„Ich habe noch niemanden gehört, der einem wirklichen Friedensbeginn traut.“

„Es herrscht überall Misstrauen: Angst vor neuem Terror, Angst vor weiterem Krieg. Sowohl auf der israelischen als auch auf der palästinensischen Seite fühlen Menschen sich von der ganzen Welt verraten und verkauft:“ (Joachim Lenz, Evangelischer Propst von Jerusalem)

Joachim Lenz, Evangelischer Propst von Jerusalem

Am Sitz der evangelischen Kirche in der Altstadt von Jerusalem treffen das muslimische Viertel, das christliche Viertel, das jüdische und auch das armenische Viertel punktgenau aufeinander. In der Muristan Road. Rein völkerrechtlich untersteht Ost-Jerusalem, also die Altstadt, der Autonomiebehörde in Ramallah. So sieht es zumindest aus, obwohl 1993 bei den Osloer Verträgen diese Frage offen blieb. 1980 wurde Jerusalem von der israelischen Knesset als untrennbare Hauptstadt Israels erklärt. Die Palästinensische Befreiungsorganisation PLO rief 1988 den Staat Palästina aus und erklärte Jerusalem zu dessen Hauptstadt. Es ist also kompliziert. Wie alles hier. Wir werden das in diesem Blog nicht klären können.

Fakt ist, die Muristan Road liegt sozusagen im Brennpunkt des Geschehens, umso mehr seit dem 7. Oktober 2023, als Hamas-Terroristen Israel überfielen. Seitdem tobt der Krieg – und auch in der ungewöhnlich breiten Straße vor der Probstei hat sich einiges verändert. Hier treffe ich den Propst von Jerusalem, Joachim Lenz, und will mit ihm über die aktuelle Situation, den Waffenstillstand und seine Kirche in dem Konflikt sprechen.

Nebenan steht die Erlöserkirche, die in den letzten Jahren vor der Jahrhundertwende, 1893–1898, auf dem Grundriss der Kreuzfahrerkirche S. Maria Latina errichtet wurde. Der preußische Kronprinz Friedrich III hat nach einer Fahrt zur Eröffnung des Suezkanals den Kirchenbau angestoßen. Ja, hier in Jerusalem geht nichts ohne Geschichte und Geschichten. Das Grundstück rund um die Muristan Road, früher Kronprinz-Friedrich-Wilhelm-Straße, ist noch heute im Besitz des lutherischen Weltbundes. Preußen-Adler an Durchgängen und Kirche zeugen davon. Die Grabeskirche ist nur wenige Schritte entfernt.

Ich habe überlegt, ob ich das Gespräch mit Joachim Lenz irgendwie kürzen oder in einen geschlossenen Text journalistisch umwandeln sollte. Ich habe es dann jedoch gelassen. Ihr könnt ja aus den Antworten auswählen.

Die Erlöserkirche in der Muristan wenige Meter von der Grabeskirche

Herr Lenz, die Welt und auch viele Deutsche blicken mit Hoffnung auf die aktuelle Waffenruhe zwischen Hamas und Israel, wie beurteilen Sie die Situation?
In unserer Gemeinde hoffen wir, dass wir bald wieder Besuch aus dem Ausland bekommen. Die Lufthansa will ab 1. Februar wieder fliegen. Das ist für jeden unten auf der Straße vor unserem Büro existenziell. Seit Corona verkaufen die Händler hier nichts mehr; sie wissen nicht, wie sie ihre Familien durchbringen können. Also herrscht erstmal vorsichtige Erleichterung und Hoffnung in den Straßen. 

