Kunst – oder doch nur Lego?

Zum Glück gibt es in der Kunst keine Regeln! (Nathan Sawaya, Brick-Künstler und Lego-Enthusiast, Los Angeles)

Totenköpfe: „Es waren gruselige Wochen…“, 12.444 Steine

„Geschrieben steht: ›Im Anfang war das Wort!‹
Hier stock‘ ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen…
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh‘ ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!“
Ja, schon der alte Meister Goethe wusste, dass unsere Welt mit Worten oder Geist schwerlich zu meistern ist. Bei Nathan Sawaya, Lego-Künstler aus Los Angeles, hört sich das etwas anders an: „Denke daran: Alles beginnt mit einem Stein.“

Nun gut, das gilt auch für Straßenschlachten studentischer Proteste. Aber mit nicht so überzeugendem Resultat. Auf 1100 Quadratmetern mitten im Herzen Neuköllns, im Cank, einem alten Kaufhaus an der Ecke Karl Marx-Straße/Anzengruber, ist Nathan Sawayas faszinierende Welt der LEGO®-Kunst seit heute (Dienstag, 8. Oktober 2024) zu sehen. Da sind Interpretationen berühmter Kunstwerke wie Edward Munchs „Der Schrei“, Michelangelos „David“, Van Goghs „Sternennacht“ und Da Vincis „Mona Lisa“ neben einem sechs Meter langen Tyrannosaurus Rex-Skelett, überdimensionierten Schachfiguren sowie einer multimedialen Sammlung von Lego-Fotografien des preisgekrönten Fotografen Dean West.

Nathan Sawaya bei der Vernissage von Exhibition Hub und Fever

Einige der bekanntesten Werke der Kunstgeschichte werden als skurrile Lego-Kreationen neu interpretiert“, urteilte BBC über die Ausstellung „The Art of Brick“ in London, die inzwischen in 100 Städten und 24 Ländern zu sehen war. „Es verspricht eine tolle Zeit für die ganze Familie“, so die Einschätzung von „ELLE“. Aber wie kommt man darauf, aus Lego Kunst zu machen? Ist das nicht eher etwas für Kinder? Und sind das nicht die kleinen Ziegel (Brick), bei denen immer Steinchen fehlen, wenn man sie mal wieder herauskamt? Diese Noppen-Dinger, die vor allem eine Kunst beherrschen, Mamas und Papas Geldbeutel in schöner Regelmäßigkeit zu plündern? Kann das wirklich meisterlich sein?

„Als Anwalt merkte ich schnell, dass ich lieber auf dem Boden sitze und Skulpturen schaffe, als in einem Sitzungssaal zu sitzen und Verträge auszuhandeln. Meine eigenen persönlichen Konflikte und Ängste, gepaart mit dem tiefen Wunsch nach allgemeinem Glück, ebneten mir den Weg, hauptberuflich als Künstler zu arbeiten“, unternimmt Ex-Wirtschaftsanwalt Nathan Sawaya einen Selbst-Erklärungsversuch.

„Gestalte, was du siehst. Erschaffe, was du fühlst. Erschaffe, was du noch nie gesehen hast. Erschaffe einfach.“ (Nathan Sawaya)

Sawaya begann seine künstlerische Laufbahn vor 20 Jahren. Er beschäftigte sich seit seiner Kindheit mit Lego-Bausätzen und begann wieder, sie zu kaufen, um nach der Arbeit in einer erfolgreichen Wirtschaftskanzlei Stress abzubauen. Er arbeitete am Tag als Anwalt und dann, sechs Stunden nachts, bastelte er mit Lego. Irgendwann stand sein Beschluss fest, die Anwaltskanzlei zu verlassen und Vollzeitkünstler zu werden, wobei er ausschließlich Legosteine als Medium nutzt. Seitdem schafft Nathan Sawaya Kunstwerke für „The Art of the Brick“, die erste große Museumsausstellung mit Legosteinen weltweit. Der Lego-Künstler „benutzt die Steine gern, weil man diese sehr klaren Linien erhält. Man erhält diese scharfen Ecken, diese rechten Winkel, all diese kleinen Quadrate und Rechtecke, wenn man sich das Werk aus der Nähe ansieht und dann einen Schritt davon entfernt, und all diese Ecken verschmelzen zu Kurven, und das ist irgendwie die Magie der Verwendung von Legosteinen“, zitiert ihn Grace Ferry vom Code Blue-Magazin. 

