Farbige Orgien

„Hätte ich je an eine Künstlerlaufbahn gedacht und von meinen Bildern leben wollen, so hätte ich niemals diese ,scheußlichen Schmierereien‘ aus Blau, Zinnober und Chromgelb gemacht… Daran war aber nicht zu denken; denn gerade die Farbe liebte ich! Meine Bilder erschrecken freilich alle Leute… Denn ich war ja verheiratet, Vater zweier Kinder und arm, und in dieser Lage verlor ich meine Zeit mit ,diesen Schmierereien‘!“
Maurice de Vlaminck (1876 – 1958) als Replik auf Kritiken vor seiner ersten fauvistischen Ausstellung 1905

Maurice de Vlaminck, Die Boote, 1905 (VG Bild-Kunst, Bonn, 2024)

Wen auch immer ich in den letzten Tagen nach Maurice de Vlaminck gefragt habe, ich erntete ein Schulterzucken. Henri Matisse, ja, Kees von Dongen, ja, Claude Monet, Pierre-Auguste Renoir, sowieso, aber Vlaminck? Jetzt feiert das Potsdamer Museum Barberini – auch mit Bildern aus der Sammlung von SAP-Gründer Hasso Plattner – die Wiederentdeckung des französischen Expressionisten. Oder besser Post-Impressionisten? Oder Fauvisten – Wilden? Daniel Zamani, Kurator der Ausstellung im Barberini sagt dazu: „Maurice de Vlamincks Werk markiert ein bedeutendes Scharnier zwischen Im- und Expressionismus. Wir sind froh, seinem künstlerischen Werdegang mit einer so opulent bestückten Retrospektive nachspüren zu können.“ Für meinen zweiten Beitrag meines neun Kunst-Blogs – in Ermangelung meines geplanten Israel-Sabbatical – habe ich die Vernissage der Potsdamer Präsentation vor zwei Tagen besucht.
Seit nahezu 100 Jahren ist dies die erste umfassende Ausstellung des Lebenswerkes des französischen Malers, der eher zufällig zur Kunst gekommen ist. Vor dem 1. Weltkrieg berühmt und verschrien, dann von den Nationalsozialisten zur entarteten Kunst erklärt, beschlagnahmt und weltweit verstreut, schließlich nahezu vergessen. Aus Gründen. So ist es eine immense Leistung des Kurators und des Museums für die Ausstellung „Maurice de Vlaminck. Rebell der Moderne“ 73 Werke weltweit zusammengetragen zu haben und nun zu präsentieren. Vier Jahre lang hat Daniel Zamani daran gearbeitet. Ein Großteil der Bilder befindet sich in Privatbesitz. Unter den Leihgebern sind Museen wie die Tate Modern in London, oder das Metropolitan Museum of Art in New York. Die wollen erstmal überzeugt werden. Lest dazu das Stichwort am Ende des Blogs.

(Foto: Autor)

Zur Historie. Seit 1903 bot der Pariser Salon d’Automne französischen und internationalen Künstlern eine Plattform, um ihre Kunst entgegen der konservativen Politik des Salon de Paris zu präsentieren. 1905 traten dort erstmals junge, teils unbekannte Künstler in Erscheinung, die durch den Kritiker Louis Vauxcelles als „fauves“ bezeichnet wurden: Henri Matisse, André Derain, Kees van Dongen – und eben Maurice de Vlaminck. Vauxcelles beschrieb den Ausstellungsraum, in dem die Werke der genannten Künstler eher zufällig zusammengehängt wurden, als „cage aux fauves“ – Käfig wilder Bestien -, und glaubte Matisse als Anführer einer Gruppe von Malern „farbiger Orgien“ (Zamani) zu identifizieren. Obwohl als Kollektiv wahrgenommen, einte die Künstler kein gemeinsames Arrangement. Im Gegenteil. Dennoch verband sie die Ablehnung aller bisheriger Kunstauffassungen und das Bekenntnis zur völligen Freiheit des Künstlers. Mit ihren farbgewaltigen, ganz auf Ausdruck und Emotion ausgerichteten Werken, begründeten sie den Fauvismus als erste Avantgarde-Strömung des 20. Jahrhunderts – und ernteten riesige Aufmerksamkeit. Vor allem negative. Maurice de Vlaminck – obwohl erst seine dritte Präsentation – inszenierte sich seither als ungestümer junger Künstler. Und rang permanent mit Matisse um das Primat bei der Erfindung des Fauvismus. Dazu später.
Bis 1905 lebte der Autodidakt eher von kargen Einkünften als Geiger, Radrennfahrer, Boxer und Autor von Romanen und Reisebeschreibungen, siehe obiges Zitat. Zur Kunst fand er durch eine Zufallsbegegnung mit André Derain während einer langen Wanderung nach dem Ausfall eines Zuges im Seine-Tal. Die Deutsche Bahn lässt grüßen. Im Gegensatz zu vielen Impressionisten, deren Motive sich im ganzen Süden Frankreichs finden, beschäftigte sich Vlaminck immer wieder mit dem Seine-Tal. Einen Umkreis von 30 Kilometern. Nach seinem großen Vorbild Van Gogh drückte er seine Farbexplosionen in hohem Tempo direkt aus der Tube auf die Leinwand. Mitunter sind beim Gang durch die Potsdamer Ausstellung noch immer feine Segmente Blütenstaubs im Farbauftrag zu entdecken. Man schaue genau hin.

