Wirrnis Jerusalem – und was Menschen in Israel über den Waffenstillstand denken

„Getrennt durch die Basargassen liegen die vier Viertel der alten Stadt: das armenische, das christliche, das mohammedanische, das jüdische, streng getrennt, sich hassend, sich nicht kennend.“ (Gabriele Tergit, 1934)

4000-jähriges Jerusalem – und es hat sich wohl viel aber zugleich so wenig verändert. Ich möchte neben meinen Bildern heute eine große Anleihe bei Gabriele Tergit nehmen, die in den 1930er Jahren Palästina bereiste und Jerusalem beschrieb. Wer tiefer in die Geschichte der letzten 4000 Jahre einsteigen möchte, der sollte in die Jerusalem Biografie von Simon Sebag Montefiore schauen, sehr empfehlenswert. Wer Geschichten in der Geschichte der Heiligen Stadt lesen will, dem empfehle ich sehr das neue Buch meines langjährigen Freundes und ehemaligen Kommilitonen Holger Haase „Ejhaw: Die Wächter der Lade“, das im Jahr 67 nach Christi spielt, also in der Zeit der Eroberung Jerusalems durch die Römer im Jüdischen Krieg – und heute bei Amazon zu kaufen ist. Wunder, oh Wunder, soweit der Werbeblock. Holger, das kostet was… Zum Krieg kommen wir hier auch noch.

„Niemand kennt das Alter seiner Wohnung, vielleicht 2000 Jahre, vielleicht 400 Jahre alt… Nur schmale Gassen, kein Weg für Pferd und Wagen, geschweige für Auto“, schreibt Gabriele Tergit im letzten Jahrhundert. Das ist es vielleicht, was auch heute noch den Reiz der Innenstadt Jerusalems ausmacht. In einem fast wie mit dem Lineal gezogenen Quadrat von vier Kilometer Umfang, ein Kilometer Länge an jeder Seite befinden sich alle heiligen Stätten – der Felsendom, die Klagemauer, die Grabeskirche aus dem 4. Jahrhundert und die vier Stadtviertel. Das moslemische, erreichbar durch das Damaskus-Tor, das christliche am Jaffa Tor, das jüdische Viertel an der Klagemauer und das armenische Viertel, das bis zum Zions-Tor und zum Zionsberg mit Davidsgrab, Abendmahlsaal und meiner Unterkunft, der Dormitio Abtei, reicht.

Der Felsendom fotografiert vom Ölberg

„So ist das armenische Viertel: weit, reich, still, Öllampe an den Ecken zwischen den hohen Mauern, über die die Pinie sieht, hohe schmale Zypressen, das feine zarte wehende Blatt des Pfefferbaums und des Eurkalyptus, die Welt des armenischen Patriarchen…“, schreibt Tergit. Und: „So ist das christliche Viertel: sauber, gepflegt, reich, Schulen, Klöster, Stiftungen… Gekehrt ist das holprige Pflaster, sauber jedes Papier entfernt. Tief versteckt die Grabeskirche… Im mohammedanischen Viertel ist Wimmeln von Mensch und Tier…“

Die Dormitio Abtei auf dem Zionsberg

Schließlich beobachtete Tergit, was man noch heute so beschreiben könnte: „Jerusalem war eine jüdische Stadt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Vertrieben wiedergekommen, vertrieben, wiedergekommen… Hier liegt an einer Ecke die Klagemauer, Rest des im Jahr 70 von Titus zerstörten Tempels, nichts als eine gewaltige Mauer, 18 Meter hoch und ebenso tief unter der Erde… nichts als eine Mauer aus gewaltigen Quadern… An diesen Steinen weinen durch die Jahrtausende Juden um ihre untergegangene Freiheit. Tausende winzige Zettel stecken zwischen den Steinen, hineingesteckt, damit Gott die darauf geschriebenen Bitten erhört…“ Wie aktuell.