Der 51-Jährige kauft alle seine Steine direkt von der Lego-Company in Dänemark. Sie werden aus Europa geliefert. Allerdings fing alles etwas holprig an. Sein erster Kontakt mit der dänischen Lego-Gruppe war ein Unterlassungsschreiben, als er gerade begonnen hatte, seine Arbeiten im Internet zu veröffentlichen. Es ging um den geschützten Begriff LEGO®. Das ist inzwischen geklärt. Firma und Künstler profitieren von seiner Arbeit. Die Wogen haben sich geglättet. Sein Lagerbestand bestehe normalerweise aus 10 Millionen Teilen, die nach Farbe und Form sortiert seien, erzählt der Künstler. Auch als Redner und Autor ist er im Westen der USA bekannt. Zuletzt tingelte Sawaya durch die Shows von Letterman bis Colbert.

Ein Besuch der Berliner Ausstellung lohnt sich auf alle Fälle. Schon allein die Angaben zu den Lego-Kunstwerken und der Zahl der verwendeten Steine machen einen Rundgang durch die verschiedenen Themenwelten zu einem spannenden Erlebnis. Zu den Totenköpfen im Titelbild dieses Blogs plaudert Sawaya aus: „Ich habe die Totenköpfe geschaffen, um eine Gegenüberstellung eines Kinderspielzeugs und die mit dem menschlichen Schädel verbundenen Themen zu untersuchen. Daher auch die leuchtenden Farben. Die Fertigstellung der Totenköpfe dauerte über drei Wochen. Es waren gruselige Wochen…“

Der Schrei

Und es gibt noch einen Grund, nach Neukölln zu fahren: Anscheinend als Erster überhaupt, so die Veranstalter, etablierte der 51-jährige Lego-Fan die neue Form der Kunst aus den kleinen Spielzeugsteinchen. Seine zweidimensionalen Mosaike, etwa von Andy Warhol oder Jimi Hendrix, kommen der Pop-Art recht nahe, erscheinen weniger wie Lego denn als verwaschene, gedruckte Formen. „Der Schrei“ von Edward Munch – dreidimensional wie eine Skulptur – sieht so lustig aus, dass man sich fragen darf, ob ein heutiger Munch nicht gleich in die Spielzeugkiste statt zum Pinsel gegriffen hätte. Kunst oder Lego? Lego-Kunst!

Blaue (10.770), rote (9240), gelbe (6.406) Gesichtsmaske

Provokation Banksy

„Kunst ist nicht wie alle andere Kultur, weil ihr Erfolg nicht vom Publikum abhängt… Die Kunst, die wir betrachten ist das Werk einiger ausgewählter Personen. Wenn Sie in eine Kunstgalerie gehen, sind Sie einfach nur ein Tourist, der sich den Trophäenschrank etlicher Millionäre ansieht.“ (Banksy)

