Die Sache mit den Herbergen

“Eines Tages wirst du aufwachen und keine Zeit mehr haben für die Dinge, die du immer wolltest. Tu sie jetzt.” (Paulo Coelho)

Casa Rual de Victoria in Cirueña

Von Ledigos nach El Burgo Ranero, 15. Etappe, 34 Kilometer

Ich gebe es zu, ich bin ein Weichei. Ich habe alle Hostels und Herbergen auf dem Weg nach Santiago de Compostela bereits vorgebucht. Ich habe mich an einem Abend im Februar hingesetzt und habe Etappe für Etappe geplant. Am Anfang etwas länger, so um die 30 Kilometer, gegen Mitte des Weges etwas kürzer, und vor großen Städten ganz kurz, damit ich Zeit habe, mir die Stadt anzuschauen. So wie etwa in zwei Tagen in León.

Nach 15 Wandertagen kann ich sagen, man erlebt auch ohne Spontanguesting genug Höhepunkte oder auch Reinfälle. Ich brauche das einfach nicht, am Ende einer Etappe von 34 Kilometern, so wie heute, herum zu stürzen und nach einer Unterkunft zu suchen. Und ich bin auch keine 18 mehr, dass ich die schöne kuschelige Atmosphäre eines Schlafsaales mit 20 oder 25 Betten als sozialen Background für meine Pilgerreise benötige. Nicht, dass ich nicht um das wärmende Klima eines Schlafsaals wüsste, mit dem Schnarchen, mit den Socken der Anderen, mit den Gesprächen meiner Mitpilger. Aber irgendwie hatte ich das aus meiner dreijährigen Armeezeit und vierjährigen Studienzeit in Kasernen und Internaten so positiv in Erinnerung behalten, dass ich mir diese schöne Zeit meines Lebens nicht hier auf dem Camino durch vielleicht unvorsichtiges Verhalten meiner Mitpilger kaputt machen lassen wollte.

Und mal ganz ehrlich, jeder von uns, die hier regelmäßig diesen Blog lesen, könnte sich doch auch ein zuvor auf Spanisch gemietetes oder ein bei booking.com reserviertes Zimmer leisten. In der Regel sind es dann auch nur zwischen 35 und 50 Euro. Da muss doch keiner bedürftigen jungen Menschen die Betten wegnehmen, die aus den kargen Förderzusagen ihrer unmittelbaren im eigenen Haus lebenden Vorfahren gerade ihren Selbstfindungskurs in Spanien finanzieren. Und die, die schon mit 24 BMW fahren, die pilgern ja hier nicht.

Albergue LaMorena in Ledigos

Vor wenigen Minuten verließ ich die Albergue LaMorena in Ledigos gemeinsam mit Diane aus Kanada. Sie ist ein paar Tage vor mir losgegangen und bucht grundsätzlich nicht vor. Ihr Überlebensmotto für die Schlafsäle auf dem Camino de Campostela: „A glass of red wine in the evening and you have a good night’s sleep in the dorm.“ Wie viele Gläser sie meinte, hat sie nicht weiter ausgeführt. Aber wer will denn schon auf dem Camino zum Alkoholiker werden? Der hier schreibende Blogwart – und das ist dezidiert nur auf die Aufsicht über die hier stehenden Wörter zu verstehen – hat sich eher vorgenommen, auf dem Camino auch seiner Leber freizugeben. Zumindest in Maßen. Schließlich wollen wir alle etwas von dem Erlebnis haben. Nicht nur das Herz und das Hirn, sondern auch der Magen und eben die Leber. Nun gut zugegeben, die Beine haben auf den 800 Kilometer langen Weg die A–Karte gezogen. Aber einer muss ja dafür sorgen, dass es hier vorangeht. Selbst bei einer wohligen Wallfahrt. Und die beiden sind immerhin zu zweit. Ja und die Nieren sollten auch etwas zu tun haben. Allein durchspülen mit dem klaren Quellwasser Spaniens scheint mir da auch ein bissl zu wenig.

