Fotos ohne Triggerwarnung – Word Press Fotos im Altonaer Museum

Es ist eine Illusion, dass Fotos mit der Kamera gemacht werden… sie werden mit dem Auge, dem Herz und dem Kopf gemacht.“ (Henri Cartier-Bresson)

Blick in die Ausstellung im Altonaer Museum in Hamburg mit 42 Gewinnern des World Press Photo Award (Foto: Autor)

Jeder Zeitungsleser kennt sie. Für jeden, der mit offenen Augen durch unsere Welt geht, sind sie Zeitdokumente. Viele werden sich an diese Fotos erinnern: Das Mädchen im Vietnamkrieg, das 1973 nackt und schreiend vor Napalm-Bomben flieht. Der buddhistische Mönch, der sich auf der Straße in Saigon selbst verbrennt. Die afghanische junge und hübsche Frau, die keine Nase mehr im Gesicht trägt, nur noch ein verheiltes Loch. Bibi Alsha, 18 Jahre alt, floh in ihrer Heimatstadt Kabul vor der Gewalt ihres Mannes, fotografiert 2011 von Judy Bieber.

Bilder, die oft mehr  sagen als viele Worte. Hier gibt es keine Fälschungen. Hier gibt es keine KI-initiierten Fotos, keinen Papst in Daunen-Jacke. Hier gibt es nur die nackte Wahrheit. Und auch wieder nicht, aber dazu kommen wir später noch. Es sind alles Fotos dokumentarischen oder fotojournalistischen Ursprungs, wie die Direktorin des Altonaer Museums, Anja Dauschek, zur Eröffnung der Präsentation der World Press Photos 2025 deutlich machte, ohne es extra betonen zu müssen. Es geht um die weltbesten Reportage-Fotos, ab heute zu sehen in Hamburg-Altona.

Seit 1955 zeichnet die World Press Photo Foundation jedes Jahr die besten internationalen Pressefotografien des Vorjahres mit dem World Press Photo Award aus. Die prämierten Fotografien aus allen Regionen der Welt, die in diesem Jahr unter 59.320 Einsendungen von 3.778 Fotografinnen und Fotografen aus 141 Ländern ausgewählt und in den Kategorien Einzelbild, Story und Langzeitprojekt ausgezeichnet wurden, sind in einer Wanderausstellung zu sehen, die in mehr als 80 Städten in fast 50 Ländern Station macht. In diesem Jahr ist die Ausstellung an einer der ersten Stationen vom 7. Mai bis zum 2. Juni zum vierten Mal im Altonaer Museum zu sehen.

World Press Foto Rückblende (Foto: Autor)

Auch im 70. Jahr seines Bestehens reflektieren die Ergebnisse des größten und renommiertesten Wettbewerbs dieser Art ein breites Spektrum gegenwärtiger globaler Ereignisse und Herausforderungen und zeigen engagierten Fotojournalismus und dokumentarische Fotografien bester Art – Art im Sinne von Kunst. “Die Finalisten zeigen die Themen, mit denen wir uns auf dieser Welt beschäftigen“, sagt Martin Seeberger von der Stiftung Historische Museen Hamburg. Es geht der World Press Photo Foundation darum, über diese Präsentation zum Dialog zu weltweiten Themen beizutragen. Diese sind nicht immer ohne Gefahr zu fotografieren. Diese benötigten jedoch fast immer in unserer heutigen Welt gebräuchliche Triggerwarnungen. Denn sie zeigen die ungeschönte Wahrheit. Und die ist manchmal hässlich.

Da ist eine Gruppe chinesischer Migranten, fotografiert von John Moor, Getty Images, die sich in regenkalter Nacht nach der Überquerung der Grenze von Mexico zur USA an einem kleinen Feuer aufwärmen. Eine Migrationsbewegung von Chinesen von der die wenigsten von uns je gehört haben dürften. Da ist der neunjährige Mahmoud Ajjour, der bei einem israelischen Angriff in Gaza- Stadt beide Arme verlor. Das Sieger-Foto des World Press Awards von Samar Abu Elouf für die New York Times, fotografiert am 28. Juni 2024 in Dohar, Katar. Da ist aber auch jenes Foto von Jerome Brouillet für die Agentur AFP, das den Surfer Gabriel Medina, während der Olympischen Spiele in Paris zeigt, als dieser kerzengerade nach oben mit seinem Brett an der Seite aus einer großen Welle in Teahupo‘o, Tahiti, steigt. “Es ist eine Illusion, dass Fotos mit der Kamera gemacht werden… sie werden mit dem Auge, dem Herz und dem Kopf gemacht“, sagte der berühmte Henri Cartie-Bresson einst. Der Betrachter dieser Foto-Episoden wird ihm recht geben.