Ist das der Beginn eines Friedens, wie nachhaltig ist das Abkommen?
Ich habe noch niemanden gehört, der einem wirklichen Friedensbeginn jetzt traut. Alle sind sehr skeptisch, ob der Waffenstillstand hält. Es erscheint den Menschen hier sehr, sehr wackelig. Jüdische Freunde sagen mir, dass der Geiseldeal furchtbar sei: Da würden palästinensische Massenmörder aus den Gefängnissen freigepresst, die später bestimmt wieder als Terroristen aktiv werden würden. Palästinensische Christinnen sagen mir wiederum, dass der Deal an der Gewalt israelischer Siedler im Westjordanland gar nichts ändere. Israel hat nach wie vor eine Regierung in Israel, an der rechtsextremistische Kräfte beteiligt sind, die palästinensische Autorität agiert auch oft schwierig; wie es zu einem verlässlichen Frieden in gerechten Strukturen kommen könnte, dazu habe ich noch keine Idee gehört.

Das erklärte Ziel der Regierung Netanyahu lautet, die Hamas vollständig zu vernichten. Also, wie viel Zeit geben Sie dem Abkommen von Katar?
Der israelische Verteidigungsminister Joav Galant forderte im letzten Herbst in einem offenen Brief seinen Ministerpräsidenten auf, ihm doch bitte erreichbare Kriegsziele darzulegen. Er ist eine Woche später gefeuert worden. Die Hamas hat jetzt mehr Mitglieder im Gazastreifen als zuvor, lese ich in israelischen Zeitungen: Die israelischen Streitkräfte sagen, sie hätten 20.000 Hamas-Terroristen getötet; offenbar hat die Hamas aber während des Krieges noch mehr Kämpfer neu rekrutiert. Waffenlager wurden zerstört, aber Angst und Hass sind beiderseits noch gewachsen. Die Idee Netanyahus ist nicht aufgegangen, ist von beiden Seiten zu hören. 

Im Innenhof der Probstei

Was soll nun werden?
Das weiß hier niemand, fürchte ich. Es herrscht überall Misstrauen: Angst vor neuem Terror, Angst vor weiterem Krieg. Sowohl auf der israelischen als auch auf der palästinensischen Seite fühlen Menschen sich von der ganzen Welt verraten und verkauft – auch wenn das doch gar nicht stimmt. Hoffentlich findet die Staatengemeinschaft Wege zu Lösungen, hoffentlich auch mit den arabischen Nachbarstaaten. 

Es gibt ja die Idee der Zwei-Staaten-Lösung, kann das funktionieren?
Für die Lösung spricht zuerst einmal, dass es keine erkennbaren Alternativen gibt. Niemand hat mir erklären können, wie eine Ein-Staaten-Lösung aussehen soll. Wenn alle arabischstämmigen Menschen im Heiligen Land israelische Bürgerrechte bekämen, gäbe es bald keinen jüdischen Staat mehr, sagt die Demografie. Es braucht neue Ideen! Dass mit jüdischen Siedlungen auf palästinensischem Gebiet Fakten geschaffen werden, ist leider so. Dennoch: Wenn nicht beide Seiten eigenständig und sicher sind, gibt es keinen Frieden. Das wenige Vertrauen auf beiden Seiten ist mit dem 7. Oktober und dem Krieg zu Klump gehauen worden. Vorher war etwa die Hälfte der Israelis für eine gut ausgehandelte Zwei-Staaten-Lösung, das ist vorbei. Umgekehrt bekommt die terroristische Hamas viel Zustimmung auf der palästinensischen Seite.

Also keine Hoffnung auf Frieden im Heiligen Land?
Letzte Woche hat Bundeskanzler Olaf Scholz in Paris mit Emmanuel Macron die Unterzeichnung der Élysée-Verträge von 1963 gefeiert. Zwischen Deutschland und Frankreich herrschte Jahrhunderte lang Krieg. Es brauchte zwei Generationen für einen Frieden, aber der steht nun fest, aus Hass wurde Freundschaft. Wir haben uns als evangelische Gemeinde auf die Fahnen geschrieben, daran zu erinnern, dass unsere Hoffnung guten Grund hat. Wir lassen den Friedensstern von Bethlehem in der Kirche dauerhaft leuchten. Unsere Kirche heißt Erlöserkirche: der Erlöser lebt, also sind Erlösung, Frieden und Hoffnung möglich.

