Lamas di Biduedo – Sarria, 26 Kilometer Die Täler sind noch mit Nacht gefüllt, als ich aufbreche. In der Herberge Casa Quiroga direkt am Camino herrscht schon fröhliches Frühstückstreiben. Jede Menge Franzosen müssen nach der Nacht in den galizischen Bergen unbedingt probieren, ob sie ihre eigene Muttersprache noch beherrschen. Sie beherrschen sie noch lauter als gestern.
Ich kriege nach der riesigen Fischplatte von gestern Abend für 11 Euro, noch kein Bisschen runter. Wie eigentlich jeden Morgen. Ein Café Americano reicht. Die Luft ist heute schon fast wie ein Föhn, völlig anders als in Kastilien. So gehe ich meinen Weg alleine, und lausche bis Triacastela dem Schweigen des geborenen Morgenmuffels.
Mein Schatten ist wieder da. Und er erscheint heute Morgen eher größer zu werden als kleiner. Oh je. Nur unterbrochen vom Klang der Kuhglocken, die durch das Tal hallen, schweige ich den Camino entlang und schaue in nichtsichtbare Täler. Nur begleitet vom süßlich, kräftigen und durchaus aufdringlichen Geruch der Kuhfladen, der den Pilger seit O Cebreiro begleitet. Kuhscheiße. Der Geruch Galiziens. Dessen Materialisierung den Marsch durch manches Dorf zum Hopsen werden lässt, will man Galizien nicht am Abend mit ins Schlafzimmer nehmen.
Vielleicht ist es das, was den Camino ausmacht. Das Schweigen. Das sich Besinnen. Eine Schweigepilgerfahrt, die ähnlich wie beim Ramadan am Abend in dem Albergues in ein überbordendes Sprechgelage mündet.
In Triacastela gerät der Pilger in ein Dilemma. Er kann sich entscheiden zwischen dem längeren Weg über das Kloster Samos oder den kürzeren Pfad durch das Tal von San Xil, eines der schönsten Täler der gesamten jakobinischen Route.
Da ich mich schon mehrfach – nicht nur hier auf dem Camino – für den schwierigeren Weg entschieden habe (Meine Mutter ermahnte mich oft in ihrem schönsten thüringisch: Mox-Sdefan, denk dro, nit immer is dor enfache Weg dor bessere, dar beschwährliche brägd des Lähm) entscheide ich mich heute leichtfüßig für den kürzeren Weg durch das Tal. Und habe kein schlechtes Gewissen.
Leider stellt sich schnell heraus, dass der kürzere Weg in diesem Fall der schwierigere ist. Auf der einen Seite steil hinunter zum Rio Xil, und auf der anderen Seite wieder steil hinauf. Das Leben lässt sich eben nicht an der Nase herumführen. Man muss es nehmen, wie es ist, oder wieder Thüringer sagt: Man muss dos Läbn äbm nähm, wie dos Läbn äbm is.
Im Tal herrscht noch der Nebel der Nacht
Nach 26 Kilometern lande ich in Sarria. Eine wirklich hässliche Stadt. Aber mein Herbergsvater in Villafranca, der mir ein paar Zimmer vorgebucht hat, fand ein bezahlbares Zimmer mitten in der Rùa Maior, sozusagen dem Boulevard. Wo ich mich in Minuten mitten in einem Zug von Bullenkarrren befinde. Zu früh für ein Erntetest. Für ein Weinfest des Vorjahres zu spät?. Der siebte Tag? Sonntagnachmittag, und ich schreibe meinen Blog auf der Straße.
El séptimo día descansarás… „Sechs Tage sollst Du Deine Arbeit tun; aber des siebten Tages sollst Du feiern, auf dass Dein Ochs und Esel ruhen und Deiner Magd Sohn und der Fremdling sich erquicken.“ (Moses 2)
Las Herrerias – Lamas O Biduedo Heute beginnt die Sommerfrische. Nach der ganzen Sinnfindung der letzten Tage werde ich mal über gar nichts nachdenken. Und nach dem ganzen Schwitzen in den letzten Tagen habe ich mir zudem kurze Hosen und nur einen dünnen Pullover verordnet. Das vergrößert zwar das Gewicht im Rucksack, erleichtert aber das Tragen. Vielleicht. Also auf in die Sommerfrische.
Oh, es sind tatsächlich sind es nur 12 Grad am Morgen, und für kurze Hosen eigentlich ein wenig zu sommerfrisch. Als ich Las Herrerias um 7 Uhr verlasse, bin ich nahezu allein. Auf meinem Flur steht schon ein Koffer zur Abholung durch ein Taxi bereit. Es ist offenbar der von Anna, der Amerikanerin, die mir gestern Abend begeistert erzählte, dass sie im September beim Berlin-Marathon dabei ist, aber noch kein Hotel habe. Ob ich ihr eines empfehlen könne?