Die Fotografin Alina Kardash aus Tomsk, die die Auseinandersetzungen mit ihrer Familie über den Überfall Putins auf die Ukraine fotodokumentarisch verarbeitet hat (Foto:Autor)


Unter den ausgezeichneten Langzeitprojekten ist auch die für den stern entstandene Reportage der in Hamburg lebenden russischstämmigen Fotografin Aliona Kardash, die bei einem Besuch in ihrer ehemaligen Heimatstadt Tomsk die mentalen Auswirkungen des russischen Angriffskrieges auf ihre eigene Familie eingefangen hat. Und seit nunmehr zwei Jahren diese Auseinandersetzungen in ihrer Familie bei ihren Besuchen im sibirischen Tomsk im Foto festzuhalten versucht. „Ich habe meine eigenen Geschichte über den Krieg gemacht“, sagt Aliona Kardash bei der Präsentation in Hamburg. „Zuhause riecht es nach Rauch“, so der Titel der Dokumentation, die eine Familie im Streit über Putins verbrecherischen Krieg in der Ukraine zeigt. Eine doppeldeutige Anspielung auf den Geruch der Schornsteine ihrer Heimatstadt (wie es mancher Ostdeutsche noch kennen wird), und dem Geruch des Krieges. In Russland will sie diese Fotos nicht zeigen, um nicht Repressalien ausgesetzt zu werden. 

Die Jury musste sich bei ihrer Auswahl aber auch damit auseinandersetzen, dass sich für die Auszeichnung ausgewählte Fotos eines wie stets anonymisierten Fotografen von den Auseinandersetzungen in Georgien als Arbeiten eines russischen Fotoreporters für die Nachrichtenagentur TASS herausstellten. Zweifellos Propagandafotos. Propagandafotos in der World Press Photos 2025? Sind Arbeiten anders zu bewerten, wenn man den Namen des Fotografen kennt? Die Ausstellung in Hamburg zeigt es.

Fotograf: Samar Abu Elouf für The New York Time
Das Foto zeigt den neunjährigen Mahmoud Ajjour, der bei einem israelischen Angriff in Gaza -Stadt beide Arme verlor. Die Fotografin Samar Abu Elouf, die im Dezember 2023 aus dem Gazastreifen evakuiert wurde, lebt jetzt in demselben Apartmentkomplex in Doha (Katar) wie Mahmoud. Dort hat sie die wenigen Schwerverletzten aus dem Gazastreifen dokumentiert, die es wie Mahmoud zur medizinischen Versorgung nach draußen geschafft haben. Das Foto entstand in Doha am 28. Juni 2024.

Fotograf: Marijn Fidder for Republik, Real 21
Bodybuilder Tamale Safalu trainiert vor seinem Haus. Kampala, Uganda, 25. Januar 2024. Obwohl Tamale Safalu nach einem schrecklichen Motorradunfall im Jahr 2020 sein Bein verlor, blieb er dem Bodybuilding treu und wurde zum ersten behinderten Sportler in Uganda, der gegen körperlich gesunde Athleten antritt. Seine Stärke und Entschlossenheit im Angesicht der Widrigkeiten stellt Klischeevorstellungen in Frage und inspiriert Menschen aus allen Lebensbereichen. „Indem ich als Bodybuilder auf der Bühne stehe, möchte ich andere Menschen mit Behinderungen ermutigen, ihre eigenen Talente zu erkennen und sich niemals unterkriegen zu lassen“, sagt Tamale.

Fotograf: Jerome Brouillet für Agence France-Presse 
Der Brasilianer Gabriel Medina bricht im fünften Durchgang der dritten Runde im Surfen der Männer bei den Olympischen Spielen 2024 triumphierend aus einer großen Welle aus. Teahupo’o, Tahiti, Französisch-Polynesien, 29. Juli 2024.
Medina erzielte in diesem Durchgang eine nahezu perfekte 9,9 und holte Bronze, während er die Goldmedaille an den Franzosen Kauli Vaast abgab. Dieses Foto fand weite Verbreitung und erhielt allein auf Medinas Instagram mehr als 9,5 Millionen Likes.