Was hat sich für Sie an einem Brennpunkt in Jerusalem, wo alle Konfliktparteien aufeinander treffen, seit dem 7. Oktober 2023 geändert?
Wir hatten vor dem 7. Oktober zum Beispiel die Idee, hier in der Muristan Road auf der Straße mit den verschiedenen Religionen und Kulturen den Geburtstag unserer Kirche gemeinsam zu feiern. Es war schwierig vorstellbar, aber ist jetzt völlig undenkbar, muslimische und jüdische Nachbarn hier an einen Tisch zu bekommen. Wir Christenmenschen sind in gutem Kontakt mit Menschen in beiden Gesellschaften, der palästinensischen und der israelischen. Das zu pflegen ist unsere Aufgabe. Wir beten auch für beide. Aber auch uns fehlen gute, konkrete Ideen für die Zukunft.

Wenn Sie Jemandem in Deutschland den hiesigen Konflikt beschreiben sollten, wie würden Sie das in wenigen Worten tun?
Das ist kaum möglich. Es gibt hier das Sprichwort: Wer zwei Wochen hier ist, möchte ein Buch schreiben. Wer zwei Monate hier ist, möchte einen Artikel schreiben. Wer zwei Jahre da ist, möchte lieber gar nichts mehr sagen. Wir sollten uns mit Bewertungen sehr zurückhalten. Wir sind nicht die Opfer, wir leben an der Seite der Opfer beider Seiten.

Was sagen Sie zur Stimmung in Deutschland, auch zur propalästinensichen Stimmung?
Ich bin Jahrgang 1961. Ich habe schon als Jugendlicher verstanden, dass es den Holocaust mit seinen entsetzlichen Folgen nie wieder geben darf. Für mich ist daher eminent wichtig, dass mein Heimatland und meine Kirche gegen Antisemitismus klare Kante zeigen. Ich verstehe aber auch die Verzweiflung der Palästinenserinnen und Palästinenser, die sich nach Frieden und Freiheit sehnen. Hier zu vermitteln haben Deutschland und auch die Kirchen über Jahrzehnte hin versucht. Wie soll das nach dem 7. Oktober noch möglich sein? Es ist gut, dass wir zu beiden Seiten die Kontakte aufrechterhalten, dass wir beide Seiten bei ihren berechtigten Anliegen unterstützen – auch wenn das sehr mühsam und manchmal unmöglich ist.

Es gibt gelegentlich Kritik, dass die Kirche nicht klar Stellung bezieht, warum drücken Sie sich?
Wir drücken uns nicht, wir stehen ein für Frieden. Die EKD bekennt sich klar zum Selbstverteidigungsrecht Israels. Wir nehmen gleichzeitig wahr und ernst, was uns unsere palästinensische lutherische Partnerkirche über Leid und Unrecht berichtet. Von manchen wurde uns vorgeworfen, wir seien einseitig Pro-Israel, von anderen, wir seien ein Hort des Antisemitismus. Beides ist falsch. Wir positionieren uns, nur eben nicht für eine Partei, sondern für Frieden in Gerechtigkeit. Der muss den Menschen generell gelten.

Gibt es in Gaza Kriegsverbrechen?
Es gibt keinen Krieg ohne Kriegsverbrechen, fürchte ich.

Gibt es in diesem Krieg in Gaza Kriegsverbrechen?
Ich bin kein Richter, ich kann und will da keine Urteile fällen. Es hat so schrecklich viel Schreckliches gegeben! Ich lese, dass Amnesty International entsprechende Vorwürfe untersucht und minutiös belegt hat. Ich habe Berichte vom Terror des 7. Oktober gelesen, da sind mir – ganz ohne Horrorfotos oder -videos – die Tränen gekommen. Es sind unfassbar furchtbare Dinge geschehen. 47.000 Kriegstote im Gazastreifen, 1.200 Terrortote an einem einzigen Tag: beides ist für mich unvorstellbar. Außerdem gibt es unzählige körperlich und seelisch Traumatisierte. Niemand kommt da mit unschuldigen Händen heraus.

