Zu Hause im Klostergarten

פרידה עם דמעות. (Abschied mit einer Träne im Knopfloch)

Dichtes Pflanzengewirr – und im Hintergrund ein kleines Gartenhaus

Es gibt Orte auf der Welt, von denen behauptet wird, dass man bei ihnen zweimal weine. Einmal bei der Ankunft, und einmal beim Abschied. Ich würde Jerusalem Unrecht tun, wenn ich behauptete, dass ich bei meiner Ankunft am 5. Januar weinte. Nein. Aber der Anfang hier ist mir nicht leicht gefallen. Nun jedoch davor zu stehen, morgen wieder abzureisen, das fällt mir wirklich schwer. Es ist so unglaublich. Erst dachte ich, das halte ich niemals ein viertel Jahr aus. So anders als Tel Aviv. So verstaubt. So historisch. So biblisch. Aber wow? Ein viertel Jahr in Jerusalem. Welch‘ ein Erlebnis. Heute habe ich, ich gebe es zu, eine Träne im Knopfloch – und vielleicht auch eine in den Augenwinkeln.

Ich habe mir hier eine Kippa gekauft. Ja, jetzt werden viele zu Hause denken, klar, der Opportunist, ein Leben vom Halstuch direkt zur Kippa. Wenn du hier die Klagemauer besuchst, oder eine Synagoge oder die ewige Flamme in Yad Vashem, wenn man heilige Stätten in Tiberias, in Haifa oder Nazareth betritt, dann braucht man so ein Ding. Diese bereitgehaltenen Besucher-Kippas sind so gar nicht meins. Du nimmst sie aus einer Kippa-Kiste, in der schon Tausende vor dir herumgegrabbelt haben, und denkst sofort an Läuse. Eine Kippa ist in Isrel nicht teuer. Vielleicht kostet ja eine mit dem Bild von Donald Trump oben drauf etwas mehr.

Es gibt Trump-Fans hier, ja so einige. Das nur dazu, dass ich die Menschen hier auch nach drei Monaten noch lange nicht verstehe. Ich bin ja hier hergekommen, um Israel zu verstehen. Jetzt verstehe ich viele Gründe für das Handeln der Israelis. Das heißt nicht, dass ich es stets gutheiße. Aber ich glaube zu wissen, warum manches so ist, wie es ist. Dazu kommen wir noch.

Verrückte gibt es eben überall auf den Welt – das Gute: Ich habe niemand eine solche Kippa tragen sehen.

Wer zwei Wochen in Israel ist, möchte ein Buch schreiben. Wer zwei Monate hier ist, möchte einen Artikel schreiben. Wer zwei Jahre hier ist, möchte gar nichts mehr sagen, lautet ein Sprichwort in Israel. Der Probst von Jerusalem, Joachim Lenz, hatte es mir am Anfang mit auf dem Weg gegeben. Er ist so etwas wie ein Israelbegleiter für mich geworden. Das Sprichwort trifft es. Es stimmt. Und es stimmt auch wieder nicht. Ich habe hier so viele Menschen getroffen, die so offen waren. Die mir ihre Geschichte und ihre Geschichten erzählt haben, ohne dass wir uns schon Jahren kannten. Das alles konnte ich natürlich nicht in diesen Blog gießen. Ich habe viele dieser neuen Bekanntschaften meinem Hebräisch-Lehrer und inzwischen vielleicht auch Freund Uwe Seppmann zu verdanken. Alle Menschen, die Du hier kennst, konnte ich nicht besuchen, Uwe… Aber Danke, Du hast mir die Tür zu Israel geöffnet. Nur noch Hineingehen musste ich selbst.

Ich habe in diesem Blog viel ausgebreitet – aber wie gesagt lange nicht über alles geschrieben. Ich habe nicht über das relativ neue „Book of Names“ in Yad Vashem geschrieben, in dem alle Besucher des Mahnmals nachblättern, ob der Name ihrer Familie in ihm auftaucht. Sechs Millionen Tote! Tausende Schneiders, Rosenbaums, Löwentals… Kein Koslik. Aber Kosiks. Ich habe meinen Freund Udo begleitet, der als Generalsekretär der Kultusministerkonferenz einen Staatsbesuch vorbereitete. Wir waren im Bildungsministerium. Ich war in der große Synagoge in Jerusalem zu Purim. Ich habe das widerrechtlich besetzte Al-Ram in der Westbank besucht und war in Jericho. Ja, ich habe hier sogar eine Sauna gefunden. Jerusalem kann im Winter auch kalt sein. Und ich habe mein Handy x-mal ultraorthodoxen Juden gegeben, die zwar kein Telefon hatten, aber offenbar eine Nummer um anzurufen.