Eine Freundin in Schwerin war total entsetzt, als ich ihr vor dem Start Anfang Juni beichtete, dass ich schon alles vorgeplant habe. „Das hat doch nichts mit Pilgern zu tun, was du da machst“, ging sie mit meinem Plänen knallhart ins Gericht. „Du planst deine Zeit auf dem Jakobsweg genauso durch, wie zuvor deinen Arbeitsalltag. Wo ist denn da das Neue? Der neue Abschnitt? Du musst dir doch Zeit nehmen, und einfach mal die Welt auf dich zukommen lassen.“ Stimmt schön gesagt. Aber soll ich mir den Weg von überfüllten Schlafsälen Abend für Abend kaputt machen lassen? Der Weg ist immer besser als die schönste Herberge. Aber schön sollte die Herberge dann doch sein.

Sibyll aus der Schweiz, die nunmehr schon ein paar Etappen hinter mir liegen muss, erzählte mir vor ein paar Tagen hektisch, dass ihre Ohrstöpsel irgendwo verloren gegangen seien. Ein anderer Pilger berichtete mir, dass er immer schon um 5 Uhr aufstehe, damit er der erste im Gemeinschaftsbad ist. Und wenn nebenan die Wasserspülung lieblich rauscht, ist natürlich für den Rest des Schlafsaals auch die Ruhe vorbei.

Palacio de Pujadas by MIJ, Viana

Und mal ganz ehrlich, wenn ich jeden Morgen die Rucksackparaden am Ausgang meines Hostels oder meiner Herberge sehe, die dort der Abholung durch ein Taxi oder eines Gepäcktransports harren, dann fällt es mir irgendwie schwer zu glauben, dass hier jede und jeder wie Hans-guck-in-die-Luft am Morgen losziehen, um zu sehen, wo sie am Abend landen. Riesige Rucksack-Gebirge an irgendwelchen Ortsschildern in der Pampa sind mir unterwegs auch noch nicht aufgefallen. Aber jedem Pilger seinen Camino. Und Sibylls Ohrstöpsel wird ja niemand nachts im Schlafsaal mit einem Korkenzieher herausgezogen haben. Ich habe ja auch schon einen Ohrhörer unterwegs verloren. Und das hatte nichts mit Schlafsaal oder Zimmer zu tun, sondern einzig mit Dussligkeit.

Zudem hatte ich es für eine gute Idee gehalten, nicht mit dem Pilgerstrom vom im Gronze empfohlenen Zielort zu Zielort zu schwappen. Der Gronze ist übrigens der Pilgerführer auf dem Camino de Santiago schlechthin, den es auch als App gibt. Ich suchte mir auf dem Weg gezielt Zwischenstation aus, um sozusagen mit den Strom gegen den Strom zu pilgern. Und mit mir ganz offenbar alle anderen auch.

Gestern Abend im LaMorena in Ledigos saß jedenfalls wieder die gesamte Gemeinde zusammen. Pilger, denen ich schon seit Tagen immer wieder begegne. Der Vater mit dem Sohn aus Mexico, die Tochter mit ihrer Mutter aus Texas, eine Pilgerin aus Schottland, die es in den Tagen nach dem Spiel Deutschland gegen Schottland, besonders schwer hat, und eine Menge junger Leute. Alles Futter für den Dormitory. Ich dagegen konnte in mein kuscheliges, winziges, aber sehr sauberes Einzelzimmer verschwinden und war bis zum Pilgermenü nicht mehr gesehen. Der Vater mit dem Sohn auch. Die Tochter mit ihrer sehr alten Mutter ebenso. Diese Herberge hat im übrigen einen wunderschönen kleinen Garten, eine Waschkabine mit Waschmaschine und Trockner, und im Zimmer waren nicht nur Banane, Orange und Birne sowie Wasser angerichtet, sondern es lag da auch noch eine kleine Tube mit Fußcreme auf dem Bett. Da hätte ich ja gerne mal Mäuschen gespielt und nachgeschaut, ob auf den Stockbetten im Dorm auch auf jedem Kissen eine Tube Fußcreme wartete? Aber dieser Luxus hat natürlich auch seinen Preis. 57 € mit Frühstück. Wobei du das Frühstück hier in Spanien in der Regel vernachlässigen kannst. Einen Kaffee oder Espresso und ein Croissant. Da greift selbst ein Zuckerfeind wie ich gerne mal zum Tütchen weißen Abhängigmacher für den Espresso, um das Preis-Leistungs-Verhältnis zu verbessern. Heute Abend im Hotel Castillo El Burgo werden das übrigens nur 42 Euro sein. Aber das hat auch seinen Grund. Dazu kommen wir noch.