Fotograf: John Moore für Getty Images
Chinesische Migranten wärmen sich bei kaltem Regen auf, nachdem sie die Grenze zwischen den USA und Mexiko überquert haben. Campo, Kalifornien, 7. März 2024.
Die unerlaubte Einwanderung aus China in die USA hat in den letzten Jahren dramatisch zugenommen, was auf eine Reihe von Faktoren zurückzuführen ist, darunter Chinas angeschlagene Wirtschaft und finanzielle Verluste nach der strikten COVID-Politik. Darüber hinaus werden die Menschen durch Videoanleitungen auf chinesischen Social-Media-Plattformen beeinflusst, die zeigen, wie man über die Grenze kommt. Das Foto, das zugleich weltfremd und intim ist, zeigt die komplexe Realität der Migration an der Grenze, die im öffentlichen Diskurs in den USA oft pauschalisiert und politisiert wird.

Zu Hause im Klostergarten

פרידה עם דמעות. (Abschied mit einer Träne im Knopfloch)

Dichtes Pflanzengewirr – und im Hintergrund ein kleines Gartenhaus

Es gibt Orte auf der Welt, von denen behauptet wird, dass man bei ihnen zweimal weine. Einmal bei der Ankunft, und einmal beim Abschied. Ich würde Jerusalem Unrecht tun, wenn ich behauptete, dass ich bei meiner Ankunft am 5. Januar weinte. Nein. Aber der Anfang hier ist mir nicht leicht gefallen. Nun jedoch davor zu stehen, morgen wieder abzureisen, das fällt mir wirklich schwer. Es ist so unglaublich. Erst dachte ich, das halte ich niemals ein viertel Jahr aus. So anders als Tel Aviv. So verstaubt. So historisch. So biblisch. Aber wow? Ein viertel Jahr in Jerusalem. Welch‘ ein Erlebnis. Heute habe ich, ich gebe es zu, eine Träne im Knopfloch – und vielleicht auch eine in den Augenwinkeln.

Ich habe mir hier eine Kippa gekauft. Ja, jetzt werden viele zu Hause denken, klar, der Opportunist, ein Leben vom Halstuch direkt zur Kippa. Wenn du hier die Klagemauer besuchst, oder eine Synagoge oder die ewige Flamme in Yad Vashem, wenn man heilige Stätten in Tiberias, in Haifa oder Nazareth betritt, dann braucht man so ein Ding. Diese bereitgehaltenen Besucher-Kippas sind so gar nicht meins. Du nimmst sie aus einer Kippa-Kiste, in der schon Tausende vor dir herumgegrabbelt haben, und denkst sofort an Läuse. Eine Kippa ist in Isrel nicht teuer. Vielleicht kostet ja eine mit dem Bild von Donald Trump oben drauf etwas mehr.

Es gibt Trump-Fans hier, ja so einige. Das nur dazu, dass ich die Menschen hier auch nach drei Monaten noch lange nicht verstehe. Ich bin ja hier hergekommen, um Israel zu verstehen. Jetzt verstehe ich viele Gründe für das Handeln der Israelis. Das heißt nicht, dass ich es stets gutheiße. Aber ich glaube zu wissen, warum manches so ist, wie es ist. Dazu kommen wir noch.

Verrückte gibt es eben überall auf den Welt – das Gute: Ich habe niemand eine solche Kippa tragen sehen.

Wer zwei Wochen in Israel ist, möchte ein Buch schreiben. Wer zwei Monate hier ist, möchte einen Artikel schreiben. Wer zwei Jahre hier ist, möchte gar nichts mehr sagen, lautet ein Sprichwort in Israel. Der Probst von Jerusalem, Joachim Lenz, hatte es mir am Anfang mit auf dem Weg gegeben. Er ist so etwas wie ein Israelbegleiter für mich geworden. Das Sprichwort trifft es. Es stimmt. Und es stimmt auch wieder nicht. Ich habe hier so viele Menschen getroffen, die so offen waren. Die mir ihre Geschichte und ihre Geschichten erzählt haben, ohne dass wir uns schon Jahren kannten. Das alles konnte ich natürlich nicht in diesen Blog gießen. Ich habe viele dieser neuen Bekanntschaften meinem Hebräisch-Lehrer und inzwischen vielleicht auch Freund Uwe Seppmann zu verdanken. Alle Menschen, die Du hier kennst, konnte ich nicht besuchen, Uwe… Aber Danke, Du hast mir die Tür zu Israel geöffnet. Nur noch Hineingehen musste ich selbst.