An der Klagemauer

Ich werde in diesen Tagen oftmals gefragt, wie dieser Deal von Katar zur Waffenruhe und einer Geiselfreilassung zwischen Israel und der Hamas im Land ankomme. Weltweit sorgt das Gaza-Abkommen für Aufatmen. Die Lufthansa will die Flüge nach Tel Aviv wieder aufnehmen. Die Bundesregierung – zwar nicht beteiligt – dringt auf eine konsequente Umsetzung der Einigung. Eine vom Iran gestützte Miliz will ihre Angriffe auf Israel einstellen. Also alles wieder gut im Heiligen Land? Nein! Ganz und gar nicht.

In Tel Aviv wird gegen das Abkommen demonstriert. Angehörige von gefallenen Soldaten übernachten aus Protest gegen die Einigung mit der Terrororganisation vor dem Büro von Premierminister Benjamin Netanyahu. Vor dem Obersten Gerichtshof in Jerusalem wurden Särge mit israelischen Flaggen aufgestellt. Die rechte Partei „Religiöser Zionismus“ macht ihren Verbleib in der Netanyahu-Koalition davon abhängig, ob nach dem 42-tägigen Geiselabkommens mit Waffenruhe die „vollständige Vernichtung“ der Hamas fortgesetzt werde.

Eiliges, geschäftiges Treiben in der Innenstadt

Das Abkommen geht aber nicht nur einigen rechten Politikern gegen den Strich: Auch im Hauskreis der seit 1991 in Israel lebenden christlichen Religionslehrerin Christa Behr, die sich der Sühne in Israel verschrieben hat, betete man am Abend des Deals, gestern, am 15. Januar, dafür, dass die „Teufel von der Hamas“ besiegt werden. Ich habe mich dem Kreis, der jeden Mittwoch zusammenkommt und aus österreichischen, deutschen, georgischen und ukrainischen Teilnehmerinnen und Teilnehmern besteht, angeschlossen. Einige von ihnen leben bereits seit Jahrzehnten in Jerusalem, andere arbeiten als Volontäre für eine Zeit mit Christa zusammen. Hier kennt man Land und Leute. Wenn auch zweifellos ein streng konservativer Kreis. Hier betet man für Netanyahus Gesundheit. Hier ist man überzeugt, dass nur die vollständige Vernichtung der Hamas zu einem dauerhaften Frieden führen könne. Und hier ist man sich ganz sicher, dass Israel das Recht und sogar die Pflicht habe, sich dauerhaft und Tag für Tag gegen seine Feinde zu stellen. Ein modernes Sparta. Ein Volk im Krieg.

Und hier herrscht die Meinung vor, dass der Preis des Abkommens zu hoch sei. Einer spricht von einem „Pakt mit dem Teufel“. Der Hamas könne man nicht glauben. 1000 freigelassene Terroristen werden zum Terror zurückkehren und israelische Soldaten töten. Peter aus Österreich erinnert daran, dass 2012 bereits 1000 Terroristen, er meint inhaftierte Palästinenser, für Soldaten ausgetauscht wurden. Er sieht den 7. Oktober 2023 als direkte Folge davon. Peter lebt mit seiner Frau seit 1971 in Jerusalem. Er ist kein Jude. Er ist Christ. Messianer.

Friedliches Stadtbild in Jerusalem

Natürlich wird im Haus von Christa Behr in Malha – gesprochen Malkcha – seit dem 7. Oktober jeden Tag für das Überleben der Geiseln gebetet. Natürlich sorgt die Freilassung der 33 Geiseln für Erleichterung. Aber auch hier mehr Misstrauen als Vertrauen. Was ist mit den anderen Familien? Wie viele der Geiseln leben noch? Jetzt ist von 98 Menschen die Rede. Aber eine immer wieder geforderte Liste habe die Hamas niemals vorgelegt. Erst jüngst wurden 101 Namen genannt, die aber Israel zuvor der Hamas übersandte, um über den Verbleib dieser Menschen Auskunft zu erhalten. Misstrauen und Hass sind groß.

