Ein kleines Stück Normalität – eine deutsche Schule in Palästina

„Die Schüler sind einfach toll. Wenn wir nicht da wären, hätten sie diese Chance nicht.“ (Birger Reese, Schulleiter der christlichen Schule „Talitha Kumi“ in Beit Jala, Palästina)

Maria (l.) und Yasmin an der deutschen Schule für palästinensische Kinder

Maria und Yasmin sind Freundinnen. Die eine wohnt in Jerusalem, die andere in Beit Jala im Westjordanland. Beide gehen in die 11. Klasse und besuchen die deutsche Schule Talitha Kumi für palästinensische Kinder und Jugendliche. Die Schule liegt genau auf dem Grenzstreifen zwischen Israel und dem Westjordanland. Geht man zum Haupteingang hinein, kommt man aus Israel. Geht man hinten hinaus, ist man auf der Westbank, sagen wir hier einmal Palästina. Als nach dem 7. Oktober die Checkpoints zwischen der Westbank und Israel von israelischer Seite dicht gemacht wurden, hatte sich hier ein kleiner Grenzübergang aufgetan.

Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich viel verändert an der Schule. Schon immer bestand das Ziel der deutschen evangelischen Schule, getragen vom Berliner Missionswerk und der Bundesregierung, darin, christlichen und muslimischen Mädchen und Jungen einen geschützten Raum zu bieten. Und ja, im Israel-Palästina-Konflikt zu vermitteln. Ein Ort des Friedens und der Verständigung. Seit 2017 mit Exzellenz-Siegel, das schreibe ich mal für Schulleiter Birger Reese hier hinein. Sonst denkt noch ein Geldgeber, er hätte das nicht erwähnt.

Die Skulptur „Talitha Kumi“ des palästinensischen Künstlers Suleiman Mansur vor dem Schulgebäude

2022 wurde der eindrucksvolle Neubau der geschichtsträchtigen Einrichtung eingeweiht. Und tatsächlich komme ich in eine sehr moderne Schule, nachdem ich den Weg von Jerusalem per Bus hierher bewältigt habe. Ein kleiner Wald wächst rund um die Gebäude, zu denen auch ein Kindergarten, eine kleine Berufsschule und ein Guesthouse gehören, das wie jeglicher Tourismus auf der Westbank derzeit für jeden Gast dankbar ist.

Kopftuch trägt hier kein Mädchen, aber dazu kommen wir noch. Der alte Beiname Talitha Kumi geht auf das Markus Evangelium zurück, laut dem Jesus zu einem todkranken Mädchen gesagt haben soll: „Mädchen, steh auf.“ Alles andere kann jeder selbst bei Wikipedia nachlesen. 900 Schüler, 110 Lehrer und Erzieher, davon 12 aus Deutschland, und, und, und…

Maria abu-Sara und Yasmin Albtatib wollen hier ihr Abitur machen. Das ist seit 2013 möglich. Hier waren sie auch schon im Kindergarten, vielleicht werden sie hier auch einmal als Lehrerinnen anfangen. Nach einem Studium, vielleicht in Deutschland. Dass sie hier Deutsch lernen, ist für einen Arabisch-Sprachler eine große Herausforderung. Die Schulsprache ist Deutsch, Fremdsprachen Englisch und Arabisch. Klingt komisch, ist aber so. Die Hauptsache jedoch für die beiden 16-Jährigen in diesen Tagen ist, dass sie überhaupt täglich zur Schule gehen können. „Viele Schulen sind geschlossen“, berichtet Yasmin. Drei Monate fiel bei ihren Cousinen auf der Westbank der Unterricht komplett aus. Einen geordneten Stundenplan, Klimaanlagen oder gar Heizung kennen einheimische Bildungseinrichtungen so gut wie gar nicht. Aber im Sommer ist es so brütend heiß, wie im Winter bitterkalt. Na gut, das Problem mit dem Stundenplan kennen wir in Deutschland ja auch…