Ich habe in diesem Blog viel ausgebreitet – aber wie gesagt lange nicht über alles geschrieben. Ich habe nicht über das relativ neue „Book of Names“ in Yad Vashem geschrieben, in dem alle Besucher des Mahnmals nachblättern, ob der Name ihrer Familie in ihm auftaucht. Sechs Millionen Tote! Tausende Schneiders, Rosenbaums, Löwentals… Kein Koslik. Aber Kosiks. Ich habe meinen Freund Udo begleitet, der als Generalsekretär der Kultusministerkonferenz einen Staatsbesuch vorbereitete. Wir waren im Bildungsministerium. Ich war in der große Synagoge in Jerusalem zu Purim. Ich habe das widerrechtlich besetzte Al-Ram in der Westbank besucht und war in Jericho. Ja, ich habe hier sogar eine Sauna gefunden. Jerusalem kann im Winter auch kalt sein. Und ich habe mein Handy x-mal ultraorthodoxen Juden gegeben, die zwar kein Telefon hatten, aber offenbar eine Nummer um anzurufen.

Wem gehört die Stadt? Die Frage stellt sich bei diesem Foto von der Jaffa Street an der City Hall in Jerusalem nicht!

Ich habe auch nicht über den Kibbuz Be’eri geschrieben. Einer der bekannteren Kibuzze des Hamas-Terros. Er soll bis 2027 wieder aufgebaut werden. Mit deutscher Hilfe. Solange leben die Bewohner in einer künstliche hochgezogenen Wohnanlage des Kibbuz Chazerim in der Wüste Negev, wie in einem Raumschiff. Ist das gut? Fünf Jahre weg von der eignen Scholle. Was passiert da mit den Menschen? Kann man sie nicht verstehen, wenn sie wütend sind. Dass ihre Söhne und Töchter, ihre Armee und manchmal auch ihre Rabbis gnadenlos sind?

Erst vor wenigen Tagen traf ich den Chefredakteur von „Israel heute“. Aviel Schneider lebt seit 1978 in Jerusalem. Sein Vater Ludwig Schneider wurde als Sohn jüdischer Eltern geboren, die den Holocaust überlebten, weil sie von einer Küsterfamilie in Quedlinburg versteckt wurden. Die Familie floh nach dem Krieg ins Rheinland. Später, wie gesagt, Jerusalem und das Magazin „Israel heute“. Geschichte kann so nahe sein.

Aviel, Israel ist so klein und persönlich, dass sich eigentlich alle hier duzen, lebt in der Nähe von Jerusalem. Als am 7. Oktober die Hamas den Süden überfiel, standen seine drei Söhne am nächsten Morgen vor der Tür, holten ihre Waffen und fuhren in den Krieg. „Das Militär war nicht vorbereitet. Das werfe ich Bibi vor. Wir haben alles gekauft. Ausrüstung, Westen, Helme, Drohnen…“, berichtet Aviel, der aber sonst ein Netanjahu-Wähler zu sein scheint. „Als der Krieg kam, habe ich meine linken Ausfassungen in die Schublade gesteckt und diese verschlossen“, sagt er mit Blick auf die PLO, die heute die Fatach ist, mit Blick auf die Hamas, mit Blick auf die Palästinenser. Ich glaube nicht, dass Aviel viele linke Auffassungen hatte. Aber so wie er reagieren viele Menschen hier.

Das Leben geht weiter, auch wenn die Waffe immer dabei ist.

Seine Tochter und sein Schwiegersohn haben im Oktober 2023 geheiratet. Die Hochzeit durfte wegen des Krieges nicht so riesig sein, wie geplant. Aber als die Söhne dafür für 12 Stunden aus dem Krieg nach Hause kamen, haben sie gefragt: Seid ihr meschugge? Ihr streitet euch über links, rechts, Nethanjahu „Ja“, Nentanjahu „Nein“, und wir kriechen durch die unterirdischen Gänge in Gaza und räuchern die Hamas aus? „Sie retten Israel, nicht unsere Diskussionen“ sagt Aviel Schneider. „Ich bin stolz auf die Jungen.“

Aviel Schneider sagt auch: „Israel hat noch nie einen Krieg begonnen. Wir haben uns immer nur verteidigt.“ So ist das Recht seit der Geschichte Esther 480 Jahre vor Christi. Für Aviel ist klar, die Geschichte des Landes ist im Alten Testament geschrieben. Politik und Religion sind in Israel eins. Und als ich in zweifelnd frage, ob das eine gute Idee ist, fragt er: „Wenn eure Soldaten bald in der Ukraine in den Krieg ziehen, wofür tun sie das? Unsere Soldaten kämpfen für Israel. Das Leben in Israel macht Sinn. Du weißt, wofür du kämpft.“ In den letzten Tagen nahmen die nächtliche Bombenalarme wieder zu. Diesmal kommen die Raketen aus dem Libanon.