Wem gehört die Stadt? Die Frage stellt sich bei diesem Foto von der Jaffa Street an der City Hall in Jerusalem nicht!

Ich habe auch nicht über den Kibbuz Be’eri geschrieben. Einer der bekannteren Kibuzze des Hamas-Terros. Er soll bis 2027 wieder aufgebaut werden. Mit deutscher Hilfe. Solange leben die Bewohner in einer künstliche hochgezogenen Wohnanlage des Kibbuz Chazerim in der Wüste Negev, wie in einem Raumschiff. Ist das gut? Fünf Jahre weg von der eignen Scholle. Was passiert da mit den Menschen? Kann man sie nicht verstehen, wenn sie wütend sind. Dass ihre Söhne und Töchter, ihre Armee und manchmal auch ihre Rabbis gnadenlos sind?

Erst vor wenigen Tagen traf ich den Chefredakteur von „Israel heute“. Aviel Schneider lebt seit 1978 in Jerusalem. Sein Vater Ludwig Schneider wurde als Sohn jüdischer Eltern geboren, die den Holocaust überlebten, weil sie von einer Küsterfamilie in Quedlinburg versteckt wurden. Die Familie floh nach dem Krieg ins Rheinland. Später, wie gesagt, Jerusalem und das Magazin „Israel heute“. Geschichte kann so nahe sein.

Aviel, Israel ist so klein und persönlich, dass sich eigentlich alle hier duzen, lebt in der Nähe von Jerusalem. Als am 7. Oktober die Hamas den Süden überfiel, standen seine drei Söhne am nächsten Morgen vor der Tür, holten ihre Waffen und fuhren in den Krieg. „Das Militär war nicht vorbereitet. Das werfe ich Bibi vor. Wir haben alles gekauft. Ausrüstung, Westen, Helme, Drohnen…“, berichtet Aviel, der aber sonst ein Netanjahu-Wähler zu sein scheint. „Als der Krieg kam, habe ich meine linken Ausfassungen in die Schublade gesteckt und diese verschlossen“, sagt er mit Blick auf die PLO, die heute die Fatach ist, mit Blick auf die Hamas, mit Blick auf die Palästinenser. Ich glaube nicht, dass Aviel viele linke Auffassungen hatte. Aber so wie er reagieren viele Menschen hier.

Das Leben geht weiter, auch wenn die Waffe immer dabei ist.

Seine Tochter und sein Schwiegersohn haben im Oktober 2023 geheiratet. Die Hochzeit durfte wegen des Krieges nicht so riesig sein, wie geplant. Aber als die Söhne dafür für 12 Stunden aus dem Krieg nach Hause kamen, haben sie gefragt: Seid ihr meschugge? Ihr streitet euch über links, rechts, Nethanjahu „Ja“, Nentanjahu „Nein“, und wir kriechen durch die unterirdischen Gänge in Gaza und räuchern die Hamas aus? „Sie retten Israel, nicht unsere Diskussionen“ sagt Aviel Schneider. „Ich bin stolz auf die Jungen.“

Aviel Schneider sagt auch: „Israel hat noch nie einen Krieg begonnen. Wir haben uns immer nur verteidigt.“ So ist das Recht seit der Geschichte Esther 480 Jahre vor Christi. Für Aviel ist klar, die Geschichte des Landes ist im Alten Testament geschrieben. Politik und Religion sind in Israel eins. Und als ich in zweifelnd frage, ob das eine gute Idee ist, fragt er: „Wenn eure Soldaten bald in der Ukraine in den Krieg ziehen, wofür tun sie das? Unsere Soldaten kämpfen für Israel. Das Leben in Israel macht Sinn. Du weißt, wofür du kämpft.“ In den letzten Tagen nahmen die nächtliche Bombenalarme wieder zu. Diesmal kommen die Raketen aus dem Libanon.

