(K)Ein ganz normaler Tag

Jerusalem küsst und beißt einen täglich. (Sprichwort)

Am Mittag, wenn die Schule in Jerusalem aus ist, füllt sich der Ha-Kurba Square an der historischen Hurva Synagoge in der historischen Altdtadt mit Kindern. Den Ranzen geschultert. Junge Mütter schieben Kinderwagen. Geschäftige Väter halten die Sprösslinge an der einen, das Handy in der anderen Hand. Die sonst allgegenwärtigen alten Männer mit den weißen Bärten und den orthodoxen Schläfenlocken sind in dem Gewimmel kaum noch zu erkennen. Höchstens, dass ein paar steife schwarze Hüte gleich schaukelnden Nachen die Oberfläche auf den Wellen eines Meeres der heiteren Geselligkeit durchpflügen.

Vor der ältesten Synagoge Jerusalems – auch Churva Synagoge genannt

Aber das Bild trügt. Und trügt gleichzeitig nicht. Längst prägen die steifen Hüte über das orthodoxe jüdische Stadtviertel Mea Shearim hinaus das Stadtbild Jerusalems. Auch gerade bei jungen Orthodoxen. Die – scherzhaft oder abfällig genannten – Pinguine. Hoher Hut, weiße lange Strümpfe, langer Bart und Korkenzieher-Schläfenlocken, sind sie verstärkt im Stadtbild präsent. Auch wenn so ein Hut schon mal 160 bis 250 Euro kosten kann. Gebetsfäden schwingen lose aus Jacken, Sweatshirts oder Hemd über Hosen, Jeans und Jogginghosen. Sie sind ebenso ein Zeichen. Wir gehören zusammen.

Auf dem Platz herrscht mittags reges Treiben

Doch der Frieden am Kurba Square ist geborgt. Nur wenige Kilometer weiter leiden und sterben Tausende. Um die 800 israelische Soldaten sind inzwischen im Terrorkrieg der Hamas gefallen, der vor fast eineinhalb Jahren mit der Ermordung von 1200 Israelis und der Entführung von 250 Geiseln begann. Noch immer sind um die 100 hostages in den Händen der Terroristen. Erst in dieser Woche wurden erneut zwei tote Geiseln in Gaza gefunden. Täglich gibt es irgendwo im Land Rakentenalarm. Fast täglich hört man von erschossenen Terroristen. Mehr als 41.000 Menschen starben in Gaza, wo sich die Hamas unter Schulen und Krankenhäusern eingegraben hat.

Der Krieg ist täglicher Begleiter des Lebens in Israel. Er wurde zur Normalität wie der Schulschluss am Mittag vor der Hurva Synagoge. An vielen Geschäften sind Leuchtreklamen zu sehen „Thank Israeli Soldiers“. Reisewarnungen in Deutschland und anderen Ländern dienen in dieser Situation dem Schutz von Besuchern. Verständlich. Doch sie schaden zugleich den Menschen in Städten wie Jerusalem und Bethlehem, die von den Fremden leben.

„Erst Corona, jetzt der Krieg, ich weiß nicht, wie es weiter gehen soll“, klagt Harout als ich in seinem kleinen Laden im Armenischen Viertel mit ihm spreche. Der Keramik-Laden des Armeniers liegt fast genau auf der Mitte zwischen dem Jaffa Tor und dem Zions Tor. Als Tourist kommt man auf dem Weg zum Davids-Grab zwangsläufig hier vorbei. Hätte Haroud mit seinem Handwerksgeschäft nicht schon 41 Jahre und einige Kriege überlebt, hätte er wohl längst aufgegeben. Aber diesmal ist es anders. Noch nie, so meint er, dauerte ein Krieg so lange. Noch nie blieben die Kunden so lange aus. Niemand kauft seine Teller und Becher, seine Wand-Deko oder die bunten Vasen. „Beste Ware, die Farben ohne Blei. Man kann von den Tellern bedenkenlos essen“, preist er die Ware an. Aber mehr als sie täglich abzustauben bleibt ihn nicht übrig. Die Hotels stehen ebenso leer. Viele Restaurants auch.