Unterricht mit Lehrer Michael Schneider

„Seit dem 7. Oktober ist eine unserer Hauptherausforderungen, den Schülern ein Stück Normalität zu geben“, sagt Schulleiter Birger Reese. Sein Stellvertreter Jörg Bühler ergänzt: „Die Schüler kommen um halb Acht am Morgen und bleiben bis 15 Uhr in der Schule. Das schafft für sie einen geordneten Tag, fernab von den Sorgen der Familien.“ Schulleiter Reese ergänzt: „Die Schüler sind einfach toll. Wenn wir nicht da wären, hätten sie diese Chance nicht.“

Natürlich spüren auch die beiden Mädchen die Veränderungen um sie herum. Marias Familie lebt in Jerusalem. Der Vater ist Ingenieur, die Mutter hat einen Kosmetiksalon. Noch können sie sich das Schulgeld von 4000 Schekel im Jahr leisten. 1000 Euro – ein Monatsgehalt. Auch Yasmins Familie im Westjordanland kommt noch gerade so hin. Der Vater arbeitet in der Kämmerei der Stadtverwaltung in Beit Jala und verdient noch nebenher Geld als Versicherungsmakler. Aber den Ausflug in wenigen Tagen nach Berlin für eine Woche, den Yasmin unbedingt mitmachen möchte – ebenfalls für 4000 Schekel – , den muss sie irgendwie in Raten abstottern. Nun hofft sie auf das Verständnis in der Schule.

Etwas ungewöhnlich, die Beschriftung in Deutsch und Arabisch

Es gibt inzwischen einige Eltern, die um ihr Geld ringen müssen, berichtet Birger Reese. Die Schule versuche mit ihren Möglichkeiten die Kinder zu halten. Es gibt auch eine Spendenplattform auf der Internetseite. Ob das in jedem Fall helfen kann, steht auf einem anderen Blatt. In einer muslimischen Familie sind Geldsorgen ein großer Ansehensverlust, der nicht immer leicht zu verkraften ist. Aber der Tourismus liegt völlig am Boden. Von den Besuchern aus aller Welt lebt jedoch die Region um Bethlehem. Dazu kommen die alltäglichen Schwierigkeiten mit unzähligen Checkpoints und mit Visaproblemen. Maria wird fast täglich von ihrer Mutter aus Jerusalem zur Schule gefahren. Es ist nicht weit. Yasmin – als in der Westbank wohnende Palästinenserin – weiß noch nicht genau, ob sie das Visum für den Schulausflug nach Berlin erhält. Als sie kürzlich krank wurde und nach Jerusalem in ein Krankenhaus musste, erhielt sie jedenfalls kein Israel-Permit.

Lehrerin Dr. Natalie Sawalha Tavil, die schon seit 20 Jahren an der Schule lehrt, berichtet, dass sie selbst trotz Jahresvisa kaum noch nach Israel fährt. „Es ist erniedrigend, wie man am Checkpoint behandelt wird“, sagt sie. „Dort fühlt man sich ständig als Mensch zweiter Klasse. Das tue ich mir nicht an.“ Dabei ist Natalie Jordanierin und besitzt einen jordanischen Pass. Ihr Mann ist Palästinenser.

Englischlehrerin Dr. Natalie Sawalha Tavil ist Jordanierin

Die Englischlehrerin schildert, dass sie versucht, den derzeitigen Alltag aus dem Unterricht herauszuhalten. Aber das gelingt natürlich nicht jeden Tag. Zumal auch die Situation zwischen Palästinensern und Israelis im Fach „Friedenserziehung“ eine Rolle spielt. Aber die Schule ist für Natalie großartig. „So weltoffen“, sagt sie. Passt nur nicht zur aktuellen Situation. Zur Debatte um den Gaza-Streifen und zu den Vorschlägen von US-Präsident Donald Trump hat sie eine klare Meinung: „Niemand lässt sich aus seiner Heimat herauskicken.“

Neben dem deutschen und einem einheimischen Abitur gibt es für die Schüler auch Umwelterziehung, die hierzulande an den wenigsten Schulen eine Rolle spielt. Und um das gleich einmal praktisch zu machen, erhält man in der Cafeteria für zehn abgegebene leere Joghurtbecher einen vollen Becher zurück. Ähnlich läuft es mit Plastikflaschen und anderen Dingen. Auch ein Gewächshaus gibt es hier. Und an der Berufsschule, zurzeit vor allem für Köche und Kellner, soll demnächst auch Nachhaltige Landwirtschaft unterrichtet werden.