Wie gesagt, die Albergues entlang des Weges bieten immer eine Überraschung. Garantiert. Man weiß nur nicht welche. Ledigos beschrieb HaPe Kerkeling als kleines, schmutziges Nest mit einer heruntergekommenen, schmierigen Herberge, die zudem auch noch geschlossen hatte. Na gut, das war vor 20 Jahren. Nun war LaMorena ein Highlight am Wegesrand. In Puente la Reina hatte ich auch eine sehr schöne Herberge, die allerdings, wie schon geschrieben, von einer Reisegruppe überlauter, Gin Tonic-trinkender Amerikaner besetzt war. Da hatte ich als Pilger nicht viel zu bestellen. Und das im wörtlichen Sinne. In Pamplona habe ich für einen kleinen Preis in der Pension Obel übernachtet, auch schon geschrieben, in der das Zimmer mit Gemeinschaftsbad, in dem das Wasser nicht abfloss, durch das üppige Pilgermal der noch üppigeren Wirtin wieder gut gemacht wurde. Ventosa, bisher der einzige Ort im Regen, war mit seinem Schlafsaal und Gemeinschaftsbad nun wieder eine positive Überraschung. Aber nur dadurch, dass ich die fünf Betten im Raum für mich ganz alleine hatte. Allerdings brauchte ich hier meinen Schlafsack. Gut, dass ich daran gedacht hatte. Der Deutsche im Allgemeinen hat ja immer etwas zu meckern, also auch der deutschen Pilger: Der Herbergsvater musste einen deutschen Vorfahren im ersten oder zweiten Weltkrieg gehabt haben. Typ deutscher Feldwebel. Aber auf sein Essen war er stolz. Wahlweise Paella oder Pizza aus der Tiefkühltruhe. Das kirchliche Pilgerheim Oasis in Villamayor hatte ich ja bereits ausführlich beschrieben – Zimmer heimelig, Köchin unheimlich. Überraschend auch die Casa Rual de Victoria in Cirueña. Ein Haus an der Landstraße, aber mit dicken Mauern, in dem ich ganz offenbar im ehemaligen Schlafzimmer der Familie schlief.

La Cabala de Ibeas, Ibeas de Juarros

Ich erlebe bei privaten Unterkünften immer wieder, dass die Bewohner leer gezogene Häuser so umbauen, dass sie für eine Vermietung taugen. Also man muss sich das so vorstellen, wie bei uns in Deutschland, wenn die Kinder weggezogen, und vielleicht unglücklicherweise sogar der Partner verstorben ist. Im Obergeschoss eines Einfamilienhauses werden Schlafzimmer und die beiden Kinderzimmer und vielleicht ein Bügelraum zur Vermietung fit gemacht – so dass sich alle Pilger gemeinsam das eine Bad auf der Etage teilen müssen. Ähnlich fand ich es in Itero de la Vega in der Albergue Hogar del Pelegrino vor. Zwei Betten je Zimmer, drei Zimmer und ein Bad – und dann die einzige Herberge im Ort, die geöffnet hat. Da gehst du nach 30 Kilometern nicht noch einmal geschwind 6 Kilometer in der Hoffnung, dass sich etwas besseres findet. Inka, eine in Cambridge lebende Polin, mit der ich seit Stunden den Weg geteilt hatte, hatte nicht reserviert. Bisher hatte es immer geklappt. Aber nun war die Herberge voll. Also schlug ihr der Hausherr vor, auf dem Sofa in der Küche zu schlafen. Er würde nachts mit einem Vorhang, der schon für solche Zwecke angebracht war, die Küche teilen, und nichts würde ihren seligen Schlaf nach 30 Kilometern stören. Inka, die ursprünglich Kathrinka heißt, wanderte keine 6 Kilometer mehr weiter. Und als ich am nächsten Morgen aufbrach, schlief sie noch selig. Muss also nicht schlecht gewesen sein.

