„Ich bin eine Deutsche, der man nicht ansieht, dass sie schon mal Krieg erlebt hat…“ (Martha Heider aus Ludwigslust)

Afula ist soetwas wie eine Nichtstadt, sagt mir Mishel in Jerusalem. „Was willst du in Afula? Da fährt man durch, wenn man nach Tiberias möchte, und gut.“ Dabei ist die Oberstadt sehr schön, finde ich, als ich ankomme. In den Bergen und mit schönen Häusern. Hier liegt auch das Beit Uri, ein Mini-Kibbuz, ein kleines Dorf, in dem Menschen mit Benachteiligungen betreut werden, auch von Freiwilligen aus Deutschland. Aber dazu kommen wir noch. Ich will es gleich vorwegschicken und neuen Fragen vorbeugen, die Flüchtlingsströme in Nord-Gaza und der Geisel-Austausch gehen nicht an diesem Blog vorbei. Mein Besuch im Westjordanland füllt den nächsten Teil
Im Reiseführer steht, Afula sei bekannt für seine Falafel. Nun gut, es muss halt immer was im Reiseführer stehen. Warum sollte man sonst in Afula Halt machen. Mein Freund Uwe Seppmann vom Beth Emmaus in Loiz bei Sternberg, der nicht nur ein christliches Gästehaus führt, sondern auch Hebräisch-Kurse gibt, hat über ein paar Ecken Martha Heider aus Ludwigslust für einen Freiwilligendienst in Israel begeistert. Nun zugegeben, Afula ist kaum größer als Ludwigslust. Und Menschen mit Beeinträchtigung kann man in den Lewitz-Werkstätten auch helfen. Und doch scheint Afula für Martha entscheidend anders.

„Es sind die Menschen, die mich hierher ziehen. Es ist alles wie eine große Familie. Hier ist es total normal, dass man zu seinem Glauben steht“, erzählt Martha. Als sie vor zwei Jahren in ihrer Klasse am Goethe-Gymnasium in Ludwigslust ihren Mitschülern von ihren Plänen erzählte, wurde sie nur gefragt: „Bist du jüdisch, oder was?“ Damals in der 11. hatte Martha bei Uwe Seppmann angefangen, Hebräisch zu lernen. Die Eltern sind befreundet. Hebräisch fiel ihr leicht. „Und eines Morgens bin ich aufgewacht, und wusste, ich muss da hin.“ Uwe Seppmann hat schon andere junge Leute von Israel begeistert, u.a. auch die Enkelin von Pastor Uwe Holmer, der 1990 Erich Honecker und seine Frau Margot bei sich aufnahm, und viele mehr. Ich würde mich ja auch gerne dazu zählen, lieber, Uwe, aber ich bin nicht mehr jung. So what.
„Junge Leute zieht es in den letzten Jahren verstärkt nach Israel in einen freiwilligen Dienst“, erzählt mir Uwe. „Als Vorbereitungshilfe biete ich Einführungskurse mit Sprachlehrgängen an. Organisiert wird das in der Regel von kirchlichen oder freikirchlichen Organisationen. Martha ist kurz vor dem Gaza-Krieg nach Israel geflogen. Wurde dann aber zurückgerufen. Doch persönliche Beziehungen lassen sich nicht durch staatliche Verordnungen auseinanderreißen.“ Uwe war selbst in den 70er Jahren lange in Israel. Er betreute u.a. behinderte Überlebende des Holocausts. Einem Anschlag in Nablus auf einen Bus der Aktion Sühnezeichen entging er nur knapp. Seine Liebe zu Israel tat dies keinen Abbruch.

Martha Heider kam mit anderen Freiwilligen aus Köln, München, Bonn, Fulda, Dresden am 23. August 2023 nach Israel. Es war ihr Traum, bevor sie ein Studium für Kinder- und Jugendtherapie in Nordhausen beginnen will. „Ich wollte weg aus Deutschland“, erzählt sie. „Nach der Schule in Ludwigslust einfach weg, die Welt anschauen.“ Erst dachte sie an Südamerika, auch Südafrika hätte sie sich vorstellen können. Aber dann kam eben die Sache mit dem Hebräisch. „Ich wollte das weiter machen.“
Doch nach sechs Wochen änderte sich alles. Für Martha. Für ihre Freundin Marie aus Fulda, die in Jerusalem in einem Kloster als Freiwillige die Öffentlichkeitsarbeit betreut. Und für viele andere aus ihrer Organisation „Internationaler Jugendfreiwilligendienst“ . Sie trafen sich bei einem Besuch in Jerusalem am 7. Oktober als die Hamas im Süden ein Musikfestival und auch den Kibbuz Nir Oz überfiel. Am 12. Oktober wurden sie evakuiert. Aufregende Tage. Die Eltern telefonierten sich die Finger wund, um einen Flug zu bekommen. Die Lufthansa war komplett ausgebucht. Aber schließlich schafften es doch alle 23 Freiwillige in einem Flugzeug zurückzukommen. Zu ihren Einsatzorten durften sie damals nicht mehr zurück. Es gab nur noch eine Reaktion nach dem Massaker im Süden: Zurück nach Deutschland – und das so schnell wie möglich.

