Schnappschüsse mit feinem Pinsel

„Die Kunst steckt in der Natur. Wer sie herausreißen kann, der hat sie.“ (Albrecht Dürer, Proportionslehre III)

Saintes-Maries-de-la-Mer I von Franz Gertsch in den Deichtorhallen Hamburg

Seine Bilder sind vor allem eines, groß. Schnappschüsse, unaufgeregt. Fotos, in einem monatelangem Prozess mit feinen Pinselstrichen nachgemalt. Der Natur entrissen. Als Fotos wären sie Zeugnis eines gewesenen Augenblicks. Vergangenheit. Als Gemälde sind sie für die Ewigkeit. Nun gut, dazu muss man sie gesehen haben. Und nicht jeder würde wahrscheinlich in die Hamburger Deichtorhallen kommen, wenn er den puren Namen des Schweizer Fotorealisten liest. Aber, wer die Franz-Gertsch-Schau gesehen hat, ist beeindruckt. So viel sei vorweg versprochen.

„Franz Gertsch sagt selbst, er sei 20 Jahre auf der Suche gewesen. Von der Suche ist sein Schaffen geprägt“, interpretiert der Intendant der Deichtorhallen für Internationale Kunst und Fotografie, Dirk Luckow, die am Donnerstagabend (12. Dezember) eröffnete Retrospektive des Schaffens von Franz Gertsch, die gemeinsam mit der Ausstellung „High Noon“ mit Nan Goldin, David Armstrong, Mark Morrisroe und Philip-Lorca DiCorcia daherkommt.

Während der Pressekonferenz zur Eröffnung von „High noon“ und „Blow-up“ mit Deichtorhallen-Intendant Dirk Luckow und Kuratorin Sabine Schnakenberg

Deren fotografische Erkundung der subkulturellen Bohème in Boston und New York gemeinsam präsentiert mit dem Lebenswerk von Franz Gertsch kommt eigentlich einer Überforderung des Besuchers nahe. Aber eigentlich ist ja ein Wort der Negation. Und die soll hier nicht in den Fokus rücken. Man muss sich eben Zeit nehmen, wenn man die ab heute (13. Dezember) geöffnete Ausstellung besucht. Der Besucher hat ja schließlich bis zum 4. Mai Zeit.

Zeit sollte man sich schon alleine für Franz Gertsch nehmen. Denn dessen Fotorealismus erzählt Bild für Bild Geschichten. Das Aufmachungsfoto dieses Blog-Beitrags, das drei Besucherinnen vor dem 260 x 370 Zentimeter großem Bild „Saintes-Maries-de-la-Mer“ zeigt, hat so eine Geschichte. Als Franz und Maria Gertsch 1971 mit dem Auto durch Südfrankreich fahren, war Saintes-Maries-de-la-Mer ihr Ziel. Zu diesem Wallfahrtsort pilgern jedes Jahr Ende Mai zahlreiche Roma zu einer Zeremonie. Gertsch macht eine Reihe von Schnappschüssen von Mädchen, die in Festkleidung am Ufer spielen, und verwendete diese Vorlagen für eine Reihe von Bildern.

Gruppenporträt „Medici“, 1972, 4 x 6 Meter

Diese Gemälde sind charakteristisch für Gertschs Fotorealismus, der auf ungestellten Schnappschüssen basiert. Die Motive sind nicht konstruiert, sondern zeigen das Leben, wie es gelebt wird. Der internationale Durchbruch gelang Gertsch nach vielen mühsamen Anfangsjahren 1972 auf der documenta 5 in Kassel mit dem Gruppenporträt „Medici“. Wer dabei an die Renaissance und die Florentiner Dynastie der Medici denkt, sieht sich getäuscht.

Medici lautet der Name einer Baufirma, der auf der Absperrung auf den Kopf gedreht zu lesen ist. Gertsch fängt mit dem Schnappschuss der fünf langhaarigen jungen Männer und in einem langsamen, akribischen Malprozess den Zeitgeist der 70er Jahre und die Gegenkultur der Jugend ein. Cool, Sonnenbrillen, Schlaghosen. „Man wollte unbedingt zurück zur Realität“, erläutert Dirk Luckow. „Das war die Zeit nach der 68er Generation. Die jungen Leute haben die Welt anders gesehen und wahrgenommen und sich entsprechend ausgelebt.“

Schon allein wegen seiner monumentalen Größe von 4 x 6 Metern sorgte das mit malerischer Leuchtkraft versehene Bild für Aufsehen auf der documenta 5 . Eine Person auf dem Bild, der Künstler Luciano Castelli (2.v.l.), stand später im Mittelpunkt einer Reihe von Gemälden Gertschs. Während seines gesamten Schaffens stand Franz Gertsch (1930 – 2022) zwischen zwei Polen, die für ihn zwei Zitate großer Künstler markieren: „Wahrhafftig steckt die Kunst inn der natur, wer sie heraus kann reyssen, der hat sie“ (Albrecht Dürer) und „Die Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern sie macht sichtbar“ (Paul Klee).