Man muss Aviels Postion nicht teilen. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die im Westjordanland Hilfe leisten. Ich habe mit Palästinensern gesprochen, die um ihre Häuser fürchten. Aber man sollte solche Meinung kennen, um vielleicht doch ein bisschen zu wissen, wie die Menschen hier ticken. Und ich habe viele Aviel Schneiders gehört… Und ich habe ein Konzert mit Effi Netzer – ein bisschen wie Heino oder Roy Black – erlebt, bei dem der gesamte Saal im Jerusalem Theater tobte als er sang „Schalom Al Israel“ – Friede, Friede, Friede sei mit Israel. Was er sonst noch bei stehendem Applaus sang, kann man auf einem Foto hier sehen.

Effi Netzers Geburtstagsshow im Jerusalem Theater – der Saal stand Kopf .

Ist es wirklich ein gute Idee nach Israel zu gehen? Ist es wirklich eine gute Idee jetzt hierher zu fahren? Das muss jeder für sich entscheiden. Niemand kann so einfach mit dem Finger schnipsen – und sagen Ja. Für mich war es eine gute Entscheidung. Ich habe so viele Menschen kennen gelernt, und viel Dinge getan, die mir in meinem etwas älteren Leben so nicht über den Weg gelaufen wären. Ich habe in einem Gartenhaus eines Klosters gewohnt. Großartig. Internet manchmal. Braucht man bei Gott ja auch nicht. Warmes Wasser, später ja. Strom war auch schon mal Glückssache. Aber es war wirklich ein tolles Gartenhaus. So viel Grün rundum. Und soviel Geschichte direkt am Abendmal-Saal und an Davids Grab, dem vermeintlichen zumindest.

Ich bin nicht christlich geworden, tut mir leid Uwe. Ich bin ein Mensch, der sich die Welt anschaut, um zu einer Weltanschauung zu kommen, die sich ganz sicher von der unterscheidet, die mir in der Schule mitgegeben wurde. Vorallem steht da Toleranz und Akzeptanz. Was vielen heute so schwer fällt. Auch in Israel. Ich war im Bah‘ai Tempel, wo geschrieben steht „Du sollst keine andere Religion hassen.“ Und ich habe für eine Kirchenzeitung darüber geschrieben, wie auch die Christen von rechtsradikalen Siedlern langsam aus Jerusalem vertrieben werden. Dafür fand ich hier keinen Platz mehr. Vielleicht reiche ich den Artikel im Blog nach. Sei 2014 gibt es hier eine „Gesetz über das Eigentum von Abwesenden“. Das gibt den Siedlern das Recht all das zu tun, was sie tun. Und ich habe arabische Frauen getroffen, die genauso auf Jerusalem als ihre Hauptstadt schauen, wie jüdische Israelis.

Beliebter Aussichtspunkt auf dem Ölberg mit Blick auf den Felsendom – Lyla bat um ein Foto

Die Tora, die heilige Schrift der Juden, weist den Menschen hier den Weg. Es kommt auf den Weg an, nicht auf das Ziel. So ist das Leben. Der Weg ist voller Herausforderungen, wie man heute so schön sagt. Es kommt auf die Reise an, nicht auf ihr Ende. Das kennen wir ja ohnehin. Und das kommt ja auch von ganz alleine.

Danke euch allen da draußen, dass ihr meinen Blog gelesen habt. Es war grandios zu sehen, dass doch ein paar Leute am anderen Ende der Leitung sind. Danke! Wenn ich zurückkehre nach old Germany – hi, hi old Germany, und das in Jerusalem – dann ist dieser Blog natürlich nicht zu Ende. Es gilt noch über ein wenig Kunst zu berichten, wie über Yoko One in der Nationalgalerie ab 11. April in Berlin. Und es wird auch einen neuen Jakobsweg-Blog geben. Das Leben geht weiter. Und was für eines. Es bleibt spannend. Bleibt dran und habt eine gute Zeit, wo immer ihr auch seid.

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Epilog: Ihr wollt wissen, warum die Israelis so sind, wie sie sind? Die Charta, der Grundsatz aller Israelis lautet „Masada wird nie wieder fallen.“ So lautet der Schwur der Elitesoldaten seit der Gründung Israels. Masada ist ein rotes Felsenmassiv in der Judäischen Wüste am Toten Meer, wo sich vor 2000 Jahren die letzten Juden in Israel vor den Römern verschanzten. Als die schließlich die letzte Mauer nach langer Belagerung stürmten, hatten sich alle Bewohner bereits selbst mit dem Schwert gerichtet. Kinder, Frauen, Männer, Alte.
Am 7. Oktober 2023 ist Masada erneut gefallen.