Mild, Mild, West, 1999 *

Er ist ein Provokateur. Er ist ein Geheimnis. Er ist politisch. Und er ist zweifellos der bekannteste unbekannte Künstler unserer Zeit. Seine Ausstellungen, zu denen in der jüngeren Vergangenheit zweieinhalb Millionen Zuschauer kamen, sind Kult. 150 000 kamen allein zu „Mystery of Banksy“ vor zwei Jahren im Kellergeschoss der Hamburger Galeria Kaufhof. Jetzt ist Banksy in Hamburg zurück. „House of Banksy – Unauthorized Exhibition Hamburg“ – lautet die Einladung in die Show in der besten Flaniermeile der Hansestadt, die am Donnerstagabend mit Pomp und Prominenz eröffnet wurde. Auf einer Fläche von 1500 Quadratmetern versprechen die Ausstellungsmacher eine noch „nie dagewesene Präsentation von über 150 Motiven des gefeierten Künstlers“. Damit werde sie zur weltweit größten Werkschau seiner Kunst und hebe sich deutlich von allen bisher gezeigten Banksy-Ausstellungen ab. Zur Wahrheit gehört aber auch, wer „Mystery of Banksy“ vor zwei Jahren gesehen hat, wird nicht allzuviel Neues entdecken. Wer Banksy kennenlernen will, wird tatsächlich überrascht werden und mitgenommen auf eine visuelle Erlebnisreise.

Unter den B-Stars Sandy MeyerWölden, Janina Kunze, Claudia Obert, Max Suhr, Kathy Krause… Ob das dem Kommerzgegener Banksy gefallen hätte? The Show must go on…

Graffitis, Fotografien, Skulpturen, Videoinstallationen und Drucke auf verschiedenen Materialien wie Leinwand, Holz, Aluminium, Gips, Beton, Backstein und Plexiglas wurden eigens für diese Schau reproduziert und in einem aufwändigen Setting zusammengetragen. Dem Besucher offenbart sich ein tiefgehender Einblick in Banksys Gesamtwerk, das aufgrund seines Anonymstatus nicht vom Künstler selbst autorisiert wurde, wie es der Titel – ähnlich der Schwestershow in München – bereits andeutet. Wie Kuratorin Virginia Jean deutlich macht, handelt es sich um reine Repliken. Kunstwerke von Banksy, die sich etwa an Häusermauern in seiner englischen Heimat aufgesprüht finden, wurden in der Vergangenheit oft gereinigt oder herausgerissen und teuer verkauft. Man müsste wohl in 30 verschiedene Städte reisen, um zu sehen, dass man sie oftmals nicht mehr sieht. Sie sind flüchtig. Dennoch macht Kuratorin Virginia Jean Mut: „Kein historisches Kunstwerk hält uns so den Spiegel vor, wie die aktuellen Kunswerke Banksys.“ 


Eines von Banksys Werken, das 2011 in Fitzrovia, London, auftauchte. Es zeigt eine Ratte mit roter Farbe auf der Pfote, darüber einen Schriftzug: „Wenn Graffiti etwas ändern könnte, wäre es illegal“. Banksy scheint sich hier auf eine Zitat von Emmy Goldman zu beziehen: „Wenn Wahlen etwas ändern könnten, wären sie illegal.“ Die Frauenrechtlerin setzte sich für das Wahlrecht für Frauen ein.


Beim Thema Street-Art kommt man an Banksy nicht vorbei. Er ist wohl der berühmteste und auch der mysteriöseste Graffiti-Künstler der Welt. Eine seiner verlockensten Stärken in den Augen der Öffentlichkeit ist zweifellos diese Anonymität. Die Besessenheit, seine Identität geheim zu halten, zieht die Öffentlichleit magisch an. Denn Banksys Botschaften sind politisch und gegen den Kunstkommerz oder die Kommerzkunst gerichtet (siehe Zitat oben). In den 1980er Jahren begannen die Werke des Briten in Bristol aufzutauchen. Sie waren jedoch zu dieser Zeit noch weit davon entfernt, als Kunst anerkannt zu werden. Zumal sich in dieser Zeit junge Sprayer in stattlicher Zahl mit wenig originellen, aber um so mehr provokanten Botschaften an Häuserwänden präsentierten. Banksys Schablonen hingegen sind oft witzig, lebendig und pulsierend, als wollten sie jederzeit aus dem Hintergrund herausspringen. Hinzu kommt ein politischer, kultureller oder auch gesellschaftlicher Kontext, in dem das Werk über ein Zeugnis der Street-Art, des Pop-up hinauswächst. Schön zu sehen an dem historischen Gemälde Lenins mit dessen typischer, kämpferischer Handbewegung der Agitation nach vorn, die Banksy umdeutet in eine Balancebewegung eines Inlineskaters auf Rolleblades. Ein winziges Detail – und aus einem politischen Agitprop-Plakat wird ein ironisches Zeugnis, eine bildliche Satire kommunistischer Propaganda.

