„Er ist 57, aber er sieht zehn Jahre älter aus. Er sieht aus wie ein Skelett.“ (Mutter einer der am Sonnabend freigelassenen Geiseln)
Es ist kalt in diesen Tagen in Jerusalem. Es ist kalt in Israel. Meteorologisch ist es halt Winter. Normal. Morgens fünf Grad Celsius. Politisch herrscht seit dem Oktober 2023 Permafrost. Das Bild in Ostjerusalem – u.a. die gesamte Altstadt – hat sich nocheinmal verschärft. Permanent werden arabische Jugendliche von israelischen Soldaten nach Waffen durchsucht. Die Stadt rüstet sich für den Ramadan ab Ende Februar. Ausschreitungen werden befürchtet.
In diese Situation hinein gingen gestern die Bilder der Freilassung der nächsten drei Geiseln durch das gesamte Land – und um die Welt. Die Bewohner vom Kibbuz Be‘eri hatten sich mit einem Fest auf die Befreiung der drei Männer vorbereitet, von denen zwei aus dem Kibbuz am Gazastreifen stammen. Sie wohnen seit 490 Tagen in einer Hotelanlage am toten Meer, umgesiedelt nachdem bei dem Massaker in ihrem Dorf 132 Menschen von der Hamas umgebracht wurden. 125 Häuser wurden zerstört. Die Terroristen verschleppten 32 Menschen aus der Dorfgemeinschaft.
Sie haben einen Traktor mit Plakaten der Entführten vor das Hotel gestellt. Sogar ihre Kühe wurden umgesiedelt. Hier ans tote Meer, wo kein Grashalm wächst. Sie haben auf ihre Familienmitglieder 490 Tage gewartet und gehofft. Ein Kibbuz ist wie eine Familie. Doch dann das Unerwartete.
Als gestern die Live-Bilder aus der Stadt Deir Al-Ballah im Gazastreifen die Geiseln zeigen, mischt sich in die unbändige Freude der Kibbuzniks ein riesengroßer Schock. Die drei Männer – Or Levy, Eli Sharabi und Ohad Ben Ami – scheinen nach 491 Tagen in Gaza völlig ausgemergelt und so schwach, dass sie sich kaum auf ihren Beinen halten können. Die Mutter von Ben Ami, sagt laut The Times of Israel entsetzt: „He looks terrible. He is 57, but he looks ten years older. It is so sad for me to see him like this. He looked like a skeleton.” Er sieht wie ein Skelett aus.
So berichtet die israelische Zeitung Ha’aretz über dem Empfang, den die Kibbuz-Bewohner den Geiseln aus ihrem Dorf machen wollten, und was sie dann sahen….
Die Männer sind wie bei jedem Austausch auf einer Bühne zu sehen. Zwei haben hellbraune Jogginganzüge an. Auf der Brust tragen sie Aufkleber, die sie selbst als Geiseln zeigen. Sie sind umringt von vermummten Terroristen mit Maschinengewehren im Anschlag, die die Fäuste ballen. Hinter ihnen auf einem Banner der Satz auf Arabisch, Hebräisch und Englisch: „Wir sind die Flut. Wir sind der Tag danach“, in Anspielung auf die Diskussionen, vor allem in Israel und den USA, um die Macht in Gaza am Tag nach dem Krieg. Die Terroristen feiern auch diesen Tag als „totalen Sieg“, so steht es auf den Plakaten. Die Geiseln müssen erklären, dass sie gut behandelt wurden. Man kann sich selbst ein Urteil bilden. Auf (Sensations-)Bilder von Al Jazeera verzichtet der Blogschreiber.
Zum Zeitpunkt der Geiselübergabe, wie immer begleitet vom Roten Kreuz, weiß Eli Sharabi, der ebenfalls aus Be’eri stammt, noch nicht, dass seine Frau Lianne und die Töchter Noiya, 16, und Yahel, 13, am 7. Oktober von Terroristen in ihrem Haus ermordet wurden. Gestern fand keine Feier der ehemaligen Dorf-Bewohner von Be‘eri mehr statt.