Die Schüler scheinen es zu honorieren. „So viel Dankbarkeit habe ich an deutschen Schulen selten erlebt“, berichtet Jörg Bühler, der mit seiner Frau hier lebt und bereits zwei Jahre hier unterrichtet. Zu der in Deutschland viel diskutierten Frage zum Kopftuch schütteln beide Schulleiter den Kopf. Ein Verbot gebe es da nicht, eher eine stille Übereinkunft, sagt Birger Reese. Maria und Yasmin befragt, antworten etwas geheimnisvoll aber selbstbewusst. „Ich bin noch nicht bereit“, sagt Maria. Yasmin berichtet, dass ihre Mutter sie gefragt hätte, sie aber das Kopftuch nicht tragen wolle. Dann folgt die Aufklärung. Für eine Muslima sei diese Entscheidung eine „große Sache“, versuchen beide abwechselnd zu erklären. „Wenn ich das Kopftuch tragen möchte, dann ist das eine Entscheidung für mein Leben. Dann für immer“, sagt Maria im normalsten Ton der Welt. Jetzt denken beide erstmal über ein Studium in Deutschland nach. Die eine grübelt, ob sie überhaupt ein Visa erhält. Die andere rätselt, ob Pharmazie das Richtige sein könnte. Oder Mathematik vielleicht?

Umwelterziehung an der „Talitha Kumi“ wird groß geschrieben

Beide wollen sie unbedingt danach zurückkehren. Yasim: „Für uns Muslime ist die Familie das wichtigste. Ich habe um die 30 Cousins und Cousinen. Ich kann ohne Familie nicht leben.“ „30 Cousinen“, staunt Maria, dann müssen beide kichern und prusten laut los. Und sie gehen in ihren unbeschwerten Schulalltag. Ein Geschenk, vielleicht des Himmels, aber ganz sicher der Menschen, die hier unterrichten.

Über den Dächern von Jerusalem, im Hintergrund ist der Felsendom zu erkennen.

(Alle Fotos: Autor)

PS: Ich habe Israel für einige Tage verlassen. Die Familie ruft und auch die Bundestagswahl ist wichtig, wie selten. Anfang nächster Woche werde ich zurückfliegen. Auch, um den Tel Aviv Marathon zu erleben. Nun gut, ich gebe zu, ich habe mich für den Halben angemeldet. In der Schule in Beit Jala war ich genau vor einer Woche. Die nächsten Tage werde ich noch ein paar Foto-Impressionen nachschieben. Und nach der Wahl in Deutschland, gehts zurück. Aber Wahl muss sein. Wir haben sie… Schalom!

„Seit Netanyahu herrscht ein verschärfter Hass“

„Die Ultraorthodoxen sind nicht das Hauptproblem. Das Hauptproblem sind die Hooligans der Religion, die Nationalreligiösen.“ (Benediktiner-Abt Nikodemus zum Verhältnis zwischen Juden und Christen in Jerusalem)

(Foto: Dormitio Abtei/ Abraham Unger)

Er kommt aus Stuttgart. Er wächst in einer Künstlerfamilie auf. Er wird Theologe, promovierter Liturgiewissenschaftler, Ostkirchenkundler und Mönch. Mit 25 tritt er in den Benediktiner-Orden ein, mit 35 wird er zum Priester geweiht. Pater Nikodemus Schnabel lebt schon viele Jahre in der Benediktiner-Abtei Dormitio auf dem Berg Zion in Jerusalem, völkerrechtlich im Niemandsland zwischen Israel und Palästina gelegen. Er war ein Jahr lang im Auswärtigen Amt in Berlin für Kirchenfragen zuständig. Das Referat wurde abgeschafft, was ihn noch heute den Kopf schütteln lässt. Überall in der Welt nimmt der Einfluss der Religion – auch auf die Politik – zu, nur in Deutschland verzichtet die Politik auf wichtige Ratgeber.

