„Berlin ist Teil meines Körpers“ – eine Stadt feiert Yoko Ono

„A dream, you dream alone, is only a dream. A dream, you dream together, is reality.“ Yoko Ono (Ein Traum, den du allein träumst, ist nur ein Traum. Ein Traum, den du gemeinsam träumst, ist Wirklichkeit.)

Es soll Menschen geben, die kennen Yoko Ono nur als jene Frau, die an der Seite von John Lennon die Beatles auseinandergebracht hat. Ein eiskalter Engel. Auch wenn Paul McCartney dem häufig widersprochen hat. Es gibt Menschen, die kennen Yoko Ono als Musikerin an der Seite von John Lennon und als politische Aktivistin. Und es gibt eine Zahl von Menschen, die kennen die inzwischen 92-Jährige als Konzept-, Fluxus- und Performancekünstlerin, als Musikerin, Filmemacherin und als Friedensaktivistin, und das seit mehr als 70 Jahren. In Berlin wird die Künstlerin jetzt gleich an drei Orten gewürdigt – im Gropius Bau, in der Neuen Nationalgalerie, und auch der Neue Berliner Kunstverein zeigt ihre Arbeit „Touch“ seit Anfang März.

„Sie ist die berühmteste unbekannte Künstlerin der Welt: Jeder kennt ihren Namen, aber niemand weiß, was sie macht“ – das hat John Lennon einmal über seine Frau Yoko Ono gesagt. Von Beatles-Fans wurde sie gehasst, weil wie gesagt… John Lennon hatte die 33-jährige Yoko Ono 1966 bei einer Kunstausstellung in London kennengelernt. 1969 haben die beiden geheiratet. Als Yoko Ono John 1973 rausschmiss – für 18 Monate -, begründete sie das mit den Worten: „Ich brauchte wirklich etwas Freiraum, weil ich gewohnt war, Künstlerin zu sein und so…“ Schon das macht deutlich: Yoko ist mehr als John. Viel mehr. Heute lebt sie zurückgezogen in New York.

Yoko Ono und John Lennon, Cover des Katalogus für Acorn Event, 1968
© Yoko Ono, Foto: Keith McMillan

Eine Stadt feiert eine Künstlerin. Zu Berlin hat die in Tokio geborene und zeitlebens zwischen Japan und den USA pendelnde Yoko Ono eine besondere Beziehung. Sie bezeichnete die Stadt einmal als „Ort, an dem die Menschen mich verstehen“. Ihren 80. Geburtstag feierte Ono 2013 mit einem Konzert der Plastic Ono Band an der Berliner Volksbühne. Sie habe den Ort „wegen Bertholt Brecht ausgesucht“, sagte sie damals in einem Interview. „Ich liebe Berlin und war schon oft hier. Berlin ist Teil meines Körpers.“ Ihre beiden aktuellen Ausstellungen mit Werken, die z. T. noch nie gezeigt wurden, feierten heute (11. April) Vernissage und sind bis Ende August/Mitte September zu sehen.

Yoko Onos Werke, lange verkannt, sollen vor allem eines bewirken: mitzutun. Mitzutun am Werk, an der politischen Aktion, an der Auseinandersetzung… So begegnet dem Zuschauer im Gropius Bau – zufällig gegenüber dem Berliner Abgeordnetenhaus – als erstes im öffentlich zugänglichen Lichthof ein Garten mit Wünschebäumen. Die Arbeit ist eine Einladung an Besucher, ihre Friedenswünsche tatsächlich und ganz persönlich auf kleine Zettel zu schreiben und an die Zweige der Bäume zu hängen. Damit nimmt die Künstlerin Bezug auf ihre Tempelbesuche als Kind in Japan: „Die Bäume in den Innenhöfen der Tempel waren übersät mit solchen Wunschknoten, die von weitem wie weiße Blüten aussahen“, erzählte sie einmal. Seit 1996 zeigt Yoko Ono auf der ganzen Welt Varianten ihres Werks „Wish Tree“.