Im Gegenzug ließ Israel 183 Palästinenser frei, die in israelischen Gefängnissen festgehalten wurden. Zum Teil Terroristen. Auch sie geschunden. Übergeben in aller Stille. Auch für sie gab es diesmal auf palästinensischer Seite keine Feier, kein Feuerwerk, keinen Siegesrausch, zumindest ist in englischsprachigen Zeitungen in Israel nichts davon zu lesen.
Es ist kalt in Israel in diesen Tagen. Die Verletzungen scheinen zu wachsen, statt zu schrumpfen. Niemand weiß, wie es nach dem Waffenstillstand weitergehen wird.
(PS: Der Beitrag entstand aus aktuellem Anlass. Das Titelfoto stammt aus dem Jahr 2022, wird aber umgehend durch ein aktuelles ersetzt.)
Walls are hot right now, but I was into them long before Trump made it cool.” (Der britische Street-Art-Künstler Banksy „Mauern sind im Moment angesagt, aber ich war schon lange auf sie fixiert, bevor Trump sie cool machte.“)
Da ist es also, das Hotel mit dem schlechtesten Ausblick der Welt. Hier an der Mauer in Bethlehem, die an dieser Stelle 8 Meter hoch ist. Und die auf viele Tausende Meter den Blick auf die Berge rundum versperrt. Und auf die Freiheit. Und auf die Welt. Und auf Israel. Und seit dem 7. Oktober ist alles noch einmal schlimmer geworden. Dazu später.
„The Walled Off Hotel“ wurde vom wahrscheinlich bekanntesten unbekannten Künstler der Welt eingerichtet und gestaltet. Banksy, der in Deutschland gerade gefeierte Brite aus Bristol. Bei seiner Einweihung 2017 war das Hotel ein Statement Banksys. 50 Jahre nach dem Sieben-Tage-Krieg. 100 Jahre nach der Balfour-Deklaration, mit der Großbritannien als Mandatsmacht 1917 sein Einverständnis zur Errichtung eines jüdisches Staates gab. „Es ist exakt 100 Jahre her, dass Großbritannien die Kontrolle über Palästina übernommen und damit begonnen hat, die Möbel umzustellen – mit chaotischen Resultaten. (…) Ein guter Zeitpunkt, darüber zu reflektieren, was passiert, wenn das Vereinigte Königreich große politische Entscheidungen trifft, ohne die Konsequenzen zu begreifen“, wird Banksy zitiert.
Das könnte man heute natürlich überall in den Krisengebieten dieser Welt mit wechselnden Mächten zitieren. Vor allem mit den USA – nicht erst seit Donald Trump. Aber zur Stunde ist Trump wieder dabei, sich einzumischen. Und zwar genau hier in der Westbank
Das eingemauerte Hotel (Walled off Hotel) ist eine Anspielung auf die Luxus-Hotelkette Waldorf Astoria. 10 Kilometer entfernt im Stadtkern Jerusalems ist ein Waldorf Astoria-Hotel eine der teuersten Adressen.
Das abgeriegelte Hotel nur vier oder fünf Meter gegenüber der Mauer hat alles, was ein Hotel haben muss. Acht Zimmer und eine Präsidentensuite. Am Eingang einen Stofftier-Schimpansen als Portier-Attrappe, der in Banksys Werken immer wiederkehrt. Das Highlight bei der Hotel-Einweihung war das Zimmer 3, Banksys Room. Hier hat der Künstler über dem Kingsize-Bett eines seiner Graffitis an die Zimmerwand gesprüht. Ein Palästinenser und ein Israeli bei einer Kissenschlacht. Der Nachbau schmückt aktuell nahezu jede der Banksy-Ausstellungen, die derzeit in Europa und der Welt touren. Und es mag dem linksintellektuellem Betrachter einen wohligen Schauer der Solidarität mit dem palästinensischen Volk über den Rücken jagen. Wie aufgeschlossen wir doch sind.
In einer Banksy-Schau in Hamburg, anderer Beitrag, selber Blog
Aber längst ist aus der Kissenschlacht, die nie eine war, einmal mehr blutiger Ernst geworden. Seit dem Terrorüberfall der Hamas am 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden Krieg Israels gegen die Hamas und andere Terrororganisationen – mit Kriegsverbrechen auf beiden Seiten und einem internationalen Haftbefehl gegen Benjamin Netanyahu. Jeder kann das Leid in den Nachrichten verfolgen.