Seit 41 Jahren betreibt Haroud seinen armenischen Keramikladen

„Man merkt fast nichts vom Krieg, wenn man durch die Straßen von Jerusalem läuft“ , berichtet Noah Adrian Walczuch aus Regensburg, der hier als Austauschstudent mit 11 anderen Kommilitonen für ein Jahr Theologie und Archäologie studiert. Das heißt, die Studenten verbrachten zunächst ein Semester auf Anweisung des DAAD, des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, als Stipendiumgeber in Rom. Sie mussten am 1. Oktober Israel verlassen, als alle Raketen-WarnApps klingelten. Die Studenten in der Dormitio Abtei auf dem Zionsberg in der Innenstadt flohen in den Schutzbunker, verbrachten dort zwei Stunden. Dann raus aus dem Land. Vor Weihnachten kamen sie nach Jerusalem zurück. Froh. „Man merkt vom Krieg nur, dass hier so wenige Touristinnen und Touristen sind. Ich bin sehr dankbar für die Erfahrung, vor Ort zu sein, diesen Konflikt eben durch die eigenen Augen betrachten zu können“, sagt Noah. Darüber wird hier noch zu berichten sein.

Und doch ist der Krieg allgegenwärtig in dieser Stadt. Immer montags, Mittwoch und freitags versammeln sich Mütter und andere Demonstranten an markanten Plätzen, an Verkehrsknotenpunkten oder vor der Knesset in Jerusalem, um für die Befreiung der verbliebenen Geiseln zu demonstrieren. „Allgemeiner Aufruf zur Schicht 101: Mütter bringen die Geiseln nach Hause“, heißt es an diesem Freitag, den 10. Januar, mit Bezug auf die noch 101 vermuteten lebenden Geiseln der Hamas. „Mütter und Familienmitglieder rufen im ganzen Land zu Demonstrationen auf“, erklärt mir Tamar.

„Shift 101“ bei der Sitzblockaden am Tzahal Platz vor dem Jaffa Tor

Die junge Frau betont auf meine Frage, dass dies keine Demonstration gegen Benjamin Netanyahu sei. Aber eine Aufforderung, ja Druck auf die Regierung Netanyahu zu einem sofortigen Deal mit der Hamas, die Geiseln freizulassen. Daniel, ein junger Mann an der Seite von Tamar, sagt deutlich: „Unabhängig von möglichen Meinungsunterschieden und unabhängig von Politik wollen wir sichtbar sein, um unsere Familienmitglieder nach Hause zu bringen. Wir haben die Hoffnung nicht aufgegeben. Wir werden weitermachen.“ Daniel trägt eine kleine Nummer per Klebestreifen auf seinem T-Shirt „241“. Als ich ihn frage, was das bedeutet, antwortet er , dies sei zum Gedenken an den 241. toten Soldaten. Er trägt täglich die zweiteilige Erkennungsmarke des Toten 241 an einer Kette um den den Hals. Auf der Metall-Marke ist die Personenkennziffer, das Landeszeichen, Blutgruppe und in Israel die Religion eingestanzt. Der Krieg ist der ständige Begleiter von Tamar und Daniel.

Im großen Kreis vor dem „I love Jerusalem“-Symbol mit Blick auf das Jaffa-Tor zur Altstadt sitzen sie schweigend. Die Frauen, die Weiß tragen. Mit weißen Kopftüchern. Sie blockieren den Platz, von dem aus sonst die Erinnerungsfotos der Jerusalem-Touristen entstehen. Am Rande ältere Frauen, die an einem weißen langen Schals stricken, angeblich seit Kriegsbeginn. „Stricken für den Frieden“. Überall wird in den großen Städten Israels inzwischen gestrickt. Im Café, in der U-Bahn, auch gelegentlich auf dem Platz vor der Hurva Synagoge.