Es gibt die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes, es gibt gerade vor Ostern den Wunsch vieler Pilger nach Jerusalem zu kommen, was können Sie raten?
Wir verweisen auf die Empfehlungen des Auswärtigen Amtes, die können das einschätzen. In Jerusalem sind wir die ganze Zeit über relativ sicher gewesen. Ich hoffe sehr, dass die Reisewarnungen aufgehoben werden. Jerusalem braucht Pilgerinnen und Pilger. Wir sind als evangelische Gemeinde klein geworden. Wir hatten im Frühjahr oft mit 200 oder 300 Menschen Gottesdienst gefeiert – jetzt sind wir 20 oder 25. Unser subjektives Empfinden ist, dass wir sicher sind. In Jerusalem war es nicht wie an der libanesischen Grenze oder am Gaza-Streifen.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.

In der Erlöserkirche leuchtet Tag und nach der Stern von Bethlehem, auch Friedensstern, bei uns bekannt als Herrnhuter Stern

Schnitzelfreitag in Nir Galim

„Ich stehe nicht pro Palästina. Ich stehe nicht pro Israel. Ich stehe pro Mensch.“ (Abt Nikodemus Schnabel, Dormitio Abtei)

Es ist dunkel frühmorgens um halb Sechs in Jerusalem. Es ist kalt. Aber, was noch schlimmer ist, es fährt keine Straßenbahn. Und ich muss vier oder fünf Stationen von der City Hall bis hin zur Central Station, dem Hauptbahnhof, und von dort noch einmal zehn Minuten zur letzten Tankstelle vor der Autobahn nach Tel Aviv laufen. Aber es ist mein freier Wille. Niemand hat mich gezwungen, in meinem Gartenhaus auf dem Berg Zion um halb Fünf aufzustehen und mich um Fünf auf den Weg zu machen.

Es ist Schnitzelfreitag. Für „unsere Soldaten“. Und ich habe mich rangehängt, um mit Birgitta und anderen patriotischen Israel-Freunden nach Nir Galim zu fahren und zum Schabbat für die Soldaten im Krieg in Gaza Challa zu schmieren. „Schabbos Challa“ ist ein traditionelles jüdisches Zopfbrot, das meist für den Schabbat gebacken wird und unseren hiesigen Hefezöpfen gleicht.

Die gläubigen Juden bereiten sich bereits am Freitagnachmittag auf den Schabbat vor und erledigen noch rasch ihre Einkäufe. Im Übrigen sind die Wörter Sabbat und Schabbat bedeutungsgleich. Und die gläubigen Christen, die die gläubigen Juden in ihrem Kampf unterstützen wollen, müssen eben schon Freitag früh los. Von den Ungläubigen wie mir ganz zu schweigen.

Aufbruch 6 Uhr morgens

Weil ich ja gerne schlaumeiere, hier noch ein Wort zum Ursprung: Challa ist das hebräische Wort für die Steuer, die den Priestern zustand. Nach der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 (siehe Jerusalem-Blog) wurde von den Rabbinern festgelegt, dass dieser Teil des Brotes nicht mehr den Priestern gegeben, sondern ins Feuer geworfen werden solle. Ja, da wurden die Priester noch zur Verantwortung gezogen. Es ist halt ein Leidesvolk. Das Challa-Nehmen ist eine der drei religiösen Pflichten der Frau im Judentum.

So, und jetzt komme ich. Weder Frau, noch Jude, noch gläubig, noch kriegsbegeistert. Aber wie sagte mir der Benediktiner-Abt Nikodemus bei meiner Ankunft zum Krieg? „Ich stehe nicht pro Palästina. Ich stehe nicht pro Israel, Ich stehe pro Mensch.“ Also Schnitzelbrötchen für Soldaten. Why not. Ob ich damit schon den Krieg unterstütze, vor dieser Antwort drücke ich mich mal.