Das Hotel ist seit dem 12. Oktober 2023 geschlossen. Der Ausblick bleibt verbaut, von der Mauer gegenüber, die längst über und über mit Graffitis – auch vom Künstler selbst – besprüht ist. Ein Ausblick auf die Realität der Menschen im Westjordanland. Eingemauert, eingesperrt, und doch ebenso im Heiligen Land lebend wie auf der anderen Seite. Hier in Bethlehem steht die Geburtskirche Christi. Im acht Kilometer entfernten Jerusalem steht seine Grabeskirche. Nicht weit gekommen im jungen Leben, der jüdische Prophet. Und doch wäre Jesus heute ohne Permit, Einreisegenehmigung, nicht mal soweit gekommen.
Rund um das Hotel finden sich Banksys Graffitis – ob von ihm oder nicht
Hier vor Ort, an der Acht-Meter-Mauer und den Checkpoints läuft dem Betrachter im Westjordanland kein wohliger, sondern ein kalter Schauer über den Rücken. Zumal, wenn man weiß, wie es ist, hinter einer Mauer zu leben, wie als Ostdeutscher… Wie in Zypern, Mexiko zu den USA, oder Nordkorea. Natürlich maße ich mir nicht an, das elende Leben in Nordkorea oder sonstwo zu beurteilen. Aber beklemmend ist es hier auch, selbst wenn man nur Besucher ist.
Mein Fahrer Hasan fährt mich ein ganzes Stück entlang der Mauer. Sightseeingtour für Grummeln im Bauch. Sagen will Hasan nichts über die Situation in Gaza oder hier im Westjordanland. Noch nicht, später schon. Ihn, der sieben Kinder hat, und der mir ihre Fotos auf dem Handy zeigt, beschäftigen in diesen Tagen und Monaten, 486 Tage nach dem Hamas-Angriff und Kriegsbeginn, nicht die Flüchtlingsströme, die derzeit wieder Nord-Gaza erreichen. Ihn und seine Kollegen am Busstop treibt nur eines um: Keine Touristen, kein Geld, nichts zu beißen für die Familie mit den vielen Kindern. So klagt Hasan – auch wenn er mich gerade abgeschleppt hat.
Acht Meter hohe Mauern an der Grenze im Westjordanland
Die gleichen Klagen höre ich auch auf der anderen Seite der Mauer, wenn ich durch Jerusalems Innenstadt gehe und jeden dritten Laden mit schweren Eisentüren verrammelt vorfinde. Auch auf der israelischen Seite klagen die Händler, dass sie seit den besonders harten Corona-Beschränkungen in Israel keine Einnahmen mehr haben. Die Pilger bleiben weg, die Touristen erst recht. Mit Reisewarnungen belegt. Auf beiden Seiten die selben Sorgen. Und doch kommen beide Seiten nicht zueinander. Irgendjemand – habe vergessen, wer es war – sagte mir in den letzten Wochen, Kriege in Israel seien stets kurz gewesen, danach konnte sich die Wirtschaft wieder erholen. Netanyahu galt als Mann der Wirtschaft. Gerade deshalb verstehen hier viele nicht, warum das Töten anhält. Warum Netanyahu das Land leiden lässt.
Ich bin am späten Vormittag in Jerusalem aufgebrochen und habe mir den Bus 231 nach Bethlehem gesucht, um die Geburtskirche zu besuchen. Und um mit den Leuten zu reden. Die Fahrt über die 8 Kilometer dauert nur 25 Minuten. Doch es ist eine Fahrt in eine andere Welt, in die arabische Welt. Hasan steht wie viele andere Taxifahrer am Bus. Obwohl man die 1,7 Kilometer zu Geburtskirche hinauf locker laufen kann, gebe ich ihm ein paar Schekel, damit er mit mir eine Stadtrundfahrt macht. Und wie auf Bestellung hält er schließlich auch vor einem Haus und in der Innenstadt, ein Stück hinter der Geburtskirche. „Come my friend, I show you my Family.“ Die Kinder sind in der Schule, aber plötzlich finde ich mich von Nachbarn, alten Männern und und ein paar Jugendlichen umringt. Plötzlich bin ich mittendrin.
