Maximum Stephanum, hi, hi

„La belleza de una persona se mira con los ojos del alma.”

Campostela

Es ist noch dunkel, als ich aufbreche. Nein, ich habe nicht auf den letzten Metern die Konfession gewechselt, und bin zum Nachtpilger geworden. Die Bürokratie will es. Die Jakobsweg-Bürokratie. Ist das nicht das schönste Zeichen, dass den Pilger das irdische Leben wieder erreicht? Das Pilgerbüro, in der Rúa das Carretas in Santiago die Compostela öffnet um 10 Uhr. Und da es inzwischen so ist, dass man dort eine Wartemarke ziehen muss, um an die Reihe zu kommen, entschließe ich mich morgens um 6:30 Uhr loszulaufen.

Mit Hund geht offenbar auch

Gestern bin ich extra in Armenal, 15 Kilometer vor Santiago de Compostela, abgestiegen, um den Weg flugs zu bewältigen. Ich bin ja schließlich nicht Hape Kerkeling, der in seinem berühmten Buch beschreibt, wie er allmorgendlich 100 Tassen Milchkaffee trinkt, gegen Mittag endlich loskommt – und schon zwei Seiten später am Ziel ist. Der schreibt übrigens auch, dass Santiago die Compostela jeden Pilger anders empfängt. „Santiago bereitet einem immer den Empfang, der einem zusteht.“ Ihn empfing die Stadt natürlich wie einen König. Und mich?

Die letzten drei Stunden auf meinem zweiwöchigen Pilgerpfad vergehen wie im Flug. 315 Kilometer und zwölf Tage lang hat der heilige Jakobus meine Wege gelenkt. Jeden Morgen hat er darauf geachtet, dass ich meine Strümpfe nicht verkehrt herum anziehe, indem er mir auf den rechten ein R, und auf den linken ein L sticken lassen hat. An jeder Weggabelung ließ er einen Muschel-Stein aufstellen, damit L & R nicht links und rechts verwechseln und vom Wege abkommen. Auf dem letzten Wegstein lasse ich denn auch meinen mitgebrachten Sorgen-Stein liegen.

Am Stadtrand von Santiago geht es noch einmal richtig bergauf und bergab. „Santiago muss man sich verdienen“, sagt mir eine Schweizerin, die hier seit dem 3. Mai mit ihrem Vater pilgert. „Poppi“, signalisiert sie liebevoll ihrem Vater, wenn er die gelben Pfeile nicht gleich sieht. Ein Brasilianer gesellt sich zu unserer bergsteigenden Plauderrunde.

Und dann ist sie da die Kathedrale von Santiago die Compostela. Ein riesiger Bau aus dem 11. Jahrhundert, der seitdem größer und größer wurde. Sitz eines Erzbischofs. Durchschreitet man den Pórtico, fällt der Blick durch das 100 Meter lange und fast 20 m hohe Mittelschiff auf den prächtigen Hauptaltar, der über dem Grab des Apostels errichtet wurde. Das Bild der Kathedrale schmückt die kleinen Euro-Cent-Münzen aus Spanien. Die Grabeskirche des Apostels Jakobus. Die Jakobuskathedrale der Armenischen Christen in Jerusalem beansprucht jedoch ebenfalls, im Besitz des Schädels des Apostels zu sein.

Kopf oder Münze, davor auf der Plaza fallen sich Pilger in die Arme und beglückwünschen sich. Menschen jubeln, riesige Freude überall. Die einen oder anderen treffen sich vom Weg wieder. Auch ich sehe den Brasilianer, der kurz vor dem Stadtrand mit mir nach dem Weg suchte. Wir beglückwünschen uns. Ein Jahrmarkt der Freude. Aber mit dem Betreten der Plaza sind alle keine Pilger mehr. Es beginnt was Neues.

Und natürlich gehört nach einem solchen Weg auch die Pilgermesse in der Kathedrale dazu, die am Mittag stattfindet. Der Bischof von Campostela spricht. Ohrgewaltige Orgelmusik. Ein riesiger Weihrauchkessel schwenkt über den Kirchgängern. Durch die Halle schallt: „Damos la bienvenida a los peregrinos de España, damos la bienvenida a los peregrinos de las Américas, damos la bienvenida a los peregrinos de alemania….“ Weiter, weiter, wir begrüßen Pilger aus Brasilien, wir begrüßen Pilger aus England…

Die Kirche ist voller Pilger, und der Bischof verspricht denjenigen, die zum Grab des Heiligen Jakobus gewallfahrt sind, auch weiter den Schutz des Herren. Der Abschluss eines Weges. Und der Beginn eines anderen Weges. Zum Ende der Predigt fassen sich die Pilger an die Hand und wünschen sich weiter einen guten und behüteten Weg.