Stricken für den Frieden

Unter „Mishmeret 101“ findet man die Bewegung für die Befreiung der Geiseln in den sozialem Medien. In der Knesset wurden erst kürzlich die Türen vor den Müttern verschlossen. Aber vielleicht helfen ja die regelmäßig ineinandergreifenden Maschen der strickenden Frauen, dass die Politik im In- und Ausland zu einer nachhaltigeren Staatsführung findet. Bei der eine Masche in die andere greift. Bis dahin wird es wohl bei der Ermahnung durch die Sache mit der Masche bleiben.

Diese Plakate findet man überall ins der Stadt (Fotos: Autor)

Eigentlich sollte das ein ganz normaler Text über die Schönheit Jerusalems werden. Den werde ich noch nachreichen, wie viele andere. Doch ein ganz normaler Tag in Jerusalem sieht derzeit eben etwas anders aus.

Falafel am Ha-Kurba Square sollte man sich auf jeden Fall für seinen nächsten Israel-Besuch vormerken. Für 7,50 Euro in Jerusalem sogar noch ein Schnäppchen…

Die Reise nach Jerusalem

„Die Kirche ist nur ein in den Orient versetztes Europa.“ (Gabriele Tergit)

Am Jaffator zur Altstadt

Ich habe es getan. Zugegeben, in den letzten Tagen wuchsen auch bei mir die Zweifel. Nein, ich halte Israel, oder besser gesagt Jerusalem und Tel Aviv, Haifa und Tiberias am See Genezareth nicht für unsicherer oder gefährdeter als vor zwei Jahren als wir das letzte Mal über ein sehr krisenbehaftetes Osterfest in Jerusalem zu Gast sein durften. Auch nicht gefährlicher als Einkaufsstraßen oder Busbahnhöfe in Peru. Aber ja, die fragenden Augen, das Kopfschütteln und diese „Warum machst du das“-Gesichter vieler Freunde haben mich gefordert. Und das hat sicherlich auch meinen Engsten meine Entscheidung noch schwerer gemacht. Fast noch schlimmer dieser „Du schaffst das schon“-Satz. Meist habe ich herumgeblödelt „Ein Mann muss tun, was er sagt.“. Macho-Gehabe.

Bereits im August letzten Jahres sollte es losgehen. Aber damals wurde jeden Tag mit einem Gegenschlag des Irans gerechnet, nach dem israelischen Luftangriff auf das iranische Konsulat in Damaskus im April 2024. Und der erste Jahrestag des 7. Oktobers mit dem Terror der Hamas standen bevor. Also habe ich meine bereits gemietete Wohnung in Tel Aviv gekündigt und die Reise verschoben. In dieser Zeit bot mir der Abt der Dormitio Abtei auf dem Zionsberg in Jerusalem, Nikodemus Schnabel, das Gartenhäuschen des Benediktinerklosters an, um dort einen Unterschlupf für eine Zeit zu finden.

Die Dormitio Abtei von Gegenüber der Altstadt

Eine Zeit, die mir Aufschluss bringen soll, wie es tatsächlich steht mit diesem Israel, das den Krieg in Gaza immer weiter treibt. Diesem Israel, das von seinen Nachbarn immer wieder angegriffen wird und hart zurückschlägt. Diesem Israel, dessen Existenzrecht in Pro-Palästina-Demonstrationen immer wieder mit der militant-islamistischen. Hamas-Losung „From the river to the sea“ bedroht wird. Inzwischen in Deutschland verboten, weil für die einen klar antisemitisch für die Vertreibung der Juden zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer. Für die anderen ein Aufruf für gleiche Rechte von Israelis und Palästinensern.

