Fotos ohne Triggerwarnung – Word Press Fotos im Altonaer Museum

Es ist eine Illusion, dass Fotos mit der Kamera gemacht werden… sie werden mit dem Auge, dem Herz und dem Kopf gemacht.“ (Henri Cartier-Bresson)

Blick in die Ausstellung im Altonaer Museum in Hamburg mit 42 Gewinnern des World Press Photo Award (Foto: Autor)

Jeder Zeitungsleser kennt sie. Für jeden, der mit offenen Augen durch unsere Welt geht, sind sie Zeitdokumente. Viele werden sich an diese Fotos erinnern: Das Mädchen im Vietnamkrieg, das 1973 nackt und schreiend vor Napalm-Bomben flieht. Der buddhistische Mönch, der sich auf der Straße in Saigon selbst verbrennt. Die afghanische junge und hübsche Frau, die keine Nase mehr im Gesicht trägt, nur noch ein verheiltes Loch. Bibi Alsha, 18 Jahre alt, floh in ihrer Heimatstadt Kabul vor der Gewalt ihres Mannes, fotografiert 2011 von Judy Bieber.

Bilder, die oft mehr  sagen als viele Worte. Hier gibt es keine Fälschungen. Hier gibt es keine KI-initiierten Fotos, keinen Papst in Daunen-Jacke. Hier gibt es nur die nackte Wahrheit. Und auch wieder nicht, aber dazu kommen wir später noch. Es sind alles Fotos dokumentarischen oder fotojournalistischen Ursprungs, wie die Direktorin des Altonaer Museums, Anja Dauschek, zur Eröffnung der Präsentation der World Press Photos 2025 deutlich machte, ohne es extra betonen zu müssen. Es geht um die weltbesten Reportage-Fotos, ab heute zu sehen in Hamburg-Altona.

Seit 1955 zeichnet die World Press Photo Foundation jedes Jahr die besten internationalen Pressefotografien des Vorjahres mit dem World Press Photo Award aus. Die prämierten Fotografien aus allen Regionen der Welt, die in diesem Jahr unter 59.320 Einsendungen von 3.778 Fotografinnen und Fotografen aus 141 Ländern ausgewählt und in den Kategorien Einzelbild, Story und Langzeitprojekt ausgezeichnet wurden, sind in einer Wanderausstellung zu sehen, die in mehr als 80 Städten in fast 50 Ländern Station macht. In diesem Jahr ist die Ausstellung an einer der ersten Stationen vom 7. Mai bis zum 2. Juni zum vierten Mal im Altonaer Museum zu sehen.

World Press Foto Rückblende (Foto: Autor)

Auch im 70. Jahr seines Bestehens reflektieren die Ergebnisse des größten und renommiertesten Wettbewerbs dieser Art ein breites Spektrum gegenwärtiger globaler Ereignisse und Herausforderungen und zeigen engagierten Fotojournalismus und dokumentarische Fotografien bester Art – Art im Sinne von Kunst. “Die Finalisten zeigen die Themen, mit denen wir uns auf dieser Welt beschäftigen“, sagt Martin Seeberger von der Stiftung Historische Museen Hamburg. Es geht der World Press Photo Foundation darum, über diese Präsentation zum Dialog zu weltweiten Themen beizutragen. Diese sind nicht immer ohne Gefahr zu fotografieren. Diese benötigten jedoch fast immer in unserer heutigen Welt gebräuchliche Triggerwarnungen. Denn sie zeigen die ungeschönte Wahrheit. Und die ist manchmal hässlich.

Da ist eine Gruppe chinesischer Migranten, fotografiert von John Moor, Getty Images, die sich in regenkalter Nacht nach der Überquerung der Grenze von Mexico zur USA an einem kleinen Feuer aufwärmen. Eine Migrationsbewegung von Chinesen von der die wenigsten von uns je gehört haben dürften. Da ist der neunjährige Mahmoud Ajjour, der bei einem israelischen Angriff in Gaza- Stadt beide Arme verlor. Das Sieger-Foto des World Press Awards von Samar Abu Elouf für die New York Times, fotografiert am 28. Juni 2024 in Dohar, Katar. Da ist aber auch jenes Foto von Jerome Brouillet für die Agentur AFP, das den Surfer Gabriel Medina, während der Olympischen Spiele in Paris zeigt, als dieser kerzengerade nach oben mit seinem Brett an der Seite aus einer großen Welle in Teahupo‘o, Tahiti, steigt. “Es ist eine Illusion, dass Fotos mit der Kamera gemacht werden… sie werden mit dem Auge, dem Herz und dem Kopf gemacht“, sagte der berühmte Henri Cartie-Bresson einst. Der Betrachter dieser Foto-Episoden wird ihm recht geben.

