Kein verlorener Tag, nur ein anderer…

„Ni siquiera sabía que se suponía que debía estar buscando a Jesús, señor“

Heute Morgen bedarf es einer kleinen Aufmunterung. Zumal das Wetter immer noch nach Regen aussieht. Ich packe schon mal das Cape oben auf den Rucksack. Die Wirtin hat sich entschlossen, den Pilgern in ihrer Herberge Los dos Alemanes kein Frühstück zu servieren – nicht mal eine Tasse Kaffee. Die Wirtsstube ist noch verriegelt.

Wahrscheinlich hat sie sich gestern bei dem schlechtesten Pilgermenu auf dem ganzen bisherigen Weg zu sehr verausgabt. Die Fritten waren labrig, der Fisch TK. Sie ahnte wohl, dass es um ihre Kochkünste nicht zum Besten steht, und gab eine Flasche Wein obendrauf. Mit einer ledrigen Tortilla vorweg und einem Eis hinterher – alles für zwölf Euro… Das war’s dann aber auch.

Also verlasse ich die Albergue ohne Kaffee und beschließe ein paar Camino-Regeln vor mich hin zu deklamieren, damit sich die Stimmung zu Beginn der letzten drei Tage wieder hebt. Es ist halt am Camino wie im richtigen Leben, mal hat man Pech, mal kein Glück. Aber es ist ja der erste miese Start.

Im Hotel stehen auf dem Flur schon die drei Backpacks der Pilger aus New San Francisco, wie sie mir am Vorabend erklärt haben, Tochter, Mutter und Bruder, und warten auf den Taxi-Service. Na, dann werfe ich mir mal mein Schneckenhaus über und deklamiere…

„Dein Weg endet nie, denn der Jakobsweg wird dich zwar bis nach Santiago tragen, doch da ist der Weg noch nicht zu Ende. Viele Pilger sagen, erst dort beginne der eigentliche Weg. Nämlich der Weg, den du fortan in dir tragen wirst. Denn der Jakobsweg wird dich verändern.“

Immer häufiger begegne ich inzwischen Pilgern, nicht nur wegen des Volkswandertages, sondern weil hier verschiedene Pilgerwege in den Camino Francés einbiegen, so unter anderem in Arzúa der Camino del Norte. Alles strebt Santiago de Campostela entgegen, wie bei Goethes Osterspaziergang das Stadtvolk dem Frühling. Die Wege werden immer einfacher.

Wie ganz von selbst scheint man auf dem Weg wieder in die Zivilisation einzutauchen. Der Alltag kommt Schritt für Schritt zurück. Aber soweit bin ich noch nicht ganz.

In dem Moment rettet mich Dana aus Texas vor einem Radpilger, der hinter mir den steilen Abstieg heruntergeschossen kommt. Verrückt, erst in Foncebadón sei vor ein paar Tagen ein deutscher Radpilger schwer gestürzt, wird hier erzählt. (Ich habe keinen Beweis in den Nachrichten gefunden.)

Im Gegenzug zur Bergrettung erzählt mir Dana ihr halbes Leben in Texas. Auch verrückt. Und da es inzwischen aus allen Schleusen schüttet, habe ich auch gerade nichts Besseres zu tun. So erfahre ich, dass ihre Tochter eine Frau geheiratet hat. Die andere Tochter hat an ihrer Schule nahe Dalles nach dem jüngsten Amoklauf eines 18-Jährigen als Lehrerin gerade Waffentraining. Und weil sie gerade dabei ist, erzählt Dana auch gleich, warum sie unterwegs ist – und was man sonst noch in drei Stunden erzählen kann, wenn der Himmel weint und man 60 geworden ist. Ich habe ehrlich gesagt nicht alles verstanden, und doch alles verstanden.

Seltsam, was wir von uns preiszugeben bereit sind, wenn wir wissen, den Menschen nie wieder zu sehen. Wem das Herz voll ist… Bei ein paar Tassen Kaffee sehen wir uns Familienfotos an und wünschen uns anschließend ein gutes Leben. Der Leben ist eine Pralinenschachtel, wusste schon Forrest Gump. Die Texanerin biegt irgendwo vor Arzúa in ihre Albergue ab.

Der Regen ist inzwischen wie weggeblasen. Ich muss noch ein Stück weiter hinter Arzúa, Für Fotos war heute nicht das Wetter. Aber ein Regentag ist kein verlorener Tag, nur ein anderer…

Lieutenant Dan Taylor fragte Forrest: „Sag mal, hast du Jesus gefunden, Gump?“ Und Tom Hanks antwortete: „Ich habe gar nicht gewusst, dass ich ihn suchen soll, Sir.“ („Ni siquiera sabía que se suponía que debía estar buscando a Jesús, señor.“)

Buen Camino – der richtige Weg

„Rendirse no es ninguna opción.”