Im Lichthof des Gropius Bau spiegeln die Bäume, laut Direktorin Jenny Schlenzka, auch die Geschichte des Hauses wider: Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude bei den Luftangriffen auf Berlin 1944 stark beschädigt. Die Kriegsruine blieb bis zum Wiederaufbau 1978 sich selbst überlassen und es wucherten hier verschiedene Laubbäume. „Wish Tree for Berlin“ gibt so nicht nur den aktuellen Wünschen der Besucher und Besucherinnen Raum, sondern bezieht sich auch auf die Vergangenheit dieses Gebäudes.

Wünschebäume im Lichthof des Gropius Bau in Berlin,
Wish of Tree for Berlin 1996/2025 (Foto: Autor)

In fast 30 Jahren hat Ono bereits über zwei Millionen Wünsche gesammelt. Sie werden für den „Imagin Peace Tower“ in Island aufbewahrt, den die Künstlerin 2007 zum Gedenken an ihren verstorbenen Ehemann John Lennon entworfen hat. „Denn zuerst ist da eine Idee, und dann stellen wir uns diese Idee als etwas Wirkliches vor. Durch die Vorstellungskraft werden Dinge Wirklichkeit – physische Wirklichkeit“, so die Hoffnung der Künstlerin.

Yoko Onos Werk ist durchdrungen vom Friedenswunsch. Was passte besser in diese Zeit? Statt sich auf den Krieg und Zerstörung zu konzentrieren, wie wir es zwangsläufig oft tun, fordert uns Ono bei den „Wish Trees“ und vielen anderen Werken auf, das Heilende, das Gute zu formen. Nebenan, eine Viertelstunde vom Gropius Bau entfernt, finden sich in der Neuen Nationalgalerie eine Reihe ergänzender Projekte, die nicht nur zum Mitmachen, sondern auch zum Heilmachen auffordern. Eine Instruktion zum Falten von Papierkranichen für den Frieden, die nach und nach den gesamten Ausstellungsraum füllen sollen – und an Yoko Onos Heimat Japan nach dem Abwurf von zwei Atombomben Anfang August 1945 am Ende des Zweiten Weltkrieges durch die Amerikaner erinnern.

Beim „Mend Piece“ beteiligt sich das Publikum an einem Akt des Reparierens. Hier können zerbrochene Tassen zusammengefügt und mit „Weisheit und Liebe wiederhergestellt“ werden. Im Zentrum eines zweiten Raumes steht ein großer Schachtisch mit 20 Brettern für 40 Spieler mit ausschließlich weißen Figuren („Play it by Trust“). Wer ist der Gewinner? Wer ist der Verlierer? Wer hat angefangen, Weiß? Wer kann die eignen Figuren noch von denen des Gegenübers unterscheiden? „Yoko Ono ist an diesen Tagen so notwendig wie nie“, sagt der Direktor der Neuen Nationalgalerie, Klaus Biesenbach, zugleich einer der Kuratoren der Ausstellung „Yoko Ono: Dream together“. Angesichts von aktuellen Debatten um Kriegstüchtigkeit, Wehrfähigkeit, Wehrpflicht, Terrorismus, Krieg und Handelskrieg ein nachdenkenswerter Ansatz.

Play it by Trust, 1966/1991 (Foto: Autor)

Schon im Foyer des unteren Raumes der Neuen Nationalgalerie, die sich zu besuchen in diesen Tagen im Übrigen auch wegen der neuen Ausstellung „Gerhard Richter. 100 Werke für Berlin“ lohnt, wird der Gast eingeladen, sich selbst zu reflektieren. Flusssteine sollen auf Haufen sortiert werden, die die eigene Befindlichkeit widerspiegeln: „Mound of Joy“ oder „Mound auf Sadness“ (Hügel der Freude oder Hügel der Traurigkeit)? Das Resultat des Tages widerspiegelt die Stimmung des Publikums Abend für Abend.

Yoko Ono ist auch eine frühe feministische Künstlerin. Die Ausstellung „Music of the mind“ (Musik des Geistes) mit 200 Werken im Gropius Bau spiegelt ihr gesamtes Schaffen seit den 50er Jahren. Die Ausstellung war schon in etwas kleinerer Variante in der Tate Modern in London und in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf zu sehen.