Kaum jemand hat noch Arbeit, klagen sie hier. Der Tourismus war eine Quelle. Aber Israel hat nach dem 7. Oktober auch alle Arbeits-Visa eingezogen. 200.000 Menschen verloren auf diese Weise ihren Job, recherchiere ich später. Man könne sich nicht mehr im eigenen Land bewegen, klagt ein anderer. Und er meint damit nicht den Weg über die Grüne Linie zwischen dem Westjordanland und Israel mit der 759 Kilometer langen Mauer. Nein, auch zwischen den Orten. 1400 Kilometer war der eiserne Vorhang in Deutschland. Aber die DDR hatte 108.000 Quadratkilometer, die Westbank 6000, kaum mehr als ein Zehntel.
Auf der Westbank gibt es inzwischen 900 Checkpoints. „Wir können nicht mal mehr unsere Onkel und Tanten besuchen“, schimpft ein junger Mann. Das Westjordanland ist knapp größer als der Landkreis Mecklenburgische Seenplatte rund um Neubrandenburg. Besuche über die Mauer nach Israel, die nach der zweiten Intifada seit 2005 um das ganze Westjordanland gezogen wurde, sind kaum noch möglich. Dort hatte man früher Freunde. „Es gibt inzwischen junge Palästinenser, die waren noch nie in Israel, und umgekehrt“, grummelt ein Älterer. „Wie sollen wir je wieder zusammenleben.“ Woran erinnert mich das als Ostdeutscher?
Die Mauer von der israelischen Seite aus gesehen.
Drei Millionen Palästinenser wohnen im Westjordanland. 500.000 israelische Siedler haben sich inzwischen völkerrechtswidrig hier breit gemacht. Und nach dem 7. Oktober nahmen auch deren Angriffe immer mehr zu. 1400 Übergriffe habe es 2024 gegeben, recherchiere ich. 26.000 Olivenbäume wurden abgebrannt. 8700 Wohnungen von Siedlern entstanden neu.
Ja, es gibt auch hier im Norden, u.a. in Dschenin, wo ein großes Flüchtlingscamp ist, Angriffe von Terroristen der Hamas oder des Islamischen Tschihad. Anlass für Israel im rein völkerrechtlich palästinensisch verwalteten Gebiet, Einsätze zu fliegen und mit Waffen einzugreifen. Das schwächt die palästinensische Polizei im Ansehen. In der Politik spricht man inzwischen offen über eine Gazafikation der Westbank. Eine Zusage Netanyahus an die Rechtsextremisten in seiner Regierung im Gegenzug zu Waffenruhe in Gaza? Hasan versteht nichts von Politik. Er weiß nicht, was er dazu sagen soll, und lacht ein wenig verlegen. „My friend, this is not Gaza.“
In politischen Kreisen in Jerusalem spricht man offen darüber, dass die Reise Netanyahus zu Donald Trump in diesen Tagen, mit einer Zusage des US-Präsidenten für eine weitere Besetzung des Westjordanlandes enden könnte. Das Ende irgendeiner Zwei-Staaten-Lösung. Aber ist das zu weit hergeholt? In Jerusalem werden bereits die Kippas mit dem Trump-Foto verkauft…
Man trägt die Kippa in Jerusalem neuerdings t(r)ump rechts , auch wenn er hier links liegt
Als ich auf der Fahrt zurück in den Bus 231 steige, um nach Jerualem zu kommen, halten wir am Checkpoint auf einer Autobahn. Alle müssen aussteigen. Alle, vor allem Frauen, müssen ihre Papiere zeigen. Ein Mann wird zurück geschickt, Ich werde gründlich kontrolliert, Pass, Visa, die neue ETA-Genehmigung. Das dauert nur 20 Minuten. Aber 20 Minuten ein Scheiß-Gefühl ist auch genug.