Die Fotografin Alina Kardash aus Tomsk, die die Auseinandersetzungen mit ihrer Familie über den Überfall Putins auf die Ukraine fotodokumentarisch verarbeitet hat (Foto:Autor)


Unter den ausgezeichneten Langzeitprojekten ist auch die für den stern entstandene Reportage der in Hamburg lebenden russischstämmigen Fotografin Aliona Kardash, die bei einem Besuch in ihrer ehemaligen Heimatstadt Tomsk die mentalen Auswirkungen des russischen Angriffskrieges auf ihre eigene Familie eingefangen hat. Und seit nunmehr zwei Jahren diese Auseinandersetzungen in ihrer Familie bei ihren Besuchen im sibirischen Tomsk im Foto festzuhalten versucht. „Ich habe meine eigenen Geschichte über den Krieg gemacht“, sagt Aliona Kardash bei der Präsentation in Hamburg. „Zuhause riecht es nach Rauch“, so der Titel der Dokumentation, die eine Familie im Streit über Putins verbrecherischen Krieg in der Ukraine zeigt. Eine doppeldeutige Anspielung auf den Geruch der Schornsteine ihrer Heimatstadt (wie es mancher Ostdeutsche noch kennen wird), und dem Geruch des Krieges. In Russland will sie diese Fotos nicht zeigen, um nicht Repressalien ausgesetzt zu werden. 

Die Jury musste sich bei ihrer Auswahl aber auch damit auseinandersetzen, dass sich für die Auszeichnung ausgewählte Fotos eines wie stets anonymisierten Fotografen von den Auseinandersetzungen in Georgien als Arbeiten eines russischen Fotoreporters für die Nachrichtenagentur TASS herausstellten. Zweifellos Propagandafotos. Propagandafotos in der World Press Photos 2025? Sind Arbeiten anders zu bewerten, wenn man den Namen des Fotografen kennt? Die Ausstellung in Hamburg zeigt es.

Fotograf: Samar Abu Elouf für The New York Time
Das Foto zeigt den neunjährigen Mahmoud Ajjour, der bei einem israelischen Angriff in Gaza -Stadt beide Arme verlor. Die Fotografin Samar Abu Elouf, die im Dezember 2023 aus dem Gazastreifen evakuiert wurde, lebt jetzt in demselben Apartmentkomplex in Doha (Katar) wie Mahmoud. Dort hat sie die wenigen Schwerverletzten aus dem Gazastreifen dokumentiert, die es wie Mahmoud zur medizinischen Versorgung nach draußen geschafft haben. Das Foto entstand in Doha am 28. Juni 2024.

Fotograf: Marijn Fidder for Republik, Real 21
Bodybuilder Tamale Safalu trainiert vor seinem Haus. Kampala, Uganda, 25. Januar 2024. Obwohl Tamale Safalu nach einem schrecklichen Motorradunfall im Jahr 2020 sein Bein verlor, blieb er dem Bodybuilding treu und wurde zum ersten behinderten Sportler in Uganda, der gegen körperlich gesunde Athleten antritt. Seine Stärke und Entschlossenheit im Angesicht der Widrigkeiten stellt Klischeevorstellungen in Frage und inspiriert Menschen aus allen Lebensbereichen. „Indem ich als Bodybuilder auf der Bühne stehe, möchte ich andere Menschen mit Behinderungen ermutigen, ihre eigenen Talente zu erkennen und sich niemals unterkriegen zu lassen“, sagt Tamale.