Challa

Auf Antworten kommen wir hier noch. Die meistgestellte Frage von Freunden an mich in dem Zusammenhang ging jedoch nicht um Krieg oder Frieden, sondern um Schnitzel. Schnitzel in Israel? Ja, Schweineschnitzel dürfen die Juden nicht. Um gleich zu beruhigen, es geht um Hähnchenschnitzel und wir haben auch ein paar vegetarische Varianten dazugelegt. Und übrigens sind Schnitzel eines der beliebtesten Fleischgerichte im Heiligen Land. Nur eben als Hühnchen oder gerade noch so als Pute, wo immer die Viecher auch wachsen.

Um 6 Uhr brechen die Dänin Birgitta, der deutsche Kriegstreiber und ein blutjunger österreichischer Volontär an der Paz-Tankstelle an der Autobahn nach Tel Aviv auf. Es geht nach Nir Galim, einem kleinen Nest von 1500 Einwohnern, das von ungarischen Holocaust-Überlebenden gegründet wurde. Die einen sagen Nir Galim liegt in der Nähe des Gaza Streifens. Die anderen sagen, es liegt bei Aschdod, was es wohl eher trifft. Aber hier ist ohnehin alles nicht weiter als zwei Stunden voneinander entfernt. Wir fahren eine Stunde und kommen dann in einem Moschaw an – sowas ähnliches wie ein Kibbuz, nur kein Kibbuz. Also eine Art Landwirtschaftliche Produktions Genossenschaft. Israel lebt im Genossenschaftssystem, das die Ost-DDR gründlich versaut hat.

Und wir sind nicht die einzigen. Ganze Schulklassen treffen ein. Deutsche Siedler, im Sinne von Christen aus Deutschland, die hier in der Gegend ganze Dörfer aufgebaut haben. Und irgendwelche Freizeit-Helfer, so wie wir.

4300 Schnitzel-Brötchen sind es am Ende

Auf langen, langen Tischen stehen das vorbereitete Zopfbrot, irgendein israelisches Tomaten-Auberginen-Ketchup, Hühnchenschnitzel, Gurken und Remoulade bereit. Vier Brötchen immer gleichzeitig – Ketchup, Gurken, Chicken, Remoulade; Ketchup, Gurken, Chicken, Remoulade; Ketchup, Gurken, Chicken, Remoulade; Ketchup, Gurken, Chicken, Remoulade… Drei Stunden lang. Irgendwann muss ich so um die 180 Challa geschmiert haben. Alle eintausend Brote gibt es einen Glockenschlag. 4300 sind es am späten Vormittag. Applaus und Jubel. Die Soldaten-Menschen werden es danken.

Ketchup, Gurken, Chicken, Remoulade…

Und es wird geredet. Eden, eine Lehrerin, die mit ihren Schülern gekommen ist, erzählt mir zum jüngsten Geisel-Deal, der in Katar ausgehandelt wurde, und dem am Freitag das Sicherheitskabinett von Benjamin Netanyahu zugestimmt hatte, dass sie zwiespältige Gefühle habe. „Der Bauch sagt Nein. So viele Terroristen werden entlassen. Die werden wieder zuschlagen. Der Kopf sagt Ja. Alles, was wir wollen, ist die Befreiung der Geiseln. Nun werden weitere entlassen. Das ist gut.“

Eine Solidaritäts-Aktion, zu der Viele kommen und für die Viele spenden

Omer, ebenfalls mit Schülern hier, widerspricht ihr: „Das ist gut. Das wollen wir doch. Geiseln frei und Waffen schweigen. Aber die israelische Armee hat schon vor Monaten erklärt, dass sie ihre Ziele erreicht hat. Warum macht Bibi immer noch weiter? Darunter leiden tausende Kinder in Gaza. Es ist Krieg. Und Krieg ist schlecht. Auch für uns.“ Es geht hin und her. Aber eigentlich wollen die Menschen nicht über den Deal sprechen, sondern sind hier, um Challah für die Soldaten zu bereiten. Am Ende werden Lieder gesungen. Ein Junge berichtet von seinen Eltern oder einen Bruder, ich habe es nicht richtig verstanden, die bei dem „Supernova“-Musikfestival in der Negev-Wüste beim Hamas-Massaker fünf Kilometer vom Gaza-Streifen getötet wurden. Schweigen. Betroffenheit. Hier ist nichts falsch.