Red Lenin, 2007 (Banksy war fasziniert von Lenin)

Seine Antikriegsstatements, sein Steinewerfer, der mit Blumen droht, oder auch das Hotelzimmer in Bethlehem mit Blick auf die illegal errichtete Sperranlage, die das Westjordanland von Israel abtrennt – Banksys Bildkommentare zum Weltgeschehen sind höchst aktuell und politisch brisant. Das „Walled off Hotel“ in Bethlehem ist ein Boutique-Hotel, das mit „der schlechtesten Aussicht der Welt“ wirbt. Es gilt – gemeinsam mit anderen Kreativen entworfen – als Banksy Kommentar zum israelisch-palestinensischen Konflikt. Im aktuellen vom Hamas-Terror provozierten Krieg hat es an Aktualität nichts verloren, eher gewonnen. 2017 gegründet zog das Walled off Hotel bislang 140.000 Besucher an.

The Walled off Hotel, 2017

Banksys Kririk am Kunskommerz geriet durch sein wohl bekanntestes Bild des „Mädchen mit dem Luftballon“ aber auch in ein klassisches Dilemma …. „Girl with Ballon“ zeigt ein Mädchen dessen Haare und Kleid im Wind wehen und das nach einem roten, herzförmigen Luftballon greift. Verlust der Unschuld oder Ankunft neuer Hoffnung und Liebe? 2002 erschien das Bild in der Londoner Southbank, wurde aber von der Stadtverwaltung übermalt. Daraufhin produzierte es Banksy in unsignierten und signierten Siebdrucken in geringer Auflage. Einer der Drucke stand 2006 zur Versteigerung. Wenige Augenblicke nach dem Zuschlag für 860 000 Pfund löste der Künstler einen Schredder im Rahmen aus, und zerstörte die Leinwand. Mit diesem Statement zur Kommerzialisierung der Kunst wurde er weit über die Grenzen der Kunstbranche hinaus weltberühmt. 2021 wechselte das Bild unter einem neuen Titel „Love is in the Bin“ (Die Liebe ist im Eimer) den Besitzer. Im Londoner Auktionshaus Sotheby‘s kam es für 16 Millionen Pfund unter den Hammer. Die Kommerzialisierung ist offenbar nicht einmal durch einen Künstler wie Banksy aufzuhalten.

Love is in the Bin, 2021, 2006, 2001

Seine Identität mag der 45 – 50-jährige Brite geheim halten können, seine Weke erobern dagegen weltweit die Straßen und die Auktionshäuser. Und das höchst erfolgreich und spektakulär. Banksy gilt als einer der teuersten Künstler der Gegenwart. Kuratorin Virginia Jean ist gemeinsam mit Ausstellungsmacher Oliver Forster zweifellos ein Coup gelungen. Die aus England stammende und in Berlin lebende Galeristin präsentiert den Pop-Art Künstler nach jahrelanger Arbeit mit rein klassischer Kunst und so wird die Ausstellung auch zu ihrer persönlichen Befreiung. Sie sagt: „Ein Bansky-Werk berührt jeden und ist an jeden gerichtet.“ Kunst für Jedermann, verspricht die Ausstellung etwas profan. Seht selbst. Was sind Worte gegen Bilder? 

