den zentralen Portugués und diverse Varianten zwischen beiden Wegen, wer also den Küstenweg entlang geht, der marschiert die meiste Zeit auf einem extra beplanktem Holzweg.

Nach Santiago noch 208 Kilometer

Nun könnte man meinen, guck an, da haben sich die Portugiesen aber was Feines für die Pilger ausgedacht. So ähnlich wie bei Heinrich Heines Harzreise, als ein Stadt-Grüner – ja, die gab es damals schon – vor dem Dichter-Fürsten dozierte, dass der Wald so grün sei, weil die Natur es gut für die Augen eingerichtet habe.

Der Göttinger Student Heine berichtet 1824 nach seiner ersten Harzreise von seiner Reisebekanntschaft: „Die Bäume sind grün, weil Grün gut für die Augen ist. Ich gab ihm recht und fügte hinzu, daß Gott das Rindvieh erschaffen, weil Fleischsuppen den Menschen stärken, daß er die Esel erschaffen, damit sie den Menschen zu Vergleichungen dienen können, und daß er den Menschen selbst erschaffen, damit er Fleischsuppen essen und kein Esel sein soll. Mein Begleiter war entzückt, einen Gleichgestimmten gefunden zu haben, sein Antlitz erglänzte noch freudiger, und bei dem Abschiede war er gerührt.“ Ach der alte Heine. Was einem bei so einem Wanderung so alles einfallen kann – einzufallen droht.

Also haben es die Portugiesen gut mit den Peregrinos gemeint? Ich glaube, es steckt mehr hinter diesen ganzen Steigen, die da kreuz und quer und eben den langen Weg entlang der Küste gebastelt wurden. Hier geht es wohl eher um den Schutz der Dünenlandschaft. Denn sonst würde wohl möglicherweise mancher stolzer portugiesischer Pirat laissez-faire die gesamte Dünen-Küste zerlatschen. Von wegen Grün ist gut für die Augen, wie der Holzweg für den Pilger.

Überall am Wegesrand historische portugiesische Windmühlen, die einst dreieckige Segel als Windräder hatten, und bei denen – im Gegensatz zur spanischen Windmühle – nur das Dach und die daran befestigten Segel in den Wind gedreht wurden.

Aber mit den Kirchen ist es mal rar. Und auch von den Geschichten von Päpsten und Königen, die den Camino Francés bepilgerten, ist hier nix zu hören. Und dennoch sei historisch belegt, dass der Portugués de la Costa schon früher ein bedeutender Pilgerweg war… Wahrscheinlich wegen der Badenixen, oder weiterer Möglichkeiten.

„Es gibt Leute, die ohne jegliche Kenntnis der Fakten glauben, dass dieser portugiesische Küstenweg lediglich eine Touristenattraktion ohne jegliche Geschichte oder jakobinische Tradition ist“, scheißt mich mein Camino-Reiseführer, der berühmte Gronze, umgehend zusammen. Aber waren die Menschen im 16. Jahrhundert nicht eher daran interessiert, ihre Kindheit zu überleben und ihre Läuse loszuwerden? Dafür wäre so eine Pilgerreise nicht die beste Idee gewesen.

„Nichts könnte ferner von der Wahrheit sein, denn wir erfahren schnell, dass diese Route bereits ab dem 12. Jahrhundert von einheimischen Pilgern genutzt wurde. Beweise dafür finden sich in Städten wie Vila do Conde und Viana do Castelo (war ich heute – d. ignorante Autor) sowie in den vielen Kirchen, die im Mittelalter im Norden Portugals dem Apostel geweiht waren (tatsächlich war der Heilige Jakobus jahrhundertelang der portugiesische Nationalpatron, bevor er nach Streitigkeiten mit Spanien – bis dahin standen beide Königreiche unter demselben Schutzpatron – in Sankt Georg umbenannt wurde).“ Was die haben den Jakobus umbenannt? Na, kein Wunder, dass ich hier niemanden treffe. Diese ungläubigen Katholiken.