Nach dem brutalen Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 war Nikodemus Schnabel einer der wenigen, die nach Israel wollten, und nicht weg von dort, berichtete er selbst im Podcast „kannste glauben“ des Bistums Münster.  Darum stand der Benediktiner Abt kurz nach dem 7. Oktober mit nur einer anderen Person am Grenzübergang um einzureisen. Auf der Gegenspur Scharen von Touristen, die das Land verlassen wollten. Kurz nach dem Angriff sei die Angst in Jerusalem spürbar gewesen. Das habe er bei abendlichen Spaziergängen deutlich gemerkt, erinnert sich Schnabel.

Wir kommen gleich in den ersten Tagen (noch vor den ersten Geiselfreilassungen) ins Gespräch, als ich dank einer guten Fügung und seiner Fürsprache auf dem Zionsberg in der Dormitio das Gartenhaus im Klostergaren beziehe. Abt Nikodemus hat eine klare Haltung zur aktuellen Situation in Israel: „Der 7. Oktober ist da nicht so entscheidend, sondern der Regierungsantritt dieser Regierung Netanyahu. Seither herrscht ein verschärfter Hass, auch ein verschärfter Christenhass. Der Minister für Nationale Sicherheit Itamar Ben-Gvir (vor wenigen Wochen zurückgetreten – d. Red.) ist ein Schwerstkrimineller und notorischer Christenhasser. 2015 hatten wir einen verheeren Brandanschlag in Tabgha, unserem zweiten Kloster am See Genezareth, von jüdischen Extremisten. Der freiwillige Verteidiger dieser Brandstifter war Itamar Ben-Gvir, der sich im Gerichtssaal unflätigst benommen hat. Der Minister ist ein Rassist. Diese Regierung war ein großer Wendepunkt.“

Die Dormitio Abtei auf dem Zionsberg ist immer wieder Übergriffen ausgesetzt

Auch zuvor habe es Anschläge auf das Kloster gegeben. Fenster wurden eingeworfen. Auch in der Abtei auf dem Zionsberg sei die Situation der Christen schwierig. Abt Nikodemus: „Aber das war immer in der Dunkelheit der Nacht. Es war mit allen Regierungen immer klar, so etwas ist nicht konsensfähig. Der 7. Oktober hat da natürlich auch für eine Verschärfung gesorgt, es fehlen die Pilger, es fehlen die Touristen – und damit fällt ein Schutzpuffer weg. Es fallen die Augenzeugen weg.“ Ein Krieg stärke immer die Ränder. „Es stimmt nicht pauschal, wenn es heißt, die Juden hassen die Christen. Ich bin hier nicht hauptberuflich Opfer von Extremisten, sondern es gibt auch eine große Solidarität. Es gibt die beiden Aspekte“, rückt Nikodemus Schnabel gerade.

Am 4. Februar 2024 gab es einen Vorfall, der bis nach Deutschland hin für Aufmerksamkeit sorgte. Ein Minderjähriger und ein etwa 20 Jahre alter Mann bespuckten den Abt und griffen ihn verbal an. Die Szene wurde live von der deutschen Journalistin Natalie Amiri festgehalten, die zum Zeitpunkt des Angriffs mit Schnabel ein Video drehte. „Normalerweise bin ich daran gewöhnt, dass man mich anspuckt – das ist eine ganz alltägliche Erfahrung, vor allem auf dem Berg Zion“, sagte Abt Nikodemus ein paar Tage nach dem Vorfall. Die Abtei liegt in einem jüdischen Viertel, in dem es viele religiöse Schulen und ultraorthodoxe Juden (Haredi) gibt, die die Anwesenheit von Christen nicht dulden.