Fotograf: Jerome Brouillet für Agence France-Presse 
Der Brasilianer Gabriel Medina bricht im fünften Durchgang der dritten Runde im Surfen der Männer bei den Olympischen Spielen 2024 triumphierend aus einer großen Welle aus. Teahupo’o, Tahiti, Französisch-Polynesien, 29. Juli 2024.
Medina erzielte in diesem Durchgang eine nahezu perfekte 9,9 und holte Bronze, während er die Goldmedaille an den Franzosen Kauli Vaast abgab. Dieses Foto fand weite Verbreitung und erhielt allein auf Medinas Instagram mehr als 9,5 Millionen Likes.

Fotograf: John Moore für Getty Images
Chinesische Migranten wärmen sich bei kaltem Regen auf, nachdem sie die Grenze zwischen den USA und Mexiko überquert haben. Campo, Kalifornien, 7. März 2024.
Die unerlaubte Einwanderung aus China in die USA hat in den letzten Jahren dramatisch zugenommen, was auf eine Reihe von Faktoren zurückzuführen ist, darunter Chinas angeschlagene Wirtschaft und finanzielle Verluste nach der strikten COVID-Politik. Darüber hinaus werden die Menschen durch Videoanleitungen auf chinesischen Social-Media-Plattformen beeinflusst, die zeigen, wie man über die Grenze kommt. Das Foto, das zugleich weltfremd und intim ist, zeigt die komplexe Realität der Migration an der Grenze, die im öffentlichen Diskurs in den USA oft pauschalisiert und politisiert wird.

„Berlin ist Teil meines Körpers“ – eine Stadt feiert Yoko Ono

„A dream, you dream alone, is only a dream. A dream, you dream together, is reality.“ Yoko Ono (Ein Traum, den du allein träumst, ist nur ein Traum. Ein Traum, den du gemeinsam träumst, ist Wirklichkeit.)

Es soll Menschen geben, die kennen Yoko Ono nur als jene Frau, die an der Seite von John Lennon die Beatles auseinandergebracht hat. Ein eiskalter Engel. Auch wenn Paul McCartney dem häufig widersprochen hat. Es gibt Menschen, die kennen Yoko Ono als Musikerin an der Seite von John Lennon und als politische Aktivistin. Und es gibt eine Zahl von Menschen, die kennen die inzwischen 92-Jährige als Konzept-, Fluxus- und Performancekünstlerin, als Musikerin, Filmemacherin und als Friedensaktivistin, und das seit mehr als 70 Jahren. In Berlin wird die Künstlerin jetzt gleich an drei Orten gewürdigt – im Gropius Bau, in der Neuen Nationalgalerie, und auch der Neue Berliner Kunstverein zeigt ihre Arbeit „Touch“ seit Anfang März.

„Sie ist die berühmteste unbekannte Künstlerin der Welt: Jeder kennt ihren Namen, aber niemand weiß, was sie macht“ – das hat John Lennon einmal über seine Frau Yoko Ono gesagt. Von Beatles-Fans wurde sie gehasst, weil wie gesagt… John Lennon hatte die 33-jährige Yoko Ono 1966 bei einer Kunstausstellung in London kennengelernt. 1969 haben die beiden geheiratet. Als Yoko Ono John 1973 rausschmiss – für 18 Monate -, begründete sie das mit den Worten: „Ich brauchte wirklich etwas Freiraum, weil ich gewohnt war, Künstlerin zu sein und so…“ Schon das macht deutlich: Yoko ist mehr als John. Viel mehr. Heute lebt sie zurückgezogen in New York.

Yoko Ono und John Lennon, Cover des Katalogus für Acorn Event, 1968
© Yoko Ono, Foto: Keith McMillan

Eine Stadt feiert eine Künstlerin. Zu Berlin hat die in Tokio geborene und zeitlebens zwischen Japan und den USA pendelnde Yoko Ono eine besondere Beziehung. Sie bezeichnete die Stadt einmal als „Ort, an dem die Menschen mich verstehen“. Ihren 80. Geburtstag feierte Ono 2013 mit einem Konzert der Plastic Ono Band an der Berliner Volksbühne. Sie habe den Ort „wegen Bertholt Brecht ausgesucht“, sagte sie damals in einem Interview. „Ich liebe Berlin und war schon oft hier. Berlin ist Teil meines Körpers.“ Ihre beiden aktuellen Ausstellungen mit Werken, die z. T. noch nie gezeigt wurden, feierten heute (11. April) Vernissage und sind bis Ende August/Mitte September zu sehen.