1964 wurde „Cut Piece“ uraufgeführt, im Gropius Bau sind zwei dieser dokumentierten Performances zu sehen. Ono sitzt auf der Bühne und Menschen dürfen hochkommen und mit einer Schere Stücke ihrer Kleidung abschneiden und mitnehmen. Vor allem Männer gehen dabei oft zu weit. Es wird gewaltvoll, es tut weh. Schon beim Schauen. Die Arbeit machte Ono zur Vorreiterin feministischer Konzeptkunst. Noch mit 70 Jahren hat sie selbst diese Perfomance durchgeführt. In „Cut Piece“ liefert sie sich dem Publikum scheinbar schutzlos aus. Später in „Bag Piece“ und „Strip Tease for Three“ verschiebt sich der Fokus von der Bühne auf das Publikum. Schaut selbst einmal rein.

Yoko Ono, Cut Piece, 1964, performt von Yoko Ono in New Works by Yoko Ono, Carnegie Recital Hall, New York, 1965
© Yoko Ono, Foto: Minoru Niizuma

„Was Yoko Ono uns mitgibt, ist viel Großzügigkeit und viel Liebe“, sagt die Kuratorin der Ausstellung im Gropius Bau, Patrizia Dander. Auch nachdem John Lennon 1980 im Alter von 40 Jahren vor seiner Wohnung in New York von einem „Fan“ erschossen wurde, hat Yoko Ono ihre Kunst in den Dienst des Friedens gestellt, weiter zum Beispiel ihre ganzseitigen „War is over! If you want it“-Anzeigen in der New York Times und in anderen Zeitungen geschaltet, die in der Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie ebenfalls zu sehen sind.

Und das ist ganz das Gegenteil von dem, was Yoko Ono zur Zeit der Beatles-Auflösung nachgesagt wurde: Sie ist nicht die 13. Fee, die Böse, die den Musikprinzen in einen 100-jährigen Schlaf schickte. Wenn überhaupt, dann ist sie ein guter Geist in unserer bösen Zeit.

Service

Music of the Mind, Gropius Bau, Stresemannstr. 110, bis 31. August; Mi bis Mo 12-19 Uhr, Sa/So 10-19 Uhr.

Dream Together, Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50, bis 14. September; Di bis Mo 10-18 Uhr, Do bis 20 Uhr.

Der Neue Berliner Kunstverein zeigt bis 31. August Yoko Onos Billboard an der Ecke Friedrichstraße/Torstraße

Yoko Ono mit Glass Hammer, 1967, HALF-A-WIND SHOW, Lisson Gallery, London, 1967
Foto © Clay Perry / Kunstwerk © Yoko Ono

Zu Hause im Klostergarten

פרידה עם דמעות. (Abschied mit einer Träne im Knopfloch)

Dichtes Pflanzengewirr – und im Hintergrund ein kleines Gartenhaus

Es gibt Orte auf der Welt, von denen behauptet wird, dass man bei ihnen zweimal weine. Einmal bei der Ankunft, und einmal beim Abschied. Ich würde Jerusalem Unrecht tun, wenn ich behauptete, dass ich bei meiner Ankunft am 5. Januar weinte. Nein. Aber der Anfang hier ist mir nicht leicht gefallen. Nun jedoch davor zu stehen, morgen wieder abzureisen, das fällt mir wirklich schwer. Es ist so unglaublich. Erst dachte ich, das halte ich niemals ein viertel Jahr aus. So anders als Tel Aviv. So verstaubt. So historisch. So biblisch. Aber wow? Ein viertel Jahr in Jerusalem. Welch‘ ein Erlebnis. Heute habe ich, ich gebe es zu, eine Träne im Knopfloch – und vielleicht auch eine in den Augenwinkeln.

Ich habe mir hier eine Kippa gekauft. Ja, jetzt werden viele zu Hause denken, klar, der Opportunist, ein Leben vom Halstuch direkt zur Kippa. Wenn du hier die Klagemauer besuchst, oder eine Synagoge oder die ewige Flamme in Yad Vashem, wenn man heilige Stätten in Tiberias, in Haifa oder Nazareth betritt, dann braucht man so ein Ding. Diese bereitgehaltenen Besucher-Kippas sind so gar nicht meins. Du nimmst sie aus einer Kippa-Kiste, in der schon Tausende vor dir herumgegrabbelt haben, und denkst sofort an Läuse. Eine Kippa ist in Isrel nicht teuer. Vielleicht kostet ja eine mit dem Bild von Donald Trump oben drauf etwas mehr.