Es ist eng in der Altstadt – hier am Lions Tor

Es gibt einen interessanten Rundbrief des Publizisten und Redners Doron Schneider, der das Oslo-Abkommen von 1993 als unmittelbare Ursache der Katastrophe vom 7. Oktober identifiziert. Damals wurde der Abzug des israelischen Militärs aus dem Gaza-Streifen und die Quasi-Übergabe an die PLO von Yasser Arafat vereinbart. „Bis zu diesem Abkommen gab es in Gaza keine Raketen, keine Tunnel und keine riesigen Waffenlager. Israelis kauften auf den Märkten von Gaza ein, junge Israelis lernten in Khan Yunis Autofahren und Dutzende jüdische Gemeinden blühten in Sicherheit im Gaza-Streifen“, schreibt Doron Schneider. Er meint ganz offenbar Siedler. Und wieder kollidiert das israelische Sicherheitsbedürfnis mit dem palästinensischen Verlangen nach Freiheit….

Das sind einige Meinungen, die ich hier höre. Die nächsten Tage werde ich zum Ort Nir Galim am Gaza-Streifen aufbrechen, um dort Menschen zu treffen, die die Soldaten unterstützen. In den nächsten Wochen werde ich anderen Leuten, vielleicht mit anderen Meinungen begegnen. Schalom.

Karte Tripadvisor

Der Autor auf dem größten Markt Jerusalems: Mahane Yehuda Market (alle Fotos: Autor)

PS vom 17. Januar: Inzwischen gibt es eine Umfrage der hiesigen Zeitung „Maariv“, nach der fast drei Viertel der Israelis, etwa 73 Prozent, das Abkommen zwischen Israel und der palästinensischen Terrororganisation Hamas unterstützen Knapp ein Fünftel ist gegen die Vereinbarung. Bei den Wählern der Parteien der Netanyahu-Koalition sieht es ganz anders aus. Nur 52 Prozent stimmen den Deal zu. Das Sicherheitskabinett hat den Waffenstillstand und der Freilassung von Hunderten Palästinensern im Gegenzug zur Freilassung von 33 Geiseln zugestimmt.

Ein Land zwischen Panik und Euphorie

„Juden, Beduinen, Christen, Drusen – der Schmerz und die Trauer über den Verlust einer Geisel vereint uns alle.“ (Botschafter Steffen Seibert auf X)

Man kann in diesen Tage nicht durch Jerusalem gehen, ohne an die noch immer verschleppten Geiseln erinnert zu werden. Überall sind Bilder und Plakate angebracht – an Bushaltestellen, an Geschäften, an Straßenlaternen. 101 Menschen lautete die letzte Zahl. In Tel Aviv und anderen Städten dasselbe Bild. Erst am Samstagabend gab es in Tel Aviv erneut eine große Demonstration, der sich Botschafter verschiedener Länder anschlossen. Die Zeit der stillen Diplomatie in den Hinterzimmern der Politik, einst entscheidendes Merkmal von Außenpolitik, scheint auch im Auswärtigen Amt in Berlin vorüber zu sein. In Prag, in Bukarest und auch hier in Tel Aviv zeigen Diplomaten zu verschiedenen Fragen offen Haltung.

Alle Geiseln müssten nach Hause zurückkehren, und der Krieg in Gaza, der Hunderttausenden schreckliches Leid bringe, müsse enden, sagte der Deutsche Botschafter und ehemalige Nachrichtensprecher Steffen Seibert, übrigens in bestem Hebräisch. „Diese beiden Ziele hängen zusammen und wir müssen zusehen, dass sie so schnell wie möglich erreicht werden.“ Dies postete Steffen Seibert auch auf X.

Steffen Seibert auf der Demonstration am letzten Sonnabend in Tel Aviv, auf der Plattform X von ihm gepostet. Die gelbe Schleife am Revers steht in Israel als Symbol für die Solidarität mit den Geiseln. (Quelle: Plattform X)

Auch wenn dieser Blog kein Nachrichten-Kanal werden soll, kann ich dem Thema nicht ausweichen. Wer keine politische Landeskunde aus meiner Froschperspektive haben möchte, sollte nicht weiterlesen. Aber ein Ziel meines Aufenthaltes besteht ja auch darin zu verstehen, was die Menschen hier bewegt, antreibt, rührt. Auch wenn das nur in Maßen gelingen kann. Das ist mir bewusst. Aber nun bin ich hier, und kann nicht anders.