Yoko Onos Werke, lange verkannt, sollen vor allem eines bewirken: mitzutun. Mitzutun am Werk, an der politischen Aktion, an der Auseinandersetzung… So begegnet dem Zuschauer im Gropius Bau – zufällig gegenüber dem Berliner Abgeordnetenhaus – als erstes im öffentlich zugänglichen Lichthof ein Garten mit Wünschebäumen. Die Arbeit ist eine Einladung an Besucher, ihre Friedenswünsche tatsächlich und ganz persönlich auf kleine Zettel zu schreiben und an die Zweige der Bäume zu hängen. Damit nimmt die Künstlerin Bezug auf ihre Tempelbesuche als Kind in Japan: „Die Bäume in den Innenhöfen der Tempel waren übersät mit solchen Wunschknoten, die von weitem wie weiße Blüten aussahen“, erzählte sie einmal. Seit 1996 zeigt Yoko Ono auf der ganzen Welt Varianten ihres Werks „Wish Tree“.

Im Lichthof des Gropius Bau spiegeln die Bäume, laut Direktorin Jenny Schlenzka, auch die Geschichte des Hauses wider: Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude bei den Luftangriffen auf Berlin 1944 stark beschädigt. Die Kriegsruine blieb bis zum Wiederaufbau 1978 sich selbst überlassen und es wucherten hier verschiedene Laubbäume. „Wish Tree for Berlin“ gibt so nicht nur den aktuellen Wünschen der Besucher und Besucherinnen Raum, sondern bezieht sich auch auf die Vergangenheit dieses Gebäudes.

Wünschebäume im Lichthof des Gropius Bau in Berlin,
Wish of Tree for Berlin 1996/2025 (Foto: Autor)

In fast 30 Jahren hat Ono bereits über zwei Millionen Wünsche gesammelt. Sie werden für den „Imagin Peace Tower“ in Island aufbewahrt, den die Künstlerin 2007 zum Gedenken an ihren verstorbenen Ehemann John Lennon entworfen hat. „Denn zuerst ist da eine Idee, und dann stellen wir uns diese Idee als etwas Wirkliches vor. Durch die Vorstellungskraft werden Dinge Wirklichkeit – physische Wirklichkeit“, so die Hoffnung der Künstlerin.

Yoko Onos Werk ist durchdrungen vom Friedenswunsch. Was passte besser in diese Zeit? Statt sich auf den Krieg und Zerstörung zu konzentrieren, wie wir es zwangsläufig oft tun, fordert uns Ono bei den „Wish Trees“ und vielen anderen Werken auf, das Heilende, das Gute zu formen. Nebenan, eine Viertelstunde vom Gropius Bau entfernt, finden sich in der Neuen Nationalgalerie eine Reihe ergänzender Projekte, die nicht nur zum Mitmachen, sondern auch zum Heilmachen auffordern. Eine Instruktion zum Falten von Papierkranichen für den Frieden, die nach und nach den gesamten Ausstellungsraum füllen sollen – und an Yoko Onos Heimat Japan nach dem Abwurf von zwei Atombomben Anfang August 1945 am Ende des Zweiten Weltkrieges durch die Amerikaner erinnern.

Beim „Mend Piece“ beteiligt sich das Publikum an einem Akt des Reparierens. Hier können zerbrochene Tassen zusammengefügt und mit „Weisheit und Liebe wiederhergestellt“ werden. Im Zentrum eines zweiten Raumes steht ein großer Schachtisch mit 20 Brettern für 40 Spieler mit ausschließlich weißen Figuren („Play it by Trust“). Wer ist der Gewinner? Wer ist der Verlierer? Wer hat angefangen, Weiß? Wer kann die eignen Figuren noch von denen des Gegenübers unterscheiden? „Yoko Ono ist an diesen Tagen so notwendig wie nie“, sagt der Direktor der Neuen Nationalgalerie, Klaus Biesenbach, zugleich einer der Kuratoren der Ausstellung „Yoko Ono: Dream together“. Angesichts von aktuellen Debatten um Kriegstüchtigkeit, Wehrfähigkeit, Wehrpflicht, Terrorismus, Krieg und Handelskrieg ein nachdenkenswerter Ansatz.