Ich muss eines berichtigen. Am Mittwoch vor dem Schnitzelfreitag bin ich – zum zweiten Mal – in einem Hauskreis in Malha, einer Vorstadt Jerusalems gewesen. Dort stehen alle fest hinter Benjamin Netanyahu. So habe ich es geschildert. Hier betet man für Netanyahus Gesundheit, „damit er uns gut regieren kann“. Hier findet Peter aus Österreich: „Jetzt ist nicht der Zeitpunkt, einen Prozess gegen Netanyahu zu führen.“ Hier findet man den Deal zur Freilassung von „Hamas-Teufeln“ grundfalsch.

Am Schnitzelfreitag hat die gemäßigt konservative Zeitung „Maariv“ , einst gegründet von einem Leipziger Juden, eine Umfrage veröffentlicht, nach der fast drei Viertel aller Israelis, nämlich etwa 73 Prozent, das zwischen Israel und der palästinensischen Terrororganisation Hamas geschlossene Abkommen über einen Waffenstillstand und die Freilassung der in Gaza festgehaltenen Geiseln für richtig befinden. Selbst dann, wenn im Gegenzug für die Entlassung palästinensische Häftlinge aus israelischen Gefängnissen freigelassen werden. Darunter werden ganz sicher auch Terroristen sein. Neben – nach unserem Verständnis – Unschuldigen.

Zurück zur Umfrage: Knapp ein Fünftel der israelischen Bevölkerung ist gegen die Vereinbarung. Es wurde auch gefragt, ob Israel seine Kriegsziele erreicht habe. 36 Prozent meinten, keines der Ziele sei erreicht. Einerseits sind viele Israelis der Ansicht, es sei falsch, eine Vereinbarung mit einer Terrororganisation zu unterschreiben. Andererseits müssen die 98 Geiseln, die sich weiterhin in der Gewalt der Hamas befinden, irgendwie freikommen, so sie noch leben. Dieser Aspekt ist für die meisten Israelis offensichtlich ausschlaggebend.

Als wir am Mittag aus Nir Galim zurückkommen, liegt Jerusalem im Sonnenschein. 20 Grad. Die Stadt erwartet den Schabbat. Bis 16 Uhr haben hier noch die Geschäfte auf. Am Sonnabend ruht das Land. Konsequent. Mich erreicht am Nachmittag eine Nachricht, in der sich drei Soldaten für die Schabbat-Brote bedanken. Es war kein verlorener Tag für Israel und kein verlorener Tag in Israel. Schalom Schabbat.

Der Autor als Challah-Experte am Schnitzelfreitag in Nir Galim. 180 Brötchen in drei Stunden für die Sache…

Die Reise nach Jerusalem

„Die Kirche ist nur ein in den Orient versetztes Europa.“ (Gabriele Tergit)

Am Jaffator zur Altstadt

Ich habe es getan. Zugegeben, in den letzten Tagen wuchsen auch bei mir die Zweifel. Nein, ich halte Israel, oder besser gesagt Jerusalem und Tel Aviv, Haifa und Tiberias am See Genezareth nicht für unsicherer oder gefährdeter als vor zwei Jahren als wir das letzte Mal über ein sehr krisenbehaftetes Osterfest in Jerusalem zu Gast sein durften. Auch nicht gefährlicher als Einkaufsstraßen oder Busbahnhöfe in Peru. Aber ja, die fragenden Augen, das Kopfschütteln und diese „Warum machst du das“-Gesichter vieler Freunde haben mich gefordert. Und das hat sicherlich auch meinen Engsten meine Entscheidung noch schwerer gemacht. Fast noch schlimmer dieser „Du schaffst das schon“-Satz. Meist habe ich herumgeblödelt „Ein Mann muss tun, was er sagt.“. Macho-Gehabe.

