Das Hotel mit dem schlechtesten Ausblick der Welt -Westjordanland

Walls are hot right now, but I was into them long before Trump made it cool.” (Der britische Street-Art-Künstler Banksy „Mauern sind im Moment angesagt, aber ich war schon lange auf sie fixiert, bevor Trump sie cool machte.“)

Da ist es also, das Hotel mit dem schlechtesten Ausblick der Welt. Hier an der Mauer in Bethlehem, die an dieser Stelle 8 Meter hoch ist. Und die auf viele Tausende Meter den Blick auf die Berge rundum versperrt. Und auf die Freiheit. Und auf die Welt. Und auf Israel. Und seit dem 7. Oktober ist alles noch einmal schlimmer geworden. Dazu später.

„The Walled Off Hotel“ wurde vom wahrscheinlich bekanntesten unbekannten Künstler der Welt eingerichtet und gestaltet. Banksy, der in Deutschland gerade gefeierte Brite aus Bristol. Bei seiner Einweihung 2017 war das Hotel ein Statement Banksys. 50 Jahre nach dem Sieben-Tage-Krieg. 100 Jahre nach der Balfour-Deklaration, mit der Großbritannien als Mandatsmacht 1917 sein Einverständnis zur Errichtung eines jüdisches Staates gab. „Es ist exakt 100 Jahre her, dass Großbritannien die Kontrolle über Palästina übernommen und damit begonnen hat, die Möbel umzustellen – mit chaotischen Resultaten. (…) Ein guter Zeitpunkt, darüber zu reflektieren, was passiert, wenn das Vereinigte Königreich große politische Entscheidungen trifft, ohne die Konsequenzen zu begreifen“, wird Banksy zitiert.

Das könnte man heute natürlich überall in den Krisengebieten dieser Welt mit wechselnden Mächten zitieren. Vor allem mit den USA – nicht erst seit Donald Trump. Aber zur Stunde ist Trump wieder dabei, sich einzumischen. Und zwar genau hier in der Westbank

Das eingemauerte Hotel (Walled off Hotel) ist eine Anspielung auf die Luxus-Hotelkette Waldorf Astoria. 10 Kilometer entfernt im Stadtkern Jerusalems ist ein Waldorf Astoria-Hotel eine der teuersten Adressen.

Das abgeriegelte Hotel nur vier oder fünf Meter gegenüber der Mauer hat alles, was ein Hotel haben muss. Acht Zimmer und eine Präsidentensuite. Am Eingang einen Stofftier-Schimpansen als Portier-Attrappe, der in Banksys Werken immer wiederkehrt. Das Highlight bei der Hotel-Einweihung war das Zimmer 3, Banksys Room. Hier hat der Künstler über dem Kingsize-Bett eines seiner Graffitis an die Zimmerwand gesprüht. Ein Palästinenser und ein Israeli bei einer Kissenschlacht. Der Nachbau schmückt aktuell nahezu jede der Banksy-Ausstellungen, die derzeit in Europa und der Welt touren. Und es mag dem linksintellektuellem Betrachter einen wohligen Schauer der Solidarität mit dem palästinensischen Volk über den Rücken jagen. Wie aufgeschlossen wir doch sind.

In einer Banksy-Schau in Hamburg, anderer Beitrag, selber Blog

Aber längst ist aus der Kissenschlacht, die nie eine war, einmal mehr blutiger Ernst geworden. Seit dem Terrorüberfall der Hamas am 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden Krieg Israels gegen die Hamas und andere Terrororganisationen – mit Kriegsverbrechen auf beiden Seiten und einem internationalen Haftbefehl gegen Benjamin Netanyahu. Jeder kann das Leid in den Nachrichten verfolgen.