Die Demonstration am Samstagabend (Quelle: Plattform X)

Bei dem Angriff der Terrororganisation Hamas wurden am 7. Oktober 2023 im Süden Israels etwa 1200 Menschen getötet und rund 250 verschleppt. Das sind die bekannten Fakten. Etwa 100 Geiseln befinden sich noch immer im Gazastreifen. Unter ihnen seien auch Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft, unter anderem auch der deutschen, schreibt die Jüdische Allgemeine in Jerusalem. In Israel spricht man vom größten Verbrechen an Juden seit dem Holocaust, der Schoa an sechs Millionen Juden in Europa durch die Nationalsozialisten. Die im Übrigen keine Kommunisten waren, wie Alice Weidel auf X im Gespräch mit Elon Musk mal munter behauptete. Derzeit laufen im Golfstaat Katar Gespräche über eine Waffenruhe und die Freilassung der Geiseln. Die USA haben sich eingeschaltet, und sehen angeblich gute Chancen.

Überall in der Stadt findet man Solidaritätsaufkleber.

Wie ist die Lage in Israel? Offenbar aus dem Trauma, dass sich die Vernichtung des jüdischen Volkes diesmal auf israelischen Boden wiederholen könnte, schlägt Israel jeden auch nur angedeuteten Versuch von Terror gegen sein Land zurück. Auch präventiv. Erst am Sonntag, dem 12 Januar, führte es Luftangriffe im Osten und im Süden des Libanon. Es geht um Stellungen der Hisbollah. Selbst bei Nichtanhängern der Regierung Netanyahu im Land findet das Anerkennung.

„Benjamin Netanyahu hat an Unterstützung immer mehr gewonnen“, berichtet Georg, der als Sicherheitsberater der EU in Ramallah arbeitet, dem Sitz des Palästinensischen Legislativrates und des Büros der palästinensischen Polizeibehörde. Die Bevölkerung sei inzwischen sogar bereit für die Verteidigung des Landes tote Soldaten und den Verlust von Flugzeugen hinzunehmen: im Iran, im Libanon, in Gaza, wo wöchentlich auch israelische Soldaten sterben, aber laut Hamas inzwischen 49.000 palästinensische Opfer zu beklagen seien. Nachprüfbar ist das nicht. Und die derzeitige Paralysierung von Syrien als Gegner bekam die Regierung Netanyahu quasi noch obendrauf. Es gibt Menschen hier, die beobachtet haben wollen, dass die Israelis geradezu euphorisch angesichts ihrer Erfolge sind.

Solidaritätsbekundungen auch an vielen Geschäften.

Erst am Wochenende wurde eine aus dem Jemen geschickte Drohne im Süden Israels abgefangen. Ein Hubschrauber habe die Drohne nahe der Ortschaft Gvulot in der Negev-Wüste abgeschossen, berichtet die „Times of Israel“. Die Huthi-Rebellen im Jemen sind wie die Hamas im Gaza-Streifen und die libanesische Hisbollah-Miliz mit dem Erzfeind Iran verbündet. Die Huthis attackieren regelmäßig Handelsschiffe im Roten Meer. Nach eigenen Angabe aus Solidarität mit der Hamas. Nicht zuletzt wird der Kampf gegen den Terror nach hiesigem Verständnis auch so gedeutet, dass Israel den Kopf hinhält für Europa.

„Israel ist nicht mehr das, was es einmal war“, beobachtet hingegen Kathi, die seit 1966 hier lebt und sich das Land als junge Frau als Lebensmittelpunkt aussuchte. Ihre Tochter und ihre Enkelin wohnen hier. Ihre Familie dagegen in Belgien. Die ehemalige Fotografin lebt in einem Vorort von Jerusalem. Sie findet wie viele linke Israelis die derzeitige national-konservative Regierung schrecklich. Ultraorthodoxe Juden besiedeln inzwischen ganze Städte, wie die Metropole Bnei Brak. Bnei Brak ist eines der Hauptzentren des Tora-Studiums. Dort wählten vier Fünftel der Einwohner ultraorthodoxe oder religiös-zionistische Parteien. Die 200.000 Einwohner-Stadt zählt zu den ärmsten in Israel. Während der Corona-Pandemie gab es hier eine extrem hohe Zahl an Infizierten. Die Stadt wurde von der Polizei abgeriegelt. Armeeeinheiten führten auf freiwilliger Basis Evakuierungen durch. Aber das nur am Rande.