Ich fürchte nach allem, was ich in den letzten Monaten gelesen, gehört und beobachtet habe, wird auch dieser Blog keinen Aufschluss geben, „wie die Menschen in Israel ticken“. Aber vielleicht gelingt es, einen Eindruck von Menschen in einem Land zu gewinnen, deren Staatsgründer von David Ben-Gurion bis zum heutigen Ministerpräsidenten Benjamin Nethanyahu von der historischen Ur-Angst getrieben wurden und werden, dass das jüdische Volk vernichtet werden könnte. Verstärkt durch die Schoa, den Holocaust, den nationalsozialistischen Völkermord. Deshalb sind viele Deutsche oft zu einer differenzierten Betrachtung des Krieges im Nahen Osten nicht fähig. Ich bin überzeugt, wenn man sich auf eine Seite schlägt, hat man bereits verloren.

Die israelische historische Sicht besagt jedenfalls ganz offenbar, dass Israel so stark sein muss, dass die arabischen Nachbarn es nicht vernichten können. Dafür nehmen viele Staatsbürger auch die Gefährdung der Demokratie durch die Regierung Netanyahu hin. Israel ist in sich zerrissen.

Ankunft am Sonntagabend am Jaffa-Tor

Also ich am Sonntagmorgen in Berlin in den Flieger nach Tel Aviv steige, sitzt die Angst vor dem Terror bereits in der Boing 737. Auf dem Flughafen in Schönefeld fährt nach der Landung des Flugzeuges, das um 9 Uhr vom Ben-Gurion-Airport eintrifft, ein Panzerfahrzeug auf, Polizisten sperren den Platz um das Flugzeug weiträumig ab. Alle Sicherheitskontrollen sind verdoppelt und verdreifacht. Beim Einchecken am Terminal 1 finden Befragungen der Fluggäste durch den israelischen Sicherheitsdienst statt. Kofferkontrolle, normale Sicherheitsschleuse für alle Reisenden – und noch einmal dieselbe Prozedur am Gate. Selbst das kleinste Spray für das Handy-Display, das nicht einmal im Gedächtnis des Besitzers mehr vorkommt, wird entdeckt.

Und doch ist die Maschine bis zum letzten Platz besetzt. Man hört Hebräisch, man hört Russisch, man hört Französisch und ein klein wenig Deutsch. Als kleine Entschädigung hält der Küstenstreifen am Mittelmeer den imposanten Anblick der 4,4-Millionen-Metropole Tel Aviv mit ihren vielen Hochhausvierteln parat – fast die Hälfte der Einwohner des gesamten Landes. Israel prosperierte in den letzten 60 Jahren wie wohl kaum ein anderes Land. Und noch angenehmer sind die 15 Grad Celsius, nach den Glättewarnungen in der deutschen Heimat.

Dann Jerusalem. Die Altstadt ist rings von hohen Mauern umgeben. Mit der Tram von der Central Station der hochmodernen Bahnlinie von Rakkevet Israel – 30 Minuten vom Airport – zum Jaffa-Tor. Niemand kennt hier im alten Zentrum der Welt das Alter seiner Wohnung. Vielleicht ist sie 2000 Jahre alt, vielleicht 400, schreibt Gabriele Tergit in ihrem Buch „Im Schnellzug nach Haifa“, herausgegeben erst im letzten Jahr von Nicole Henneberg. Und so begegnet die Stadt auch dem Fremden. Nur schmale Gassen, kaum Straßen für Autos, zwischen den Häusern Treppen, Schicht auf Schicht Gestein und Gemäuer. Aber leer zu diesen Kriegszeiten der Reisewarnungen. Es herrschen die Schläfenlocken.