Man muss Aviels Postion nicht teilen. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die im Westjordanland Hilfe leisten. Ich habe mit Palästinensern gesprochen, die um ihre Häuser fürchten. Aber man sollte solche Meinung kennen, um vielleicht doch ein bisschen zu wissen, wie die Menschen hier ticken. Und ich habe viele Aviel Schneiders gehört… Und ich habe ein Konzert mit Effi Netzer – ein bisschen wie Heino oder Roy Black – erlebt, bei dem der gesamte Saal im Jerusalem Theater tobte als er sang „Schalom Al Israel“ – Friede, Friede, Friede sei mit Israel. Was er sonst noch bei stehendem Applaus sang, kann man auf einem Foto hier sehen.

Effi Netzers Geburtstagsshow im Jerusalem Theater – der Saal stand Kopf .

Ist es wirklich ein gute Idee nach Israel zu gehen? Ist es wirklich eine gute Idee jetzt hierher zu fahren? Das muss jeder für sich entscheiden. Niemand kann so einfach mit dem Finger schnipsen – und sagen Ja. Für mich war es eine gute Entscheidung. Ich habe so viele Menschen kennen gelernt, und viel Dinge getan, die mir in meinem etwas älteren Leben so nicht über den Weg gelaufen wären. Ich habe in einem Gartenhaus eines Klosters gewohnt. Großartig. Internet manchmal. Braucht man bei Gott ja auch nicht. Warmes Wasser, später ja. Strom war auch schon mal Glückssache. Aber es war wirklich ein tolles Gartenhaus. So viel Grün rundum. Und soviel Geschichte direkt am Abendmal-Saal und an Davids Grab, dem vermeintlichen zumindest.

Ich bin nicht christlich geworden, tut mir leid Uwe. Ich bin ein Mensch, der sich die Welt anschaut, um zu einer Weltanschauung zu kommen, die sich ganz sicher von der unterscheidet, die mir in der Schule mitgegeben wurde. Vorallem steht da Toleranz und Akzeptanz. Was vielen heute so schwer fällt. Auch in Israel. Ich war im Bah‘ai Tempel, wo geschrieben steht „Du sollst keine andere Religion hassen.“ Und ich habe für eine Kirchenzeitung darüber geschrieben, wie auch die Christen von rechtsradikalen Siedlern langsam aus Jerusalem vertrieben werden. Dafür fand ich hier keinen Platz mehr. Vielleicht reiche ich den Artikel im Blog nach. Sei 2014 gibt es hier eine „Gesetz über das Eigentum von Abwesenden“. Das gibt den Siedlern das Recht all das zu tun, was sie tun. Und ich habe arabische Frauen getroffen, die genauso auf Jerusalem als ihre Hauptstadt schauen, wie jüdische Israelis.

Beliebter Aussichtspunkt auf dem Ölberg mit Blick auf den Felsendom – Lyla bat um ein Foto

Die Tora, die heilige Schrift der Juden, weist den Menschen hier den Weg. Es kommt auf den Weg an, nicht auf das Ziel. So ist das Leben. Der Weg ist voller Herausforderungen, wie man heute so schön sagt. Es kommt auf die Reise an, nicht auf ihr Ende. Das kennen wir ja ohnehin. Und das kommt ja auch von ganz alleine.

Danke euch allen da draußen, dass ihr meinen Blog gelesen habt. Es war grandios zu sehen, dass doch ein paar Leute am anderen Ende der Leitung sind. Danke! Wenn ich zurückkehre nach old Germany – hi, hi old Germany, und das in Jerusalem – dann ist dieser Blog natürlich nicht zu Ende. Es gilt noch über ein wenig Kunst zu berichten, wie über Yoko One in der Nationalgalerie ab 11. April in Berlin. Und es wird auch einen neuen Jakobsweg-Blog geben. Das Leben geht weiter. Und was für eines. Es bleibt spannend. Bleibt dran und habt eine gute Zeit, wo immer ihr auch seid.

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Epilog: Ihr wollt wissen, warum die Israelis so sind, wie sie sind? Die Charta, der Grundsatz aller Israelis lautet „Masada wird nie wieder fallen.“ So lautet der Schwur der Elitesoldaten seit der Gründung Israels. Masada ist ein rotes Felsenmassiv in der Judäischen Wüste am Toten Meer, wo sich vor 2000 Jahren die letzten Juden in Israel vor den Römern verschanzten. Als die schließlich die letzte Mauer nach langer Belagerung stürmten, hatten sich alle Bewohner bereits selbst mit dem Schwert gerichtet. Kinder, Frauen, Männer, Alte.
Am 7. Oktober 2023 ist Masada erneut gefallen.