Portomarin – Melide O Coto, 34,9 Kilometer
Gehe ich den richtigen Weg? In meinen Credencial del Peregrino, dem Pilgerpass, sind jedenfalls mehr Stempel aus Bars als aus Kirchen zu finden. Von 18 Stempeln bis heute – jeden Tag muss der Pilger zwei Stempel einsammeln, um am Schluss in der Pilgerbehörde in Santiago de Campostela unter den Augen eines strengen Secretarius seine Campostela zu erhalten – stammen fünf oder sechs Stempel aus Kirchen. Der Rest kommt aus Bars. Nun gut, jede Herberge hat eine Bar.

Und nicht jede Kirche ist wirklich eine Albergue. Außerdem sind die Bars und die Läden am Rande des Weges auch den ganzen Tag geöffnet. Von wegen Siesta zwischen zwölf und 17 Uhr, und man bekomme nichts zu essen, wie die einschlägigen Pilgerführer dem Pilger-Azubi Angst machen. Die lustigen Radpilger scheinen ohnehin nur von Bar zu Bar zu pilgern. Wenn man sich an deren Gejohle orientiert, kann man den Jakobsweg auch als Blinder bewältigen.

Die Kirchen sind hingegen in aller Regel verschlossen und verrammelt. Öffnungszeiten an den Pforten verweisen auf die wenigen Stunden, die ein Pilger hier in sich oder in Zwiesprache mit Ihm gehen kann.

Pilgergottesdienst – ziemliches Spektakel

Gestern Abend war ich bin Portomarin in einem Pilgergottesdienst. Katholisch natürlich, was sonst in Spanien. Na, das war ein Auf und Ab, Aufgestehe und Niedergekniee… Wer bis dahin von den 800 Kilometern von Roncesvalles bis nach Portomarin noch keine kaputten Knie hatte, der hatte sie nach der halben Stunde garantiert.

Nein, die Kirche macht aus dem Pilgerpfad zum Grab des Heiligen Jakobus in Santiago de Compostela keine Wallfahrt mit Glaubensspektakel. Auch wenn man natürlich wie in allen katholischen Regionen überall Kreuze am Wegesrand findet. Jeder muss und kann für sich entscheiden, ob es sein Glaubensweg ist. Das Symbol des Jakobswegs ist ja auch die Jakobsmuschel und weniger das Jakobskreuz – ein Lilienkreuz, dem man hier auch sehr häufig begegnet. Das Ordenszeichen des Heiligen Jakob vom Schwert.

Wunderschöne Stimmung am Wegesrand

Der Ursprung der Verehrung des Apostels Jakobus in Spanien ist seit dem frühen 7. Jahrhundert bezeugt. Der habe auf der Iberischen Halbinsel missioniert. Der Legende nach wurde irgendwann im äußersten Nordwesten Spaniens das Apostelgrab entdeckt. Seit dem Jahr 930 – als Spanien katholisch wurde – sind erste vereinzelte Pilger hier langmarschiert.

Ja, und heute bin ich hier. „Buen Camino“ – das übrigens nicht mehr wie in León zu einem schon fast französischen „bonne“ verschluckt wird, sondern schon seit O Cebreiro, dem Tor Galicien, als spanisches „buen“ ausgesprochen wird.

Also „Buen Camino“. Bin ich auf dem richtigen Weg?

Der führt mich heute von Portomarin nach Melide O Coto, das letzte Stück im Regen. Dafür hat die Herberge keine Heizung, und nichts will trocknen. Schön. Eigentlich sollte es nur bis Palas de Rei gehen. Aber das kam nicht in die Tube. Als ich vor wenigen Tagen meine Herbergspanik bekam, da habe ich nur eine Unterkunft im 14 km entfernten in Melide bekommen. Da habe ich wohl den Rucksack etwas zu voll genommen. Wenn man Pilgerführern und dem Gronze (dem online-Führer für den Camino) glauben kann, so werden das heute 39 km. Und es werden ja immer ein bisschen mehr. Hoffentlich gibt es viele Bars und Kirchen am Wegesrand. Es wurden zum Schluss 34,9 Kilometer.


Und es gab von beiden genug – Kirchen und Bars. Dann ist es der richtige Weg.

Hoffen wir mal, dass die Spanier hier nur ihr Stroh und nicht ihre
Vorfahren aufbewahren

„Rendirse no es ninguna opción.” – Aufgeben ist keine Option.

Was brauchen wir wirklich?

„No eres lo que logras, eres lo que superas.”

Jetzt wird es ernst – wer die letzten 100 Kilometer pilgert, erhält die Urkunde…

Heute lasse ich etwas hinter mir. Nein, es ist nicht mein Schatten. Der klebt irgendwie an mir, wie ein Kaugummi an der Schuhsole. Mein Leben schon gar nicht, hihi. Ich lasse meine warme Wanderjacke in der Pension. Seit Tagen schleppe ich sie mit mir herum, ohne sie wirklich zu brauchen. Sie ist mir ohnehin zwei Nummern zu groß. (Meine Lederhose aus dem Thüringer Wald, die ich in der 4. Klasse erhielt, passt mir heute noch. Meine Mutter sagte immer: „Der Junge wächst schon noch rein.“ Stimmt übrigens. Heute – 50 Jahre später – ist sie mir schon fast zu eng.)