Es gibt Trump-Fans hier, ja so einige. Das nur dazu, dass ich die Menschen hier auch nach drei Monaten noch lange nicht verstehe. Ich bin ja hier hergekommen, um Israel zu verstehen. Jetzt verstehe ich viele Gründe für das Handeln der Israelis. Das heißt nicht, dass ich es stets gutheiße. Aber ich glaube zu wissen, warum manches so ist, wie es ist. Dazu kommen wir noch.

Verrückte gibt es eben überall auf den Welt – das Gute: Ich habe niemand eine solche Kippa tragen sehen.

Wer zwei Wochen in Israel ist, möchte ein Buch schreiben. Wer zwei Monate hier ist, möchte einen Artikel schreiben. Wer zwei Jahre hier ist, möchte gar nichts mehr sagen, lautet ein Sprichwort in Israel. Der Probst von Jerusalem, Joachim Lenz, hatte es mir am Anfang mit auf dem Weg gegeben. Er ist so etwas wie ein Israelbegleiter für mich geworden. Das Sprichwort trifft es. Es stimmt. Und es stimmt auch wieder nicht. Ich habe hier so viele Menschen getroffen, die so offen waren. Die mir ihre Geschichte und ihre Geschichten erzählt haben, ohne dass wir uns schon Jahren kannten. Das alles konnte ich natürlich nicht in diesen Blog gießen. Ich habe viele dieser neuen Bekanntschaften meinem Hebräisch-Lehrer und inzwischen vielleicht auch Freund Uwe Seppmann zu verdanken. Alle Menschen, die Du hier kennst, konnte ich nicht besuchen, Uwe… Aber Danke, Du hast mir die Tür zu Israel geöffnet. Nur noch Hineingehen musste ich selbst.

Ich habe in diesem Blog viel ausgebreitet – aber wie gesagt lange nicht über alles geschrieben. Ich habe nicht über das relativ neue „Book of Names“ in Yad Vashem geschrieben, in dem alle Besucher des Mahnmals nachblättern, ob der Name ihrer Familie in ihm auftaucht. Sechs Millionen Tote! Tausende Schneiders, Rosenbaums, Löwentals… Kein Koslik. Aber Kosiks. Ich habe meinen Freund Udo begleitet, der als Generalsekretär der Kultusministerkonferenz einen Staatsbesuch vorbereitete. Wir waren im Bildungsministerium. Ich war in der große Synagoge in Jerusalem zu Purim. Ich habe das widerrechtlich besetzte Al-Ram in der Westbank besucht und war in Jericho. Ja, ich habe hier sogar eine Sauna gefunden. Jerusalem kann im Winter auch kalt sein. Und ich habe mein Handy x-mal ultraorthodoxen Juden gegeben, die zwar kein Telefon hatten, aber offenbar eine Nummer um anzurufen.

Wem gehört die Stadt? Die Frage stellt sich bei diesem Foto von der Jaffa Street an der City Hall in Jerusalem nicht!

Ich habe auch nicht über den Kibbuz Be’eri geschrieben. Einer der bekannteren Kibuzze des Hamas-Terros. Er soll bis 2027 wieder aufgebaut werden. Mit deutscher Hilfe. Solange leben die Bewohner in einer künstliche hochgezogenen Wohnanlage des Kibbuz Chazerim in der Wüste Negev, wie in einem Raumschiff. Ist das gut? Fünf Jahre weg von der eignen Scholle. Was passiert da mit den Menschen? Kann man sie nicht verstehen, wenn sie wütend sind. Dass ihre Söhne und Töchter, ihre Armee und manchmal auch ihre Rabbis gnadenlos sind?

Erst vor wenigen Tagen traf ich den Chefredakteur von „Israel heute“. Aviel Schneider lebt seit 1978 in Jerusalem. Sein Vater Ludwig Schneider wurde als Sohn jüdischer Eltern geboren, die den Holocaust überlebten, weil sie von einer Küsterfamilie in Quedlinburg versteckt wurden. Die Familie floh nach dem Krieg ins Rheinland. Später, wie gesagt, Jerusalem und das Magazin „Israel heute“. Geschichte kann so nahe sein.

