Hüpfend durch den Shit Galiciens

Der Sinn des Reisens ist es, an ein Ziel zu kommen, der Sinn des Wanderns, unterwegs zu sein. (Theodor Heuss)

Von Laguna de Castilla nach Triacastela, 24. Etappe, 25 Kilometer

Am Morgen in Laguna de Castilla heulen die Hunde. In der aufgehenden Morgenröte bellen sie nicht etwa wie im Tal das halbe Dorf zusammen, sondern sie scheinen den vergehenden Mond anzuheulen. Da denkt man als Pilger doch umgehend an Wölfe. Aber so prallvoll wie die Alte Dorfschule, die Albergua la escuala, gestern Abend war, einschließlich einer Schulklasse, die ich schon seit Foncebadõn immer wieder treffe, ist Panik vor Wölfen oder wilden Hunden eher nicht angesagt. Da gleicht der Aufstieg nach O Cebreiro, dem Tor zu Galicien, doch eher der Massenwanderung zum Mount Everest im Himalaya. Du bist nicht allein, sagt sich der einsame Pilger. Ellen und Arrinda aus Holland, die gestern am späten Nachmittag erschöpft vom Aufstieg hier weit oben ankamen, haben im wortwörtlichen Sinne nur noch die Besenkammer bekommen, in der natürlich zwei Notbetten stehen, wie sich hier überall immer noch ein Zimmerchen findet. Allerdings stapeln sich rundherum die Wäsche und Putzmittel.

Von wegen Himalaya, typischer Fall von Denkste. Als ich dann endlich meine sieben Sachen zusammen gesammelt hatte und zum Schuhregal im Erdgeschoss der Herberge komme, stehen da genau noch ein paar einsame Wanderschuhe. Meine. Um 7.10 Uhr! Na schön, dann werden der Aufstieg und die letzten zweieinhalb Kilometer nach O Cebreiro eben kein Massenstart, sondern ein ganz individuelles Morgenerlebnis in der aufgehenden Sonne. Und die Wölfe werden ja wohl nun auch schon satt sein.

In der Kirche von O Cebreiro zeugt noch heute ein winziger Hostienteller und der Kelch von dem Ereignis.

Der Jakobsweg ist gepflastert von vielen, vielen Legenden, die hier in den Bergen natürlich noch einmal ganz anders klingen. Oben auf dem Berg in dem kleinen, keltisch anmutende Dorf O Cebreiro gibt es eine winzige kleine Pilgerkirche, von der eine Geschichte eines einsamen Bauern kündet. An einem von eisigen Winterstürmen, Schnee und Hagel gepeinigten Heiligen Abend kämpfte sich ein Bauer aus dem Tal hinauf, auf die 1300 Meter Höhe zur heiligen Messe. Er war ganz allein, aus allen anderen Häusern wollte niemand bei diesem Wetter die Nase hinaus stecken oder gar den glitschigen Weg hinauf steigen. Oben in dem kleinen Kirchlein hatte der Mönch zwar bereits den ganzen Nachmittag gewartet, aber nun entschloss er sich, die Kirche zu schließen und das Gebet für die Gemeinde ausfallen zu lassen. Doch dann steht plötzlich der Bauer in der Tür und verlangt die heilige Messe. Unwillig, aber auch unschlüssig, lässt sich der Mönch nun doch herab, um die Weihnachtsmesse zu lesen. Eine unnütze Pflicht für einen Bauern, denkt er. Aber der zweifelnde Mönch erstarrt vor Schreck, als sich Hostie auf der Patente in rohes Fleisch verwandelt und der Wein im Kelch in Blut, das überströmt. Das hat sich alles genauso zugetragen. Und in der Kirche zeugt noch heute ein winziger Hostienteller und der Kelch von dem Ereignis. Und wer ganz genau hinschaut, kann auch noch einen Tropfen Blut an dem Kelch erkennen, der in anderen Erzählungen sogar Karriere als Heiliger Gral beim Letzten Abendmal in Jerusalem machte. Das Gefäß ziert noch heute das Wappen Galiciens.