Kathi aus Belgien hat als Fotografin ein Buch über Vögel in Israel veröffentlicht. Eines ihrer Hauptthemen: Kraniche als Pilger auf dem Weg in den Süden. Hunderttausende Kraniche rasten in Israel, wie wir es auch aus Mecklenburg-Vorpommern kennen.

Das Entweder-Oder-Denken habe im gesamten Land zugenommen, berichtet auch Nikodemus Schnabel. Er ist Abt in der Dormitio Abtei, dem Benediktiner Kloster auf dem Zions-Berg, das ich mir als Wohnstätte in Jerusalem ausgesucht habe. Abt Nikodemus lebt seit 2006 in Jerusalem und verfolgt die politische Lage nicht erst seit dem 7. Oktober. Er selbst war einst im Auswärtigen Amt in Berlin tätig. Für ihn sei nicht der 7. Oktober das entscheidende Datum bei der Veränderung der Stimmung im Land, berichtet er, sondern der Antritt dieser national-konservativen Regierung von Benjamin Netanyahu. Seither herrsche offener Hass im Land. „Die Situation ist eine Katastrophe. Wir sind gerade auf einem absoluten Tiefpunkt“, sagt Abt Nikodemus. Es gebe aktuell politisch nichts Gutes zu berichten. Nur Verlierer auf beiden Seiten. Der Abt: „Die Israelis verlieren. Die Palästinenser verlieren. Es ist ein Ozean von Leid. Meine Hoffnung ist, dass es einen Schrecken gibt, der zu einem Nachdenken führt.“

Täglich finden an der Klagemauer in Jerusalem Soldaten-Appelle statt

Amos Oz, der israelische Schriftsteller und Journalist, habe einst gesagt, man müsse den Kompromiss enttabuisieren. Die derzeitige Haltung, dass keine der beiden Seiten auch nur einen Millimeter nachgebe, bringe beide Seite nicht weiter, beobachtet Schnabel: „Fakt ist, wenn man den Extremisten von der Hamas und Co. und dem Minister für Nationale Sicherheit, Itamar Ben Gvir und Co., folgt, dann gibt es nur eine Lösung. Die jeweilig anderen Seite muss weg. Das ist zynisch.“ Inzwischen leben fast acht Millionen israelische Juden u n d bald acht Millionen Palästinenser in Israel und in den Autonomie-Gebieten. Die Frage sei, wie schafft man es, dass man zusammenkommt.

Der Traum der national-konservativen Siedler, jetzt auch im Gaza-Streifen wieder zu siedeln, den man 2005 unter Ariel Sharon vollständig räumte und der palästinensischen Autonomie-Behörde überließ, wäre jedoch ganz offenbar ein Schritt in die entgegengesetzte Richtung. Hoffnungen auf die derzeitigen Verhandlungen in Katar scheinen da doch eher mit Vorsicht zu genießen sein. Zumal auch auf der Westbank radikalisierte Israelis Palästinensische Dörfer angreifen und dabei wiederum von der israelischen Armee vertrieben werden sollten. Im zerstrittenen Israel gibt es mehr als militärischen Fronten.

Der Autor heute vor dem Jaffa-Tor in Jerusalem.

Vom Bischofspalast bis zur Benediktiner Abtei – eine Erfahrung

I walked through Foncebadon in 2015 and again in 2017. It was a rather quirky „hippie“ looking village at that time with many run down, dilapidated stone structures. I still liked it on my way to Cruz de Ferro. I’m sure it’s a lovely village now, but I really liked its uniqueness at the time. (From a comment on the Internet)
(Ich bin 2015 und 2017 durch Foncebadon gelaufen. Damals war es ein ziemlich schrulliges „Hippie“-Dorf mit vielen heruntergekommenen, verfallenen Steinhäusern. Auf meinem Weg zum Cruz de Ferro hat es mir trotzdem gefallen. Ich bin sicher, dass es jetzt ein schönes Dorf ist, aber damals hat mir seine Einzigartigkeit sehr gefallen.)