Die Freddy Lemon-Bar auf dem Mehane Yehuda Markt in Jerusalem. Meine Lieblingsbar. Bier allerdings 10 Euro…

Du sollst dir ein Bild machen…

„Du sollst dir kein Bild machen, kein Abbild dessen, was im Himmel droben und was auf Erden hierunten und was im Wasser unter der Erde. Du sollst dich nicht niederwerfen vor ihnen und ihnen nicht dienen …“ (2. Buch Mose)

Im 2. Buch Mose heißt es: „Du sollst dir kein Bild machen…“ Was hat es also im Judentum mit dem Bilderverbot auf sich? Ich habe mal ein bisschen nachgefragt, und bin auf einen Artikel in der „Jüdischen Allgemeinen“ gestoßen, aus dem ich hier mal frech zitiere. Machen doch viele inzwischen. Künstler meine ich, oder? Man höre nur mal Helene Fischer und Florian Silbereisen mit „Schau mal herein“ von Bernd Clüver & Marion März, Suzi Quatro & Chris Norman (Stumblin‘ In…), Wendler & Wendler, Ireen Sheer & Bernhard Brinkmann… Auch egal

Aber „Schau mal herein…“ ist schon ein guter Anfang. Es gibt offenbar ziemlich unterschiedliche Auffassungen darüber, was im Detail an Bildern verboten ist. Etwa ob es nur um die Herstellung von Abbildern „G’ttes“ geht. Oder, ob auch die Abbildung des Menschen verboten ist, der laut der Tora ja schließlich im Angesicht „G’ttes“ geschaffen wurde. Die Schreibweise von „G’tt“ ist übrigens die gängige Bezeichnung, die auch in der „Jüdischen Allgemeinen“ für Ihn üblich ist, weil offenbar nicht nur das mit dem Bild nicht geht, sondern auch das mit dem Namen. Nun gut, hätte es vor viertausend Jahren schon Instagram gegeben würde es heute wohl G#tt heißen. War aber nicht.

Da aber die jüdischen Rabbiner und Mitbürger gerne auch lustig sind, gibt es natürlich auch einen Witz dazu: Eine Lehrerin fragt ihre sechsjährige Schülerin im Kunstunterricht, was sie denn gerade malen würde. „Ich male G’tt“, antwortet das Mädchen, worauf die Lehrerin in Panik gerät: „Das ist unmöglich! Niemand weiß, wie G’tt aussieht.“ Woraufhin das Mädchen sagt: „In fünf Minuten wissen wir es!“

Also um gleich einmal vorzubeugen. Ich habe Ihn nicht fotografiert. Nichtmal getroffen. Obwohl, ich war nahe dran. Es ist sogar, ehrlich gesagt, ziemlich aufreibend, Menschen hier zu fotografieren. Man muss schon fragen. Aber sollte das man nicht überall auf der Welt? Auch ohne europäische Datenschutz-Grundverordnung? Israel zählt nicht zu Europa? Na ja, beim Eurovison Song Contest schon. Warum auch immer. Aber das ist ein anderes Thema.

Zurück zum Foto: Ein Nicken genügt in der Regel. Aber Israelis sind da sehr gelassen. Im Gegensatz zu Mitbürgern in Deutschland, danke Datenschutz-Grundverordnung. Heute möchte ich für meinen Blog einfach ein paar Bilder aus den letzten Wochen auswählen, um Jerusalem, Bethlehem oder auch Tel Aviv zu zeigen. Denn man muss sich schon ein Bild machen. Gerade im Osten Deutschlands weiß man, dass Weltanschauung auch von Welt anschauen kommt. Auch, wenn das heute manche vergessen haben… Außerdem habe ich ja hier schon berichtet, dass ich für einen Geburtstag und für die Wahl kurz zurückgekommen bin. Wir haben die Wahl. Das sollte es wert sein. Am Montagmorgen, also in zwölf Stunden, fliege ich zurück.