Bereits im August letzten Jahres sollte es losgehen. Aber damals wurde jeden Tag mit einem Gegenschlag des Irans gerechnet, nach dem israelischen Luftangriff auf das iranische Konsulat in Damaskus im April 2024. Und der erste Jahrestag des 7. Oktobers mit dem Terror der Hamas standen bevor. Also habe ich meine bereits gemietete Wohnung in Tel Aviv gekündigt und die Reise verschoben. In dieser Zeit bot mir der Abt der Dormitio Abtei auf dem Zionsberg in Jerusalem, Nikodemus Schnabel, das Gartenhäuschen des Benediktinerklosters an, um dort einen Unterschlupf für eine Zeit zu finden.

Die Dormitio Abtei von Gegenüber der Altstadt

Eine Zeit, die mir Aufschluss bringen soll, wie es tatsächlich steht mit diesem Israel, das den Krieg in Gaza immer weiter treibt. Diesem Israel, das von seinen Nachbarn immer wieder angegriffen wird und hart zurückschlägt. Diesem Israel, dessen Existenzrecht in Pro-Palästina-Demonstrationen immer wieder mit der militant-islamistischen. Hamas-Losung „From the river to the sea“ bedroht wird. Inzwischen in Deutschland verboten, weil für die einen klar antisemitisch für die Vertreibung der Juden zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer. Für die anderen ein Aufruf für gleiche Rechte von Israelis und Palästinensern.

Ich fürchte nach allem, was ich in den letzten Monaten gelesen, gehört und beobachtet habe, wird auch dieser Blog keinen Aufschluss geben, „wie die Menschen in Israel ticken“. Aber vielleicht gelingt es, einen Eindruck von Menschen in einem Land zu gewinnen, deren Staatsgründer von David Ben-Gurion bis zum heutigen Ministerpräsidenten Benjamin Nethanyahu von der historischen Ur-Angst getrieben wurden und werden, dass das jüdische Volk vernichtet werden könnte. Verstärkt durch die Schoa, den Holocaust, den nationalsozialistischen Völkermord. Deshalb sind viele Deutsche oft zu einer differenzierten Betrachtung des Krieges im Nahen Osten nicht fähig. Ich bin überzeugt, wenn man sich auf eine Seite schlägt, hat man bereits verloren.

Die israelische historische Sicht besagt jedenfalls ganz offenbar, dass Israel so stark sein muss, dass die arabischen Nachbarn es nicht vernichten können. Dafür nehmen viele Staatsbürger auch die Gefährdung der Demokratie durch die Regierung Netanyahu hin. Israel ist in sich zerrissen.

Ankunft am Sonntagabend am Jaffa-Tor

Also ich am Sonntagmorgen in Berlin in den Flieger nach Tel Aviv steige, sitzt die Angst vor dem Terror bereits in der Boing 737. Auf dem Flughafen in Schönefeld fährt nach der Landung des Flugzeuges, das um 9 Uhr vom Ben-Gurion-Airport eintrifft, ein Panzerfahrzeug auf, Polizisten sperren den Platz um das Flugzeug weiträumig ab. Alle Sicherheitskontrollen sind verdoppelt und verdreifacht. Beim Einchecken am Terminal 1 finden Befragungen der Fluggäste durch den israelischen Sicherheitsdienst statt. Kofferkontrolle, normale Sicherheitsschleuse für alle Reisenden – und noch einmal dieselbe Prozedur am Gate. Selbst das kleinste Spray für das Handy-Display, das nicht einmal im Gedächtnis des Besitzers mehr vorkommt, wird entdeckt.

Und doch ist die Maschine bis zum letzten Platz besetzt. Man hört Hebräisch, man hört Russisch, man hört Französisch und ein klein wenig Deutsch. Als kleine Entschädigung hält der Küstenstreifen am Mittelmeer den imposanten Anblick der 4,4-Millionen-Metropole Tel Aviv mit ihren vielen Hochhausvierteln parat – fast die Hälfte der Einwohner des gesamten Landes. Israel prosperierte in den letzten 60 Jahren wie wohl kaum ein anderes Land. Und noch angenehmer sind die 15 Grad Celsius, nach den Glättewarnungen in der deutschen Heimat.