Die Freddy Lemon-Bar auf dem Mehane Yehuda Markt in Jerusalem. Meine Lieblingsbar. Bier allerdings 10 Euro…

Israel außer Rand und Band – und alles wegen Esther

„Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein…“ (Biblischer Vers, Prediger 10.8)

Triggerwarnung: Gewalt, Rauschmittel, schlechte Ausdrücke, Religion

Wer in diesen Tagen in Jerusalem, Tel Aviv oder anderen Orten in Israel unterwegs ist, wird…, ach was, muss sich fragen: Hä, wo bin ich hier gelandet? Bei der Fastnacht in Stuttgart, beim Karneval in Köln, beim Fasching im Kindergarten? Sorry, ich bin bekanntermaßen weder besonders bibelfest, noch tauge ich als Jeck für die richtigen Begrifflichkeiten dieser Verkleidungsorgie in Deutschland.

Jedenfalls feiert auch halb Israel so eine Art Karneval in diesen Tagen. Nur hier heißt es Purim. Und da ist Verkleidung Pflicht. Einlassordung zur Purim-Party in Tel Aviv am Strand: „Cabaret Tel Aviv – Bitte kleiden sie sich entsprechend“ Oder an anderer Stelle: „Kostüm erforderlich“. Mhm. Und es wird getrunken, ach was gesoff… Aber unsere jüdischen Mitbürger machen das alles natürlich nicht freiwillig. Sie sind ja nicht jeck. Nein, es ist alles wegen Esther. Esther, die Schöne ist schuld.

Die schöne Esther oder Maria Callas – das ist hier die Frage

Das steht schon so im Alten Testament. Und was im Buch der Bücher steht, ist Gesetz. Und auch wenn man sonst hier kaum Alkohol trinkt, wenn ein König 480 Jahre vor Christi sagt, alle sollen trinken und essen so viel sie können – frei gedeutet-, dann muss man dem auch noch 2500 Jahre später folgen – und sich das Zeug reinwürgen. Logo, oder? Zumal der babylonische Lehrer Rabba anweist: Man soll so lange trinken, bis man nicht mehr unterscheiden kann zwischen „Verflucht sei Haman“ (Schuft) und „Gelobt sei Mordechai“ (positiver Held). Na dann L‘Chaim.

Womit wir beim Thema sind: Das spaßige Fest hat einen ernsten Hintergrund. Gefeiert wird eigentlich, wie Juden in biblischer Zeit mit List und Tücke einem Pogrom, Völkermord, entgingen. Kleiner gehts nun mal nicht in der jüdischen Welt.

Am Vorabend wird auf allen Plätzen, in Synagogen und Familien das Buch Esther laut vorgelesen

Die Geschichte einmal einfach erzählt: Die junge Jüdin Esther lebt in der persischen Stadt Susa. Vor vielen Jahren wurde ihre Familie aus Jerusalem verschleppt. Esther wurde von ihrem Cousin Mordechai, nennen wir ihn hier mal Modchi, großgezogen. Er ist ein Diener des Königs von Persien. Eines schönen Tages sucht König Ahasverus eine neue Königin. Er wird seine Gründe gehabt haben, von Streitsucht geht die Rede. Bei ihr, n a t ü r l i c h nicht bei ihm. Seine Diener schleppen die schönsten Frauen zu ihm – also auch die schöne Esther. Von allen wählt der König Esther als Königin aus. Modchi empfiehlt ihr, sie solle lieber nicht verraten, dass sie eine Jüdin ist. Wer weiß, wer weiß… Da ist ja immer was.

Nun kommt des Königs Großwesir Haman ins Spiel. Ein hochnäsiger Mann, der verlangt, dass sich alle vor ihm verbeugen sollen. Aber Modchi, der widerborstige Jude, weigert sich. Das macht Haman so wütend, dass er ihn töten will. Außerdem erfährt Haman da erst, dass Modchi ein Jude ist. Da überlegt er sich, dass er doch mal fix alle Juden im Land töten könnte. Er sagt zum König: „Die Juden sind gefährlich. Du musst sie loswerden!“ Der König antwortet was ein König immer antwortet: „Mach, was du für richtig hältst.“ Dann erlaubt er ihm, ein Gesetz zu machen. Der König lost den Vernichtungstag aus. Es ist am 13. Tag des Monats Adar. Das hebräische Wort „Pur“ ist die Übersetzung für „Los“. Purim ist auch persischen Ursprungs, so etwa wie „ein Los ziehen“.