Das Hotel ist seit dem 12. Oktober 2023 geschlossen. Der Ausblick bleibt verbaut, von der Mauer gegenüber, die längst über und über mit Graffitis – auch vom Künstler selbst – besprüht ist. Ein Ausblick auf die Realität der Menschen im Westjordanland. Eingemauert, eingesperrt, und doch ebenso im Heiligen Land lebend wie auf der anderen Seite. Hier in Bethlehem steht die Geburtskirche Christi. Im acht Kilometer entfernten Jerusalem steht seine Grabeskirche. Nicht weit gekommen im jungen Leben, der jüdische Prophet. Und doch wäre Jesus heute ohne Permit, Einreisegenehmigung, nicht mal soweit gekommen.

Rund um das Hotel finden sich Banksys Graffitis – ob von ihm oder nicht

Hier vor Ort, an der Acht-Meter-Mauer und den Checkpoints läuft dem Betrachter im Westjordanland kein wohliger, sondern ein kalter Schauer über den Rücken. Zumal, wenn man weiß, wie es ist, hinter einer Mauer zu leben, wie als Ostdeutscher… Wie in Zypern, Mexiko zu den USA, oder Nordkorea. Natürlich maße ich mir nicht an, das elende Leben in Nordkorea oder sonstwo zu beurteilen. Aber beklemmend ist es hier auch, selbst wenn man nur Besucher ist.

Mein Fahrer Hasan fährt mich ein ganzes Stück entlang der Mauer. Sightseeingtour für Grummeln im Bauch. Sagen will Hasan nichts über die Situation in Gaza oder hier im Westjordanland. Noch nicht, später schon. Ihn, der sieben Kinder hat, und der mir ihre Fotos auf dem Handy zeigt, beschäftigen in diesen Tagen und Monaten, 486 Tage nach dem Hamas-Angriff und Kriegsbeginn, nicht die Flüchtlingsströme, die derzeit wieder Nord-Gaza erreichen. Ihn und seine Kollegen am Busstop treibt nur eines um: Keine Touristen, kein Geld, nichts zu beißen für die Familie mit den vielen Kindern. So klagt Hasan – auch wenn er mich gerade abgeschleppt hat.

Acht Meter hohe Mauern an der Grenze im Westjordanland

Die gleichen Klagen höre ich auch auf der anderen Seite der Mauer, wenn ich durch Jerusalems Innenstadt gehe und jeden dritten Laden mit schweren Eisentüren verrammelt vorfinde. Auch auf der israelischen Seite klagen die Händler, dass sie seit den besonders harten Corona-Beschränkungen in Israel keine Einnahmen mehr haben. Die Pilger bleiben weg, die Touristen erst recht. Mit Reisewarnungen belegt. Auf beiden Seiten die selben Sorgen. Und doch kommen beide Seiten nicht zueinander. Irgendjemand – habe vergessen, wer es war – sagte mir in den letzten Wochen, Kriege in Israel seien stets kurz gewesen, danach konnte sich die Wirtschaft wieder erholen. Netanyahu galt als Mann der Wirtschaft. Gerade deshalb verstehen hier viele nicht, warum das Töten anhält. Warum Netanyahu das Land leiden lässt.

Ich bin am späten Vormittag in Jerusalem aufgebrochen und habe mir den Bus 231 nach Bethlehem gesucht, um die Geburtskirche zu besuchen. Und um mit den Leuten zu reden. Die Fahrt über die 8 Kilometer dauert nur 25 Minuten. Doch es ist eine Fahrt in eine andere Welt, in die arabische Welt. Hasan steht wie viele andere Taxifahrer am Bus. Obwohl man die 1,7 Kilometer zu Geburtskirche hinauf locker laufen kann, gebe ich ihm ein paar Schekel, damit er mit mir eine Stadtrundfahrt macht. Und wie auf Bestellung hält er schließlich auch vor einem Haus und in der Innenstadt, ein Stück hinter der Geburtskirche. „Come my friend, I show you my Family.“ Die Kinder sind in der Schule, aber plötzlich finde ich mich von Nachbarn, alten Männern und und ein paar Jugendlichen umringt. Plötzlich bin ich mittendrin.