Und dann sprengte ich auch noch fast die einzige Kirche am Wegesrand. Am Sonnabendmorgen traf ich tatsächlich auf dem Weg nach Viana do Castelo auf jede Menge Pilger. Polnische Pilger. 58 polnische Pilger! Mit zwei Nonnen kam ich ins Gespräch. Sie berichteten mir, dass sie in Zelten schlafen und Begleitfahrzeuge dabei hätten. In der Kirche São Miguel, des Heiligen Mathias, am Rande von Eposende nahmen wir eine kurze Auszeit. Die Schwestern beteten, ich spendete. Kommt ja irgendwie auf das Gleiche raus. Sie baten. Ich gab. Ich wollte dabei schon ein bisschen großzügiger sein, und mich nicht lumpen lassen. Das macht ja auch keinen guten Eindruck. Also steckte ich vier Euro in den Kasten mit den elektrischen Kerzen für das Gedenken an die Toten. Die Polen sollten jetzt nicht denken, da kümmert sich niemand um seine Verstorbenen.

Vier Euro – vier Gedenkkerzen, wie es in Deutschland die Kirche hält, dachte ich so bei mir. Mutter, Vater, Katz und Maus. Doch plötzlich brannte die halbe Kirche. „Ein Euro – fünf Kerzen“, erläuterte mir der freundlich Stempelverwalter in der Kirche grinsend. Schwupps brannten 20 Kerzen, es war fast taghell. und ich wusste gar nicht, wem ich da noch alles gedenken sollte. Also Leute, ich bin auf dem Jakobsweg und hab all eurer Toten gedacht. Seid beruhigt, und wer noch Bedarf hat, her mit den toten Verwandten.

Start in den Pilgertag in Fão am Fluss Rio Cavado

Ich will ehrlich sein. In Viana do Castelo – eine der schönsten Städte Portugals – wird der Pilger mit Kirchenmango reichlich entschädigt. Ja, wir nähern uns Spanien. Morgen geht es über die Grenze. Am Abend gab es sogar noch ein klassisches Konzert auf der Plaza Republica der Stadt am Douro. Und danach ging’s wieder auf den Holzweg. Vier Tage seit Porto – 100 Kilometer, 21 Stunden, 30 Grad Celsius…

Also, ich will euch nicht nerven. Aber um die Geschichte des heiligen Jakobus kommt ihr nicht herum. Es sei denn, ihr brecht hier ab. Warum der Jakobsweg Jakobsweg heißt, mache ich mal unzulässig kurz: Der Legende nach ging der Apostel Jakobus d. Ältere im Jahr 33 (n.Ch.) für einige Jahre nach Spanien und Portugal, um dort Missionsarbeit zu leisten. Leider war er bei den keltischen Galiciern gar nicht erfolgreich. Vielleicht gab es noch einen Christen außer ihm, nach seiner Abreise vom Atlantik. Also wurde er bei seiner Rückkehr von König Herodes in Jerusalem kurzerhand geköpft. Weil er so ziemlich kopflos war und zudem auch nicht begraben werden durfte, brachten ihn seine Jünger zurück nach Spanien. Ein paar Wunder später – wie seiner Auferstehung im Jahr 890 zur Vertreibung der Muselmanen von der Iberischen Halbinsel – liegen seine Überreste als Reliquien in der Kathedrale von Santiago de Compostela. Heute ist Santiago de Compostela neben Jerusalem und Rom der bedeutendste Pilgerort der Christenheit.

Der Kopf befinde sich allerdings noch in der Jakobuskirche des Armenischen Patriarchen in Jerusalem. Im Frühjahr als ich in Israel war, führte mein Weg fast täglich an dieser Kirche vorbei. Und manchmal war es so, als habe ich ihn rufen hören, den Heiligen: „Führt mich zusammen…“ Auch ne schöne Pilger-Losung, oder?

PS: Ich hab noch ein Zitat aus der Harzreise vom alten Heine, das ziemlich aktuell scheint: „Das ist schön bei den Deutschen: Keiner ist so verrückt, dass er nicht einen noch Verrückteren fände, der ihn versteht.“ Bom Caminho!

So kann man auch Pilgern

Fischer-Kirche der Heiligen Frau der Agonie in Viana do Castelo, im Hintergrund auf dem Berg die Burg

Kirche der Barmherzigkeit Inn Viana do Castelo

Konzert am Abend in der Stadt