Von Murias de Rechivaldo nach Foncebadón, 20. Etappe, 21 Kilometer, steil bergauf und doch nur fünf Stunden

Beziehungen sind das halbe Leben, sagte meine Mutter immer. Wie uns inzwischen das Leben gelehrt hat, galt das nicht nur für das kleine, rebellische Volk zwischen Oder und Elbe. Sondern Beziehungen wurden – nachdem sich uns der Rest der bunten Republik angeschlossen hatte – auch im Verlaufe des Lebens immer wichtiger. Und, Wunder oh Wunder, das gilt auch für Spanien. Das heißt nicht, dass meine Mutter Spanierin war, obwohl das Temperament… Das heißt nur, dass Beziehungen nirgendwo stören, insbesondere natürlich in der katholischen Kirche nicht. Das wundert nun wiederum auch niemanden.

Kurz nach dem Amtsantritt von Bautista Grau y Vallespinós als Bischof von Astorga 1886 brannte dort der Bischofssitz ab. Ein Neubau wurde erforderlich. Und wie es sich zufällig ergab, war Grau nicht nur ebenso wie der berühmte Architekt Antoni Gaudí Katalane. Sondern beide stammten sogar aus dem selben Dorf. Und da Bischöfe gelegentlich den Drang haben, den Himmel bereits auf Erden genießen zu wollen, und das nicht erst seit der freistehenden Badewanne von Limburg, engagierte Bautista Grau y Vallespinós seinen alten Freund Antoni Gaudi, um sich gleich neben dem Dom in Astorga einen unbescheidenen aber modernen, angemessenen aber überragenden Palast bauen zu lassen. Die Sache hatte nur einen Haken. Das Domkapitel musste das Geld für den Bau besorgen. Und dessen Mitgliedern war die ganze Sache nicht nur viel zu teuer, sondern vor allem viel zu modern. Nichtsdestotrotz, wie das in einer ordentlichen Kirche ist, setzte der Bischof seinen Willen durch. Aber nun kam auch noch der Staat ins Spiel. Da ein erheblicher Teil des Geldes für den Palast vom spanischen Staat getragen werden sollte, musste der Entwurf auch noch in der Königlichen Akademie der schönen Künste San Fernando durchgesprochen werden. Erneut gab es Ärger und reichlich Debatten über Baustil und Material. Den roten Ziegelsteinen Gaudis musste damals moderner Naturstein weichen, und der Architekt sollte auch noch andere kleine Veränderungen vornehmen. Da war Ärger mal Programm.

Zu allem Unglück starb aber der Bischof 1893 als Gaudi das Werk noch lange nicht vollendet hatte. Das Domkapitel verhängte sofort einen Baustopp. Gaudi floh aus der Stadt. Das Werk blieb unvollendet. Drei weitere Bischofsgenerationen! Beziehungen sind das halbe Leben, hat wie erwähnt meine Mutter immer gesagt. Über Beziehungen und den Tod hat sie nichts gesagt.

Da Bischöfe es aber offensichtlich eilig mit dem Himmel haben, wurden mit einem neuen, weiteren Bischof zwölf Jahre später die Bauarbeiten wieder aufgenommen. Zwar bemühte sich der neue Bischof, Gaudi wieder zu gewinnen, doch der lehnte nunmehr dankend ab. Er hatte ja in Barcelona mit dem Garten Güell und der Sagrada Familia genug zu tun. Pah, Provinz. Letztlich wurde der Palast unter einem neuen Architekten 1914 fertig gestellt, aber nie als Bischofspalast genutzt. Im Franco-Krieg war er Militär-Hauptquartier, und später beherbergte er das Museo de los Caminos (Museum des Jakobswegs). Kommt man heute auf die Plaza der Kathedrale Santa Maria von Astorga, so ist das weitaus größere Bauwerk ein wenig hinter dem Prunkbau des Bischofspalastes versteckt. Auf alle Fälle wird es von seinem Baustil weit überstrahlt. Damit hat sich Bischof Bautista Grau zweifellos ein Denkmal gesetzt, und Gaudi zu einen von drei Bauwerken überzeugt, die der Architekt außerhalb Kataloniens je in Spanien gebaut hat.