Das mit den Hotels in Berlin zum Marathon dürfte ähnlich kompliziert sein, wie mit den Unterkünften am Jakobsweg. Zur Zeit ist es wirklich schwer, etwas zu buchen oder gar spontan nachzufragen. In meisten Albergues war gar nichts mehr zu machen, so dass ich jetzt wieder auf Zwischenetappen gehen muss. Auch in Triacastela, meiner nächsten Etappe, habe ich nichts mehr gefunden. So buchte ich in meiner aufsteigenden Panik gestern noch für die gesamte Strecke einfache Pensionen vor.
Steil gehts hinauf…
Sicherlich wird man noch in den Albergues Municipal, also den staatlichen Herbergen, ein Bett im Schlafsaal bekommen. Aber ein Doppelstockbett mit 24 anderen Leuten, das ist ein Abenteuer zu viel für mich. Ich habe beschlossen, dies auf diesem Weg doch nicht mehr auszuprobieren. Vielleicht kommt das ja ohnehin. Und das nächste Leben ist ein großer Schlafsaal. Dann muss ich das nicht schon jetzt machen.
Jetzt geht es richtig in die Berge hinauf nach Galicien. Die ersten 6 km geht es immer stetig bergauf. Da ich beschlossen habe, von Alternativen – ich sage nur Camino Duro – die Füße zu lassen, wandere ich eine schmale, aber wenig befahrene Dorfstraße immer der Sonne entgegen. Mein Schatten hat sich auch noch versteckt. Da hier in der Bergen um diese Zeit überall Schatten ist, sehe ich ihn weder vor mir, noch hinter mir, noch seitlich von mir. Er wird schon noch kommen.
Das mit den Koffern ist hier so eine Sache. Immer wieder habe ich mich gewundert, wenn ich Menschen begegne, deren Rucksack halb so groß, halb so voll, wie der meinige ist. Wie haben die wohl gepackt, fragte ich mich dann. Bis ich einem amerikanischen Pärchen begegnete, bei dem der Mann gut die doppelte Leibesfülle von mir hatte. Abgesehen davon, dass ihm alle Achtung gebührt, den Camino zu gehen, konnte es unmöglich sein, dass in seinem tellergroßen Rucksack das Gepäck für ein zwei oder drei Wochen verstaut ist. Am Abend in der Herberge traf ich dann die Beiden wieder und sie erwartet ein riesiger Koffer, fast schon ein halber Schrank. Und kein Fahrstuhl in der Herberge. Also wuchtete die zierliche Receptionistin das Ding in die zweite Etage. So geht Wandern auch.
Aber tatsächlich wird für den Anstieg nach O Cebreiro auf 1300 Meter ein Taxi-Service für das Gepäck empfohlen, da es der schwerste und längste Anstieg von 11 km sein soll. Na gut, die Hälfte dürfte ich ja gestern noch hinter mich gebracht haben. Es wird sich schon herausstellen.
Nach wenigen Metern geht es dann doch noch in den Wald hinein und der versprochener steile Aufstieg folgt auch ohne Camino Duro. Na Gott sei Dank, ich dachte schon das wird ein leichter Tag. Der Boden auf dem Weg ist ziemlich lehmig, und jetzt kommt mir doch der Gedanke, dass ein Wanderstab gut wäre. Aber diese Walking Stöcke, mit denen die meisten hier herumlaufen, sehen mir einfach zu lächerlich aus. Da muss ich immer an das Kaffeekränzchen aus dem Nachbardorf denken, das mir mit sechs Frauen in schöner Breite laut quatschend beim Vermessen der Feldwege zwischen LaBrue und Godern schon oft genug den Weg beim Joggen versperrt hat. So als Quatschtante möchte ich einfach nicht über den Camino.
Und als ich gestern am Fuße des Berges doch noch einen Bauern entdeckte, der selbst geschnitzte Stöcke verkaufte, war der mir in der prallen Mittagssonne einfach zu schwer. Also der Stock. Und ich dachte mir, bevor du das Ding herumschleppst und auch noch darüber stolperst, wirst du die letzten sieben Tage auch noch ohne Stock schaffen. Also was soll’s, nun ist der Stock unten und ich klemme schon halb oben am Hang.
Die meisten Pilger, die nicht mit Walking Stäbchen unterwegs sind, aber einem Stock haben, laufen hier mit halben Zaunpfählen herum. Das soll die historische Form sein. Ein dicker Pfahl mit einer Eisenspitze. Der soll vor den wilden Hunden schützen, die es hier in den Bergen geben soll. Ich habe noch keinen wilden Hund gesehen. Eisenspitzenstöcke dafür zuhauf. Na die Pilger werden schon wissen, was sie tun. So ein Walking Stöckchen schluckt jedenfalls so ein wilder Hund in Nullkommanix .