O Cebreiro zeugt mit seinen keltischen Bauten jedoch von einer ganz anderen Vergangenheit. Mit seinen niedrigen Häusern aus Feldstein, mit winzig kleinen Fensterhöhlen ist das Dorf inzwischen ein Muss für viele Bus-Touristen. Natürlich gibt es auch hier ein paar Herbergen. Die runden Steinhäuser geben ein beeindruckendes Zeugnis, wie sich wohl in Vorzeiten die Menschen hier oben hinter dicken Mauern mit winzigen Fensterluken vor dem unwirtlichen Wetter verkrochen haben. Schier unbegreiflich, dass sich hier einst überhaupt Menschen niederließen. Der Pilger bekommt eine Ahnung vom beschwerlichen Alltag, und der schleppt nur seinen Neun-Kilo-Rucksack. Ganz unglaublich allerdings die Geschichten von Königen und Päpsten, die immer wieder davon zeugen sollen, dass auch Obrigkeiten diesen Jakobsweg gepilgert sein sollen. Schwer vorstellbar, dass sich ein 70-jähriger Papst hier herauf gequält haben soll. Aber wenn überhaupt ein Mensch Demut vor dem Camino de Santiago bekommen kann, dann wohl am ehesten der Pilger.

Niemand sollte behaupten, nur der, der hier gepilgert ist, ist tatsächlich dem Weg des heiligen Jakobus bis in die höchsten Berge gefolgt. Aber ganz getrost darf jeder Pilger hier sagen, ich bin meinen Weg gegangen. Als ich ganz oben ankomme, empfängt mich die Sonne über Tälern im Nebel. Leider sind die gestern in der alten Dorfschule in einer Waschmaschine(!) gewaschenen Kleidungsstücke schon wieder klitschnass. Das hätte sich der Pilger auch denken können, aber wer will schon streng riechend zum Köder für die Bergwölfe werden, oder gar vor den Becher des heiligen Blutes treten. Also frisch auf, das Leben ist ein Pilgerpfad, die nächste Waschmaschine kommt bestimmt.

Jeder einzelne Wallfahrer wird mit unglaublichen Bildern belohnt, die er mit nach Hause tragen kann. Und, es könnte nicht kitschiger sein, wird der Wanderer zudem am Dorfrand in von einem Dudelsackbläser empfangen, der sich hier ein kleines Zugeld verdient. Der Dudelsack ist auch ein Brauch, der aus der Zeit der Kelten stammt. Und von hier aus nach Schottland getragen wurde. So geht die Legende, die ich als stolzer Galizier auch genauso erzählen würde.

Auf der Anhöhe des heiligen Rochus, Alto de San Roque, steht er dann. Drei Meter hoch stemmt sich dort der Pestbaron aus dem südfranzösischen Montpellier gegen Wind und Wetter. Beeindruckend, wenn heute Wind und Wetter wäre. Es geht die Legende, dass es sich hierbei um den Schutzheiligen gegen Krankheit und Seuchen handelt.. Natürlich steht hier an dem Denkmal in der Pilgerschlange, die auf die Fotogelegenheit wartet, auch der Wallfahrer aus Taiwan, der seit Tagen um seinen Rucksack einen Karton eines taiwanischen Sportgetränkes mit sich schleppt. Ganz offenbar in offizieller Mission. Ich habe ihn schon des Öfteren gesehen, wie er mit einem Fotostick Aufnahmen von sich auf dem Jakobsweg macht. Na, wenn er denn auf diese Weise einen Sponsor gefunden hat, dann ist das ja auch schön. Sieht zwar ein bisschen albern aus, aber der heilige Jakobus lässt ja jedem seinen eigenen Spleen. Da gibt es Pilger, die wie verrückt rennen, um den Guinnessrekord, Jakobsweg in sechs Tagen, zu brechen. Da gibt es Weggefährten, die noch einmal den berühmten Schlager „Ein Bett im Schlafsaal“ fühlen wollen. Und dann gibt es welche, die alles in einem Blog schreiben, was eine neumodische Art eines Tagebuchs ist, allerdings für alle. Und alle können es sehen, lesen und Halsweh durch die schrägen Fotos bekommen.