Kaum jemand hat noch Arbeit, klagen sie hier. Der Tourismus war eine Quelle. Aber Israel hat nach dem 7. Oktober auch alle Arbeits-Visa eingezogen. 200.000 Menschen verloren auf diese Weise ihren Job, recherchiere ich später. Man könne sich nicht mehr im eigenen Land bewegen, klagt ein anderer. Und er meint damit nicht den Weg über die Grüne Linie zwischen dem Westjordanland und Israel mit der 759 Kilometer langen Mauer. Nein, auch zwischen den Orten. 1400 Kilometer war der eiserne Vorhang in Deutschland. Aber die DDR hatte 108.000 Quadratkilometer, die Westbank 6000, kaum mehr als ein Zehntel.

Auf der Westbank gibt es inzwischen 900 Checkpoints. „Wir können nicht mal mehr unsere Onkel und Tanten besuchen“, schimpft ein junger Mann. Das Westjordanland ist knapp größer als der Landkreis Mecklenburgische Seenplatte rund um Neubrandenburg. Besuche über die Mauer nach Israel, die nach der zweiten Intifada seit 2005 um das ganze Westjordanland gezogen wurde, sind kaum noch möglich. Dort hatte man früher Freunde. „Es gibt inzwischen junge Palästinenser, die waren noch nie in Israel, und umgekehrt“, grummelt ein Älterer. „Wie sollen wir je wieder zusammenleben.“ Woran erinnert mich das als Ostdeutscher?

Die Mauer von der israelischen Seite aus gesehen.

Drei Millionen Palästinenser wohnen im Westjordanland. 500.000 israelische Siedler haben sich inzwischen völkerrechtswidrig hier breit gemacht. Und nach dem 7. Oktober nahmen auch deren Angriffe immer mehr zu. 1400 Übergriffe habe es 2024 gegeben, recherchiere ich. 26.000 Olivenbäume wurden abgebrannt. 8700 Wohnungen von Siedlern entstanden neu.

Ja, es gibt auch hier im Norden, u.a. in Dschenin, wo ein großes Flüchtlingscamp ist, Angriffe von Terroristen der Hamas oder des Islamischen Tschihad. Anlass für Israel im rein völkerrechtlich palästinensisch verwalteten Gebiet, Einsätze zu fliegen und mit Waffen einzugreifen. Das schwächt die palästinensische Polizei im Ansehen. In der Politik spricht man inzwischen offen über eine Gazafikation der Westbank. Eine Zusage Netanyahus an die Rechtsextremisten in seiner Regierung im Gegenzug zu Waffenruhe in Gaza? Hasan versteht nichts von Politik. Er weiß nicht, was er dazu sagen soll, und lacht ein wenig verlegen. „My friend, this is not Gaza.“

In politischen Kreisen in Jerusalem spricht man offen darüber, dass die Reise Netanyahus zu Donald Trump in diesen Tagen, mit einer Zusage des US-Präsidenten für eine weitere Besetzung des Westjordanlandes enden könnte. Das Ende irgendeiner Zwei-Staaten-Lösung. Aber ist das zu weit hergeholt? In Jerusalem werden bereits die Kippas mit dem Trump-Foto verkauft…

Man trägt die Kippa in Jerusalem neuerdings t(r)ump rechts , auch wenn er hier links liegt

Als ich auf der Fahrt zurück in den Bus 231 steige, um nach Jerualem zu kommen, halten wir am Checkpoint auf einer Autobahn. Alle müssen aussteigen. Alle, vor allem Frauen, müssen ihre Papiere zeigen. Ein Mann wird zurück geschickt, Ich werde gründlich kontrolliert, Pass, Visa, die neue ETA-Genehmigung. Das dauert nur 20 Minuten. Aber 20 Minuten ein Scheiß-Gefühl ist auch genug.