Allberga San Saturnino, Ventosa

Ich bin auch nur so früh aufgebrochen, weil sich der Pilger, mit dem ich mir mein Zimmer teilte, schon um 5:30 Uhr hinaus geschlichen hatte und verschwunden war. Da war allerdings an Schlaf nicht mehr zu denken. Aber er war am Vorabend auch erst um 20 Uhr eingetroffen. Insofern war die geteilte Nacht nur halb so schlimm. Und für 20 Euro das Bett im halben Zimmer kann man sich ja auch nicht beschweren. Aber, es ist schon lustig, wenn die Herbergsmutter herumgeht und im Zimmer auf jedes Bett zeigt: 20 Euro, 20 Euro, 20 Euro…
All diesen Erlebnissen stehen wunderschöne Hotels in Burgos oder auch in Hontanas gegenüber. Also mal ehrlich, für mich ist ein geteiltes Zimmer alle paar Tage, oder ein geteiltes Bad alle paar Tage öfter, nicht schlimm, aber genug Abenteuer.

Apropos Abenteuer, heute ist meine 15. Etappe und damit Bergfest. Bergfest der Tage. Bergfest des Weges dürfte schon gestern gewesen sein, als ich 400 von knapp 800 Kilometern hinter mir hatte. In El Burgo habe ich mir dafür ein kleines, aber feines Motel ausgesucht, 42 Euro. So dachte ich zumindest den ganzen Tag über. Und freute mich darauf. Aber jetzt, wo ich ankomme, stehe ich an einer Tankstelle von Avis mit einem Trucker-Hotel und laufenden Motoren von zig Trucks auf dem riesigen Parkplatz. Na, das ist doch mal eine Überraschung. Bergfest an der Quelle der fossilen Brennstoffe in einer Welt, die gegen die Klimaerwärmung kämpft. Das blende ich jetzt mal aus und feiere mit einer Flasche Roja den Gipfel meiner Pilgerfahrt, auf der ich 800 Kilometer durch das heiße Spanien laufe und mein ökologischer Fußabdruck demzufolge gleich einer wunderschönen Null ist. Keine Zivilisationsschelte, schließlich sind ja auch die meisten Pilger, wie ich, mit dem Flugzeug oder dem Zug aus Hamburg, Paris, Vancouver, Denver, Mexico City, Brasilia oder Ljubljana hierher gekommen und haben erst mal einen saftigen, ökologischen Fußabdruck produziert. Den sie hier zur eigenen Erleuchtung und den Erhalt der Schöpfung Tag für Tag fleißig ablatschen. Übrigens das Zimmer in dem Trucker-Motel ist gar nicht schlecht. Und die Küche sieht auch sehr gut aus.

Erkenntnis des Tages. Das Leben ist voller Überraschungen.