Nichts Denken geht auf dem steilen Waldpfad schon einmal gut. Weil man alle Kraft für das Schnaufen braucht. Es ist doch so steil wie versprochen. Pilger finden sich kaum. Und wenn, dann in meinem Alter. Die Jungpioniere, die gestern Abend unter meinem Fenster noch tüchtig gefeiert haben, liegen noch in den Betten.
Dann ist er da, der Grenzstein zu Galizien. Ich lasse Kastilien hinter mir, und marschiere direkt auf das kleine gallische Dorf O Cebreiro zu. Es hat wirklich etwas gallisches mit seinen kleinen Rundhäusern und Strohdächern – auch wenn das Vorbild von Asterix und Obelix eher keltisch war.
O Cebreiro
Da stehen nur ein paar Häuser. Kein Wunder, dass hier oben keine Herberge mehr zu bekommen war. Der Wind pfeift auf 1300 Metern mächtig um die Ecken, so dass ich mich erst einmal in einen Schrankraum verziehe, um hier zu frühstücken. Heute gibt es mal nicht die übliche Chorizo mit Tapas sondern die Wirtin stellt mir für 5 Euro eine riesige gebratene Brotscheibe hin, etwas Butter, eine große Tasse Kaffee und ein frisch gepressten Orangensaft. Herrlich nach dem Aufstieg.
Am Rand des kleinen Dörfchens befindet sich eine romanische Pilgerkirche. Hier inne zu halten ist für jeden Pilger Pflicht. Auch ich gehe hinein, wo mich Choräle aus nicht sichtbaren Lautsprechern empfangen. Und ein Meer von Kerzenlicht. Ich zünde eine Kerze an – gegen eine kleine Spende, und gedenke denen, an die gedacht sein will. In der Mitte haben Pilger einen riesigen Jakobswegpfeil aus Kerzen aufgestellt. Der Pfeil weißt in Richtung Kreuz. Das Ziel.
Die Kirche beherbergt einen galizischen Nationalschatz, den heiligen Gral und ein Hostientellerchen. Die hatte ich mir aber größer vorgestellt. Nach dem Erzählungen verwandelte sich hier nach einem Weihnachtsgottesdienst im 14. Jahrhundert der Wein im Gral in Blut und die Hostie in Fleisch. Na das kann ja nicht viel gewesen sein, so winzig wie die Dinger sind.
Die meisten Pilger machen sich eilig wieder auf. Ich habe noch etwas Zeit, da ich in Triacastela keine Unterkunft bekommen habe und deshalb nicht die ganze Strecke laufen muss. Aber außer den wunderschönen Häusern aus Feldsteinen, gibt es hier nicht zu sehen. Abgesehen von den Amerikanerinnen am Straßenrand mit ihren riesigen Koffern. Was haben die hier gemacht? Pilgern ganz bestimmt nicht. Aber was macht man dann hier oben auf dem Berg?
Unterwegs schaue ich mir noch ein paar Casas an. Auf dem Friedhof in Linares ist ein beeindruckendes Ensemble zu sehen. Über jeden Familiengrab steht „Casa Família“ und dann der Name. Na, wenn man in so einer Casa unterkommt, muss einem ja nicht Bange sein. Aber es muss ja nicht gleich sein.
Se tiene que viajar para aprender. – Man muss reisen um zu lernen,
„Si estás deprimido, estás viviendo en el pasado. Si estás ansioso, estás viviendo en el futuro. Si estás en paz, estás viviendo en el presente.”
„Es braucht nicht viel, um glücklich zu sein“, sagt Andreas aus Süddeutschland. Er ist seit fünf Wochen auf dem Camino. Gestartet in Roncesvalles in den Pyrenäen. Und er sucht den Sinn des Lebens. Ein Camino-Philosoph.
Eigentlich sucht er sogar ein neues Leben. Aber das weiß er noch nicht. Er habe sich einmal auf den Friedhof gesetzt und einen Grabstein angeschaut, erzählt er mir, während wir schnaufend am Berg klemmen. Auf so einem Grabstein stehen ja immer ein Name und zwei Zahlen. Und dazwischen ein Strich. Das ist das Leben.
Andreas hat Familie, früh geheiratet, früh Kinder bekommen, ein Geschäft aufgebaut, lebte 17 Jahre mit seiner Frau zusammen. Dann kam die Scheidung und Corona. Nun möchte er auf dem Camino erfahren, was das Leben für ihn ausmacht. Wir philosophieren ein bisschen über die Kirche, über die Weltreligionen, über den Streit der Religionen. Er erzählt mir, dass sein Leben schön war. Aber er glaubt, das kann noch nicht alles gewesen sein. Er weiß noch nicht, was nach dem Camino kommt.