Der Autor in Behtlehem

(Fotos: Autor)

„Alle Soldaten sind in meinem Alter. „

„Ich bin eine Deutsche, der man nicht ansieht, dass sie schon mal Krieg erlebt hat…“ (Martha Heider aus Ludwigslust)

Martha Heider im Beit Uri in Afula

Afula ist soetwas wie eine Nichtstadt, sagt mir Mishel in Jerusalem. „Was willst du in Afula? Da fährt man durch, wenn man nach Tiberias möchte, und gut.“ Dabei ist die Oberstadt sehr schön, finde ich, als ich ankomme. In den Bergen und mit schönen Häusern. Hier liegt auch das Beit Uri, ein Mini-Kibbuz, ein kleines Dorf, in dem Menschen mit Benachteiligungen betreut werden, auch von Freiwilligen aus Deutschland. Aber dazu kommen wir noch. Ich will es gleich vorwegschicken und neuen Fragen vorbeugen, die Flüchtlingsströme in Nord-Gaza und der Geisel-Austausch gehen nicht an diesem Blog vorbei. Mein Besuch im Westjordanland füllt den nächsten Teil

Im Reiseführer steht, Afula sei bekannt für seine Falafel. Nun gut, es muss halt immer was im Reiseführer stehen. Warum sollte man sonst in Afula Halt machen. Mein Freund Uwe Seppmann vom Beth Emmaus in Loiz bei Sternberg, der nicht nur ein christliches Gästehaus führt, sondern auch Hebräisch-Kurse gibt, hat über ein paar Ecken Martha Heider aus Ludwigslust für einen Freiwilligendienst in Israel begeistert. Nun zugegeben, Afula ist kaum größer als Ludwigslust. Und Menschen mit Beeinträchtigung kann man in den Lewitz-Werkstätten auch helfen. Und doch scheint Afula für Martha entscheidend anders.

Afula – knapp 20.000 Einwohner liegt die Stadt inmitten von Grün nördlich von Tel Aviv

„Es sind die Menschen, die mich hierher ziehen. Es ist alles wie eine große Familie. Hier ist es total normal, dass man zu seinem Glauben steht“, erzählt Martha. Als sie vor zwei Jahren in ihrer Klasse am Goethe-Gymnasium in Ludwigslust ihren Mitschülern von ihren Plänen erzählte, wurde sie nur gefragt: „Bist du jüdisch, oder was?“ Damals in der 11. hatte Martha bei Uwe Seppmann angefangen, Hebräisch zu lernen. Die Eltern sind befreundet. Hebräisch fiel ihr leicht. „Und eines Morgens bin ich aufgewacht, und wusste, ich muss da hin.“ Uwe Seppmann hat schon andere junge Leute von Israel begeistert, u.a. auch die Enkelin von Pastor Uwe Holmer, der 1990 Erich Honecker und seine Frau Margot bei sich aufnahm, und viele mehr. Ich würde mich ja auch gerne dazu zählen, lieber, Uwe, aber ich bin nicht mehr jung. So what.

„Junge Leute zieht es in den letzten Jahren verstärkt nach Israel in einen freiwilligen Dienst“, erzählt mir Uwe. „Als Vorbereitungshilfe biete ich Einführungskurse mit Sprachlehrgängen an. Organisiert wird das in der Regel von kirchlichen oder freikirchlichen Organisationen. Martha ist kurz vor dem Gaza-Krieg nach Israel geflogen. Wurde dann aber zurückgerufen. Doch persönliche Beziehungen lassen sich nicht durch staatliche Verordnungen auseinanderreißen.“ Uwe war selbst in den 70er Jahren lange in Israel. Er betreute u.a. behinderte Überlebende des Holocausts. Einem Anschlag in Nablus auf einen Bus der Aktion Sühnezeichen entging er nur knapp. Seine Liebe zu Israel tat dies keinen Abbruch.