Aviel, Israel ist so klein und persönlich, dass sich eigentlich alle hier duzen, lebt in der Nähe von Jerusalem. Als am 7. Oktober die Hamas den Süden überfiel, standen seine drei Söhne am nächsten Morgen vor der Tür, holten ihre Waffen und fuhren in den Krieg. „Das Militär war nicht vorbereitet. Das werfe ich Bibi vor. Wir haben alles gekauft. Ausrüstung, Westen, Helme, Drohnen…“, berichtet Aviel, der aber sonst ein Netanjahu-Wähler zu sein scheint. „Als der Krieg kam, habe ich meine linken Ausfassungen in die Schublade gesteckt und diese verschlossen“, sagt er mit Blick auf die PLO, die heute die Fatach ist, mit Blick auf die Hamas, mit Blick auf die Palästinenser. Ich glaube nicht, dass Aviel viele linke Auffassungen hatte. Aber so wie er reagieren viele Menschen hier.

Das Leben geht weiter, auch wenn die Waffe immer dabei ist.

Seine Tochter und sein Schwiegersohn haben im Oktober 2023 geheiratet. Die Hochzeit durfte wegen des Krieges nicht so riesig sein, wie geplant. Aber als die Söhne dafür für 12 Stunden aus dem Krieg nach Hause kamen, haben sie gefragt: Seid ihr meschugge? Ihr streitet euch über links, rechts, Nethanjahu „Ja“, Nentanjahu „Nein“, und wir kriechen durch die unterirdischen Gänge in Gaza und räuchern die Hamas aus? „Sie retten Israel, nicht unsere Diskussionen“ sagt Aviel Schneider. „Ich bin stolz auf die Jungen.“

Aviel Schneider sagt auch: „Israel hat noch nie einen Krieg begonnen. Wir haben uns immer nur verteidigt.“ So ist das Recht seit der Geschichte Esther 480 Jahre vor Christi. Für Aviel ist klar, die Geschichte des Landes ist im Alten Testament geschrieben. Politik und Religion sind in Israel eins. Und als ich in zweifelnd frage, ob das eine gute Idee ist, fragt er: „Wenn eure Soldaten bald in der Ukraine in den Krieg ziehen, wofür tun sie das? Unsere Soldaten kämpfen für Israel. Das Leben in Israel macht Sinn. Du weißt, wofür du kämpft.“ In den letzten Tagen nahmen die nächtliche Bombenalarme wieder zu. Diesmal kommen die Raketen aus dem Libanon.

Man muss Aviels Postion nicht teilen. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die im Westjordanland Hilfe leisten. Ich habe mit Palästinensern gesprochen, die um ihre Häuser fürchten. Aber man sollte solche Meinung kennen, um vielleicht doch ein bisschen zu wissen, wie die Menschen hier ticken. Und ich habe viele Aviel Schneiders gehört… Und ich habe ein Konzert mit Effi Netzer – ein bisschen wie Heino oder Roy Black – erlebt, bei dem der gesamte Saal im Jerusalem Theater tobte als er sang „Schalom Al Israel“ – Friede, Friede, Friede sei mit Israel. Was er sonst noch bei stehendem Applaus sang, kann man auf einem Foto hier sehen.

Effi Netzers Geburtstagsshow im Jerusalem Theater – der Saal stand Kopf .

Ist es wirklich ein gute Idee nach Israel zu gehen? Ist es wirklich eine gute Idee jetzt hierher zu fahren? Das muss jeder für sich entscheiden. Niemand kann so einfach mit dem Finger schnipsen – und sagen Ja. Für mich war es eine gute Entscheidung. Ich habe so viele Menschen kennen gelernt, und viel Dinge getan, die mir in meinem etwas älteren Leben so nicht über den Weg gelaufen wären. Ich habe in einem Gartenhaus eines Klosters gewohnt. Großartig. Internet manchmal. Braucht man bei Gott ja auch nicht. Warmes Wasser, später ja. Strom war auch schon mal Glückssache. Aber es war wirklich ein tolles Gartenhaus. So viel Grün rundum. Und soviel Geschichte direkt am Abendmal-Saal und an Davids Grab, dem vermeintlichen zumindest.

