Caminhe com o seu, coração e abrace o seu Caminho.
(Gehe mit deinem Herzen und nimm deinen Weg an. Spruch am Wegrand)

Also, wer den Caminho de la Costa wandert, befindet sich sozusagen mal so richtig auf dem Holzweg. Und zwar die meiste Zeit. Zumindest auf den ersten Etappen. Und das liegt nicht daran, dass es mir auf den ersten vier Etappen kaum gelungen ist, in irgendeine Kirche hinein zu schauen. Nicht, dass ich ohne Kirche nicht kann. Das würde mir ohnehin keiner abnehmen. Aber irgendwie gehört das doch zur Pilgerei dazu, oder zur Pilgereise. Aber an meinem Weg stehen einfach keine Kirchen. Es hängen auch keine Heiligen herum, wie letztes Jahr am Camino Francés. Also keine Bilder von Heiligen. Obwohl „Sao José“, an jedem Tante-Emma-Laden zu lesen ist, Heiliger Josef.
Und da sind auch keinerlei Leidenssprüche zu lesen, wie auf dem langen Camino. So wie: „Omina mea mecum porto.“ – „Alles, was mein ist, trage ich bei mir.“ Das angeblich oft von Pilgern verwendet wird. In der Hinsicht ist beim Caminho Portugués de la Costa völlig Fehlanzeige. Woran mag das wohl liegen? Vielleicht ist das ja hier gar kein wirklicher Pilgerweg. Sehr wahrscheinlich, denn soweit das Auge blickt, sind keine Pilger zu sehen. Mitunter stundenlang. Da frage ich mich allerdings, woher die Camino Doktoren (Camino spanisch – Caminho portugiesisch) im Pilgerbüro in Santiago de Compostela die Behauptung nehmen, dass der portugiesische Küstenweg der zweit meist bewanderte Jakobsweg sei.
Aber es wird schon irgendwo so ein Pilgerprofessor stehen, und die Wanderer mit so einem kleinen mechanischen Handklicker aus dem letzten Jahrhundert herunter zählen. Von wegen Klicks zählen erst seit dem Internet. Ach ja, Holzweg. Das mit dem Holzweg ist wortwörtlich gemeint. Wer wirklich an der Küste entlang geht, es gibt ja auch den zentralen Portugués und diverse Varianten zwischen beiden Wegen, wer also den Küstenweg entlang geht, der marschiert die meiste Zeit auf einem extra beplanktem Holzweg.

Nun könnte man meinen, guck an, da haben sich die Portugiesen aber was Feines für die Pilger ausgedacht. So ähnlich wie bei Heinrich Heines Harzreise, als ein Stadt-Grüner – ja, die gab es damals schon – vor dem Dichter-Fürsten dozierte, dass der Wald so grün sei, weil die Natur es gut für die Augen eingerichtet habe.
Der Göttinger Student Heine berichtet 1824 nach seiner ersten Harzreise von seiner Reisebekanntschaft: „Die Bäume sind grün, weil Grün gut für die Augen ist. Ich gab ihm recht und fügte hinzu, daß Gott das Rindvieh erschaffen, weil Fleischsuppen den Menschen stärken, daß er die Esel erschaffen, damit sie den Menschen zu Vergleichungen dienen können, und daß er den Menschen selbst erschaffen, damit er Fleischsuppen essen und kein Esel sein soll. Mein Begleiter war entzückt, einen Gleichgestimmten gefunden zu haben, sein Antlitz erglänzte noch freudiger, und bei dem Abschiede war er gerührt.“ Ach der alte Heine. Was einem bei so einem Wanderung so alles einfallen kann – einzufallen droht.
Also haben es die Portugiesen gut mit den Peregrinos gemeint? Ich glaube, es steckt mehr hinter diesen ganzen Steigen, die da kreuz und quer und eben den langen Weg entlang der Küste gebastelt wurden. Hier geht es wohl eher um den Schutz der Dünenlandschaft. Denn sonst würde wohl möglicherweise mancher stolzer portugiesischer Pirat laissez-faire die gesamte Dünen-Küste zerlatschen. Von wegen Grün ist gut für die Augen, wie der Holzweg für den Pilger.