Martha in ihrem Job im Beit Uri in Afula bei der Betreuung

Martha Heider kam mit anderen Freiwilligen aus Köln, München, Bonn, Fulda, Dresden am 23. August 2023 nach Israel. Es war ihr Traum, bevor sie ein Studium für Kinder- und Jugendtherapie in Nordhausen beginnen will. „Ich wollte weg aus Deutschland“, erzählt sie. „Nach der Schule in Ludwigslust einfach weg, die Welt anschauen.“ Erst dachte sie an Südamerika, auch Südafrika hätte sie sich vorstellen können. Aber dann kam eben die Sache mit dem Hebräisch. „Ich wollte das weiter machen.“

Doch nach sechs Wochen änderte sich alles. Für Martha. Für ihre Freundin Marie aus Fulda, die in Jerusalem in einem Kloster als Freiwillige die Öffentlichkeitsarbeit betreut. Und für viele andere aus ihrer Organisation „Internationaler Jugendfreiwilligendienst“ . Sie trafen sich bei einem Besuch in Jerusalem am 7. Oktober als die Hamas im Süden ein Musikfestival und auch den Kibbuz Nir Oz überfiel. Am 12. Oktober wurden sie evakuiert. Aufregende Tage. Die Eltern telefonierten sich die Finger wund, um einen Flug zu bekommen. Die Lufthansa war komplett ausgebucht. Aber schließlich schafften es doch alle 23 Freiwillige in einem Flugzeug zurückzukommen. Zu ihren Einsatzorten durften sie damals nicht mehr zurück. Es gab nur noch eine Reaktion nach dem Massaker im Süden: Zurück nach Deutschland – und das so schnell wie möglich.

Aus der Werkstatt der Bewohner mit besonderer Beeinträchtigung

Seitdem mochte Martha Jerusalem nicht mehr. „Wir mussten dort fünf Tage ausharren. Keiner wusste, was kommt. Ich fand es sehr dramatisch und wollte nicht gehen. Es war nicht leicht.“ Doch zu Hause in Ludwigslust wurde ihre Stimmung nicht besser. Martha war schlecht gelaunt. Sie blies Trübsal. Bis schließlich ihr Vater sie nach Weihnachten 2023 fragte, ob sie nicht zurückkehren wolle. „Meine Eltern haben mich immer unterstützt. Mit der Organisation ging das natürlich offiziell nicht mehr. Da gab es ja die Reisewarnungen der Regierung. Aber mein Vater fragte mich, ob ich schonmal überlegt habe, als Tourist zurück zu kehren. Da wusste ich, was ich zu tun habe“, schildert Martha diese Situation. „Ich würde immer wieder zurückkommen“, sagt sie mir, wohl wissend, dass sie Ende März nach Deutschland für ihr Studium zurückkehrt.

Es ist Freitagvormittag Ende Januar 2025 im Beit Uri. Die Vorbereitungen für den Sabbat laufen. Im Café von Beit Uri in Afula wird um zehn Uhr morgens ein Geburtstag gefeiert. Martha soll auf dem Klavier spielen, eines der Instrumente, die sie beherrscht. Langsam treffen die Gäste in dem kleinen Café des Behindertendorfes ein. Neun Häuser gibt es hier, in denen 120 bis 130 Residents wohnen, also schlicht Bewohner. Martha arbeitet in einem der Häuser, betreut die Menschen dort, macht Musik mit ihnen. Andere töpfern, gärtnern, weben oder pflegen Tiere. „Sie macht einen harten Job“, sagt Ruth aus dem benachbarten Sabra House, in dem man sich der Erinnerung an den Holocaust und den Überlebenden widmet. Ruth muss es wissen, sie ist dreimal so alt wie Martha, die hier im letzten Mai erst ihren 19. Geburtstag feierte.

Geburtstagsfeier für Asaf, neben ihm seiner Mutter Henia

In „Beit Uri“ wird an diesem Freitag vor dem Sabbat Asaf, der Sohn von Henia Elior, gefeiert. Heute bleibt der Krieg mal außen vor. Asaf wohnt bereits 24 Jahre in „Uris Haus“. Die Einrichtung für Menschen, die eine besondere Hilfe benötigen, wurde in den 30er Jahren von der Tschechin Devora Schick gegründet. Sie floh damals mit ihrem behinderten Sohn Uri nach Palästina, um ihn vor der Gewalt der Nazis zu bewahren. Solche Geschichten begegnen einem hier auf Schritt und Tritt. Nachdem ihr Sohn gestorben war, widmete Devora Schick ihr Leben der Pflege und der Versorgung von Kindern mit Behinderung. Nun trägt dieses Haus den Namen ihres Sohnes. Sie selbst lebte bis zu ihrem Tod 2002 hier.