Schon 2015 beschrieb Nikodemus Schnabel in seinem Buch „Zuhause im Niemandsland“ die Situation der Christen in der Heiligen Stadt – zwischen den Juden und den Moslems. Sie machen hier vielleicht zwei Prozent der Bevölkerung aus. Tendenz fallend. Nur noch zehntausend Christen zählen Statistiken in der Stadt. Von inzwischen 970.000 Einwohnern. Tendenz steigend. Also eher ein Prozent. Aber über 50 christliche Konfessionen! Man mag es in seinem Buch nachlesen. In der Ende Januar stattgefunden „Gebetswoche für die Einheit der Christen“ konnte man die Vielfalt erfahren – mit Gottesdiensten in anglikanischen, armenischen, evangelischen, römisch-katholischen, syrisch-orthodoxen, äthiopisch-orthodoxen und der Melkitischen Kirche. Abt Nikodemus gibt selbst Vorlesungen in Ostkirchenkunde im Theologischen Studienjahr am Benediktiner Kloster. Ein Artikel in diesem Blog beschäftigte sich mit den Studenten.

Man trägt die Kippa neuerdings in Jerusalem Trump rechts

Die Dormitio Abtei steht Seite an Seite mit dem Davids Grab. Was Abt Nikodemus in der immer gefährlicher werdenden Auseinandersetzung mit seinen jüdischen Nachbarn aber Sorge bereitet, sind nicht die ultraorthodoxen Juden. Er berichtet: „Das Hauptproblem sind die Hooligans der Religion, die Nationalreligiösen. Die Ultraorthodoxen, die ganz frommen, gehen nicht zum Militär, haben zehn Kinder und arbeiten nicht. Da ist viel Klischee dabei. Aber warum soll ich gegen jemanden sein, der nicht zum Militär geht? Wenn wir über den Krieg reden, haben die keinen Anteil. Für mich ist das kein Problem. Das Problem sind die nationalreligiösen Extremisten. Also sprich, die Extremisten der Siedlerbewegung. Die quasi sagen, Gott gibt uns den Segen für unser Handeln. Die wissen ganz genau, was Gott will, und nehmen das als Anlass, eine Moschee oder eine Kirche zu zerstören. In einer echten Religion suchen wir dagegen immer wieder, was Gott wirklich will.“ Wer Glaube ernst nehme, der könne nur einen weiten Horizont haben. Der könne nur die Nächstenliebe ernst nehmen. „Alle anderen sind für mich die Hooligans der Religion. Sie nehmen ihre eigene Religion nicht ernst“, sagt Abt Nikodemus.

Die Dormitio Abtei in Jerusalem (Fotos: Autor)

Für Schnabel ein Zeichen, dass die nationalreligiösen Juden ihre Religion gar nicht annehmen wollen. „Der letzte Angriff war am 4. Februar 2024, als mich zwei Nationalreligiöse am Shabbat angespuckt und körperlich angegriffen haben. Das ist das Unheiligste im Judentum, was man tun kann. Sie tun das, um Jesus zu schmähen und um mir das Kreuz herunterzureißen. Aber das würde niemals ein gläubiger Jude tun. Dem geht es um die Heiligung des Shabbats.“

Im übrigen ist das für Nikodemus Schnabel auch ein politisches Thema, ich hatte ihn hier schon einmal zur Situation zwischen der Hamas und den politischen Extremisten in der Regierung Netanyahu zitiert. „Es gibt nur Verlierer“, sagte er da. Jetzt ergänzt in Bezug auf die nationalreligiösen Israelis, die immer weiter in palästinensisches Gebiet vordringen: „Der Siedlungsbau macht die gesamte Sicherheitsarchitektur in der Region kaputt.“

Das Tor der Tränen

„Das Leben ist ein Privileg – lebt es bedeutungsvoll!“ (Mordechai Amujal, gefallener Soldat in Israel)