Aber mit den Kirchen ist es mal rar. Und auch von den Geschichten von Päpsten und Königen, die den Camino Francés bepilgerten, ist hier nix zu hören. Und dennoch sei historisch belegt, dass der Portugués de la Costa schon früher ein bedeutender Pilgerweg war… Wahrscheinlich wegen der Badenixen, oder weiterer Möglichkeiten.
„Es gibt Leute, die ohne jegliche Kenntnis der Fakten glauben, dass dieser portugiesische Küstenweg lediglich eine Touristenattraktion ohne jegliche Geschichte oder jakobinische Tradition ist“, scheißt mich mein Camino-Reiseführer, der berühmte Gronze, umgehend zusammen. Aber waren die Menschen im 16. Jahrhundert nicht eher daran interessiert, ihre Kindheit zu überleben und ihre Läuse loszuwerden? Dafür wäre so eine Pilgerreise nicht die beste Idee gewesen.
„Nichts könnte ferner von der Wahrheit sein, denn wir erfahren schnell, dass diese Route bereits ab dem 12. Jahrhundert von einheimischen Pilgern genutzt wurde. Beweise dafür finden sich in Städten wie Vila do Conde und Viana do Castelo (war ich heute – d. ignorante Autor) sowie in den vielen Kirchen, die im Mittelalter im Norden Portugals dem Apostel geweiht waren (tatsächlich war der Heilige Jakobus jahrhundertelang der portugiesische Nationalpatron, bevor er nach Streitigkeiten mit Spanien – bis dahin standen beide Königreiche unter demselben Schutzpatron – in Sankt Georg umbenannt wurde).“ Was die haben den Jakobus umbenannt? Na, kein Wunder, dass ich hier niemanden treffe. Diese ungläubigen Katholiken.
Und dann sprengte ich auch noch fast die einzige Kirche am Wegesrand. Am Sonnabendmorgen traf ich tatsächlich auf dem Weg nach Viana do Castelo auf jede Menge Pilger. Polnische Pilger. 58 polnische Pilger! Mit zwei Nonnen kam ich ins Gespräch. Sie berichteten mir, dass sie in Zelten schlafen und Begleitfahrzeuge dabei hätten. In der Kirche São Miguel, des Heiligen Mathias, am Rande von Eposende nahmen wir eine kurze Auszeit. Die Schwestern beteten, ich spendete. Kommt ja irgendwie auf das Gleiche raus. Sie baten. Ich gab. Ich wollte dabei schon ein bisschen großzügiger sein, und mich nicht lumpen lassen. Das macht ja auch keinen guten Eindruck. Also steckte ich vier Euro in den Kasten mit den elektrischen Kerzen für das Gedenken an die Toten. Die Polen sollten jetzt nicht denken, da kümmert sich niemand um seine Verstorbenen.
Vier Euro – vier Gedenkkerzen, wie es in Deutschland die Kirche hält, dachte ich so bei mir. Mutter, Vater, Katz und Maus. Doch plötzlich brannte die halbe Kirche. „Ein Euro – fünf Kerzen“, erläuterte mir der freundlich Stempelverwalter in der Kirche grinsend. Schwupps brannten 20 Kerzen, es war fast taghell. und ich wusste gar nicht, wem ich da noch alles gedenken sollte. Also Leute, ich bin auf dem Jakobsweg und hab all eurer Toten gedacht. Seid beruhigt, und wer noch Bedarf hat, her mit den toten Verwandten.

Ich will ehrlich sein. In Viana do Castelo – eine der schönsten Städte Portugals – wird der Pilger mit Kirchenmango reichlich entschädigt. Ja, wir nähern uns Spanien. Morgen geht es über die Grenze. Am Abend gab es sogar noch ein klassisches Konzert auf der Plaza Republica der Stadt am Douro. Und danach ging’s wieder auf den Holzweg. Vier Tage seit Porto – 100 Kilometer, 21 Stunden, 30 Grad Celsius…
Also, ich will euch nicht nerven. Aber um die Geschichte des heiligen Jakobus kommt ihr nicht herum. Es sei denn, ihr brecht hier ab. Warum der Jakobsweg Jakobsweg heißt, mache ich mal unzulässig kurz: Der Legende nach ging der Apostel Jakobus d. Ältere im Jahr 33 (n.Ch.) für einige Jahre nach Spanien und Portugal, um dort Missionsarbeit zu leisten. Leider war er bei den keltischen Galiciern gar nicht erfolgreich. Vielleicht gab es noch einen Christen außer ihm, nach seiner Abreise vom Atlantik. Also wurde er bei seiner Rückkehr von König Herodes in Jerusalem kurzerhand geköpft. Weil er so ziemlich kopflos war und zudem auch nicht begraben werden durfte, brachten ihn seine Jünger zurück nach Spanien. Ein paar Wunder später – wie seiner Auferstehung im Jahr 890 zur Vertreibung der Muselmanen von der Iberischen Halbinsel – liegen seine Überreste als Reliquien in der Kathedrale von Santiago de Compostela. Heute ist Santiago de Compostela neben Jerusalem und Rom der bedeutendste Pilgerort der Christenheit.
Der Kopf befinde sich allerdings noch in der Jakobuskirche des Armenischen Patriarchen in Jerusalem. Im Frühjahr als ich in Israel war, führte mein Weg fast täglich an dieser Kirche vorbei. Und manchmal war es so, als habe ich ihn rufen hören, den Heiligen: „Führt mich zusammen…“ Auch ne schöne Pilger-Losung, oder?
PS: Ich hab noch ein Zitat aus der Harzreise vom alten Heine, das ziemlich aktuell scheint: „Das ist schön bei den Deutschen: Keiner ist so verrückt, dass er nicht einen noch Verrückteren fände, der ihn versteht.“ Bom Caminho!

