In der Innenstadt am Davids Grab

Im Häusergewirr, nur 15 Minuten vom Jaffa-Tor entfernt, ist auch die Dormitio Abtei zu finden. Das heißt, zu finden ist sie eben nicht. Am Ziel der schlängelnden Gassen das Davids-Grab auf dem Berg Zion, die angebliche Grabstätte des biblischen Königs, der vor etwa 3000 Jahren über das von ihm errichtete Großreich herrschte – eine wichtige Heilige Stätte des Judentums sowie des Islams. Als der Schreiber dieser Zeilen dort jedoch nach dem Eingang des katholischen Benediktinerklosters fragt, gibt man vor, keine Dormitio Abtei zu kennen. Deren meterhohe Mauern sind jedoch von den Mauern des Tomb of King David nur drei Meter über die Gasse entfernt. Auf der anderen Straßenseite. Willkommen in Jerusalem. In der Stadt des Judentums und des Islams, in der die Christen höchstens zwei Prozent ausmachen. „Die Kirche ist nur ein in den Orient versetztes Europa“, schreibt Tergit in den 1930er Jahren.

Die Kirche in der Dormitio Abtei

In der Bastei bereiten sich die Mönche – 10 Stück an der Zahl – auf das zweite, Weihnachtsfest der westeuropäischen Christen am 6. Januar vor, die „Erscheinung des Herrn“, besser bekannt unter „Heilige drei Könige“, als die drei Könige Caspar, Melchior und Balthasar über Jerusalem nach Bethlehem kamen, um den neugeborenen König Jesus zu suchen. Und in die Vorbereitung dieses Festes platzt der heidnische Autor in ein katholisches Kloster, um dort zwar nicht zu erscheinen, aber ein Gartenhaus zu beziehen. Eingeladen mitzufeiern und die Abendmesse mit zu begehen, wird ein kleiner Schritt in die alte Welt zu einem großen Ereignis.

Das Gartenhaus

12 Studenten aus Deutschland, den USA und der Ukraine sind für ein Jahr in der Dormitio zu Gast, um ein Auslandsjahr in der Heiligen Stadt zu verbringen. Nach dem Abendmahl mit den Mönchen ganz im Schweigen folgt eine emotionale Debatte im winzigen Studentenclub im Studienhaus, wo ich mich kurz sehen lasse und vorstelle. Natürlich geht es um die Situation in Israel, historische Vergleiche und die Westbank hinter hohen Zäunen. Als ich nach meinem Alter gefragt werde, kann ich nicht schummeln. Mit meinem Geburtsjahr zumindest das Rechentalent der jungen Studenten etwas herauszufordern, reagiert Lucas aus Tübingen wie aus der Pistole geschossen: „Dann hast du ja noch den Mauerfall miterlebt.“ Ja, sogar den Mauerbau. Man höre und staune. Dieser wird von den jungen Leuten auf „irgendwann 1964“ geschätzt…

Vielleicht ist in der Dormitio Abtei in Jerusalem an dem Abend ja doch jemand von biblischen Alter erschienen.

Fotos: Autor

Schnappschüsse mit feinem Pinsel

„Die Kunst steckt in der Natur. Wer sie herausreißen kann, der hat sie.“ (Albrecht Dürer, Proportionslehre III)

Saintes-Maries-de-la-Mer I von Franz Gertsch in den Deichtorhallen Hamburg

Seine Bilder sind vor allem eines, groß. Schnappschüsse, unaufgeregt. Fotos, in einem monatelangem Prozess mit feinen Pinselstrichen nachgemalt. Der Natur entrissen. Als Fotos wären sie Zeugnis eines gewesenen Augenblicks. Vergangenheit. Als Gemälde sind sie für die Ewigkeit. Nun gut, dazu muss man sie gesehen haben. Und nicht jeder würde wahrscheinlich in die Hamburger Deichtorhallen kommen, wenn er den puren Namen des Schweizer Fotorealisten liest. Aber, wer die Franz-Gertsch-Schau gesehen hat, ist beeindruckt. So viel sei vorweg versprochen.