Kürzlich hat ihn sein 20-Jähriger Sohn besucht und ist ein paar Tage mitgewandert. Es war schön, sagt Andreas. Aber sein Sohn wollte dann wieder nach Hause. Was hinterlassen wir, fragt Andreas sich. Was macht den Strich aus. Bleibt da nur ein Strich, oder was ist ein erfülltes Leben. Andreas will, dass etwas bleibt. Der Weg soll es ihm sagen.
„Und Du“, fragt er mich. „Was machst Du hier?“ „Think over“, passt ja immer. Ein neues Leben wohl kaum. Abstand vielleicht. Aber wovon? Ach ja, ich will Spanisch lernen. Aber ich weiß schon jetzt, das klappt nicht. Vielleicht solche Gespräche führen. Oder einfach nur erfahren, wie das so ist auf dem Camino. Neugier, die nicht enttäuscht wird.
„Und beruflich“, fragt er. Ich mach mich mal ganz klein, sonst wird man ja oft befragt, beschimpft, bezweifelt. „Zeitung“, sage ich. „So Landespolitik in MeckPomm. Manuela Schwesig und Nord Stream ist ja gerade aktuell.“ „Schwesig?“, sagt er. „Kenne ich nicht.“ Puh, da ist er ja, der Abstand. Wir sollten uns mit so wichtig nehmen.
Villafranca ist ein schönes kleines Städtchen mit einem Pilgerfriedhof. Angeblich beginnt hier die schwierigste Strecke des Camino. Wiedereinmal. Hier sollen Pilger, die geschwächt oder erkrankt sind, die Gnadencampostela erhalten. Acht Tage vor Campostela.
Wer sich noch bei der Ankunft sicher ist, dass er die Gnadencampostela nicht brauche, denkt möglicherweise 24 Stunden später anders. Am Morgen beim Abmarsch teilt sich der Pilgerstrom. Der eine, längere Weg ist der „Campino duro“, der harte, zähe Weg. Der andre führt entlang einer viel befahrenen Straße nach O Cebreiro.
Natürlich nehme ich den harten Weg, der ja auch der schönere ist. Angeregt durch einen kleinen Streit von Andreas und Anja, die mit ihm wandert, über den richtigen Weg. Da wusste ich noch nicht, dass Andreas ihn noch nicht gefunden hat. Und schon klettern wir am Rande von Villafranca steil nach oben. So steil, dass ich ohne Rucksack, der seltsamerweise inzwischen von 8 auf 11 Kilo gewachsen ist, ganz sicher bin, dass ich von der Erde heruntergerutscht wäre. Aber gestriges Tagesmotto: Alleine mag man zwar schneller laufen, aber zu zwei läuft man länger.
War auch gut so, sonst hätte ich auf den 11 Kilometern nur wieder Eselssprüche deklamiert. Aber das Leben in seiner großen Gerechtigkeit führt den anstrengenden Bergweg in Trabadelo, einen Ort mit einer riesigen Tankstelle, zielgerichtete den Pfad wieder an die Nationalstraße. So habe ich nach dem kniebelastenden Bergmarsch nun auch noch 10 Kilometer Straße vor mir.
In beängstigenden Abstand rasen nicht nur Autos vorbei, sondern auch die lustigen Fahrradpilger, die von Bar zu Bar pilgern. Also zumindest die, die inzwischen mit E-Bikes unterwegs sind, und mit 30 Stundenkilometern fröhlich den erheblichen Berg nach O Cebreiro hinauf rasen. Frechheit. Für die würde ich ja als Heiliger Jacobus die Mindeststrecke für Radpilger von 200 Kilometer auf 400 Kilometer verlängern.
Heute geht es nicht ganz bis nach O Cebreiro, sondern nach Las Herrerias. Hier wartet an einem lieblichen Bergbach die Entschädigung in Form der Casa Polin auf mich. Ein winziger spanischer Flecken, der an mexikanische Western erinnert. Einheimische und Besucher sind auf Pferden unterwegs. Ich wasche meine Wäsche (wiedereinmal), hänge sie im Garten der Albergue auf und sehe ihr beim Trocknen zu.
Fazit. Man muss nicht immer den schwersten Weg gehen, um glücklich zu sein.
„Si estás deprimido, estás viviendo en el pasado. Si estás ansioso, estás viviendo en el futuro. Si estás en paz, estás viviendo en el presente.” Falls Du deprimiert bist, lebst Du in der Vergangenheit. Falls Du ungeduldig bist, lebst Du in der Zukunft. Falls Du in Frieden mit Dir selbst bist, lebst Du in der Gegenwart.