Esther weiß nichts von dem Gesetz. Darum schickt Modchi ihr eine Kopie davon und lässt ihr sagen: „Sprich mit dem König.“ Esther antwortet: „Wer ohne Einladung zum König geht, wird getötet.“ Wir alle kennen ja den Spruch: Gehe nie zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen wirst. Und der König hatte Esther seit 30 Tagen nicht mehr eingeladen! Nun sprach sie aber mutig: „Aber ich werde gehen. Wenn er mir sein Zepter entgegenstreckt, bleibe ich am Leben. Wenn nicht, sterbe ich.“ Also, sie meinte schon das Zepter.

Esther fastet, macht sich zuckersüß und geht in den Innenhof vom Königspalast. Der König sieht sie. Dann streckt er ihr sein Zepter entgegen. Er fragt: „Was kann ich für dich tun, Esther?“ Sie antwortet gerissen: „Ich möchte dich und Haman zu einem Festessen einladen.“ Es folgt ein Essen und noch ein Essen, und… endlich fragt der König erneut: „Was kann ich denn nun für dich tun, was verlangst du, und sei es das halbe Königreich?“ Esther antwortet: „Ich bin Jüdin. Ich habe mich bislang verstellt und verkleidet. Aber nun will jemand mein Volk töten. Wenn du mich liebst, dann bitte rette uns!“ „Wer will euch ermorden“, will der König nun neugierig geworden wissen. Sie sagt: „Dieser böse Großwesir Haman!“ Da wird König Ahasverus so zornig, dass er Haman sofort töten lässt.

Nach dem unglücklichen Hinscheiden Hamans setzt der König nun Modchi als Großwesir über alle Fürsten ein, gibt ihm Hamans Palast und das Recht, ein neues Gesetz zu machen. Dieses Modchi-Gesetz erlaubt es den Juden, sich zu verteidigen, wenn sie angegriffen werden. Und am 13. Tag des Monats Adar besiegen die Juden ihre Feinde. Und am 14. feiern sie das. Und der König, der selbst gerne Wein trinkt, befiehlt zu essen und zu trinken und zu feiern, was das Zeug hält.

Beim Purimfest in Tel Aviv an der alten Eisenbahnstation

Von da an feiern die Juden diesen Sieg jedes Jahr. Und seit 2500 Jahren feiern sie, dass sie sich verteidigen dürfen, wenn sie denn angegriffen werden. Wie gesagt, nichts geschieht in Israel ohne religiösen (Hinter)Grund. Auch wenn Gott in der Geschichte von Esther mal nicht vorkommt.

Das ist die Story ohne Triggerwarnung. Aber da in der Bibel selten etwas unblutig ausgeht, sollte ein kleines bisschen mehr aus dem Originaltext, den ich hier mal verlinke, erzählt werden. Haman hatte bereits einen fünfzig Ellen hohen Pfahl zum Erhängen von Modchi aufstellen lassen. Er wollte es halt gut sichtbar hoch oben haben. Dort ließ der König nicht nur Haman selbst erhängen, sondern auch fix seine zehn Söhne. Und da das neue Gesetz von Modchi auch noch erlaubte, alle Gegner der Juden, die sich im persischen Großreich an ihrer Vernichtung beteiligen wollten, gemeinsam mit Haman umzubringen, starben mit ihm und seinen Söhnen viele, viele Perser. Kurz gesagt, am Ende sind alle Feinde tot. Die Juden sind im Großreich geachtet und glücklich. Und das Purimfest wird als jährliches Freudenfest gefeiert, das an Esthers Tat vor 2500 Jahren erinnert. L‘Chaim.

Aber jetzt kommen die Deutungen. Von zwölf zu Tode verurteilten Nazis wurden nach dem Urteil des Nürnberger Militärgerichtshofs wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit u.a. an sechs Millionen Juden im Oktober 1946 genau zehn aufgehängt. Herrmann Göring nahm am Vorabend ein Zyankalikapsel. Martin Bormann wurde in Abwesenheit zum Tod durch den Strang verurteilt. Julius Streicher, NSDAP-Gauleiter und Herausgeber des Hetzblattes „Der Stürmer“ verabschiedete sich bei seiner Hinrichtung am 16. Oktober 1946 mit den Worten „Heil Hitler! Das ist das Purimfest 1946.“

Einen ganz aktuellen Bezug zur kleinen Schoa am 7. Oktober 2023 stellte eine Bibelrunde letzten Mittwoch beim wöchentlichen Freundeskreis bei Christa Behr in Malha her. Mit über 1100 Toten fand 2023 der größte Massenmord an Juden seit dem Holocaust statt. Dazu der Kommentar im Hauskreis: „Aber wer eine Grube macht, der wird selbst hineinfallen, und wer den Zaun zerreißt, den wird eine Schlange stechen“, heißt es im Alten Testament. „Wer versucht, einen Felsbrocken auf andere hinunterzurollen, wird von ihm zerquetscht“, fügte Luther in seiner Bibel später hinzu. Auch so lässt sich das aktuelle Handeln Israels natürlich religiös erklären, ohne es hier gutzuheißen.