Ich bin nicht christlich geworden, tut mir leid Uwe. Ich bin ein Mensch, der sich die Welt anschaut, um zu einer Weltanschauung zu kommen, die sich ganz sicher von der unterscheidet, die mir in der Schule mitgegeben wurde. Vorallem steht da Toleranz und Akzeptanz. Was vielen heute so schwer fällt. Auch in Israel. Ich war im Bah‘ai Tempel, wo geschrieben steht „Du sollst keine andere Religion hassen.“ Und ich habe für eine Kirchenzeitung darüber geschrieben, wie auch die Christen von rechtsradikalen Siedlern langsam aus Jerusalem vertrieben werden. Dafür fand ich hier keinen Platz mehr. Vielleicht reiche ich den Artikel im Blog nach. Sei 2014 gibt es hier eine „Gesetz über das Eigentum von Abwesenden“. Das gibt den Siedlern das Recht all das zu tun, was sie tun. Und ich habe arabische Frauen getroffen, die genauso auf Jerusalem als ihre Hauptstadt schauen, wie jüdische Israelis.

Beliebter Aussichtspunkt auf dem Ölberg mit Blick auf den Felsendom – Lyla bat um ein Foto

Die Tora, die heilige Schrift der Juden, weist den Menschen hier den Weg. Es kommt auf den Weg an, nicht auf das Ziel. So ist das Leben. Der Weg ist voller Herausforderungen, wie man heute so schön sagt. Es kommt auf die Reise an, nicht auf ihr Ende. Das kennen wir ja ohnehin. Und das kommt ja auch von ganz alleine.

Danke euch allen da draußen, dass ihr meinen Blog gelesen habt. Es war grandios zu sehen, dass doch ein paar Leute am anderen Ende der Leitung sind. Danke! Wenn ich zurückkehre nach old Germany – hi, hi old Germany, und das in Jerusalem – dann ist dieser Blog natürlich nicht zu Ende. Es gilt noch über ein wenig Kunst zu berichten, wie über Yoko One in der Nationalgalerie ab 11. April in Berlin. Und es wird auch einen neuen Jakobsweg-Blog geben. Das Leben geht weiter. Und was für eines. Es bleibt spannend. Bleibt dran und habt eine gute Zeit, wo immer ihr auch seid.

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Epilog: Ihr wollt wissen, warum die Israelis so sind, wie sie sind? Die Charta, der Grundsatz aller Israelis lautet „Masada wird nie wieder fallen.“ So lautet der Schwur der Elitesoldaten seit der Gründung Israels. Masada ist ein rotes Felsenmassiv in der Judäischen Wüste am Toten Meer, wo sich vor 2000 Jahren die letzten Juden in Israel vor den Römern verschanzten. Als die schließlich die letzte Mauer nach langer Belagerung stürmten, hatten sich alle Bewohner bereits selbst mit dem Schwert gerichtet. Kinder, Frauen, Männer, Alte.
Am 7. Oktober 2023 ist Masada erneut gefallen.

Die Freddy Lemon-Bar auf dem Mehane Yehuda Markt in Jerusalem. Meine Lieblingsbar. Bier allerdings 10 Euro…

Fels des Anstoßes – eine Geschichte ohne Happy End

„Die Mauer ist zwar sehr heilig, aber der heiligste Ort für die Juden ist der Ort darüber, wo sich der Tempel befand.“ (Arlene Kushner, Autorin Israel Heute)

Zum Tempelberg hinauf geht es über eine Himmelsleiter. Schon gut, das ist doch etwas übertrieben. Aber dort am Westwall, der Klagemauer, zu der man nur durch streng bewachte Eingänge mit Taschenkontrolle kommt, ist auch ein kleiner Seiteneingang – nicht weniger streng kontrolliert. Er führt hinauf auf den Berg. The Rock. Diese mittelalterliche überdachte Treppe ist der einzige Zugang für Nichtmuslime zum Felsendom. Außerdem gibt es acht weitere Eingänge für Muslime. Bevor wieder einige darauf hinweisen, es seien elf, wie in Wiki steht, ja, aber nur neun sind aktuell geöffnet.

Und es herrschen strenge Regeln. Ein Ausweisdokument muss vorgelegt werden. Bei Zutritt muss eine Sicherheitskontrolle passiert werden. Neben gefährlichen Gegenständen sind auch nichtmuslimische religiöse Gegenstände auf dem Tempelberg verboten. Schultern und Knie müssen bedeckt sein. Nichtmuslime dürfen den Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee nicht betreten. Besuchszeiten für den Tempelberg: Sonntag bis Donnerstag derzeit 7 – 11 Uhr.