„Ich bin eine Deutsche, der man nicht ansieht, dass sie schon mal Krieg erlebt hat…“ (Martha Heider aus Ludwigslust)
Martha Heider im Beit Uri in Afula
Afula ist soetwas wie eine Nichtstadt, sagt mir Mishel in Jerusalem. „Was willst du in Afula? Da fährt man durch, wenn man nach Tiberias möchte, und gut.“ Dabei ist die Oberstadt sehr schön, finde ich, als ich ankomme. In den Bergen und mit schönen Häusern. Hier liegt auch das Beit Uri, ein Mini-Kibbuz, ein kleines Dorf, in dem Menschen mit Benachteiligungen betreut werden, auch von Freiwilligen aus Deutschland. Aber dazu kommen wir noch. Ich will es gleich vorwegschicken und neuen Fragen vorbeugen, die Flüchtlingsströme in Nord-Gaza und der Geisel-Austausch gehen nicht an diesem Blog vorbei. Mein Besuch im Westjordanland füllt den nächsten Teil
Im Reiseführer steht, Afula sei bekannt für seine Falafel. Nun gut, es muss halt immer was im Reiseführer stehen. Warum sollte man sonst in Afula Halt machen. Mein Freund Uwe Seppmann vom Beth Emmaus in Loiz bei Sternberg, der nicht nur ein christliches Gästehaus führt, sondern auch Hebräisch-Kurse gibt, hat über ein paar Ecken Martha Heider aus Ludwigslust für einen Freiwilligendienst in Israel begeistert. Nun zugegeben, Afula ist kaum größer als Ludwigslust. Und Menschen mit Beeinträchtigung kann man in den Lewitz-Werkstätten auch helfen. Und doch scheint Afula für Martha entscheidend anders.
Afula – knapp 20.000 Einwohner liegt die Stadt inmitten von Grün nördlich von Tel Aviv
„Es sind die Menschen, die mich hierher ziehen. Es ist alles wie eine große Familie. Hier ist es total normal, dass man zu seinem Glauben steht“, erzählt Martha. Als sie vor zwei Jahren in ihrer Klasse am Goethe-Gymnasium in Ludwigslust ihren Mitschülern von ihren Plänen erzählte, wurde sie nur gefragt: „Bist du jüdisch, oder was?“ Damals in der 11. hatte Martha bei Uwe Seppmann angefangen, Hebräisch zu lernen. Die Eltern sind befreundet. Hebräisch fiel ihr leicht. „Und eines Morgens bin ich aufgewacht, und wusste, ich muss da hin.“ Uwe Seppmann hat schon andere junge Leute von Israel begeistert, u.a. auch die Enkelin von Pastor Uwe Holmer, der 1990 Erich Honecker und seine Frau Margot bei sich aufnahm, und viele mehr. Ich würde mich ja auch gerne dazu zählen, lieber, Uwe, aber ich bin nicht mehr jung. So what.
„Junge Leute zieht es in den letzten Jahren verstärkt nach Israel in einen freiwilligen Dienst“, erzählt mir Uwe. „Als Vorbereitungshilfe biete ich Einführungskurse mit Sprachlehrgängen an. Organisiert wird das in der Regel von kirchlichen oder freikirchlichen Organisationen. Martha ist kurz vor dem Gaza-Krieg nach Israel geflogen. Wurde dann aber zurückgerufen. Doch persönliche Beziehungen lassen sich nicht durch staatliche Verordnungen auseinanderreißen.“ Uwe war selbst in den 70er Jahren lange in Israel. Er betreute u.a. behinderte Überlebende des Holocausts. Einem Anschlag in Nablus auf einen Bus der Aktion Sühnezeichen entging er nur knapp. Seine Liebe zu Israel tat dies keinen Abbruch.
Martha in ihrem Job im Beit Uri in Afula bei der Betreuung
Martha Heider kam mit anderen Freiwilligen aus Köln, München, Bonn, Fulda, Dresden am 23. August 2023 nach Israel. Es war ihr Traum, bevor sie ein Studium für Kinder- und Jugendtherapie in Nordhausen beginnen will. „Ich wollte weg aus Deutschland“, erzählt sie. „Nach der Schule in Ludwigslust einfach weg, die Welt anschauen.“ Erst dachte sie an Südamerika, auch Südafrika hätte sie sich vorstellen können. Aber dann kam eben die Sache mit dem Hebräisch. „Ich wollte das weiter machen.“
Doch nach sechs Wochen änderte sich alles. Für Martha. Für ihre Freundin Marie aus Fulda, die in Jerusalem in einem Kloster als Freiwillige die Öffentlichkeitsarbeit betreut. Und für viele andere aus ihrer Organisation „Internationaler Jugendfreiwilligendienst“ . Sie trafen sich bei einem Besuch in Jerusalem am 7. Oktober als die Hamas im Süden ein Musikfestival und auch den Kibbuz Nir Oz überfiel. Am 12. Oktober wurden sie evakuiert. Aufregende Tage. Die Eltern telefonierten sich die Finger wund, um einen Flug zu bekommen. Die Lufthansa war komplett ausgebucht. Aber schließlich schafften es doch alle 23 Freiwillige in einem Flugzeug zurückzukommen. Zu ihren Einsatzorten durften sie damals nicht mehr zurück. Es gab nur noch eine Reaktion nach dem Massaker im Süden: Zurück nach Deutschland – und das so schnell wie möglich.