„Franz Gertsch sagt selbst, er sei 20 Jahre auf der Suche gewesen. Von der Suche ist sein Schaffen geprägt“, interpretiert der Intendant der Deichtorhallen für Internationale Kunst und Fotografie, Dirk Luckow, die am Donnerstagabend (12. Dezember) eröffnete Retrospektive des Schaffens von Franz Gertsch, die gemeinsam mit der Ausstellung „High Noon“ mit Nan Goldin, David Armstrong, Mark Morrisroe und Philip-Lorca DiCorcia daherkommt.

Während der Pressekonferenz zur Eröffnung von „High noon“ und „Blow-up“ mit Deichtorhallen-Intendant Dirk Luckow und Kuratorin Sabine Schnakenberg

Deren fotografische Erkundung der subkulturellen Bohème in Boston und New York gemeinsam präsentiert mit dem Lebenswerk von Franz Gertsch kommt eigentlich einer Überforderung des Besuchers nahe. Aber eigentlich ist ja ein Wort der Negation. Und die soll hier nicht in den Fokus rücken. Man muss sich eben Zeit nehmen, wenn man die ab heute (13. Dezember) geöffnete Ausstellung besucht. Der Besucher hat ja schließlich bis zum 4. Mai Zeit.

Zeit sollte man sich schon alleine für Franz Gertsch nehmen. Denn dessen Fotorealismus erzählt Bild für Bild Geschichten. Das Aufmachungsfoto dieses Blog-Beitrags, das drei Besucherinnen vor dem 260 x 370 Zentimeter großem Bild „Saintes-Maries-de-la-Mer“ zeigt, hat so eine Geschichte. Als Franz und Maria Gertsch 1971 mit dem Auto durch Südfrankreich fahren, war Saintes-Maries-de-la-Mer ihr Ziel. Zu diesem Wallfahrtsort pilgern jedes Jahr Ende Mai zahlreiche Roma zu einer Zeremonie. Gertsch macht eine Reihe von Schnappschüssen von Mädchen, die in Festkleidung am Ufer spielen, und verwendete diese Vorlagen für eine Reihe von Bildern.

Gruppenporträt „Medici“, 1972, 4 x 6 Meter

Diese Gemälde sind charakteristisch für Gertschs Fotorealismus, der auf ungestellten Schnappschüssen basiert. Die Motive sind nicht konstruiert, sondern zeigen das Leben, wie es gelebt wird. Der internationale Durchbruch gelang Gertsch nach vielen mühsamen Anfangsjahren 1972 auf der documenta 5 in Kassel mit dem Gruppenporträt „Medici“. Wer dabei an die Renaissance und die Florentiner Dynastie der Medici denkt, sieht sich getäuscht.

Medici lautet der Name einer Baufirma, der auf der Absperrung auf den Kopf gedreht zu lesen ist. Gertsch fängt mit dem Schnappschuss der fünf langhaarigen jungen Männer und in einem langsamen, akribischen Malprozess den Zeitgeist der 70er Jahre und die Gegenkultur der Jugend ein. Cool, Sonnenbrillen, Schlaghosen. „Man wollte unbedingt zurück zur Realität“, erläutert Dirk Luckow. „Das war die Zeit nach der 68er Generation. Die jungen Leute haben die Welt anders gesehen und wahrgenommen und sich entsprechend ausgelebt.“

Schon allein wegen seiner monumentalen Größe von 4 x 6 Metern sorgte das mit malerischer Leuchtkraft versehene Bild für Aufsehen auf der documenta 5 . Eine Person auf dem Bild, der Künstler Luciano Castelli (2.v.l.), stand später im Mittelpunkt einer Reihe von Gemälden Gertschs. Während seines gesamten Schaffens stand Franz Gertsch (1930 – 2022) zwischen zwei Polen, die für ihn zwei Zitate großer Künstler markieren: „Wahrhafftig steckt die Kunst inn der natur, wer sie heraus kann reyssen, der hat sie“ (Albrecht Dürer) und „Die Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern sie macht sichtbar“ (Paul Klee).