Der Felsendom vom Turm der Erlöserkirche fotografiert

Hat noch jemand Lust das alles zu beachten? Ich habe es für euch gemacht, Leute. Also, wir halten fest, für spätere Absätze, Tallit (jüdisches Hemd mit diesen heraushängenden Fäden) und Saddit (jüdisches Gebetsbuch) – verboten. Bis 2018 war auch die Kippa untersagt… Es war einmal.

Vor mir liegt der heiligste Ort der Juden. Schon Adam, den ersten Menschen, habe Gott aus der roten Erde dieses Berges geformt – so steht es im Talmud, der jüdischen spätantiken Schriftensammlung zur Auslegung der Thora. Manche glauben, hier oben befände sich der „Schöpfungsstein“, der Nabel der Welt. Hab allerdings keinen Feigenbaum gefunden. Ja, es war kein Apfel, Eva. Es war eine Feige, oder Traube… Von wegen Apple-Computer. König David legte auf dem Berg den Grundstein und König Salomon ließ im Jahre 957 vor der Zeitrechnung – vor! – den ersten Tempel errichten. So berichtet es die Bibel.

Anfang des 6. Jahrhundert vor Beginn der Zeitrechnung eroberten die Babylonier Jerusalem und zerstörten das Bauwerk. Doch bereits 50 Jahre danach begannen die Juden ihren zweiten Tempel zu bauen – der bis zur Zerstörung durch die Römer im Jahre 70 nach der Zeitrechnung auf dem Berg stand. Manche orthodoxe Rabbiner glauben, dass die Bundeslade und die Tafeln der Zehn Gebote auf dem Gelände des Tempelberges vergraben liegen. Immer mal wieder wurde danach gegraben. Nicht nachmachen! Verboten! Hat auch nie jemand etwas gefunden. Bis heute beten Juden in die Richtung, wo einst der Tempel stand.

Aber das Leben ist eben ungerecht. Ausgerechnet hier, an dem Ort, an dem der Tempel der Juden stand, bauten die Muslime zwei ihrer wichtigsten Moscheen: den Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee. Nicht als Provokation gegenüber den Juden, sondern aus praktischen Gründen. Als die Muslime 600 Jahre nach Zerstörung des jüdischen Tempels ihre Heiligtümer hier errichteten, war der Tempelberg noch immer mit Schutt bedeckt. Ein freier Platz zum Bauen innerhalb der Jerusalemer Altstadt. Prima.

Und jetzt genau auf dem Tempelberg

Für dieses Bergplateau verwenden Muslime nicht den Namen Tempelberg – sondern sprechen vom „Edlen Heiligtum“, Haram Al-Sharif. Die 17. Sure des Korans erzählt die zentrale Geschichte, die den Berg und den Islam miteinander verbindet. Es ist die „Nachtreise“ des Propheten Mohammed. „Der Prophet Mohammed kam nach Jerusalem. Er kam von Mekka und flog über den Berg. Er ritt auf einem Pferd.“ Das berichtet der Koran.

Dieses fliegende Zauberpferd namens Buraq stieß sich mit seinem Huf auf einem Felsen ab und stieg mit Mohammed in den Himmel auf. Dort traf sich Mohammed mit seinen Vorgängern: Abraham, Moses und Jesus. Sie werden im Islam als Propheten geschätzt.

Über dem Felsen, der bis heute den Fußabdruck des Zauberpferdes tragen soll, errichteten die Muslime erst ein Zelt. Ende des 7. Jahrhunderts dann eine Kuppel. Es ist der Felsendom. Das markante Wahrzeichen mit der goldenen Kuppel. Muslime auf der ganzen Welt hängen Darstellungen des Felsendoms in ihre Wohnungen. Dabei ist, laut Mohammed, das graue langgestreckte Gebäude nebenan, sogar noch heiliger. Die Al-Aqsa-Moschee, sagt er, sei die zweitälteste Moschee, und die drittwichtigste Moschee des Islam.