Ausstellungseröffnung am 19. September mit Kuratorin Virginia Jean und Produzent Oliver Forster (Fotos: Autor)

*(Banksy zeichnete diese Wandbild in drei Tagen und bei vollem Tageslicht. Auslöser war eine Protestparty in der Winterstoke Road, wo die Polizei versuchte, die Zusammenkunft zu unterbinden. Das Kunstwerk gilt als Wahrzeichen der kulturellen Szene der Stadt in der Auseinandersetzung mit der Regierung. 2009 wurde es von einer Anti-Graffiti Organisation mit roter Farbe übersprüht. Es fanden sich Freiwillige, die das Graffiti retteten.)

Farbige Orgien

„Hätte ich je an eine Künstlerlaufbahn gedacht und von meinen Bildern leben wollen, so hätte ich niemals diese ,scheußlichen Schmierereien‘ aus Blau, Zinnober und Chromgelb gemacht… Daran war aber nicht zu denken; denn gerade die Farbe liebte ich! Meine Bilder erschrecken freilich alle Leute… Denn ich war ja verheiratet, Vater zweier Kinder und arm, und in dieser Lage verlor ich meine Zeit mit ,diesen Schmierereien‘!“
Maurice de Vlaminck (1876 – 1958) als Replik auf Kritiken vor seiner ersten fauvistischen Ausstellung 1905

Maurice de Vlaminck, Die Boote, 1905 (VG Bild-Kunst, Bonn, 2024)

Wen auch immer ich in den letzten Tagen nach Maurice de Vlaminck gefragt habe, ich erntete ein Schulterzucken. Henri Matisse, ja, Kees von Dongen, ja, Claude Monet, Pierre-Auguste Renoir, sowieso, aber Vlaminck? Jetzt feiert das Potsdamer Museum Barberini – auch mit Bildern aus der Sammlung von SAP-Gründer Hasso Plattner – die Wiederentdeckung des französischen Expressionisten. Oder besser Post-Impressionisten? Oder Fauvisten – Wilden? Daniel Zamani, Kurator der Ausstellung im Barberini sagt dazu: „Maurice de Vlamincks Werk markiert ein bedeutendes Scharnier zwischen Im- und Expressionismus. Wir sind froh, seinem künstlerischen Werdegang mit einer so opulent bestückten Retrospektive nachspüren zu können.“ Für meinen zweiten Beitrag meines neun Kunst-Blogs – in Ermangelung meines geplanten Israel-Sabbatical – habe ich die Vernissage der Potsdamer Präsentation vor zwei Tagen besucht.
Seit nahezu 100 Jahren ist dies die erste umfassende Ausstellung des Lebenswerkes des französischen Malers, der eher zufällig zur Kunst gekommen ist. Vor dem 1. Weltkrieg berühmt und verschrien, dann von den Nationalsozialisten zur entarteten Kunst erklärt, beschlagnahmt und weltweit verstreut, schließlich nahezu vergessen. Aus Gründen. So ist es eine immense Leistung des Kurators und des Museums für die Ausstellung „Maurice de Vlaminck. Rebell der Moderne“ 73 Werke weltweit zusammengetragen zu haben und nun zu präsentieren. Vier Jahre lang hat Daniel Zamani daran gearbeitet. Ein Großteil der Bilder befindet sich in Privatbesitz. Unter den Leihgebern sind Museen wie die Tate Modern in London, oder das Metropolitan Museum of Art in New York. Die wollen erstmal überzeugt werden. Lest dazu das Stichwort am Ende des Blogs.