Dann Jerusalem. Die Altstadt ist rings von hohen Mauern umgeben. Mit der Tram von der Central Station der hochmodernen Bahnlinie von Rakkevet Israel – 30 Minuten vom Airport – zum Jaffa-Tor. Niemand kennt hier im alten Zentrum der Welt das Alter seiner Wohnung. Vielleicht ist sie 2000 Jahre alt, vielleicht 400, schreibt Gabriele Tergit in ihrem Buch „Im Schnellzug nach Haifa“, herausgegeben erst im letzten Jahr von Nicole Henneberg. Und so begegnet die Stadt auch dem Fremden. Nur schmale Gassen, kaum Straßen für Autos, zwischen den Häusern Treppen, Schicht auf Schicht Gestein und Gemäuer. Aber leer zu diesen Kriegszeiten der Reisewarnungen. Es herrschen die Schläfenlocken.

In der Innenstadt am Davids Grab

Im Häusergewirr, nur 15 Minuten vom Jaffa-Tor entfernt, ist auch die Dormitio Abtei zu finden. Das heißt, zu finden ist sie eben nicht. Am Ziel der schlängelnden Gassen das Davids-Grab auf dem Berg Zion, die angebliche Grabstätte des biblischen Königs, der vor etwa 3000 Jahren über das von ihm errichtete Großreich herrschte – eine wichtige Heilige Stätte des Judentums sowie des Islams. Als der Schreiber dieser Zeilen dort jedoch nach dem Eingang des katholischen Benediktinerklosters fragt, gibt man vor, keine Dormitio Abtei zu kennen. Deren meterhohe Mauern sind jedoch von den Mauern des Tomb of King David nur drei Meter über die Gasse entfernt. Auf der anderen Straßenseite. Willkommen in Jerusalem. In der Stadt des Judentums und des Islams, in der die Christen höchstens zwei Prozent ausmachen. „Die Kirche ist nur ein in den Orient versetztes Europa“, schreibt Tergit in den 1930er Jahren.

Die Kirche in der Dormitio Abtei

In der Bastei bereiten sich die Mönche – 10 Stück an der Zahl – auf das zweite, Weihnachtsfest der westeuropäischen Christen am 6. Januar vor, die „Erscheinung des Herrn“, besser bekannt unter „Heilige drei Könige“, als die drei Könige Caspar, Melchior und Balthasar über Jerusalem nach Bethlehem kamen, um den neugeborenen König Jesus zu suchen. Und in die Vorbereitung dieses Festes platzt der heidnische Autor in ein katholisches Kloster, um dort zwar nicht zu erscheinen, aber ein Gartenhaus zu beziehen. Eingeladen mitzufeiern und die Abendmesse mit zu begehen, wird ein kleiner Schritt in die alte Welt zu einem großen Ereignis.

Das Gartenhaus

12 Studenten aus Deutschland, den USA und der Ukraine sind für ein Jahr in der Dormitio zu Gast, um ein Auslandsjahr in der Heiligen Stadt zu verbringen. Nach dem Abendmahl mit den Mönchen ganz im Schweigen folgt eine emotionale Debatte im winzigen Studentenclub im Studienhaus, wo ich mich kurz sehen lasse und vorstelle. Natürlich geht es um die Situation in Israel, historische Vergleiche und die Westbank hinter hohen Zäunen. Als ich nach meinem Alter gefragt werde, kann ich nicht schummeln. Mit meinem Geburtsjahr zumindest das Rechentalent der jungen Studenten etwas herauszufordern, reagiert Lucas aus Tübingen wie aus der Pistole geschossen: „Dann hast du ja noch den Mauerfall miterlebt.“ Ja, sogar den Mauerbau. Man höre und staune. Dieser wird von den jungen Leuten auf „irgendwann 1964“ geschätzt…

Vielleicht ist in der Dormitio Abtei in Jerusalem an dem Abend ja doch jemand von biblischen Alter erschienen.

Fotos: Autor