Play it by Trust, 1966/1991 (Foto: Autor)

Schon im Foyer des unteren Raumes der Neuen Nationalgalerie, die sich zu besuchen in diesen Tagen im Übrigen auch wegen der neuen Ausstellung „Gerhard Richter. 100 Werke für Berlin“ lohnt, wird der Gast eingeladen, sich selbst zu reflektieren. Flusssteine sollen auf Haufen sortiert werden, die die eigene Befindlichkeit widerspiegeln: „Mound of Joy“ oder „Mound auf Sadness“ (Hügel der Freude oder Hügel der Traurigkeit)? Das Resultat des Tages widerspiegelt die Stimmung des Publikums Abend für Abend.

Yoko Ono ist auch eine frühe feministische Künstlerin. Die Ausstellung „Music of the mind“ (Musik des Geistes) mit 200 Werken im Gropius Bau spiegelt ihr gesamtes Schaffen seit den 50er Jahren. Die Ausstellung war schon in etwas kleinerer Variante in der Tate Modern in London und in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf zu sehen.

1964 wurde „Cut Piece“ uraufgeführt, im Gropius Bau sind zwei dieser dokumentierten Performances zu sehen. Ono sitzt auf der Bühne und Menschen dürfen hochkommen und mit einer Schere Stücke ihrer Kleidung abschneiden und mitnehmen. Vor allem Männer gehen dabei oft zu weit. Es wird gewaltvoll, es tut weh. Schon beim Schauen. Die Arbeit machte Ono zur Vorreiterin feministischer Konzeptkunst. Noch mit 70 Jahren hat sie selbst diese Perfomance durchgeführt. In „Cut Piece“ liefert sie sich dem Publikum scheinbar schutzlos aus. Später in „Bag Piece“ und „Strip Tease for Three“ verschiebt sich der Fokus von der Bühne auf das Publikum. Schaut selbst einmal rein.

Yoko Ono, Cut Piece, 1964, performt von Yoko Ono in New Works by Yoko Ono, Carnegie Recital Hall, New York, 1965
© Yoko Ono, Foto: Minoru Niizuma

„Was Yoko Ono uns mitgibt, ist viel Großzügigkeit und viel Liebe“, sagt die Kuratorin der Ausstellung im Gropius Bau, Patrizia Dander. Auch nachdem John Lennon 1980 im Alter von 40 Jahren vor seiner Wohnung in New York von einem „Fan“ erschossen wurde, hat Yoko Ono ihre Kunst in den Dienst des Friedens gestellt, weiter zum Beispiel ihre ganzseitigen „War is over! If you want it“-Anzeigen in der New York Times und in anderen Zeitungen geschaltet, die in der Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie ebenfalls zu sehen sind.

Und das ist ganz das Gegenteil von dem, was Yoko Ono zur Zeit der Beatles-Auflösung nachgesagt wurde: Sie ist nicht die 13. Fee, die Böse, die den Musikprinzen in einen 100-jährigen Schlaf schickte. Wenn überhaupt, dann ist sie ein guter Geist in unserer bösen Zeit.

Service

Music of the Mind, Gropius Bau, Stresemannstr. 110, bis 31. August; Mi bis Mo 12-19 Uhr, Sa/So 10-19 Uhr.

Dream Together, Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50, bis 14. September; Di bis Mo 10-18 Uhr, Do bis 20 Uhr.

Der Neue Berliner Kunstverein zeigt bis 31. August Yoko Onos Billboard an der Ecke Friedrichstraße/Torstraße

Yoko Ono mit Glass Hammer, 1967, HALF-A-WIND SHOW, Lisson Gallery, London, 1967
Foto © Clay Perry / Kunstwerk © Yoko Ono

Schnappschüsse mit feinem Pinsel

„Die Kunst steckt in der Natur. Wer sie herausreißen kann, der hat sie.“ (Albrecht Dürer, Proportionslehre III)

Saintes-Maries-de-la-Mer I von Franz Gertsch in den Deichtorhallen Hamburg

Seine Bilder sind vor allem eines, groß. Schnappschüsse, unaufgeregt. Fotos, in einem monatelangem Prozess mit feinen Pinselstrichen nachgemalt. Der Natur entrissen. Als Fotos wären sie Zeugnis eines gewesenen Augenblicks. Vergangenheit. Als Gemälde sind sie für die Ewigkeit. Nun gut, dazu muss man sie gesehen haben. Und nicht jeder würde wahrscheinlich in die Hamburger Deichtorhallen kommen, wenn er den puren Namen des Schweizer Fotorealisten liest. Aber, wer die Franz-Gertsch-Schau gesehen hat, ist beeindruckt. So viel sei vorweg versprochen.