Henri Matisse „Frau mit Hut“ – Maurice de Vlaminck „Frau mit Hut“

Kurator Daniel Zamani beschreibt in seinem Essay „Anarchie der Farbe“ eine amüsante Szene der Auseinandersetzung Vlamincks mit Matisse um die Mentorenschaft, um die treibende Kraft des Fauvismus. „Zu den Exponaten des Salon d‘Automne gehörte Matiss‘ „Frau mit Hut“ – ein in Pastelltönen flächig gestaltetes Porträt seiner Frau Amèlie… Es ist anzunehmen, dass die mediale Aufmerksamkeit, die Matisse‘ Bild erregte, Vlaminck zur Bearbeitung des gleichen Sujets anspornte – auch wenn Vlaminck eine solche direkte Einflussnahme vonseiten seiner fauvistischen Kollegen, insbesondere von Matisse, sicherlich negiert hätte.“ Heraus kam eine Groteske ungestümer Farbigkeit, die in ihrer dramatischen Bildgestaltung offenbar sichtlich schockieren und das ungenannte Vorbild übertreffen sollte. In weiteren Bildern widmet er sich Porträts von Künstlerinnen im Rotlichtgewerbe, wie etwa „Auf dem Tresen“, wo er Nullen in der Jahreszahl 1900 – wahrscheinlich im Humor der Zeit – durch die Brüste der Porträtierten ersetzt. Vlaminck, der sich stets frei von allen Einflüssen inszenierte, wird in der Potsdamer Ausstellung in einen zeitgenössischen Kontext gestellt. Der einstige Anarchist inszenierte in seinen Bildern gezielt die Abwendung von bürgerlichen Sujets. Nach der ersten Schau im Salon d‘Automne erwarb der Kunsthändler Ambroise Vollard 1905 den Großteil von Vlamincks Atelier-Bestand und ermöglichte ihm somit die professionelle Künstler-Laufbahn. In späteren Werken interpretiert er die Getreideschober Monets neu und schafft sogar wenige kubistische Bilder.

„Was ich im Leben nur als Anarchist hätte tun können, eine Bombe schleudern – was mich aufs Schafott gebracht hätte-, das versuchte ich in der Malerei durch die ausschließliche Verwendung reiner Farben zu verwirklichen. Auf diese Weise habe ich meinen Trieb, veraltete Konventionen zu zerstören, ihnen nicht zu gehorchen, nachgegeben, um eine sinnliche, lebendige und befreite Welt wiederzuerschaffen.“ (Maurice de Vlaminck)

Auf dem Tresen, 1900 (Foto: Autor)