Da sind sie endlich wieder, die galizischen Kuhfladen. Ich hatte sie schon fast ein bisschen vermisst. Denn das kenne ich noch vom letzten Mal: Kaum hat man die Grenze zum stolzen Galicia überschritten, und den Grenzstein fotografiert, da sind die Straßen wieder in den Landesfarben schön grünbraun gepflastert. Nein, die Landesfarben sind offiziell natürlich Blau-Weiß. Aber irgendwie schon seltsam, dass ganz Spanien offenbar in der Lage ist, seine Kuhsch… in geordnete Güllebahnen zu leiten, nur in Galizien gelingt das nicht. Und es stört auch niemanden. So wird das durchqueren so manchen Dorfes mehr zu einem durchhüpfen durch den Shit Galiziens. Wenn man denn noch ein Stück unbenutzten Weges findet. Niemand möchte wohl abends im Schlafsaal, oder eben im Hostel neben Schuhen schlafen, die die Gerüche des Tages auch noch in die Träume tragen. Ob es deshalb hier schon handgreifliche Auseinandersetzungen mit den Bauern in den Dörfern gegeben hat, ist nicht überliefert. Aber Triacastela, das Ziel des Tages, ist der einzige Ort am gesamten Pilgerweg mit einem Pilgergefängnis. Wofür das gut sein soll, weiß nur der heilige Jakobus. Warum sollte man für Pilger Zellen bereithalten, es sei denn, es sind Schlafzellen? Entweder gibt es Diebe und Raufbolde am Weg, dann sind das Diebe und Raufbolde, oder es gibt Pilger, die ihren Weg suchen. Und bei denen steht bestimmt nicht am Spielfeldrand „Ziehe vor bis Triacastela, gehe über das Gefängnis.“

Erkenntnis des Tages: Das Leben ist ein Pilgerpfad, die nächste Waschmaschine kommt bestimmt.

Die Sache mit den Pilgerstempeln

Der Jakobsweg lehrt uns nichts, was uns nicht auch das Leben lehrt. Nur im Leben sind wir nicht bereit, es zu erkennen. (Nach Paulo Coelho, erinnere mich nicht an den genauen Wortlaut)

Von Ponteferrada nach Villafranca del Bierzo, 22.Etappe, 27 Kilometer

Stell dir vor, du pilgerst quer durch Spanien, na gut, es geht auch eine Nummer kleiner, quer durch Kastilien, lässt deine Gedanken schweifen, die Sonne brennt dir auf den Nacken und die Schultern, so dass du schon nicht mehr weißt, was da eigentlich gerade schmerzt, der Sonnenbrand oder der Rucksack, und da wehen dir vermeintlich Gitarrenklänge entgegen. Hola, ich fühle mich mittlerweile schon so wie ein Spanier, zumindest kommt mir manches spanisch vor, wenn ich am Morgen in den Spiegel schaue, und mir da eine braun gebrannte Gestalt entgegen blickt, die irgendwie an eine Mischung aus Louis de Funès und Pablo Picasso erinnert, was nicht den Witz und Geist meint. Warum sollten mich da mitten in der Pampa Gitarrenklänge überraschen. Ist halt so. Das ist der Jakobsweg. Da hört mal schon mal was, Illusion ist das halbe Leben.

Dann komme ich um die nächste Kurve, und dort in einem winzig kleinen Wäldchen aus vier oder fünf Bäumen an einem noch winzigeren Flüsschen spielt tatsächlich jemand Gitarre. Warum nicht, denke ich bei mir. Schließlich habe ich mich ja auch 40 Jahre lang nicht gewundert, wenn auf der montäglichen Redaktionskonferenz allen Redakteuren, einschließlich mir, der Marsch geblasen wurde. Warum dann nicht Gitarre. Wir sind ja schließlich in Spanien. Und dann auch noch „Blowing in the Wind“. „Spanien Himmel breitet seine Sterne“, das würde doch viel besser hierher passen. „Die Heimat ist weit, doch wir sind bereit, zu leben und sterben für dich, Freiheit!“

Franco, so stellt sich der Gitarrist witzigerweise vor, schlussfolgert messerscharf aus meinem Berlin-Marathon Shirt, dass ich wohl aus Berlin komme, und meint: „Mer kennet ruhig Deutsch rede, üch kömme us Schwabe. Moine Eltern lebet in Spanien. Da hob ich mer holt hör niedergelasse.“ Also schlussfolgere ich nun wieder messerscharf und völlig vorurteilsfrei, dass dieser Franco wohl eher Frank heißt, und sich hier am Jakobsweg halt irgendwie durchschlaget. Was ich daraus zu erkennen meine, dass er mir zu seinen Soundriffs auch noch eine abgeschnittene Plastikflasche rüber schiebet, in der ich zwei Euro für seine Zukunft deponiere. Zwei weitere Survivel Artists in diesem Wäldchen am Flüsschen bieten Kettenanhänger aus getrockneter Dachshaut und handgeflochtene Armbänder mit Jokobswegmuscheln aus Stein an. Das Armband für sieben Euro. Kaufe ich.