Los gehts! Schau mal herein…

Felsendom vom Turm der Erlöserkirche aus in Jerusalem, im Hintergrund der Ölberg

In der Grabeskirche, Jerusalem

Über den Dächern Jerusalems

Afula nördliche von Tel Aviv

Mauerkunst á la Banksy in Bethlehem

Stadtbild Jerusalem

Am Strand in Tel Aviv

An der Klagemauer in Jerusalem

Geburtskirche in Bethlehem

Armenischer Händler in der Altstadt Jerusalems

Zionstor bei Nacht

Armenische Kirche im Armenischen Viertel in Jerusalem

Platz an der Hurva-Synagoge, Jerusalem

„Seit Netanyahu herrscht ein verschärfter Hass“

„Die Ultraorthodoxen sind nicht das Hauptproblem. Das Hauptproblem sind die Hooligans der Religion, die Nationalreligiösen.“ (Benediktiner-Abt Nikodemus zum Verhältnis zwischen Juden und Christen in Jerusalem)

(Foto: Dormitio Abtei/ Abraham Unger)

Er kommt aus Stuttgart. Er wächst in einer Künstlerfamilie auf. Er wird Theologe, promovierter Liturgiewissenschaftler, Ostkirchenkundler und Mönch. Mit 25 tritt er in den Benediktiner-Orden ein, mit 35 wird er zum Priester geweiht. Pater Nikodemus Schnabel lebt schon viele Jahre in der Benediktiner-Abtei Dormitio auf dem Berg Zion in Jerusalem, völkerrechtlich im Niemandsland zwischen Israel und Palästina gelegen. Er war ein Jahr lang im Auswärtigen Amt in Berlin für Kirchenfragen zuständig. Das Referat wurde abgeschafft, was ihn noch heute den Kopf schütteln lässt. Überall in der Welt nimmt der Einfluss der Religion – auch auf die Politik – zu, nur in Deutschland verzichtet die Politik auf wichtige Ratgeber.

Nach dem brutalen Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 war Nikodemus Schnabel einer der wenigen, die nach Israel wollten, und nicht weg von dort, berichtete er selbst im Podcast „kannste glauben“ des Bistums Münster.  Darum stand der Benediktiner Abt kurz nach dem 7. Oktober mit nur einer anderen Person am Grenzübergang um einzureisen. Auf der Gegenspur Scharen von Touristen, die das Land verlassen wollten. Kurz nach dem Angriff sei die Angst in Jerusalem spürbar gewesen. Das habe er bei abendlichen Spaziergängen deutlich gemerkt, erinnert sich Schnabel.

Wir kommen gleich in den ersten Tagen (noch vor den ersten Geiselfreilassungen) ins Gespräch, als ich dank einer guten Fügung und seiner Fürsprache auf dem Zionsberg in der Dormitio das Gartenhaus im Klostergaren beziehe. Abt Nikodemus hat eine klare Haltung zur aktuellen Situation in Israel: „Der 7. Oktober ist da nicht so entscheidend, sondern der Regierungsantritt dieser Regierung Netanyahu. Seither herrscht ein verschärfter Hass, auch ein verschärfter Christenhass. Der Minister für Nationale Sicherheit Itamar Ben-Gvir (vor wenigen Wochen zurückgetreten – d. Red.) ist ein Schwerstkrimineller und notorischer Christenhasser. 2015 hatten wir einen verheeren Brandanschlag in Tabgha, unserem zweiten Kloster am See Genezareth, von jüdischen Extremisten. Der freiwillige Verteidiger dieser Brandstifter war Itamar Ben-Gvir, der sich im Gerichtssaal unflätigst benommen hat. Der Minister ist ein Rassist. Diese Regierung war ein großer Wendepunkt.“

Die Dormitio Abtei auf dem Zionsberg ist immer wieder Übergriffen ausgesetzt

Auch zuvor habe es Anschläge auf das Kloster gegeben. Fenster wurden eingeworfen. Auch in der Abtei auf dem Zionsberg sei die Situation der Christen schwierig. Abt Nikodemus: „Aber das war immer in der Dunkelheit der Nacht. Es war mit allen Regierungen immer klar, so etwas ist nicht konsensfähig. Der 7. Oktober hat da natürlich auch für eine Verschärfung gesorgt, es fehlen die Pilger, es fehlen die Touristen – und damit fällt ein Schutzpuffer weg. Es fallen die Augenzeugen weg.“ Ein Krieg stärke immer die Ränder. „Es stimmt nicht pauschal, wenn es heißt, die Juden hassen die Christen. Ich bin hier nicht hauptberuflich Opfer von Extremisten, sondern es gibt auch eine große Solidarität. Es gibt die beiden Aspekte“, rückt Nikodemus Schnabel gerade.