(Foto: Autor)

Zur Historie. Seit 1903 bot der Pariser Salon d’Automne französischen und internationalen Künstlern eine Plattform, um ihre Kunst entgegen der konservativen Politik des Salon de Paris zu präsentieren. 1905 traten dort erstmals junge, teils unbekannte Künstler in Erscheinung, die durch den Kritiker Louis Vauxcelles als „fauves“ bezeichnet wurden: Henri Matisse, André Derain, Kees van Dongen – und eben Maurice de Vlaminck. Vauxcelles beschrieb den Ausstellungsraum, in dem die Werke der genannten Künstler eher zufällig zusammengehängt wurden, als „cage aux fauves“ – Käfig wilder Bestien -, und glaubte Matisse als Anführer einer Gruppe von Malern „farbiger Orgien“ (Zamani) zu identifizieren. Obwohl als Kollektiv wahrgenommen, einte die Künstler kein gemeinsames Arrangement. Im Gegenteil. Dennoch verband sie die Ablehnung aller bisheriger Kunstauffassungen und das Bekenntnis zur völligen Freiheit des Künstlers. Mit ihren farbgewaltigen, ganz auf Ausdruck und Emotion ausgerichteten Werken, begründeten sie den Fauvismus als erste Avantgarde-Strömung des 20. Jahrhunderts – und ernteten riesige Aufmerksamkeit. Vor allem negative. Maurice de Vlaminck – obwohl erst seine dritte Präsentation – inszenierte sich seither als ungestümer junger Künstler. Und rang permanent mit Matisse um das Primat bei der Erfindung des Fauvismus. Dazu später.
Bis 1905 lebte der Autodidakt eher von kargen Einkünften als Geiger, Radrennfahrer, Boxer und Autor von Romanen und Reisebeschreibungen, siehe obiges Zitat. Zur Kunst fand er durch eine Zufallsbegegnung mit André Derain während einer langen Wanderung nach dem Ausfall eines Zuges im Seine-Tal. Die Deutsche Bahn lässt grüßen. Im Gegensatz zu vielen Impressionisten, deren Motive sich im ganzen Süden Frankreichs finden, beschäftigte sich Vlaminck immer wieder mit dem Seine-Tal. Einen Umkreis von 30 Kilometern. Nach seinem großen Vorbild Van Gogh drückte er seine Farbexplosionen in hohem Tempo direkt aus der Tube auf die Leinwand. Mitunter sind beim Gang durch die Potsdamer Ausstellung noch immer feine Segmente Blütenstaubs im Farbauftrag zu entdecken. Man schaue genau hin.

Henri Matisse „Frau mit Hut“ – Maurice de Vlaminck „Frau mit Hut“

Kurator Daniel Zamani beschreibt in seinem Essay „Anarchie der Farbe“ eine amüsante Szene der Auseinandersetzung Vlamincks mit Matisse um die Mentorenschaft, um die treibende Kraft des Fauvismus. „Zu den Exponaten des Salon d‘Automne gehörte Matiss‘ „Frau mit Hut“ – ein in Pastelltönen flächig gestaltetes Porträt seiner Frau Amèlie… Es ist anzunehmen, dass die mediale Aufmerksamkeit, die Matisse‘ Bild erregte, Vlaminck zur Bearbeitung des gleichen Sujets anspornte – auch wenn Vlaminck eine solche direkte Einflussnahme vonseiten seiner fauvistischen Kollegen, insbesondere von Matisse, sicherlich negiert hätte.“ Heraus kam eine Groteske ungestümer Farbigkeit, die in ihrer dramatischen Bildgestaltung offenbar sichtlich schockieren und das ungenannte Vorbild übertreffen sollte. In weiteren Bildern widmet er sich Porträts von Künstlerinnen im Rotlichtgewerbe, wie etwa „Auf dem Tresen“, wo er Nullen in der Jahreszahl 1900 – wahrscheinlich im Humor der Zeit – durch die Brüste der Porträtierten ersetzt. Vlaminck, der sich stets frei von allen Einflüssen inszenierte, wird in der Potsdamer Ausstellung in einen zeitgenössischen Kontext gestellt. Der einstige Anarchist inszenierte in seinen Bildern gezielt die Abwendung von bürgerlichen Sujets. Nach der ersten Schau im Salon d‘Automne erwarb der Kunsthändler Ambroise Vollard 1905 den Großteil von Vlamincks Atelier-Bestand und ermöglichte ihm somit die professionelle Künstler-Laufbahn. In späteren Werken interpretiert er die Getreideschober Monets neu und schafft sogar wenige kubistische Bilder.