Und die Wanderjacke hatte ich das letzte Mal vor dem Camino vor einem Jahr an. Also was soll’s. Das kann natürlich jetzt nicht so weitergehen Tag für Tag. Dann käme ich ja ziemlich verlassen zurück. Aber vielleicht sollten wir auch im Alltag von Zeit zu Zeit prüfen, was wir so alles mit uns herum schleppen. Was uns inzwischen eine Nummer zu klein geworden, oder schon immer eine Nummer zu groß gewesen ist. Das reicht ja für den Anfang.

Volkswandertag am Camino

Die Frage ist, was brauchen wir wirklich im Leben. Die stellt man sich ja nicht so oft. Und wir wollen ja auch nicht die Konsumgesellschaft an den Rand des Ruins bringen. Und so einfach, wie es Andreas vor ein paar Tagen sagte – der auch schon in einem früheren Blog eine Rolle spielte -„Man braucht nicht viel, um glücklich zu sein“, so einfach ist es natürlich auch nicht.

An einem Tag braucht man gar nichts. Am anderen Tag braucht man seine Arbeit. Und am dritten Tag sind es vielleicht die Karten für die Elbphilharmonie, die einen glücklich machen.

Meinen Sinnweg nutze ich heute dafür, darüber nachzudenken und ein wenig zu sortieren, was man wirklich braucht.

Im Zauberwald

Aber erst einmal muss ich aus der Nacht kommen. Ich habe fürchterlich schlecht geträumt, wahrscheinlich sind in diesem uralten Gemäuer aus dem 16. Jahrhundert, das, wie ich in den Erklärungen auf dem Zimmer lesen konnte, einst die Casa Grande de Sarria war, noch immer die Marqueses de Vilaverde de Lima unterwegs. Wahrscheinlich spukt hier eine 550 Jahre alte Dame durchs Haus und hat mich nicht schlafen lassen. In den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren die alten Gemäuer dann zum Unglück auch noch das Gerichtsgebäude. Ich möchte gar nicht wissen, welcher arme Tropf hier sein Todesurteil erhielt. Und das alles begegnete mir nachts ganz alleine im Haus in meinen Träumen.

Und dann kündigt Hape Kerkeling in seinem Buch (welches mir hier ein wenig als Wanderführer dient) auch noch an, dass es heute nach Portomarin durch einen Zauberwald gehe, in dem sich seine Freundinnen fürchterlich verlaufen haben. Da muss ich erst mal durchkommen. Jacobus stehe mir bei. Ja, das kann einen schon beschäftigen wenn man sieben Tage allein unterwegs ist. So ein Zauberwald. Na ich bin ja gespannt.

Und tatsächlich, nur wenige Kilometer nach Sarria verschwindet der Weg in einem düsteren Wald. In dem fallen dann unmittelbar vor den Pilgern auch noch etliche Hunde übereinander her. Riesengebelle. Riesengeschrei. Einige Frauen weinen vor Angst und laufen zurück. Letztlich hat irgendein Idiot seinen Schäferhund mit auf den Weg genommen. Das ging nicht gut. Steht in allen Führern. Das haben sich die Hunde im Wald nicht gefallen lassen. Aber wie kann man auch einen Hund mitnehmen, wenn doch überall an den Allbergues steht, man nehme keine Hunde.

Ab Sarria sind es die letzten 100 Kilometer der jakobinischen Route. Die braucht man, um die Pilgerurkunde zu erhalten. Und der Pilgerstrom, der aus Sarria zieht, erinnerten einen Schulausflug einer Gesamtschule. Das hat mit der Einsamkeit der letzten Tage wenig zu tun. Eher mit einem Volkswandertag. Einige haben sogar ein Radio dabei. Ich knall mir jetzt die Ohrhörer rein und höre „Never“. Fuck of Silence. (Schöner Film von Martin Scorsese mit Liam Neeson.)

Dafür ist Portomarin sehr schön. Die mittelalterliche Stadt verschwand – wie mein Gronze, mein anderer, wesentlich sachlichere Jakobsweg-Reiseführer mir erklärt – 1963 im Wasser des Belesar-Stausees. Die „Gebäude mit dem höchsten historischen Wert wurden in die moderne Stadt am Ufer des Sees“ oben auf dem Berg verlegt.

So kann man es natürlich auch elegant ausdrücken. Ich kenne aus meiner Jugend die Geschichte von einem Dorf, das für den Stausee von Hohenwarte überflutet wurde. Und in Ost und West gibt es ähnliche Beispiele aus zahlreichen Kohlerevieren. Da war stets von Enteignung, Widerstand und Tränen die Rede. Merke Reiseführer sind höfliche Leute.

„No eres lo que logras, eres lo que superas.” – Du bist nicht das, was Du erreichst – sondern das, was Du überwindest.