Zur Al-Aqsa-Moschee geht es tüchtig bergauf

Da haben wir den Salat. Eine Story, die bestens geeignet ist, für einen nicht zu schlichtenden Streit. Die Mehrzahl der Juden meiden allerdings das Allerheiligste, auch weil mancher Rabbiner sagt, die Juden heutzutage seien unrein, um das Allerheiligste zu betreten. Es sind die Nationalreligiösen oder auch die Ultraorthodoxen, vor allem Siedler, die immer wieder auf dem Tempelberg provozieren. Dann ist die Spannung in der Luft förmlich zu greifen. Gerade während des Ramadan, wie diesen Tagen.

Das Beschriebene lässt nicht auf sich warten. Eine Gruppe sehr religiös anmutender Männer in Tallit, mit Kippa und Gebetsbuch und Frauen, noch fanatischer wirkend, werden von Soldaten auf den Tempelberg begleitet. Sie stolzieren möglichst nahe an der Al-Aqsa-Moschee vorbei, lesen in ihrem Gebetsbüchern und klopfen sich immer wieder auf die Schulter. Ob die Soldaten ihre Provokationen respektieren oder dulden, ist nicht auszumachen. Verboten ist der Tempelberg für Juden jedenfalls nicht. „Alleine, dass wir schon hier sind, ist Teil der Bauarbeiten. Es geht schon los. Bevor du ein Gebäude baust, musst du dir das Gelände anschauen. Du musst drum herumlaufen. Wenn du um etwas herumläufst, sagst du, dass es dir gehört“, sagt einer aus der Gruppe. Und das gilt für viele Orte in Jerusalem. Das ist aber einer anderen Geschichte vorbehalten.

Von Soldaten begleitete jüdische Ultraorthodoxe direkt am muslimischen Heiligtum der Al-Aqsa-Moschee

Aviel Schneider, der Chefredakteur von Israel Heute, erzählte mir kürzlich, dass sein arabischer Taxifahrer, den er seit Jahren mit vielen Fahrten betraut, und mit dem er bei diesen Gelegenheiten bei einem Kaffee ins Gespräch kommt, vehement bestreitet, dass dort oben jemals ein jüdischer Tempel gestanden habe. „Dann bleibt er eben bei seiner Meinung, und ich bleibe bei meiner Meinung.“ Aviel hebt die Schultern.

In seiner Zeitung fordern hingegen Autoren, dass der Tempelberg allen zugänglich sein müsse. In einem Kommentar schreibt Arlen Kushner: „Die Westmauer in der Jerusalemer Altstadt ist ein Überbleibsel des Tempels und wird manchmal als die heiligste Stätte des jüdischen Volkes bezeichnet. Dies ist ein Irrtum. Die Mauer ist zwar sehr heilig, aber der heiligste Ort für die Juden ist der Ort darüber, wo sich der Tempel befand.“

Im Felsendom, den kein Nicht-Muslim betreten darf, steht auf einem Spruchband unter der Kuppel in feinem Mosaik Allahs Wort: „Ihr Leute der Schrift! Treibt es in eurer Religion nicht zu weit und sagt gegen Allah nichts aus, als die Wahrheit! Christus Jesus, der Sohn der Maria, ist nur der Gesandte Allahs und sein Wort, das er der Maria entboten hat, und Geist von ihm. Darum glaubt an Allah und seine Gesandten und sagt nicht von Allah, dass er in einem drei sei! Hört auf so etwas zu sagen! Das ist besser für euch. Allah ist nur ein einziger Allah. Gepriesen sei er! Er ist darüber erhaben ein Kind zu haben. … 172 Christus wird es nicht verschmähen, ein bloßer Diener Allahs zu sein, …“ (Sure 4,171-172)

Das kann ich nur zitieren. Ich war nicht im Dom. Ich war in buddhistischen Tempeln Asiens, in Hindu Tempeln Indiens, in thailändischen Wats, im Petersdom in Rom und in der Grabeskirche in Jerusalem – wie Millionen andere. Ich war im Bahá’i -Tempel in Haifa und habe bei der Göttin Kali in Dakshinkali bei Kathmandu Blutopfer erlebt. Hier musste ich einem heiseren Bellen „Only Muslims“ weichen.

Punkt elf Uhr schließen sich die Tore am Felsendom. Die Gruppe der Siedler ist noch nicht wieder am Ausgang eingetroffen. Die Geschichte geht weiter…

Der Autor auf dem Tempelberg

(Fotos: Autor)