„…digan que fueron burlas las Justas de Suero Quiñones del Passo“

Morgens um sieben geht es in León los. Der erste Tag. Jetzt bin ich wirklich auf dem Weg. Aber bevor ich die großen Weg-Fragen beantworten kann – Wer bin ich? Wo komme ich her? Was möchte ich in meinem Leben? (Vielleicht ein bisschen spät) – muss ich erst einmal erkunden: Wo will ich hin?
Die grobe Richtung ist klar: Santiago de Compostela. Aber wie finde ich hier aus dieser Stadt heraus? Leon mit 200 000 Einwohnern ist schon ein bisschen größer als LaBrue oder Schwer In.
Gott sei Dank, oder muss es in diesem Fall besser Jacobus heißen?, fallen mit mir aus meiner kleinen Pension direkt am Mayor León zwei Japaner. Und die scheinen den Weg zu kennen. Zielstrebig stürzen sie voran und schon nach wenigen Minuten schalte ich mein Navi im Handy ab und folge ihnen. Richtig, die tragen auch die Jakobsmuschel am Rucksack, und tatsächlich kennen sie den Weg vorbei an der Basilika Isidoro. Quer durch das mittelalterliche Stadtzentrum begegnen wir immer mehr Pilgern. Tut mir leid, hier fehlt mir die gendergerechte Form. Katholische Kirche halt.

„Bon Camino“, „Bon Camino“, „Bon Camino“ schallt es von allen Seiten. Alleine bin ich hier jedenfalls schon mal nicht. Neben mir geht ein Spanier mit seinem Handy in der Hand und navigiert sich konzentriert durch die Stadt. „Mein Navi“, sagt er entschuldigend, weil er andauernd auf das Handy starrt. Ich antworte ihm fröhlich: „Die Japaner sind mein Navi.“ Grinsend steckt er sein Handy ein.
Dann am Platz „Plaza de San Marcos“ schwenken wir auf den Camino ein und haben die über allen und alles strahlende Morgensonne im Rücken.

Von nun an werde ich jeden Morgen mit der Sonne im Rücken und meinen Schatten vor mir losgehen. Auf meinen Weg nach Osten werde ich Tag für Tag meinen Schatten hinter mir lassen. Jetzt beginnt der Weg, das große Abenteuer. Camino, wohin wirst du mich führen.
In Reiseführern steht oft, dass der Camino ein Weg der Erleuchtung ist. Nachdem ich eine Stunde durch die Vororte von Leon gegangen bin, fürchte ich jedoch, es gibt keine Erleuchtungsgarantie. So wie es im Urlaub keine Erholungsgarantie gibt. Momentan leuchtet hier gar nix. Nur die Sonne beginnt zu brennen. Aber das gibt es ja Zuhause auch.
Apropos Erholung, da laufe ich nun schon zwei Stunden durch die Vororte und an Einfahrtsautobahnen entlang, dass ich schon nicht mehr daran glaube, dass ich meinen Schatten überholen werde, sondern ihm nur hinterherhetze. Da erscheint am Straßenrand zumindest ein einsamer Stand. Ein überaus freundlicher Spanier gibt gegen eine kleine Spende von einen oder zwei Euro Kaffee, Bananen und einen Pilger-Stempel aus. Oder auch einen frischen Orangensaft, oder auch Bier.
„Què le gustaria berber“, fragt er mich strahlend. Was möchten Sie trinken. Und da stehe ich mit meinem Schul-Russisch und bringe nur ein spärliches „Que?“ hervor. So doll ist es mit meinem Spanisch nun doch noch nicht. Aber in der Schule haben wir ja gelernt „Russisch kannst du immer gebrauchen. Russisch spricht die halbe Welt.“ Viele Grüße an meinen Russischlehrer, Herrn… Vergessen. An meine Französisch-Lehrerin erinnere ich mich noch. Aber da habe ich die Sprache vergessen.
Aber da sieht man ja, wie weit wir mit unseren Russisch gekommen sind. Zum Verdursten und Verhungern reichts. Ich bekomme trotzdem meinen Kaffee und eine Banane. Frühstück gabs ja nicht. Für ein Bier ist es definitiv zu früh. Weiter die Straße entlang.

Aber wenigstens von Oben ist alles hell und freundlich. Da hat einer ein Auge auf die Pilger – immer noch keine Genderform. So bewundere ich und beobachte, wie tatsächlich im Laufe des Tages mein Schatten zur Seite wandert und dann aus meinem Blickfeld verschwindet und schließlich nach 34,52 (!) Kilometern in Hospital de Orbigo plötzlich hinter mir liegt.

Ich habe es geschafft. Die erste Etappe liegt hinter mir. Und da ich das Beweisfotos für den Blog machen will, drehe ich mich herum und will nun meinen Schatten hinter mir fotografieren. Als ich dann auf mein Handy schaue, sieht aber gar nicht anders aus als am Morgen. Der Schatten liegt vor mir.
Vielleicht ist es der ewige Kreislauf des Lebens. Der Tag beginnt, der Tag endet, ein neuer Tag beginnt. Man wird geboren, ein anderer stirbt. Man erlebt die Kindheit, die Schule, die Ausbildung, Rente. Jemand Neues wird geboren. Ein neuer Tag beginnt. Ein ewiger Kreislauf. Anfang und Ende.

Am Abend sitze ich auf meiner Terrasse in Hospital de Orbigo und genieße mein Pilgerwasser der Farbe Rot. Mal sehen, was morgen kommt.
„…digan que fueron burlas las Justas de Suero Quiñones del Passo“ – ist irgendwie ein Zitat aus Don Quijote de la Mancha und hat mit einem Kampf auf der genau vor mir liegenden Brücke zu tun. Der leonesische Ritter Suero de Quiñones forderte auf der Brücke von Hospital de Órbigo alle nach Santiago de Compostela pilgernden Ritter heraus. Es heißt, Don Suero habe 300 Lanzen geritten und keinen Zweikampf verloren. Also ich bin so rübergekommen.