Albergue LaMorena in Ledigos

Nun sag’, wie hast du’s mit der Religion, Max

„Non nobis Domine, non nobis, sed nomini tuo da gloriam“ ( Nicht uns, oh Herr, nicht uns, sondern Deinem Namen gib die Ehre, Motto der Templer, Psalm 115,1)

Von Villalcazar de Sirga nach Ledigos, 14. Etappe, 30 Kilometer

„Eine Reise ist immer ein Akt der Wiedergeburt“, schreibt Paulo Coelho. „Du wirst vor vollkommen neue Situationen gestellt. Der Tag vergeht viel langsamer. Und zumeist verstehst du die Sprache nicht, die die Menschen sprechen. Genauso wie ein Kind, das aus dem Mutterleib kommt. Unter solchen Umständen misst du dem, was dich umgibt, eine viel größere Bedeutung bei, da dein Leben davon abhängt, Menschen gegenüber offener zu sein, weil sie dir vielleicht in schwierigen Lagen helfen können. Du nimmst das kleinste Geschenk der Götter mit so großer Freude auf, als ob es das größte ist, was dir das Leben gibt“, schreibt der brasilianische Schriftsteller. „Reich wirst du, da alles neu ist, der Schönheit der Dinge gewahr. Und bist glücklich darüber zu leben. Daher ist die Wallfahrt seit jeher eine der besten Formen, um zu Erleuchtung zu kommen“, so Paulo Coelho. Und er schreibt noch etwas von Sündenablatschen, das wir uns hier mal sparen. Seinen Jakobsweg 1986 bezeichnet er als Wendepunkt seines Lebens und Abkehr von einem mittelalterlichen Orden.

Tatsächlich kann man der Frage der Erleuchtung, oder sagen wir es einmal einfacher der Religion, auf dem Jakobsweg nicht entgehen. Schon alleine, weil man immer mal wieder in Nachrichten aus oder in Gesprächen mit den Zuhausegebliebenen gefragt wird: „Und bist du nun erleuchtet?“ Oder: „Wie ist die innere Einkehr?“ Blödsinnige Fragen. Ich sehe rot aus von der Sonne, aber ich bin nicht erleuchtet, oder? Wahrscheinlich scherzhaft dahingeworfen. Was soll man auch jemanden fragen, der pilgert? „Wie war Schottland gegen Deutschland?“ „Keine Ahnung, bin in Spanien.“

Tatsächlich spielt der Glaube auch in Gesprächen mit anderen Pilgern immer wieder eine Rolle. Spätestens bei der Frage „Warum bist du hier?“ kommt die Stunde der Wahrheit. Viele versuchen sich ja an einer Antwort vorbei zu mogeln. Manche brummeln „Firlefanz“. Manche werden nachdenklich. Aber ganz im Inneren kommt man nicht umhin, sich mit dem Glauben zu beschäftigen. 80 Prozent der Jakobsweg-Pilger sollen angeblich wegen der Religion hier her kommen. Da habe ich wohl bisher nur mit den restlichen 20 Prozent Kontakt gehabt. Aber was sagt man schon auf die Frage „Wie hältst du’s mit der Religion, Max?“ auf dem Jakobsweg? Um so mehr, wenn man nicht von seiner inneren Stimme gefragt wird, sondern von einem Umfrage-Institut. Ich habe jahrelang Meinungsumfragen in Auftrag gegeben, mir Fragen ausgedacht, Umfragen ausgewertet. Niemals haben viele Menschen angekreuzt, eine extremistische oder rechtsextremistische Partei zu wählen. Die Wahlergebnisse sahen dann oft ganz anders aus. Jüngste Entwicklungen einmal beiseite gelassen.

Also sagen wir mal, ein Gutteil der Menschen, die auf dem Camino de Santiago gehen, haben religiöse Gründe. Insbesondere, wenn man aus Süd- oder aus Nordamerika hierher anreist. Da muss es schon ein bisschen mehr sein als: Ach, ich geh mal Wandern. Ja, ich habe auch irgendwo hinter Puente la Reina ein Pärchen getroffen, bei dem die Frau ständig murmelte und je näher ich heran kam, desto deutlicher klang das Ave Maria zu mir herüber. Die Frau betete einen Rosenkranz hoch und runter. Viele Sünden? Oder fester Glaube!