Mein heutiger Weg führt mich von Murias de Rechivaldo nach Foncebadón. Ein eigentlich schon lange ausgestorbenes Nest an der fast höchstgelegenen Stelle des Camino, in dem nur noch die wilden Hunde streunen. Die wilden Hunde von Foncebadón sind legendär. Es mag sie tatsächlich gegeben haben. Denn auf dem Pilgerweg werden Pilgerstöcke nicht nur als normale Wanderstöcke in verschiedensten Formen bis hin zum Krummstab eines Bischofs verkauft, sondern auch zaunlattendicke schwere Stöcke mit Eisenspitzen. Sie sollen angeblich dazu dienen, die wilden Hunde von Foncebadón zu verjagen. Eingefallene Häuser und Feldsteinruinen säumen noch heute den Weg durch das Dorf. Aber inzwischen hat es sich zu einem der schönsten und ältesten Dörfer am Camino de Compostela gemausert. Weshalb ich mir hier ja auch eine Herberge gesucht habe.

Auf dem Weg treffe ich Ellen aus Holland wieder. Sie ist erst vier Kilometer vor San Martin auf dem Weg nach Hospital de Orbigo losgegangen. Ihr Mann musste zurück zu seinem Job, und sie hat sich nun vorgenommen, sich allein nach Santiago de Campostela durchzuschlagen. Unterkünfte hat sie nicht gebucht, und berichtet auch sofort von der letzten schrecklichen Nacht in einem großen Schlafsaal. Das einzige Gute, sie hatte ein Bett in einer Ecke, und nicht zu beiden Seiten Schlafnachbarn. Ich erzähle Ellen natürlich sofort die Geschichte von den wilden Hunden von Foncebadón. Und nun wird auch bald ganz Holland wissen, dass es am Jakobsweg ziemlich gefährlich ist. Auch ein Amerikaner, der mit seinem Sohn pilgert, und die letzte Nacht im selben Hostel verbrachte wie ich, begegnet mir hier wieder. In jedem Ort macht der kräftige Mann im Wanderduo eine Kaffeepause. Er kommt seit acht Jahren Jahr für Jahr wieder und übernachtet in ihrer Albergue, berichtet mir die Wirtin in Murias heimlich. Na, denke ich, der muss doch nun schon jedes Café am Camino kennen. Aber vielleicht ist das ja sein Wegmaß, zehn Café con leche bis Foncebadón.

Meine Albergue heißt La Possada del Druida. Und das sagt alles. Nach einem langen, steilen und etwas beschwerlichen Aufstieg liegt das Geisterdorf vor mir. Ein Geisterdorf, das offenbar seine Wiederauferstehung erlebt. Was mag die Menschen einst bewogen haben, dieses Dorf zu verlassen, frage ich mich. Der Schleier des Vergessens liegt noch immer über den Gebäuden. Darauf hatte ich mich gefreut. Und das kann man so in seine Wallfahrt hineindenken. In Wirklichkeit ist es ein Ort des Pilgertourismus geworden. Und in der Possada del Druida warten die Rucksäcke der Halbpilgerer darauf, zumindest in ihr Zimmer getragen zu werden.

Im letzten Ort auf dem langen und steilen Anstieg nach Foncebadón begegnete ich in der kleinen Dorfkirche von Rabanal einem Benediktiner-Mönch von der Monasterio benedictino San Salvador del Monte Irago. Nach einem sehr netten Gespräch bat Br. Cassian mich zu bleiben, und zu seinen Choralsängen am Abend in die kleine Abtei von Rabanal zu kommen. Nicht immer ist Weiterziehen der bessere Weg.

Erkenntnis des Tages: Manchmal liegt das Ziel deines Weges hinter dir. Aber du erkennst es zu spät.