Seitdem mochte Martha Jerusalem nicht mehr. „Wir mussten dort fünf Tage ausharren. Keiner wusste, was kommt. Ich fand es sehr dramatisch und wollte nicht gehen. Es war nicht leicht.“ Doch zu Hause in Ludwigslust wurde ihre Stimmung nicht besser. Martha war schlecht gelaunt. Sie blies Trübsal. Bis schließlich ihr Vater sie nach Weihnachten 2023 fragte, ob sie nicht zurückkehren wolle. „Meine Eltern haben mich immer unterstützt. Mit der Organisation ging das natürlich offiziell nicht mehr. Da gab es ja die Reisewarnungen der Regierung. Aber mein Vater fragte mich, ob ich schonmal überlegt habe, als Tourist zurück zu kehren. Da wusste ich, was ich zu tun habe“, schildert Martha diese Situation. „Ich würde immer wieder zurückkommen“, sagt sie mir, wohl wissend, dass sie Ende März nach Deutschland für ihr Studium zurückkehrt.
Es ist Freitagvormittag Ende Januar 2025 im Beit Uri. Die Vorbereitungen für den Sabbat laufen. Im Café von Beit Uri in Afula wird um zehn Uhr morgens ein Geburtstag gefeiert. Martha soll auf dem Klavier spielen, eines der Instrumente, die sie beherrscht. Langsam treffen die Gäste in dem kleinen Café des Behindertendorfes ein. Neun Häuser gibt es hier, in denen 120 bis 130 Residents wohnen, also schlicht Bewohner. Martha arbeitet in einem der Häuser, betreut die Menschen dort, macht Musik mit ihnen. Andere töpfern, gärtnern, weben oder pflegen Tiere. „Sie macht einen harten Job“, sagt Ruth aus dem benachbarten Sabra House, in dem man sich der Erinnerung an den Holocaust und den Überlebenden widmet. Ruth muss es wissen, sie ist dreimal so alt wie Martha, die hier im letzten Mai erst ihren 19. Geburtstag feierte.

In „Beit Uri“ wird an diesem Freitag vor dem Sabbat Asaf, der Sohn von Henia Elior, gefeiert. Heute bleibt der Krieg mal außen vor. Asaf wohnt bereits 24 Jahre in „Uris Haus“. Die Einrichtung für Menschen, die eine besondere Hilfe benötigen, wurde in den 30er Jahren von der Tschechin Devora Schick gegründet. Sie floh damals mit ihrem behinderten Sohn Uri nach Palästina, um ihn vor der Gewalt der Nazis zu bewahren. Solche Geschichten begegnen einem hier auf Schritt und Tritt. Nachdem ihr Sohn gestorben war, widmete Devora Schick ihr Leben der Pflege und der Versorgung von Kindern mit Behinderung. Nun trägt dieses Haus den Namen ihres Sohnes. Sie selbst lebte bis zu ihrem Tod 2002 hier.

Es ist eine fröhliche Geburtstagsfeier für Asaf. Viele Gäste kommen. Die Israelis sind feierfreudige Menschen. Ihr Glaube hält viele Feiertage für sie bereit. Vielleicht ist es auch der Krieg, der ihnen den Wert des Lebens bewusst macht. Martha erzählt mir in den Stunden unseres Treffens von den Tagen im letzten Oktober, als die WarnApps Wellen von Angriffen aus dem Iran ankündigten. Heute wissen wir, dass die meisten der 200 ballistischen. Raketen abgefangen wurden. Damals saß Martha stundenlang im Bunker. „Alle Soldaten und Soldatinnen sind in meinem Alter“, sagt sie mehr zu sich als zu mir. „Das kann sich in Deutschland niemand vorstellen, dass Eltern hier auf diese Weise loslassen müssen.“ Inzwischen ist von knapp 800 israelischen Toten die Rede. „Ich bin eine Deutsche, der man zu Hause nicht ansieht, dass sie schon mal Krieg erlebt hat…“, sagt Martha Heider aus Ludwigslust.

In Israel feiert man das neue Jahr niemals mit Feuerwerk. Zu sehr sitzt den Menschen der Geschosslärm im Bewusstsein. „Jede Generation hier hat einen Krieg erlebt“, resümiert die 19-Jährige aus Deutschland, erstaunlich reif, bevor sie sich an diesem Sabbat als Freiwillige aus Deutschland ans Klavier setzt, und ihren Residents und deren Gästen Lieder zum Geburtstag vorspielt.

Ein Autor auf einer Geburtstagsfeier in Israel (Fotos: Autor)