Man kann der Religion auch deshalb gar nicht aus dem Weg gehen, weil sie ein Teil der Geschichte des Jakobsweges ist. Und weil am Wegesrand noch im kleinsten Nest den Pilger die größte Kathedrale erwartet. So wie gestern in Villalcazar de Sirga, wo die Kathedrale der Weißen Jungfrau steht – ein ganz unerwarteter Höhepunkt an meinem Pilgerziel. Unglaublich, und umwerfend. Aber hier kommt natürlich wieder die Geschichte ins Spiel. Nachdem sich der heilige Jakob 800 Jahre ausgeruht hatte und im Jahr 812 seine Gebeine von einem Eremiten unter einem Sternenregen wieder entdeckt wurden, ging es rund mit der Vertreibung der Mauren und der Christianisierung der Iberischen Halbinsel. Santiago – St.Jakob – wurde sehr schnell zu einem Pilgerziel von Päpsten und Königen. Da fiel schon mal rechts und links eine Kirche ab. Mal abgesehen von den ganzen Heilungen und Wundern. Und die Jakobsritter – genauer der Ritterorden des heiligen Jakobs vom Schwert – waren ja auch noch mit von der Partie. Da wurde schon mal die eine oder andere Schlacht gewonnen, für die man irgendjemanden danken musste. Und so säumen die Kirchen den Jakobsweg genauso häufig wie die Pilgerherbergen. Aber das betrifft ja eher die Kirche, in dem Fall zumeist die katholische Kirchen, als den Glauben.

„Nun sag’, wie hast du’s mit der Religion. Du bist ein herzensguter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon?“ lautet die vielzitierte Frage von Gretchen an Faust und fordert ein Bekenntnis von ihm. Und was macht er? „Lass das, mein Kind, du fühlst, ich bin dir gut. Für meine Lieben ließ ich Leib und Blut. Will niemand sein Gefühl und seine Kirche rauben.“ Faust eiert rum. Genauso wie viele von uns herumeiern würden. Also nix Neues unterm Sternenzelt. Wer vermag heute ein Bekenntnis zu geben? Wozu auch immer. Doch Margarethe lässt nicht locker: „Das ist nicht recht, man muss dran glauben.“ Nach noch ein bisschen hin und her, die Priester und die Kirche beschimpfend, lässt sich Faust schließlich zu einem halbgaren Bekenntnis breitschlagen und antwortet: „Erfüll dein Herz, so groß es ist. Wenn du ganz in dem Gefühle selig bist. Nenne es dann, wie du willst. Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott. Ich habe keinen Namen dafür. Gefühl ist alles, Name ist Schall und Rauch…“ Ja, hätten wir damals mal unseren Faust gelesen, dann würden wir heute beim Herumeiern nicht so ein schlechtes Gewissen bekommen.

Und mal ganz ehrlich, die nachträglichen Reparaturen sind doch zumeist auch nur für die Öffentlichkeit oder die Kirche. Zumal wenn sie den einen oder anderen Politiker betreffen. Alle Leser dieses Blogs natürlich dezidiert ausgeschlossen. Kürzlich erzählte mir jemand ganz euphorisch, dass er sich mit der gesamten Familie bei einer Taufe in einem See durchbaden lassen habe. Er nannte das natürlich anders. Schön, dass die protestantische Kirche wieder zur ursprünglichen christlichen Taufe zurückfindet. Nun kann der junge Mann mit seiner jungen Frau und seinem Kind in politischen Kreisen auf die Frage „Wie hältst du’s mit der Religion?“ sagen „Ich bin protestantisch.“ Schön. Am Anfang steht der See. Ein bisschen überraschend so eine Spättaufe, aber mit Jahren von Kirchenbeirägen, die der Staat auch noch eintreibt, verwächst sich das. Doch, ist das der Glaube für sich selbst? Wünschen wir es ihm. Oder für die Institution? Und damit ist nicht die Partei, sondern eher die Kirche gemeint oder beides.