Das Geschäft mit dem Jakobsweg floriert also. Warum auch nicht, habe ich doch vor Leon die Foodtrucks und Aufmunterungen am Wegrand gesucht. Selbst die Kirchen machen die Türen auf. Und der Pilger staunt, dass nicht nur sehr alte Männer und Frauen den Wallfahrer hineinwinken, sondern vor vielen Kirchen auf dem Weg von Ponteferrada nach Villafanca Kinder sitzen, die nach eines normalen europäischen Pilgerglaubens eigentlich am Vormittag Schule gehören. Wahrscheinlich Abendschule.

Und überall gibt es die beliebten Pilgerstempel. Ellen aus Holland, mit der ich heute Morgen losgelaufen bin, ist heute zwar erst auf der vierten Etappe, da sie erst kurz vor Hospital de Orbigo gestartet ist, aber sie lässt keinen Pilgerstempel aus. Ihr Pilgerpass ist schon bald so voll, wie meiner nach drei Wochen.

Den Pass muss man sich vorher auf einem Pilgerportal, oder in einem offiziellen Pilgerbüro besorgen. Den ersten Stempel erhält man in Saint-Jean-Pied-de-Port als Startstempel. Jeden Tag sollten zwei weitere Stempel belegen, dass man die gesamte Strecke wirklich gelaufen ist. Aber, da das bei 30 Etappen um die 60 Stempel werden würden, was den Umfang eines Passes bei weitem sprengt, reicht es eigentlich nachzuweisen, dass man die letzten 100 Kilometer nach den Vorschriften des Hohen Pilgerkommissars auf Wallfahrt war. Ich habe mir auf den ersten 20 Etappen täglich einen Stempel abgeholt und ihn mit dem Datum versehen lassen. Nach dem Startstempel aus dem Pilgerbüro in Saint Jean stehen 19 weitere Stempel – zumeist aus den Herbergen – im Pass. Jetzt, auf den letzten Etappen ist in meinem Pilgerpass noch genau so viel Platz, dass ich zwei Stempel am Tag garantiert nachweisen kann. Für die letzten 300 Kilometer. Dafür bekommt man dann beim Hohen Pilgerkommissar in Santiago die goldene Campostela.

So wächst über viele Etappen Tag für Tag die Erkenntnis, dass jeder einzelne Tagesweg irgendwie wie der gesamte Weg ist. Man steht am Morgen energisch auf. Schreitet erwartungsfroh aus. Um am Mittag sich das Ende herbei zu sehnen. Und am Abend stolz auf den zurückgelegten Weg zu sein. Aber auch zurück zu schauen, und bei sich zu denken, das habe ich wieder geschafft – das war der Tag. Natürlich fragt uns auf unserem Weg im täglichen Leben niemand, hast du auch heute die gesamte Etappe geschafft? Oder, hast du eine Abkürzung genommen? Oder, hast du dir denn heute deinen Stempel geholt? Nein, das Leben drückt uns ganz ungesehen, seine Stempel auf. Das ist auch gut so. Aber es wäre doch mal ein lohnendes Gedankenspiel, sich am Abend eines Tages zu überlegen, wo man sich heute seinen Stempel abgeholt hätte. Oder ob man heute auch an einem Franco vorbeigekommen ist? Wäre das nicht schön? Die Kelly Family ist schließlich auch in Fußgängerzonen groß geworden. Ein Gitarrenspieler am Pilgerweg des Heiligen Jakobus überrascht sicherlich mehr, als Panflötenspieler in der Fußgängerzone.

Erkenntnis des Tages: Jeder einzelne Pilgertag ist wie der gesamte (Lebens)Weg.