Geburtstag im Beit Uri

Es ist eine fröhliche Geburtstagsfeier für Asaf. Viele Gäste kommen. Die Israelis sind feierfreudige Menschen. Ihr Glaube hält viele Feiertage für sie bereit. Vielleicht ist es auch der Krieg, der ihnen den Wert des Lebens bewusst macht. Martha erzählt mir in den Stunden unseres Treffens von den Tagen im letzten Oktober, als die WarnApps Wellen von Angriffen aus dem Iran ankündigten. Heute wissen wir, dass die meisten der 200 ballistischen. Raketen abgefangen wurden. Damals saß Martha stundenlang im Bunker. „Alle Soldaten und Soldatinnen sind in meinem Alter“, sagt sie mehr zu sich als zu mir. „Das kann sich in Deutschland niemand vorstellen, dass Eltern hier auf diese Weise loslassen müssen.“ Inzwischen ist von knapp 800 israelischen Toten die Rede. „Ich bin eine Deutsche, der man zu Hause nicht ansieht, dass sie schon mal Krieg erlebt hat…“, sagt Martha Heider aus Ludwigslust.

Martha am Klavier

In Israel feiert man das neue Jahr niemals mit Feuerwerk. Zu sehr sitzt den Menschen der Geschosslärm im Bewusstsein. „Jede Generation hier hat einen Krieg erlebt“, resümiert die 19-Jährige aus Deutschland, erstaunlich reif, bevor sie sich an diesem Sabbat als Freiwillige aus Deutschland ans Klavier setzt, und ihren Residents und deren Gästen Lieder zum Geburtstag vorspielt.

Ein Autor auf einer Geburtstagsfeier in Israel (Fotos: Autor)

Schnitzelfreitag in Nir Galim

„Ich stehe nicht pro Palästina. Ich stehe nicht pro Israel. Ich stehe pro Mensch.“ (Abt Nikodemus Schnabel, Dormitio Abtei)

Es ist dunkel frühmorgens um halb Sechs in Jerusalem. Es ist kalt. Aber, was noch schlimmer ist, es fährt keine Straßenbahn. Und ich muss vier oder fünf Stationen von der City Hall bis hin zur Central Station, dem Hauptbahnhof, und von dort noch einmal zehn Minuten zur letzten Tankstelle vor der Autobahn nach Tel Aviv laufen. Aber es ist mein freier Wille. Niemand hat mich gezwungen, in meinem Gartenhaus auf dem Berg Zion um halb Fünf aufzustehen und mich um Fünf auf den Weg zu machen.

Es ist Schnitzelfreitag. Für „unsere Soldaten“. Und ich habe mich rangehängt, um mit Birgitta und anderen patriotischen Israel-Freunden nach Nir Galim zu fahren und zum Schabbat für die Soldaten im Krieg in Gaza Challa zu schmieren. „Schabbos Challa“ ist ein traditionelles jüdisches Zopfbrot, das meist für den Schabbat gebacken wird und unseren hiesigen Hefezöpfen gleicht.

Die gläubigen Juden bereiten sich bereits am Freitagnachmittag auf den Schabbat vor und erledigen noch rasch ihre Einkäufe. Im Übrigen sind die Wörter Sabbat und Schabbat bedeutungsgleich. Und die gläubigen Christen, die die gläubigen Juden in ihrem Kampf unterstützen wollen, müssen eben schon Freitag früh los. Von den Ungläubigen wie mir ganz zu schweigen.