„Was ich im Leben nur als Anarchist hätte tun können, eine Bombe schleudern – was mich aufs Schafott gebracht hätte-, das versuchte ich in der Malerei durch die ausschließliche Verwendung reiner Farben zu verwirklichen. Auf diese Weise habe ich meinen Trieb, veraltete Konventionen zu zerstören, ihnen nicht zu gehorchen, nachgegeben, um eine sinnliche, lebendige und befreite Welt wiederzuerschaffen.“ (Maurice de Vlaminck)

Auf dem Tresen, 1900 (Foto: Autor)

Durch die nationalsozialistischer Kulturpolitik nach 1933 wurde auch das Werk Maurice de Vlamincks als „entartet“ verfemt und aus deutschen Museen entfernt. Dennoch, und trotz deutlicher Distanzierung in jüngeren Jahren von Militarismus und Nationalismus, trat er im November 1941 auf Einladung der deutschen Propagandastaffel eine Reise nach Deutschland an. Im Anschluss veröffentlichte Vlaminck zwei Artikel, in denen er die nationalsozialistische Kunst- und Kulturpolitik anpries. Er polemisierte gegen die Avantgarde in Frankreich, wie sie sich in der Malerei Picassos manifestierte, ließ sich von Arno Breker portraitieren und engagierte sich in einem Komitee für Brekers 1942 in Paris gezeigte Ausstellung. Inspiriert von Brekers Strenge der Form wurde der Künstler-Rebell zum Ankläger der Moderne. Zwar sind nur die beiden Artikel von ihm bekannt, die dies stützen, aber offenbar reichten diese, um ihn nach 1945 in Vergessenheit geraten zu lassen. In Vlamincks Kunst findet sich keine Nähe zur NS-Ästhetik. Frankreichs Öffentlichkeit feierte die Künstler in der Résistance, wie Jean Moulin, oder auch Picasso, der sich allerdings nie aktive am Widerstand beteiligte.
Auch deshalb ist die Ausstellung im Barberini die Wiederentdeckung eines Vergessenen und eine Reise wert. Irritierend allerdings die barocken Rahmungen, die der Kurator mit dem Zeitgeist Anfang des Jahrhunderts und den Rahmungen der Leihgaben begründet.

Vorstädtische Landschaft, 1905 (VG Bild-Kunst, Bonn, 2024)

Die Ausstellung Maurice de Vlaminck. Rebell der Moderne gibt erstmals seit 1929 einen Überblick über Vlamincks gesamtes Werk, wobei der Akzent auf der produktiven Schaffenszeit vor dem Ersten Weltkrieg liegt, ergänzt durch eine Auswahl später Arbeiten. Ausgangspunkt der Ausstellung mit 73 Werken, die in Kooperation mit dem Von der Heydt-Museum Wuppertal entstand, sind die neun Gemälde Vlamincks in der Sammlung Hasso Plattner, die von Leihgaben aus unter anderem der Tate Modern in London, dem Museo nacional Thyssen-Bornemisza in Madrid, dem Centre Pompidou und dem Musée d’Orsay in Paris, dem Van Gogh Museum in Amsterdam, dem Museum Folkwang in Essen, der Staatsgalerie Stuttgart sowie dem Metropolitan Museum of Art in New York, dem Dallas Museum of Art und der National Gallery of Art in Washington ergänzt werden. Die Ausstellung öffnete am Freitag, 13. September, und ist bis Mitte Januar zu sehen. (Pressemitteilung)