„Huaa…!, 1969, 107 x 261 Zentimeter – nachdem Franz Gertsch den Filmklassiker Blow-up gesehen hatte, fand er eine Abbildung in einem Musikmagazin, die ihn faszinierte. Eine Aufnahme aus „Der Angriff der leichten Brigaden“. Ein Hauptmann reitet in den Tod, verschuldet durch die Unfähigkeit seines Befehlshabers. Ein kritischer Kommentar zu US-Politik des Vietnamkrieges. Gertsch fotografierte das Bild ab, projizierte es als Dia auf ein großes Leinentuch, so entstand das Schlüsselbild für seine berühmte Blow-up-Technik

Nach romantischen malerischen Anfängen kam Franz Gertsch ab 1965 über Collagen im Stil der Pop Art zu seinen großen, fotorealistischen Gemälden und Holzschnitten, in denen neben nahestehenden Familienmitgliedern und Freunden auch Protagonisten aus der Kunst- und Musikszene wie Patti Smith und die Rolling Stones zu sehen sind. Bis zu seinem Durchbruch auf der documenta in Kassel lebte er quasi allein von der Unterstützung eines vermögenden Mäzens, der letztlich auch das Museum Franz Gertsch in Burgdorf in der Schweiz finanzierte. Das Durchbruchswerk „Medici“ brachte beim Ankauf durch das Kunstmuseum Bern 36.000 D-Mark. Für Gertsch, der auch schonmal eineinhalb Jahre an einem Bild malte, die finanzielle Rettung.

Ab 1985 wandte sich Gertsch dann in seinem Atelier in Rüschegg in der Schweiz einer eigenen Technik des Holzschnitts zu. In mühevoller, arbeitsintensiver Handarbeit werden dabei die Motive meist in Lindenholz geschnitten und anschließend mit hochwertigen Pigmenten auf handgeschöpftes Japanpapier gedruckt. Gertsch erfindet seinen malerischen Kosmos neu und wendet sich vom Fotorealismus ab. Landschaft und Natur stehen nun im Mittelpunkt. Was bleibt ist die monumentale Größe seiner Werke.

Maria Gertsch dokumentierte den Arbeitsprozess von Franz Gertsch in verschiedenen Werkstattfilmen, hier 2019 bei einem seiner Holzschnitt-Drucke

Die retrospektive Ausstellung in Hamburg wurde vom Luisiana Museum of Modern Art in Humlebaek nördlich von Kopenhagen in enger Zusammenarbeit mit dem im Dezember 2022 verstorbenen Künstler und seiner Familie sowie mit Unterstützung des Museums Franz Gertsch in Burgdorf realisiert und in Hamburg durch 20 andere Werke erweitert.

Parallel ist wie bereits beschrieben die Ausstellung „High noon“ mit 150 Werken aus der Sammlung F.C. Gundlach zu sehen. Im Unterschied zur jüngst unter spektakulären politischen Umständen eröffneten Schau der Aktivistin Nan Goldin in Berlin (in diesem Blog nachlesbar) mit Slide Shows sind in Hamburg durchweg einzelne Fotos der vier Künstler zu sehen. Kuratorin Sabine Schnakenberg spricht von einem aktuellen Bezug u.a der Sichtbarmachung der queeren Community.

„High noon“ – Parallelausstellung. Zentral: Nan Goldin, „Jimmy Poulette and Tabboo! in the Bathroom“ 1991

„High noon“ ist ebenso wie „Blow up“ eine Anspielung auf die gleichnamigen Thriller aus dem Jahren 1952 bzw. 1966. Wie deren Inhalte mit dem künstlerischen Schaffen der Protagonisten der Hamburger Ausstellung korrespondieren, lässt sich bei einem Besuch nonchalant feststellen.

Blick in die Ausstellung (Fotos: Autor)