In manchen Parteien, die „christlich“ sogar im Parteinamen tragen, nimmt das mitunter kuriose Züge an. Angela Merkel erzählte mir einmal, dass ihr bei der Wahl des ersten CDU-Landesvorstandes in Mecklenburg-Vorpommern während des Wahlgangs zugeraunt wurde: „Keine Katholiken mehr wählen.“ Mit Alfred Gomolka, später erster Ministerpräsident in Schwerin, Rainer Prachtl, kurz darauf Landtagspräsident, und Eckhardt Rehberg, CDU-Fraktionschef, war die Katholikenquote gut erfüllt. Die Pfarrerstochter aus Templin hingegen, bei der sich durchaus vermuten lässt, dass sie den Glauben mit der Muttermilch eingesogen hat, zeigte sich bass erstaunt und später amüsiert. Was ihr damals 1990 nämlich keiner gesagt hatte, war, dass es in CDU-Gremien nicht nur einen Proporz zwischen den Landsmannschaften Mecklenburg und Vorpommern, Stadt und Land, zwischen Kreisverbänden und ja bestenfalls sogar in der Ausbildung und wissenschaftlichen Herkunft geben sollte, sondern sogar zwischen Protestanten und Katholiken. Die Frauenquote spielte 1990 in der CDU noch keine Rolle. Wie komme ich nun vom heiligen Jakobus auf Angela Merkel?

Ich werde jetzt hier nicht ein großes Glaubensbekenntnis ablegen, mein lieber Martin Scriba, dann wäre ich ja kaum besser als die Geldwechsler und Händler, die ein jüdischer Wanderprediger einst aus einem Tempel in Jerusalem verjagte. Aber nur zu berichten, was für mich heute am Sonntagmorgen, den 16. Juni, an dem ich um 7 Uhr aufgebrochen bin, ein weiteres Mal am Camino reizt, das wäre auch zu wenig. Natürlich ist es die Ruhe, es ist die Natur, die Landschaft, es ist der neue Morgen, es ist die Geschichte, die hier atmet, das Abenteuer. Alles schon beschrieben. Aber natürlich beschäftigt mich gerade hier auch die Frage, wie ist denn nun mit dem Glauben, mein lieber Maxe. Und wenn ich heute das angeblich langweiligste Stück des St.James Way zurück lege, 17 Kilometer hinter Carrión de Los Condes schnurgerade durch eine flache Landschaft ohne jeden Ort, fallen mir darauf natürlich 1000 Antworten ein. Jede 20 Schritte eine. Und Fragen. Auch die, warum uns Ost-Kindern andere Institutionen zugewiesen wurden. Sozusagen Ersatzreligionen.

Die Antwort, kann man natürlich zeitgeschichtlich schnell beantworten. Aber sie ist nicht schwarz-weiß. Bei uns im Dorf auf einen kleinen Berg im Thüringer Wald war es so, dass alle meine Mitschüler in der Kirche und bei den Jungen Pionieren waren. Nur eben der Sohn des Schulleiters war nicht in der Kirche, und der Sohn des Pfarrers selbstverständlich nicht bei den Pionieren. Da stellt sich doch die Frage, wer von uns beiden war das Systemkind? Oder waren wir es beide und alle anderen nicht, weil sich ihre Eltern durchgeschmuggelt hatten? Jetzt wird’s philosophisch.

Sagen wir mal, die innere Diskussion mit dem eigenen Ich ist meine Annäherung an den Glauben. Und wenn der Zollstock des Lebens nur noch knapp 20 Zentimeter misst – das hoffe ich mal, lieber Gott, da musst du mir was versprechen – dann denkt man ohnehin weniger an das Hätte, Wäre, Könnte, und mehr an das Ist. Und das ist derzeit genau das, was ich mir für die ersten Wochen nach dem Job vorgestellt habe. Auch wenn mir gelegentlich frühmorgens um Sieben der ein oder andere Co-Pilot im Kindergarten- oder Schultaxi fehlt.

