Ich schaffe keine Wunder, ich verwende einfach und vergeude viel Farbe… (Claude Monet, Datum unbekannt)

Mal ehrlich, denken wir an den Impressionismus, denken wir an Frankreich. Genauer gesagt an Paris. Irgendwann zwischen 1860 und 1910. Oder so. Wir denken an die Ecole des Beaux-Arts. Wir sagen Claude Monet, Auguste Renoir, Pissaro, Manet, Degas. Wir sehen Bilder unter freiem Himmel (Pleinair), Farben, Farben, Farben und einen lockeren Pinselstrich. „Irgendwann war das Schwarz alle, dann malten wir blau“, habe ich mal irgendwo gelesen. Oder habe ich das nur geträumt?
Die Farbe ist der Hauptdarsteller. Dazu etwas französisches Laissez-Faire – fertig ist der Impressionismus. In diese schöne Stimmung platzt just der deutsche Kritiker und Realist Adolf von Menzel (1815 – 1905), und meckert spitz: „Der Impressionismus ist die Kunst der Faulheit.“ Na, ist doch typisch Deutsch, oder? Unser Vorurteil ist bedient. Wenn der Impressionismus halt nicht so schön wäre. „Ich träume ein Gemälde, dann male ich meinen Traum“, wird der Post-Impressionist Vincent von Gogh zitiert. Nun ja, nicht alle seine Träume waren schön.
Und jetzt kommt das Museum Barberini in Potsdam daher und will mit seiner neuesten Ausstellung beweisen, dass der Impressionismus genauso zu Deutschland gehört wie zu Frankreich. Die Namen habe wir irgendwie alle schon mal gehört: Lesser Ury, berühmt für seine Berliner Straßenszenen bei Regen, Fritz von Uhde, Sabine Lepsius…. Und natürlich Max Slevogt, Lovis Corinth und Max Liebermann. Der Impressionismus hat auch ein deutsches Gesicht.

Liebermann war der Kopf der Berliner Secession und Wegbereiter der Moderne in Deutschland. Er war aber auch verrufen als „Arme-Leute-Maler“ und wurde am deutschen Kaiserhof gern als „Gossenmaler“ geschmäht. Dazu kommen wir noch.
„Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland“ zeigt seit Freitag (28. Februar) bis Anfang Juni in Potsdam mit über 110 Werken aus mehr als 60 internationalen Sammlungen eindrucksvoll die Entwicklung des Impressionismus in Deutschland. Eine der bislang umfangreichsten Ausstellungen dieser Art. Die letzte Liebermann-Schau fand 2004 in Hamburg statt.
Die Ausstellung würdigt Max Liebermann nicht nur als zentralen Künstler, sondern auch als Sammler, Ausstellungsmacher und Mentor. Als Präsident der Berliner Secession war Liebermann im erzkonservativen Kaiserreich, Wilhelm I. hatte sich 1871 im Spiegelsaal des Schlosses Versailles zum ersten deutschen Kaiser ausrufen lassen, eine Stimme für Internationalität und künstlerische Erneuerung. Dünnes Eis am Kaiserhof.

Im Hintergrund Liebermanns Bild „Freistunde im Amsterdamer Waisenhaus“ (1881/81), Städelmuseum Frankfurt am Main. Eines der Bilder, die Liebermann den Ruf als Arme-Leute-Maler einbrachten. ©Städelsches Museums-Verein e.V.
Liebermann war bald nach Kriegsende, 1873, nach Paris gegangen. Die Stadt befand sich noch im Wiederaufbau. Der Maler entdeckte – wie vor ihm die französischen Impressionisten – die Freilichtmalerei. Wiederholt stellte er danach im Pariser Salon aus, etwa 1882 sein Gemälde „Freistunde im Amsterdamer Waisenhaus“.
Für die Organisation des deutschen Pavillons auf der Pariser Weltausstellung wurde er 1889 in die Société des Beaux-Arts aufgenommen. Und das, obwohl Kaiser Wilhelm I. den deutschen Künstlern die Teilname an der Weltausstellung 1889 untersagt hatte.
Für den inoffiziellen deutschen Beitrag auf der Weltausstellung wählte er naturalistische oder unter freiem Himmel gemalte Szenen deutscher Künstler wie etwa Fritz von Uhde und Wilhelm Trübner aus, die mit der offiziellen Kunst des Kaiserreichs brachen. Unter den sechs eigenen Werken waren dem französischen Publikum nur „Die Netzflickerinnen“ neu. Alfred Lichtwark erwarb es danach für die Sammlung der Hamburger Kunsthalle. Nach Liebermanns Vorstoß sollte die kaiserliche Kunstpolitik noch weitere fünfzehn Jahre lang die Außenwirkung bestimmen, berichtet Ortrud Westheider, Direktorin im Barberini und Kuratorin der Ausstellung. Und doch war ein Anfang gemacht.