„Huaa…!, 1969, 107 x 261 Zentimeter – nachdem Franz Gertsch den Filmklassiker Blow-up gesehen hatte, fand er eine Abbildung in einem Musikmagazin, die ihn faszinierte. Eine Aufnahme aus „Der Angriff der leichten Brigaden“. Ein Hauptmann reitet in den Tod, verschuldet durch die Unfähigkeit seines Befehlshabers. Ein kritischer Kommentar zu US-Politik des Vietnamkrieges. Gertsch fotografierte das Bild ab, projizierte es als Dia auf ein großes Leinentuch, so entstand das Schlüsselbild für seine berühmte Blow-up-Technik

Nach romantischen malerischen Anfängen kam Franz Gertsch ab 1965 über Collagen im Stil der Pop Art zu seinen großen, fotorealistischen Gemälden und Holzschnitten, in denen neben nahestehenden Familienmitgliedern und Freunden auch Protagonisten aus der Kunst- und Musikszene wie Patti Smith und die Rolling Stones zu sehen sind. Bis zu seinem Durchbruch auf der documenta in Kassel lebte er quasi allein von der Unterstützung eines vermögenden Mäzens, der letztlich auch das Museum Franz Gertsch in Burgdorf in der Schweiz finanzierte. Das Durchbruchswerk „Medici“ brachte beim Ankauf durch das Kunstmuseum Bern 36.000 D-Mark. Für Gertsch, der auch schonmal eineinhalb Jahre an einem Bild malte, die finanzielle Rettung.

Ab 1985 wandte sich Gertsch dann in seinem Atelier in Rüschegg in der Schweiz einer eigenen Technik des Holzschnitts zu. In mühevoller, arbeitsintensiver Handarbeit werden dabei die Motive meist in Lindenholz geschnitten und anschließend mit hochwertigen Pigmenten auf handgeschöpftes Japanpapier gedruckt. Gertsch erfindet seinen malerischen Kosmos neu und wendet sich vom Fotorealismus ab. Landschaft und Natur stehen nun im Mittelpunkt. Was bleibt ist die monumentale Größe seiner Werke.

Maria Gertsch dokumentierte den Arbeitsprozess von Franz Gertsch in verschiedenen Werkstattfilmen, hier 2019 bei einem seiner Holzschnitt-Drucke

Die retrospektive Ausstellung in Hamburg wurde vom Luisiana Museum of Modern Art in Humlebaek nördlich von Kopenhagen in enger Zusammenarbeit mit dem im Dezember 2022 verstorbenen Künstler und seiner Familie sowie mit Unterstützung des Museums Franz Gertsch in Burgdorf realisiert und in Hamburg durch 20 andere Werke erweitert.

Parallel ist wie bereits beschrieben die Ausstellung „High noon“ mit 150 Werken aus der Sammlung F.C. Gundlach zu sehen. Im Unterschied zur jüngst unter spektakulären politischen Umständen eröffneten Schau der Aktivistin Nan Goldin in Berlin (in diesem Blog nachlesbar) mit Slide Shows sind in Hamburg durchweg einzelne Fotos der vier Künstler zu sehen. Kuratorin Sabine Schnakenberg spricht von einem aktuellen Bezug u.a der Sichtbarmachung der queeren Community.

„High noon“ – Parallelausstellung. Zentral: Nan Goldin, „Jimmy Poulette and Tabboo! in the Bathroom“ 1991

„High noon“ ist ebenso wie „Blow up“ eine Anspielung auf die gleichnamigen Thriller aus dem Jahren 1952 bzw. 1966. Wie deren Inhalte mit dem künstlerischen Schaffen der Protagonisten der Hamburger Ausstellung korrespondieren, lässt sich bei einem Besuch nonchalant feststellen.

Blick in die Ausstellung (Fotos: Autor)