Am 4. Februar 2024 gab es einen Vorfall, der bis nach Deutschland hin für Aufmerksamkeit sorgte. Ein Minderjähriger und ein etwa 20 Jahre alter Mann bespuckten den Abt und griffen ihn verbal an. Die Szene wurde live von der deutschen Journalistin Natalie Amiri festgehalten, die zum Zeitpunkt des Angriffs mit Schnabel ein Video drehte. „Normalerweise bin ich daran gewöhnt, dass man mich anspuckt – das ist eine ganz alltägliche Erfahrung, vor allem auf dem Berg Zion“, sagte Abt Nikodemus ein paar Tage nach dem Vorfall. Die Abtei liegt in einem jüdischen Viertel, in dem es viele religiöse Schulen und ultraorthodoxe Juden (Haredi) gibt, die die Anwesenheit von Christen nicht dulden.

Schon 2015 beschrieb Nikodemus Schnabel in seinem Buch „Zuhause im Niemandsland“ die Situation der Christen in der Heiligen Stadt – zwischen den Juden und den Moslems. Sie machen hier vielleicht zwei Prozent der Bevölkerung aus. Tendenz fallend. Nur noch zehntausend Christen zählen Statistiken in der Stadt. Von inzwischen 970.000 Einwohnern. Tendenz steigend. Also eher ein Prozent. Aber über 50 christliche Konfessionen! Man mag es in seinem Buch nachlesen. In der Ende Januar stattgefunden „Gebetswoche für die Einheit der Christen“ konnte man die Vielfalt erfahren – mit Gottesdiensten in anglikanischen, armenischen, evangelischen, römisch-katholischen, syrisch-orthodoxen, äthiopisch-orthodoxen und der Melkitischen Kirche. Abt Nikodemus gibt selbst Vorlesungen in Ostkirchenkunde im Theologischen Studienjahr am Benediktiner Kloster. Ein Artikel in diesem Blog beschäftigte sich mit den Studenten.

Man trägt die Kippa neuerdings in Jerusalem Trump rechts

Die Dormitio Abtei steht Seite an Seite mit dem Davids Grab. Was Abt Nikodemus in der immer gefährlicher werdenden Auseinandersetzung mit seinen jüdischen Nachbarn aber Sorge bereitet, sind nicht die ultraorthodoxen Juden. Er berichtet: „Das Hauptproblem sind die Hooligans der Religion, die Nationalreligiösen. Die Ultraorthodoxen, die ganz frommen, gehen nicht zum Militär, haben zehn Kinder und arbeiten nicht. Da ist viel Klischee dabei. Aber warum soll ich gegen jemanden sein, der nicht zum Militär geht? Wenn wir über den Krieg reden, haben die keinen Anteil. Für mich ist das kein Problem. Das Problem sind die nationalreligiösen Extremisten. Also sprich, die Extremisten der Siedlerbewegung. Die quasi sagen, Gott gibt uns den Segen für unser Handeln. Die wissen ganz genau, was Gott will, und nehmen das als Anlass, eine Moschee oder eine Kirche zu zerstören. In einer echten Religion suchen wir dagegen immer wieder, was Gott wirklich will.“ Wer Glaube ernst nehme, der könne nur einen weiten Horizont haben. Der könne nur die Nächstenliebe ernst nehmen. „Alle anderen sind für mich die Hooligans der Religion. Sie nehmen ihre eigene Religion nicht ernst“, sagt Abt Nikodemus.

Die Dormitio Abtei in Jerusalem (Fotos: Autor)

Für Schnabel ein Zeichen, dass die nationalreligiösen Juden ihre Religion gar nicht annehmen wollen. „Der letzte Angriff war am 4. Februar 2024, als mich zwei Nationalreligiöse am Shabbat angespuckt und körperlich angegriffen haben. Das ist das Unheiligste im Judentum, was man tun kann. Sie tun das, um Jesus zu schmähen und um mir das Kreuz herunterzureißen. Aber das würde niemals ein gläubiger Jude tun. Dem geht es um die Heiligung des Shabbats.“

Im übrigen ist das für Nikodemus Schnabel auch ein politisches Thema, ich hatte ihn hier schon einmal zur Situation zwischen der Hamas und den politischen Extremisten in der Regierung Netanyahu zitiert. „Es gibt nur Verlierer“, sagte er da. Jetzt ergänzt in Bezug auf die nationalreligiösen Israelis, die immer weiter in palästinensisches Gebiet vordringen: „Der Siedlungsbau macht die gesamte Sicherheitsarchitektur in der Region kaputt.“