Dazu schlagen die mächtigen Glocken der Kathedrale. Ein Blick noch auf den heiligen Jakobus, hier, in der Gruft unter dem Altar. Nun hat dieser Weg endgültig sein Ziel erreicht.

Da ich schon sehr früh angekommen war, hatte ich auch schon Zeit für die Bürokratie. In der Kirche trage ich meine „Compostela“ in meinem kleinen Rucksack bereits mit mir. Große Rucksäcke sind hier nicht erlaubt.

Die Urkunde erhält man nur, wenn man zum Pilgerbüro in der Rúa Carretas geht. Dort wartet dann der hohe Secretarius des Camimo. An der Front des Gebäudes sind QR-Codes angebracht. Mit dem ersten davon erhält man auf seinem Handy ein Internetformular, in das man seine Wander-Daten angibt. Mit den ausgefüllten Datensatz muss man dann im Büro vorstellig werden und wird zu einer weiteren Maschine geschickt, an der man einen QR-Code für eine Wartenummer erhält. Das deutsche Arbeitsamt wäre stolz.

Im Pilgerbüro

Ich habe die Nummer 207, die Nummer 67 ist bereits an der Reihe. 25 Nummern bevor ich dran bin, soll ich mich hier erneut einfinden, schärft mir die Wache des Pilgerbüro ein. Zeit, schnell noch zum Hotel zu gehen und den Rucksack abzustellen. Denn mit dem kommt man wiederum nicht in die Kathedrale.

Im Hotel muss ich mich aber beeilen, wieder zurück zum Pilgerbüro zu kommen. Dort wurde bereits die Nummer 190 aufgerufen. Nach Vorzeigen aller meiner Online-, Papier- und Passformulare darf ich mich in eine Schlange einreihen, um nach schönsten Amtssystem Nummer für Nummer vorzurücken

Am Schalter 14 sitzt meine hohe Kommissarin und will wissen, ob ich die ganze Strecke gegangen bin. Noch ein letztes Mal hole ich den Credencial del Peregrino heraus. Sie füllt die Urkunde aus. Und ich bin ein Jakobiner! Und schon nach diesem kleinen Procedere mit ein wenig Warten hält man die „Campostela“ stolz in der Hand.

„Apitulum hulius Almae Apostolicae et Metropolitanae Ecclesiae Campostellannae sigilli Altaris Beati Jacobi Apostoli Customer ut omnibus Fidelibus et Peregrinis et toto terrarum Orbe devotionis affectu viel voti causa ad limina SANCTI JACOBI, Apostoli Nostri. Nispanarium Patroni et Tutelaris convenientibus authenticas visitationis literras expediat omnibus sinqulis praesentes inspecturis notum facit Dnum

Maximum Stephanum Koslik

hoc sacratissimum templum perfecto Itinere sive pedibus sive equitando post postrema centum milia metrorum birota verro post ducenta pietatas causa, devote visitasse. In quorum fidem praesentes litteras sigillo eiusdem Sanctae Ecclesiae munitas ei confert.

Campostella, die 3 Mensas iunii Anna Sancto Oni 2022“

Maximum Stephanum, hi, hi. Das möchte ich jetzt in der Redaktion aber auch hören. Am Nachmittag wird nur noch gefeiert. Übrigens, am Wochenende sollen 4000 Pilger ankommen.

„Santiago bereitet einem immer den Empfang, der einem zusteht.“

„La belleza de una persona se mira con los ojos del alma.” – Die Schönheit eines Menschen sieht man mit den Augen der Seele.

Eine Reise der Seele

„The Camino de Santiago is a journey of the soul“ – Shirley MacLaine

Triacastela
Ligonde (Ich bin der Weg, die Wahrheit, und das Leben“ Johannes 14,6)
Samos
O Pino
O Castro
Fontarcuda
Palas de Rei
Vilachá ( Nelson Mandela: Frei zu sein bedeutet, deine Ketten zu sprengen, aber die Freiheit anderer zu respektieren und zu verbessern. (?))
Überall

„The Camino de Santiago is a journey of the soul“ – „Der Jakobsweg ist eine Reise der Seele.“

Kein verlorener Tag, nur ein anderer…

„Ni siquiera sabía que se suponía que debía estar buscando a Jesús, señor“

Heute Morgen bedarf es einer kleinen Aufmunterung. Zumal das Wetter immer noch nach Regen aussieht. Ich packe schon mal das Cape oben auf den Rucksack. Die Wirtin hat sich entschlossen, den Pilgern in ihrer Herberge Los dos Alemanes kein Frühstück zu servieren – nicht mal eine Tasse Kaffee. Die Wirtsstube ist noch verriegelt.