Jerusalems berühmtestes Tor ist wohl das Jaffa-Tor. Das behaupte ich jetzt mal ganz kühn – mit meinen Erfahrungen von einem Monat in dieser Stadt. Wahrscheinlich wird sich Merle, die ich hier kennengelernt habe, und die aus meiner Heimat kommt, totlachen über meine Forschheit. Und auch Joachim Lenz, der Probst von Jerusalem, wird einmal mehr weise den Kopf schütteln und sagen: „Wer zwei Wochen hier ist, möchte ein Buch schreiben. Wer zwei Monate hier ist, möchte einen Artikel schreiben. Wer zwei Jahre da ist, möchte lieber gar nichts mehr sagen.“ Aber nun bin ich hier, und schreibe mir meine Erlebnisse von der Seele. Urteilt huldvoll.

Das Jaffa-Tor führt von der Neustadt – auch Weststadt – in das christliche und armenische Viertel sowie in die gesamte Altstadt. Es stammt aus dem 6. Jahrhundert (n. Chr. – das ist hier wichtig, weil es gibt auch viele Bauwerke v. Chr.). Der Weg durch das Tor beschreibt eine 90°-Kurve, wodurch Angreifer daran gehindert werden sollten, schnell durch das Tor zu brechen – ein Knicktor. Und es gibt eine berühmte Legende, wie zu allem hier – wir sind in Jerusalem. Für den Besuch des deutschen Kaisers Wilhelm II. im damaligen Osmanischen Reich zur Einweihung der Erlöserkirche 1898 sei neben dem Tor ein kleines Stück der Stadtmauer abgerissen worden, damit olle Wilhelm zu Pferde in die Stadt einziehen konnte, wie ein Eroberer. Nach muslimischer Tradition. Stimmt nicht. Wie gesagt, das ist eine Legende. Sultan Abdüllhamid II. ließ die Mauer einreißen, um dem beginnenden Autoverkehr und großen Fuhrwerken Einlass in die Altstadt zu gewähren.

Heute ist das alte Stadttor mit Stickern vollgeklebt. Mit Stickern von Fotos und Lebenssprüchen gefallener Soldaten, wie man sie hier überall vorfindet – an Bushaltestellen, Laternenmasten, Stromkästen, Türen… Merle spricht vom Stickermuseum. Für mich ist es eher ein Tor der Tränen. Junge Gesichter, lachende Männer und Mädchen mit viel zu frühen Sterbedaten.

Sticker toter Soldaten am Jaffa Tor

Einer von ihnen ist Mordechai Amujal. Er fiel im Oktober 2024 im Südlibanon. Merle Hofer hat auf ihrem Portal „Israelnetz“ über ihn geschrieben. Mordechai wurde 42 Jahre. Er hatte sein Ingenieur-Studium einst mit Auszeichnung bestanden, bat aber seine Frau, das niemandem zu verraten. Er hat sechs Kinder. Seine Frau heißt Rina, sein Vater Aaron. Dieser sagte bei der Beerdigung auf dem Herzl-Berg in Jersualem, fünf Minuten vom Holocaust Museum Yad Vaschem entfernt: „Für mich und deine Mutter war es ein Geschenk, dass wir dich großziehen durften.“ Und: „Rina, wir werden dich niemals allein lassen. Wir werden immer für dich und die Kinder da sein.“

Mordechai Amujal, gefallen am 23. Oktober 2024 im Süd-Libanon

Eigentlich hätte Mordechai nicht zum Kriegsdienst eingezogen werden können, wie gesagt, er hat sechs Kinder. Aber er hatte sich freiwillig gemeldet. Er trat seinen Dienst in der Carmeli-Brigade, im Bataillon 22, an, als der Krieg im Norden gegen die Hisbollah losging. „Nicht etwa aus Abenteuerlust oder weil du Langeweile hattest. Auch nicht, weil du diesen blutigen Krieg gutheißt. Sondern weil du Verantwortung übernehmen wolltest. Und weil du verstanden hast, dass es bei diesem Krieg um die Existenz deines Landes, deines Volkes und deiner Familie geht“, schreibt Merle Hofer auf Israelnetz.