Aufbruch 6 Uhr morgens

Weil ich ja gerne schlaumeiere, hier noch ein Wort zum Ursprung: Challa ist das hebräische Wort für die Steuer, die den Priestern zustand. Nach der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 (siehe Jerusalem-Blog) wurde von den Rabbinern festgelegt, dass dieser Teil des Brotes nicht mehr den Priestern gegeben, sondern ins Feuer geworfen werden solle. Ja, da wurden die Priester noch zur Verantwortung gezogen. Es ist halt ein Leidesvolk. Das Challa-Nehmen ist eine der drei religiösen Pflichten der Frau im Judentum.

So, und jetzt komme ich. Weder Frau, noch Jude, noch gläubig, noch kriegsbegeistert. Aber wie sagte mir der Benediktiner-Abt Nikodemus bei meiner Ankunft zum Krieg? „Ich stehe nicht pro Palästina. Ich stehe nicht pro Israel, Ich stehe pro Mensch.“ Also Schnitzelbrötchen für Soldaten. Why not. Ob ich damit schon den Krieg unterstütze, vor dieser Antwort drücke ich mich mal.

Challa

Auf Antworten kommen wir hier noch. Die meistgestellte Frage von Freunden an mich in dem Zusammenhang ging jedoch nicht um Krieg oder Frieden, sondern um Schnitzel. Schnitzel in Israel? Ja, Schweineschnitzel dürfen die Juden nicht. Um gleich zu beruhigen, es geht um Hähnchenschnitzel und wir haben auch ein paar vegetarische Varianten dazugelegt. Und übrigens sind Schnitzel eines der beliebtesten Fleischgerichte im Heiligen Land. Nur eben als Hühnchen oder gerade noch so als Pute, wo immer die Viecher auch wachsen.

Um 6 Uhr brechen die Dänin Birgitta, der deutsche Kriegstreiber und ein blutjunger österreichischer Volontär an der Paz-Tankstelle an der Autobahn nach Tel Aviv auf. Es geht nach Nir Galim, einem kleinen Nest von 1500 Einwohnern, das von ungarischen Holocaust-Überlebenden gegründet wurde. Die einen sagen Nir Galim liegt in der Nähe des Gaza Streifens. Die anderen sagen, es liegt bei Aschdod, was es wohl eher trifft. Aber hier ist ohnehin alles nicht weiter als zwei Stunden voneinander entfernt. Wir fahren eine Stunde und kommen dann in einem Moschaw an – sowas ähnliches wie ein Kibbuz, nur kein Kibbuz. Also eine Art Landwirtschaftliche Produktions Genossenschaft. Israel lebt im Genossenschaftssystem, das die Ost-DDR gründlich versaut hat.

Und wir sind nicht die einzigen. Ganze Schulklassen treffen ein. Deutsche Siedler, im Sinne von Christen aus Deutschland, die hier in der Gegend ganze Dörfer aufgebaut haben. Und irgendwelche Freizeit-Helfer, so wie wir.

4300 Schnitzel-Brötchen sind es am Ende

Auf langen, langen Tischen stehen das vorbereitete Zopfbrot, irgendein israelisches Tomaten-Auberginen-Ketchup, Hühnchenschnitzel, Gurken und Remoulade bereit. Vier Brötchen immer gleichzeitig – Ketchup, Gurken, Chicken, Remoulade; Ketchup, Gurken, Chicken, Remoulade; Ketchup, Gurken, Chicken, Remoulade; Ketchup, Gurken, Chicken, Remoulade… Drei Stunden lang. Irgendwann muss ich so um die 180 Challa geschmiert haben. Alle eintausend Brote gibt es einen Glockenschlag. 4300 sind es am späten Vormittag. Applaus und Jubel. Die Soldaten-Menschen werden es danken.