Durch die nationalsozialistischer Kulturpolitik nach 1933 wurde auch das Werk Maurice de Vlamincks als „entartet“ verfemt und aus deutschen Museen entfernt. Dennoch, und trotz deutlicher Distanzierung in jüngeren Jahren von Militarismus und Nationalismus, trat er im November 1941 auf Einladung der deutschen Propagandastaffel eine Reise nach Deutschland an. Im Anschluss veröffentlichte Vlaminck zwei Artikel, in denen er die nationalsozialistische Kunst- und Kulturpolitik anpries. Er polemisierte gegen die Avantgarde in Frankreich, wie sie sich in der Malerei Picassos manifestierte, ließ sich von Arno Breker portraitieren und engagierte sich in einem Komitee für Brekers 1942 in Paris gezeigte Ausstellung. Inspiriert von Brekers Strenge der Form wurde der Künstler-Rebell zum Ankläger der Moderne. Zwar sind nur die beiden Artikel von ihm bekannt, die dies stützen, aber offenbar reichten diese, um ihn nach 1945 in Vergessenheit geraten zu lassen. In Vlamincks Kunst findet sich keine Nähe zur NS-Ästhetik. Frankreichs Öffentlichkeit feierte die Künstler in der Résistance, wie Jean Moulin, oder auch Picasso, der sich allerdings nie aktive am Widerstand beteiligte.
Auch deshalb ist die Ausstellung im Barberini die Wiederentdeckung eines Vergessenen und eine Reise wert. Irritierend allerdings die barocken Rahmungen, die der Kurator mit dem Zeitgeist Anfang des Jahrhunderts und den Rahmungen der Leihgaben begründet.

Vorstädtische Landschaft, 1905 (VG Bild-Kunst, Bonn, 2024)

Die Ausstellung Maurice de Vlaminck. Rebell der Moderne gibt erstmals seit 1929 einen Überblick über Vlamincks gesamtes Werk, wobei der Akzent auf der produktiven Schaffenszeit vor dem Ersten Weltkrieg liegt, ergänzt durch eine Auswahl später Arbeiten. Ausgangspunkt der Ausstellung mit 73 Werken, die in Kooperation mit dem Von der Heydt-Museum Wuppertal entstand, sind die neun Gemälde Vlamincks in der Sammlung Hasso Plattner, die von Leihgaben aus unter anderem der Tate Modern in London, dem Museo nacional Thyssen-Bornemisza in Madrid, dem Centre Pompidou und dem Musée d’Orsay in Paris, dem Van Gogh Museum in Amsterdam, dem Museum Folkwang in Essen, der Staatsgalerie Stuttgart sowie dem Metropolitan Museum of Art in New York, dem Dallas Museum of Art und der National Gallery of Art in Washington ergänzt werden. Die Ausstellung öffnete am Freitag, 13. September, und ist bis Mitte Januar zu sehen. (Pressemitteilung)

Das Minsk, Noah Davis und schwarze Menschen

Letztendlich möchte ich die Art und Weise verändern, wie Menschen die Kunst betrachten, Kunst kaufen und Kunst machen. (Noah Davis)

Wer ist Noah Davis? In meinen ersten Blog-Beitrag zu Kunst und Künstlern möchte ich mich, wie auf der Startseite angekündigt, einer am 6. September in Potsdam eröffneten Ausstellung eines schwarzen Künstlers widmen. (Lest die Startseite diese Beitrags zu meiner Motivation eines KunstBlogs.)
Man kann der Kuratorin und der Direktorin des MINSK auf dem Brauhausberg in Potsdam, Paola Malavassi, eigentlich nur dankbar sein, dass sie diesen Künstler nach Deutschland geholt hat. Noch nie gab es eine solche Werkschau des 2015 mit 32 Jahren an Krebs verstorbenen Künstlers. Am Freitag, dem 6. September, wurde sie eröffnet. Noch nie wurden seine Werk in Deutschland gezeigt. Und in seinen Alltagsszenen spielen nur schwarze Menschen eine Rolle. sind nur schwarze Menschen zu sehen. Ohne politische Anspielung. „Die Bilder sind alles andere als politisch. Wenn ich überhaupt eine Anspielung mache, dann nur, um schwarze Menschen in ganz normalen Szenarien zu zeigen, mit denen Drogen und Waffen nichts zu tun haben. Schwarze werden nur selten unabhängig von Bürgerrechten oder sozialen Problemen in den USA dargestellt“, sagte Noah Davis in einem Interview mit Ben Ferguson in DAZED, einem artandculture-Magazin, 2010.