Und sie notiert in ihrem sehr persönlichen Artikel, den ihr hier lesen könnt, auch: „Als dein Vater, dein Bruder und dein Sohn Nadav – mit seiner hellen kindlichen Stimme und mit seinen zwölf Jahren noch nicht einmal religionsmündig – gemeinsam das Kaddisch, das Totengebet, sprachen, da blieb wohl kein Auge trocken.“ 250 Tage war Mordechai im Einsatz, nicht mal ein Jahr. Sein Lebensmotto hat seine Familie auf den Sticker drucken lassen, der jetzt hundert- wenn nicht tausendfach in Israel präsent ist. „Das Leben ist ein Privileg – lebt es bedeutungsvoll!“

Screenshot von der Spendenplattform für Mordechais Familie mit seiner Frau Rina und den Kindern Shira (13), Nadav (12), Ayana (10), Tamar (8), Dror (6) und Talia (4)

Ein anderer Sticker am Jaffa Tor zeigt das Foto von Uriah Bayer. Ein fröhlicher junger Mann mit deutscher Staatsbürgerschaft, Sohn einer deutschen christlichen Familie. Kurz vor Weihnachten starb er nach schweren Verletzungen in Gaza. Der Oberstabsfeldwebel war bei Kämpfen im Gazastreifen am Kopf verwundet worden. Mehrere Medien berichteten über eine „bemerkenswerte Geschichte“ eines „aufrechten und freundlichen“ jungen Mannes. Israels Staatspräsident Jitzchak „Bougie“ Herzog nahm gelegentlich bei offiziellen Empfängen den Einsatz eines deutschen Staatsbürgers als Beleg für den gerechten Einsatz der israelischen Armee im Gaza Steifen. Was für eine Unverfrorenheit.

Uriahs Großeltern und Eltern waren 1972 nach Israel gekommen und hatten 1984 im nordisraelischen Ma’alot das Pflegeheim „Beit Eliezer“ für Holocaust-Überlebende gegründet. Es wird heute vom Vater des toten Soldaten geleitet. Mit der Gründung wollte die Familie Sühne für die Verbrechen der Nazis tun, verlautete von Bekannten der Familie. Seine Schwester Odelia sagte der israelischen Zeitung „Yedioth Acharonoth“ vor vier Jahren über das von deutschen Christen betriebene Altenheim in der nordisraelischen Stadt: „Mein Großvater erinnerte sich sehr gut daran, wie in Nazideutschland unschuldige Juden misshandelt wurden. Sein Traum war, etwas wieder gutzumachen, dem jüdischen Volk zu helfen.“

Uriah und seine Familie haben keine israelische Staatsbürgerschaft. Der 20-Jährige hatte keine Verpflichtung zum Wehrdienst und meldete sich als deutscher Israeli freiwillig zur Armee. „Der Herr ist mein Licht“, steht auf seinem Sticker in Deutsch. Und: „Vergiss nicht zu lächeln!“

Bekannt geworden ist auch die Geschichte des 21-jährigen Ivri Dickstein. Einen Sticker von ihm konnte ich bislang noch nicht entdecken. Sein von ihm zum Sabbat in Auftrag gegebener Blumenstrauß erreichte seine Frau, als sie von seiner Beerdigung zurückkam. Auch das ist Israel in diesen Tagen.

Der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer von den Grünen hat im Zusammenhang mit den Kriegsverbrechen von Slobodan Milošević im Kosovo im Mai 1999 gesagt: „Um den Frieden zu erreichen, würde ich sogar dem Teufel die Hand schütteln.“ Das war noch Politik. Das waren noch Politiker.

Den Toten helfen keine gewonnen Kriege.

P.S. Als ich diesen Text im Kopf formte, hatte die Hamas noch nicht das Abkommen über die Geiselfreilassungen gebrochen. Jetzt finde ich ihn um so nötiger.