Für schlichte Straßenszenen wählte Liebermann ambitioniert große Leinwände, die nach dem Regelwerk der Akademie der Historienmalerei vorbehalten blieben sollten, was dem Künstler den Ruf als Gossenmaler einbrachte
Im Gegenteil zum französischen Impressionismus, der oft den schönen Augenblick in der Landschaft gefangen hielt, malten die deutschen Impressionisten Familienszenen, Straßenszenen oder auch Theaterbilder. Besonders die in Potsdam ebenfalls zu sehenden „Waisenkinder in Lübeck“ (1884), „Freistunde im Amsterdamer Waisenhaus“ (1881/82) oder die „Judengasse in Amsterdam“ (1909) brachten Liebermann seinen Ruf als „Arme-Leute-Maler“ oder eben als „Gossenmaler“ ein.
Malerkollegen wie Lesser Uri, Sabine Lepsius oder Max Slevogt widmeten sich Kinderbildern – eine Mode im aufstrebenden Bürgertum, die eigenen Kinder porträtieren zu lassen-, dem Theater oder auch Haus und Garten.

Kinderbilder beflügelten im aufstrebenden Bürgertum zu jener Zeit den Geist der Reformpädagogik, die den Religionsunterricht und Militarismus kritisierte
Am 15. April 1901 bat Liebermann den Journalisten Théodore Duret, ein begüterter Republikaner, der den Cognac-Handel seines Vaters in Europa vertrat, um Unterstützung für eine große Impressionisten-Ausstellung in Berlin. Er fragte nach der Möglichkeit, ein Gemälde von Manet aus Durets Sammlung auszuleihen, und bat ihn, ein weiteres Bild des Malers aus französischem Privatbesitz zu vermitteln. Der Ton war freundschaftlich und vertraut. Wiederum ging es um dasselbe Anliegen: dem Impressionismus zum Durchbruch zu verhelfen. Duret wurde wie bereits bei den französischen Impressionisten um Monet und Manet ein journalistischer Wegbegleiter des deutschen Impressionismus, u.a. mit seinem 1909 erschienenem Buch „Die Impressionisten“ im Verlag von Bruno Cassirer.
Ab 1915 widmete sich Liebermann überwiegend seiner Villa am Wannsee, heute Erinnerungs- und Gedenkstätte, und dem selbstangelegten Garten dort. Vom wachsenden Antisemitismus in Deutschland verbittert, fand der Künstler hier seit den 1920er Jahren seinen Rückzugsraum.

Der Maler starb zwei Jahre nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, die der modernen Malerei in Deutschland ein abruptes Ende setzten. Seine Witwe Martha Liebermann beging 1943 wenige Tage vor der geplanten Deportation nach Theresienstadt Suizid. Tochter Käthe und Enkelin Maria waren bereits 1938 in die USA geflohen. Liebermanns Sammlung französischer Impressionisten ist heute international verstreut, während seine Villa am Wannsee als bedeutendes kulturelles Vermächtnis und politisches Mahnmal erhalten bleibt.

Die Theatristik beschäftige die deutschen Impressionisten stark. Es ist überliefert, dass der portugiesische Bariton Francisco d‘Andrade den „Don Giovanni“ in der Mozart-Oper 1902 im Theater des Westens in seiner Arie so feurig interpretierte, dass das Orchester ihm folgte und der Dirigent den Taktstock wutentbrannt ins Orchester warf.