Wahrscheinlich hat sie sich gestern bei dem schlechtesten Pilgermenu auf dem ganzen bisherigen Weg zu sehr verausgabt. Die Fritten waren labrig, der Fisch TK. Sie ahnte wohl, dass es um ihre Kochkünste nicht zum Besten steht, und gab eine Flasche Wein obendrauf. Mit einer ledrigen Tortilla vorweg und einem Eis hinterher – alles für zwölf Euro… Das war’s dann aber auch.

Also verlasse ich die Albergue ohne Kaffee und beschließe ein paar Camino-Regeln vor mich hin zu deklamieren, damit sich die Stimmung zu Beginn der letzten drei Tage wieder hebt. Es ist halt am Camino wie im richtigen Leben, mal hat man Pech, mal kein Glück. Aber es ist ja der erste miese Start.

Im Hotel stehen auf dem Flur schon die drei Backpacks der Pilger aus New San Francisco, wie sie mir am Vorabend erklärt haben, Tochter, Mutter und Bruder, und warten auf den Taxi-Service. Na, dann werfe ich mir mal mein Schneckenhaus über und deklamiere…

„Dein Weg endet nie, denn der Jakobsweg wird dich zwar bis nach Santiago tragen, doch da ist der Weg noch nicht zu Ende. Viele Pilger sagen, erst dort beginne der eigentliche Weg. Nämlich der Weg, den du fortan in dir tragen wirst. Denn der Jakobsweg wird dich verändern.“

Immer häufiger begegne ich inzwischen Pilgern, nicht nur wegen des Volkswandertages, sondern weil hier verschiedene Pilgerwege in den Camino Francés einbiegen, so unter anderem in Arzúa der Camino del Norte. Alles strebt Santiago de Campostela entgegen, wie bei Goethes Osterspaziergang das Stadtvolk dem Frühling. Die Wege werden immer einfacher.

Wie ganz von selbst scheint man auf dem Weg wieder in die Zivilisation einzutauchen. Der Alltag kommt Schritt für Schritt zurück. Aber soweit bin ich noch nicht ganz.

In dem Moment rettet mich Dana aus Texas vor einem Radpilger, der hinter mir den steilen Abstieg heruntergeschossen kommt. Verrückt, erst in Foncebadón sei vor ein paar Tagen ein deutscher Radpilger schwer gestürzt, wird hier erzählt. (Ich habe keinen Beweis in den Nachrichten gefunden.)

Im Gegenzug zur Bergrettung erzählt mir Dana ihr halbes Leben in Texas. Auch verrückt. Und da es inzwischen aus allen Schleusen schüttet, habe ich auch gerade nichts Besseres zu tun. So erfahre ich, dass ihre Tochter eine Frau geheiratet hat. Die andere Tochter hat an ihrer Schule nahe Dalles nach dem jüngsten Amoklauf eines 18-Jährigen als Lehrerin gerade Waffentraining. Und weil sie gerade dabei ist, erzählt Dana auch gleich, warum sie unterwegs ist – und was man sonst noch in drei Stunden erzählen kann, wenn der Himmel weint und man 60 geworden ist. Ich habe ehrlich gesagt nicht alles verstanden, und doch alles verstanden.

Seltsam, was wir von uns preiszugeben bereit sind, wenn wir wissen, den Menschen nie wieder zu sehen. Wem das Herz voll ist… Bei ein paar Tassen Kaffee sehen wir uns Familienfotos an und wünschen uns anschließend ein gutes Leben. Der Leben ist eine Pralinenschachtel, wusste schon Forrest Gump. Die Texanerin biegt irgendwo vor Arzúa in ihre Albergue ab.

Der Regen ist inzwischen wie weggeblasen. Ich muss noch ein Stück weiter hinter Arzúa, Für Fotos war heute nicht das Wetter. Aber ein Regentag ist kein verlorener Tag, nur ein anderer…

Lieutenant Dan Taylor fragte Forrest: „Sag mal, hast du Jesus gefunden, Gump?“ Und Tom Hanks antwortete: „Ich habe gar nicht gewusst, dass ich ihn suchen soll, Sir.“ („Ni siquiera sabía que se suponía que debía estar buscando a Jesús, señor.“)