Ein Held als Künstler? Noah Davis, geboren 1983 in Seattle, Washington, wuchs als Sohn eines schwarzen Staranwalts auf. Um Geld musste er sich nie Sorgen machen, auch wenn er irgendwann anfangen musste, für seine Projekte Sponsoren zu finden. Seine Ausstellungen organisierte er im selbstgegründeten Underground Museum in den Arlington Hights in LA, wo er schließlich eine Reihe von Gruppenausstellungen gemeinsam mit dem MOCA, dem Museum of Contemporary Arts, initiierte. Als Davis mit nur 32 Jahren an einer seltenen Krebsart starb, hatte er über zehn Einzelausstellungen gehabt, an zahlreichen Gruppenausstellungen teilgenommen und sein eigenes Museum gegründet. Noah Davis und seiner Frau Karon Davis ging es bei dem inzwischen international renommierte Underground Museum in Arlington Heights – einem historisch von Schwarzen und Latinx bewohnten Viertel von Los Angeles – darum, „die Art und Weise zu verändern, wie Menschen Kunst betrachten, Kunst kaufen und Kunst machen“.

Seine Frau Karon…

„Ich habe das Gefühl, dass man in der Malerei eine enorme Freiheit hat, sein eigenes Universum zu erschaffen – wenn man nicht zulässt, dass einem die ›Kunstgeschichte‹ oder Vorurteile in den Weg geraten. Ich bin eigentlich gar kein großer Science-Fiction-Fan, ich bin eher ein sentimentaler Romantiker. Diese Fantasy-Elemente können aus meinem Bedürfnis entstehen, den ›Bann‹ oder die Zwänge der Kunsttheorie zu brechen und mich mehr in den Bereich der Mystik zu begeben“, sagte Noah Davis in einem Interview mit Lauren Heynes im Studio Museum in Harlem.

Die Bilder in Potsdam überraschen tatsächlich durch ihre nicht nur großflächige Darstellung ganz normaler Alltagsszenen, sondern auch durch ihre Anlehnung an die Leipziger Schule und Neo Rauch. Schwarze Menschen in einem Swimmingpool vor einem geradezu minimalistischen Gebäude von Paul Reverve Williams, einen der wichtigsten Architekten Amerikas, der mehr als 3000 Gebäude in LA entworfen hat, aber kaum bekannt ist. Eine Mutter, die offensichtlich die Nerven verliert und ihr Kind auf dem Po schlägt, „father outside of the picture“. Oder auch eine alternde Leni Riefenstahl, gemalt von einem afroamerikanischen Maler.

Eine schöne und letzte Episode: Als Noah Davis in seinem neuen Underground Museum eine erste „Welt“-Ausstellung inszenieren wollte, bat er berühmte Museen um Leihgaben von Dan Flavin (Leuchtstoffröhren), die Kies-Spiegelecke von Robert Smithon, den Staubsauger von Jeff Koons oder den Flaschenhalter von Marcel Duchamp. Natürlich erhielten er und seine Frau Karon nur Absagen von den Museen dieser Welt. Also schuf er die „ Imitation of the Wealth“. Eine Imitation der Kunstwerke jener Künstler, die die Kunst der Welt auf den Boden der Normalität der Staubsauger zurückbringen wollten. Und jetzt steht der Flaschenhalter von Marcel Duchamp imitiert von Noah Davis im Minsk in Potsdam.

Das »Minsk« war zu DDR-Zeiten als Freizeitort und Ausflugsziel sehr beliebt. Das Restaurant war ein Ort, an dem die Gäste zusammenkamen, redeten, feierten und tanzten. Nach der Wende und Schließung des Restaurants Mitte der 1990er-Jahre wurde das Gebäude zusehends vernachlässigt, zuletzt schien die Ruine dem Abriss geweiht. Es waren die Potsdamer Bürger, die dazu beitrugen, die Abrisspläne zu verhindern. 2019 erwarb die Hasso Plattner (SAP) -Foundation das Gebäude, um es zu sanieren und der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen. Aus dem alten »Minsk« wurde so DAS MINSK Kunsthaus in Potsdam.