Ketchup, Gurken, Chicken, Remoulade…

Und es wird geredet. Eden, eine Lehrerin, die mit ihren Schülern gekommen ist, erzählt mir zum jüngsten Geisel-Deal, der in Katar ausgehandelt wurde, und dem am Freitag das Sicherheitskabinett von Benjamin Netanyahu zugestimmt hatte, dass sie zwiespältige Gefühle habe. „Der Bauch sagt Nein. So viele Terroristen werden entlassen. Die werden wieder zuschlagen. Der Kopf sagt Ja. Alles, was wir wollen, ist die Befreiung der Geiseln. Nun werden weitere entlassen. Das ist gut.“

Eine Solidaritäts-Aktion, zu der Viele kommen und für die Viele spenden

Omer, ebenfalls mit Schülern hier, widerspricht ihr: „Das ist gut. Das wollen wir doch. Geiseln frei und Waffen schweigen. Aber die israelische Armee hat schon vor Monaten erklärt, dass sie ihre Ziele erreicht hat. Warum macht Bibi immer noch weiter? Darunter leiden tausende Kinder in Gaza. Es ist Krieg. Und Krieg ist schlecht. Auch für uns.“ Es geht hin und her. Aber eigentlich wollen die Menschen nicht über den Deal sprechen, sondern sind hier, um Challah für die Soldaten zu bereiten. Am Ende werden Lieder gesungen. Ein Junge berichtet von seinen Eltern oder einen Bruder, ich habe es nicht richtig verstanden, die bei dem „Supernova“-Musikfestival in der Negev-Wüste beim Hamas-Massaker fünf Kilometer vom Gaza-Streifen getötet wurden. Schweigen. Betroffenheit. Hier ist nichts falsch.

Ich muss eines berichtigen. Am Mittwoch vor dem Schnitzelfreitag bin ich – zum zweiten Mal – in einem Hauskreis in Malha, einer Vorstadt Jerusalems gewesen. Dort stehen alle fest hinter Benjamin Netanyahu. So habe ich es geschildert. Hier betet man für Netanyahus Gesundheit, „damit er uns gut regieren kann“. Hier findet Peter aus Österreich: „Jetzt ist nicht der Zeitpunkt, einen Prozess gegen Netanyahu zu führen.“ Hier findet man den Deal zur Freilassung von „Hamas-Teufeln“ grundfalsch.

Am Schnitzelfreitag hat die gemäßigt konservative Zeitung „Maariv“ , einst gegründet von einem Leipziger Juden, eine Umfrage veröffentlicht, nach der fast drei Viertel aller Israelis, nämlich etwa 73 Prozent, das zwischen Israel und der palästinensischen Terrororganisation Hamas geschlossene Abkommen über einen Waffenstillstand und die Freilassung der in Gaza festgehaltenen Geiseln für richtig befinden. Selbst dann, wenn im Gegenzug für die Entlassung palästinensische Häftlinge aus israelischen Gefängnissen freigelassen werden. Darunter werden ganz sicher auch Terroristen sein. Neben – nach unserem Verständnis – Unschuldigen.

Zurück zur Umfrage: Knapp ein Fünftel der israelischen Bevölkerung ist gegen die Vereinbarung. Es wurde auch gefragt, ob Israel seine Kriegsziele erreicht habe. 36 Prozent meinten, keines der Ziele sei erreicht. Einerseits sind viele Israelis der Ansicht, es sei falsch, eine Vereinbarung mit einer Terrororganisation zu unterschreiben. Andererseits müssen die 98 Geiseln, die sich weiterhin in der Gewalt der Hamas befinden, irgendwie freikommen, so sie noch leben. Dieser Aspekt ist für die meisten Israelis offensichtlich ausschlaggebend.

Als wir am Mittag aus Nir Galim zurückkommen, liegt Jerusalem im Sonnenschein. 20 Grad. Die Stadt erwartet den Schabbat. Bis 16 Uhr haben hier noch die Geschäfte auf. Am Sonnabend ruht das Land. Konsequent. Mich erreicht am Nachmittag eine Nachricht, in der sich drei Soldaten für die Schabbat-Brote bedanken. Es war kein verlorener Tag für Israel und kein verlorener Tag in Israel. Schalom Schabbat.

Der Autor als Challah-Experte am Schnitzelfreitag in Nir Galim. 180 Brötchen in drei Stunden für die Sache…