„Franz Gertsch sagt selbst, er sei 20 Jahre auf der Suche gewesen. Von der Suche ist sein Schaffen geprägt“, interpretiert der Intendant der Deichtorhallen für Internationale Kunst und Fotografie, Dirk Luckow, die am Donnerstagabend (12. Dezember) eröffnete Retrospektive des Schaffens von Franz Gertsch, die gemeinsam mit der Ausstellung „High Noon“ mit Nan Goldin, David Armstrong, Mark Morrisroe und Philip-Lorca DiCorcia daherkommt.

Während der Pressekonferenz zur Eröffnung von „High noon“ und „Blow-up“ mit Deichtorhallen-Intendant Dirk Luckow und Kuratorin Sabine Schnakenberg

Deren fotografische Erkundung der subkulturellen Bohème in Boston und New York gemeinsam präsentiert mit dem Lebenswerk von Franz Gertsch kommt eigentlich einer Überforderung des Besuchers nahe. Aber eigentlich ist ja ein Wort der Negation. Und die soll hier nicht in den Fokus rücken. Man muss sich eben Zeit nehmen, wenn man die ab heute (13. Dezember) geöffnete Ausstellung besucht. Der Besucher hat ja schließlich bis zum 4. Mai Zeit.

Zeit sollte man sich schon alleine für Franz Gertsch nehmen. Denn dessen Fotorealismus erzählt Bild für Bild Geschichten. Das Aufmachungsfoto dieses Blog-Beitrags, das drei Besucherinnen vor dem 260 x 370 Zentimeter großem Bild „Saintes-Maries-de-la-Mer“ zeigt, hat so eine Geschichte. Als Franz und Maria Gertsch 1971 mit dem Auto durch Südfrankreich fahren, war Saintes-Maries-de-la-Mer ihr Ziel. Zu diesem Wallfahrtsort pilgern jedes Jahr Ende Mai zahlreiche Roma zu einer Zeremonie. Gertsch macht eine Reihe von Schnappschüssen von Mädchen, die in Festkleidung am Ufer spielen, und verwendete diese Vorlagen für eine Reihe von Bildern.

Gruppenporträt „Medici“, 1972, 4 x 6 Meter

Diese Gemälde sind charakteristisch für Gertschs Fotorealismus, der auf ungestellten Schnappschüssen basiert. Die Motive sind nicht konstruiert, sondern zeigen das Leben, wie es gelebt wird. Der internationale Durchbruch gelang Gertsch nach vielen mühsamen Anfangsjahren 1972 auf der documenta 5 in Kassel mit dem Gruppenporträt „Medici“. Wer dabei an die Renaissance und die Florentiner Dynastie der Medici denkt, sieht sich getäuscht.

Medici lautet der Name einer Baufirma, der auf der Absperrung auf den Kopf gedreht zu lesen ist. Gertsch fängt mit dem Schnappschuss der fünf langhaarigen jungen Männer und in einem langsamen, akribischen Malprozess den Zeitgeist der 70er Jahre und die Gegenkultur der Jugend ein. Cool, Sonnenbrillen, Schlaghosen. „Man wollte unbedingt zurück zur Realität“, erläutert Dirk Luckow. „Das war die Zeit nach der 68er Generation. Die jungen Leute haben die Welt anders gesehen und wahrgenommen und sich entsprechend ausgelebt.“

Schon allein wegen seiner monumentalen Größe von 4 x 6 Metern sorgte das mit malerischer Leuchtkraft versehene Bild für Aufsehen auf der documenta 5 . Eine Person auf dem Bild, der Künstler Luciano Castelli (2.v.l.), stand später im Mittelpunkt einer Reihe von Gemälden Gertschs. Während seines gesamten Schaffens stand Franz Gertsch (1930 – 2022) zwischen zwei Polen, die für ihn zwei Zitate großer Künstler markieren: „Wahrhafftig steckt die Kunst inn der natur, wer sie heraus kann reyssen, der hat sie“ (Albrecht Dürer) und „Die Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern sie macht sichtbar“ (Paul Klee).