In Ventosa las ich einen Spruch an der Tür zum Gemeinschaftsbad in der Pilgerherberge. „Möchtest du nach dir kommen?“, stand darauf. Klar, bezogen auf eine konkrete Situation eine Ermahnung. Jetzt ist der Koslik auf das Niveau von Klo-Sprüchen gesunken, denkt ihr wahrscheinlich. Aber kann man das nicht auch, bezogen auf die Welt und auf das Leben, als einen Hinweis von ganz Oben lesen? Kann man das am Ende des Tages als die Frage der Fragen des Glaubens verstehen? „Möchtest du nach dir kommen?“ Hinterlassen wir unsere Welt und unser Leben so, dass wir getrost wiederkommen können, wenn es jemand da oben so will?

Erkenntnis des Tages: Auf 17 Kilometern ohne Mensch und Dorf kommt man ganz schön ins Nachdenken.

Der Camino quer durch eine Kirche

Der Weg ist immer besser als die schönste Herberge. (Miguel de Cervantes)

Von Hontanas nach Itero de la Vega, 12, Etappe, 22 Kilometer

Einer der ungewöhnlichsten Anblicke auf den Etappen des Jakobsweg ist ganz sicher der Camino de Santiago durch die Klosterkirche von San Antonio. Genau durch die gotischen Bögen, die über dem Jakobsweg aufsteigen und einst die Kirche mit dem Pilgerspital verbanden. Eigentlich eine Attraktion. Der Jakobsweg quer durch die Kirche. Mehr geht nicht. Aber so richtig ist hier nichts los. Durch die Fenster im Mauerwerk schaut die Hochebene der Iberischen Meseta.

Das Frauenkloster de San Antonio war im 12. Jahrhundert eine Gründung des Antoniter-Ordens und für Heilungen der Pilger bekannt. Aber so recht erfolgreich war der Orden nicht, das Antoniusfeuer führte eher in den Himmel als zum längeren Dasein auf Erden. Heute ist der Bogen über dem Jakobsweg eher eine Informationstauschbörse durch hinterlassene Zettelchen in den zahlreichen Nischen im Mauerwerk. Aber selbst das dürfte im Zeitalter von Instagram und WhatsApp längst Vergangenheit sein.

In „Die walfart und Straß zu Sant Jacob“ beschrieb der deutsche Servitenmönch Hermann Künig von Fach auf seiner Pilgerschaft 1494 in Versform in seinem Pilgerbuchs „Ich bin dann mal weg“ den Ort Castrojeriz mit folgenden Worten:

„Über eine halbe Meile findest du ein Schloß heißt Fritz.
Auf Deutsch ist es geheißen die lange Stadt
darin man vier Spitäler hat.“

Erstaunlich lang ist Castrojeriz geblieben. Für frühere Pilger war es eine wichtige Station von Spitälern mehrerer Ordensgemeinschaften. Heute soll man in dem Ort neue Kräfte schöpfen, um den langen Anstieg auf den Alto de Mosterales zu bewältigen, in 1040 Meter Höhe. Eine der schönsten Etappen um diese Jahreszeit. Viele Pilger überspringen die Meseta-Hochebene im Sommer, weil dann die blühende Felder verbrannt, die Mohnblumen verblüht und die Erde verdorrt ist. Aber Jetzt ist Jetzt. Und im Jetzt liegt die Schönheit des Weges.

In Itero de la Vega ist nur noch eine Albergua geöffnet und die ist knüppelvoll. Also alle acht Betten belegt. Sogar die Küche mit dem Sofa wird vermietet. Nummer neun. Auch ich muss mir hier das Zimmer teilen. Na, da bin ich ja mal gespannt. Da ist es wieder: Die Summe aller seiner Bestandteile macht den Tag.

Erkenntnis des Tages: Im Jetzt liegt die Schönheit des Weges.