Und nicht zuletzt ist in israelischen Zeitungen in diesen Tagen ein Wortspiel von „Haman“ zu „Hamas“ immer wiedermal zu lesen. Juden feiern mit dem Purimfest eben auch die Vernichtung Hamans, des persischen Großwesirs, der den Juden an den Kragen wollte. Im Laufe der Jahrhunderte wurde Purim ein Fest des Sieges über allen Antisemitismus. Die Ausgelassenheit und die Verkleidungen werden als „lange Nase“ gedeutet, die das jüdische Volk seinen Hassern und allen vergeblichen Vernichtungsversuchen macht. Und außerdem hatte sich Esther ja auch ewig verkleidet und verstellt – und kam mit ihrem Jüdischsein erst ziemlich spät heraus.

Die gesamte Stadt ist verkleidet

Aber zurück zum Purimfest: Bereits am Vorabend des eigentlichen Tages wird in Synagogen und Stadthallen das Buch Esther in ganzer Länge gemeinsam gelesen oder aufgeführt. Es ist die eigentliche, religiöse Hauptsache an Purim. Wenn dabei der Name „Haman“ fällt, machen alle möglichst viel Krach, um den Namen auszulöschen.

In den vergangenen Jahren waren die Feiern immer wieder von der angespannten Sicherheitslage überschattet. 1996 kamen um Purim innerhalb von acht Tagen 63 israelische Zivilisten in vier Anschlägen ums Leben. Ein Jahr danach kostete das Selbstmordattentat auf das Café „Apropos“ in Tel Aviv drei Frauen an Purim das Leben. Im letzten Jahr fiel das Fest wegen des Krieges ganz aus.

In Schuschan, dem heutigen Susa, feierten die Juden erst am 15. Adar, also einen Tag später, weil sie sich einen Tag länger gegen ihre Feinde wehren durften. Es waren halt ein paar mehr Feinde umzubringen. Deshalb wird bis heute in Israel in den Städten, die bereits zur Zeit Josuas eine Mauer hatten, wie Jerusalem, erst mit „Schuschan-Purim“ am 14. und 15. März gefeiert. In anderen Jahren variieren die Tage im jüdischen Kalender.

Am berühmten Carmel-Markt in Tel Aviv

Eine wichtige Sitte zum Purimfest ist das Versenden von Geschenken, besonders an die Armen (Ester 9,22). Gemeinnützige Hilfsorganisationen wissen die Purimzeit natürlich in besonderer Weise für ihre Zwecke zu nutzen. Schulklassen in Israel sind damit beschäftigt, Geschenkteller mit Süßigkeiten für Soldaten vorzubereiten.

An keinem jüdischen Fest dürfen bestimmte charakteristische Speisen fehlen. An Purim sind es besonders die „Hamantaschen“ oder „Hamansohren“, kleine, dreieckige Gebäckstücke, die mit Süßem gefüllt sind. Über die Anweisung des babylonischen Lehrers Rabba, dass ein Mann aus Freude über die Errettung des jüdischen Volkes am Purimfest so viel Wein zu trinken habe, bis er Gut und Böse nicht mehr unterscheiden kann, wird bis heute diskutiert. Es gibt allerdings orthodoxe Juden, die dieses rabbinische Gebot ernst nehmen. Womit wir wieder beim Trinken wären.

Wolf Biermann hat mal ein Trinklied geschrieben – es gibt ja nicht viele Trinklieder von Wolf Biermann – aber es gibt ein Trinklied von ihm und da gibt es eine Strophe genau darüber. Das geht so: „Es trinken die Juden aus Tradition, ein bisschen zu wenig, ich weiß auch warum.“ Da weiß Wolf Biermann übrigens mehr als ich. Aber sowas soll ja vorkommen. Das zu ergründen, also warum die jüdischen Mitbürger relativ wenig trinken, bleibt einem anderen Text vorbehalten.

L‘Chaim – Auf das Leben!

Der Löwe – das Wappentier von Jeruslaem
Auch Indianer sind am Wegesrand zu sehen
Geschenke gehören natürlich zu Purim dazu

Der Autor – ein Glückspilz

(Alle Fotos: Autor)