„Huaa…!, 1969, 107 x 261 Zentimeter – nachdem Franz Gertsch den Filmklassiker Blow-up gesehen hatte, fand er eine Abbildung in einem Musikmagazin, die ihn faszinierte. Eine Aufnahme aus „Der Angriff der leichten Brigaden“. Ein Hauptmann reitet in den Tod, verschuldet durch die Unfähigkeit seines Befehlshabers. Ein kritischer Kommentar zu US-Politik des Vietnamkrieges. Gertsch fotografierte das Bild ab, projizierte es als Dia auf ein großes Leinentuch, so entstand das Schlüsselbild für seine berühmte Blow-up-Technik

Nach romantischen malerischen Anfängen kam Franz Gertsch ab 1965 über Collagen im Stil der Pop Art zu seinen großen, fotorealistischen Gemälden und Holzschnitten, in denen neben nahestehenden Familienmitgliedern und Freunden auch Protagonisten aus der Kunst- und Musikszene wie Patti Smith und die Rolling Stones zu sehen sind. Bis zu seinem Durchbruch auf der documenta in Kassel lebte er quasi allein von der Unterstützung eines vermögenden Mäzens, der letztlich auch das Museum Franz Gertsch in Burgdorf in der Schweiz finanzierte. Das Durchbruchswerk „Medici“ brachte beim Ankauf durch das Kunstmuseum Bern 36.000 D-Mark. Für Gertsch, der auch schonmal eineinhalb Jahre an einem Bild malte, die finanzielle Rettung.

Ab 1985 wandte sich Gertsch dann in seinem Atelier in Rüschegg in der Schweiz einer eigenen Technik des Holzschnitts zu. In mühevoller, arbeitsintensiver Handarbeit werden dabei die Motive meist in Lindenholz geschnitten und anschließend mit hochwertigen Pigmenten auf handgeschöpftes Japanpapier gedruckt. Gertsch erfindet seinen malerischen Kosmos neu und wendet sich vom Fotorealismus ab. Landschaft und Natur stehen nun im Mittelpunkt. Was bleibt ist die monumentale Größe seiner Werke.

Maria Gertsch dokumentierte den Arbeitsprozess von Franz Gertsch in verschiedenen Werkstattfilmen, hier 2019 bei einem seiner Holzschnitt-Drucke

Die retrospektive Ausstellung in Hamburg wurde vom Luisiana Museum of Modern Art in Humlebaek nördlich von Kopenhagen in enger Zusammenarbeit mit dem im Dezember 2022 verstorbenen Künstler und seiner Familie sowie mit Unterstützung des Museums Franz Gertsch in Burgdorf realisiert und in Hamburg durch 20 andere Werke erweitert.

Parallel ist wie bereits beschrieben die Ausstellung „High noon“ mit 150 Werken aus der Sammlung F.C. Gundlach zu sehen. Im Unterschied zur jüngst unter spektakulären politischen Umständen eröffneten Schau der Aktivistin Nan Goldin in Berlin (in diesem Blog nachlesbar) mit Slide Shows sind in Hamburg durchweg einzelne Fotos der vier Künstler zu sehen. Kuratorin Sabine Schnakenberg spricht von einem aktuellen Bezug u.a der Sichtbarmachung der queeren Community.

„High noon“ – Parallelausstellung. Zentral: Nan Goldin, „Jimmy Poulette and Tabboo! in the Bathroom“ 1991

„High noon“ ist ebenso wie „Blow up“ eine Anspielung auf die gleichnamigen Thriller aus dem Jahren 1952 bzw. 1966. Wie deren Inhalte mit dem künstlerischen Schaffen der Protagonisten der Hamburger Ausstellung korrespondieren, lässt sich bei einem Besuch nonchalant feststellen.

Blick in die Ausstellung (Fotos: Autor)