Aus der Werkstatt der Bewohner mit besonderer Beeinträchtigung
Seitdem mochte Martha Jerusalem nicht mehr. „Wir mussten dort fünf Tage ausharren. Keiner wusste, was kommt. Ich fand es sehr dramatisch und wollte nicht gehen. Es war nicht leicht.“ Doch zu Hause in Ludwigslust wurde ihre Stimmung nicht besser. Martha war schlecht gelaunt. Sie blies Trübsal. Bis schließlich ihr Vater sie nach Weihnachten 2023 fragte, ob sie nicht zurückkehren wolle. „Meine Eltern haben mich immer unterstützt. Mit der Organisation ging das natürlich offiziell nicht mehr. Da gab es ja die Reisewarnungen der Regierung. Aber mein Vater fragte mich, ob ich schonmal überlegt habe, als Tourist zurück zu kehren. Da wusste ich, was ich zu tun habe“, schildert Martha diese Situation. „Ich würde immer wieder zurückkommen“, sagt sie mir, wohl wissend, dass sie Ende März nach Deutschland für ihr Studium zurückkehrt.
Es ist Freitagvormittag Ende Januar 2025 im Beit Uri. Die Vorbereitungen für den Sabbat laufen. Im Café von Beit Uri in Afula wird um zehn Uhr morgens ein Geburtstag gefeiert. Martha soll auf dem Klavier spielen, eines der Instrumente, die sie beherrscht. Langsam treffen die Gäste in dem kleinen Café des Behindertendorfes ein. Neun Häuser gibt es hier, in denen 120 bis 130 Residents wohnen, also schlicht Bewohner. Martha arbeitet in einem der Häuser, betreut die Menschen dort, macht Musik mit ihnen. Andere töpfern, gärtnern, weben oder pflegen Tiere. „Sie macht einen harten Job“, sagt Ruth aus dem benachbarten Sabra House, in dem man sich der Erinnerung an den Holocaust und den Überlebenden widmet. Ruth muss es wissen, sie ist dreimal so alt wie Martha, die hier im letzten Mai erst ihren 19. Geburtstag feierte.
Geburtstagsfeier für Asaf, neben ihm seiner Mutter Henia
In „Beit Uri“ wird an diesem Freitag vor dem Sabbat Asaf, der Sohn von Henia Elior, gefeiert. Heute bleibt der Krieg mal außen vor. Asaf wohnt bereits 24 Jahre in „Uris Haus“. Die Einrichtung für Menschen, die eine besondere Hilfe benötigen, wurde in den 30er Jahren von der Tschechin Devora Schick gegründet. Sie floh damals mit ihrem behinderten Sohn Uri nach Palästina, um ihn vor der Gewalt der Nazis zu bewahren. Solche Geschichten begegnen einem hier auf Schritt und Tritt. Nachdem ihr Sohn gestorben war, widmete Devora Schick ihr Leben der Pflege und der Versorgung von Kindern mit Behinderung. Nun trägt dieses Haus den Namen ihres Sohnes. Sie selbst lebte bis zu ihrem Tod 2002 hier.
Geburtstag im Beit Uri
Es ist eine fröhliche Geburtstagsfeier für Asaf. Viele Gäste kommen. Die Israelis sind feierfreudige Menschen. Ihr Glaube hält viele Feiertage für sie bereit. Vielleicht ist es auch der Krieg, der ihnen den Wert des Lebens bewusst macht. Martha erzählt mir in den Stunden unseres Treffens von den Tagen im letzten Oktober, als die WarnApps Wellen von Angriffen aus dem Iran ankündigten. Heute wissen wir, dass die meisten der 200 ballistischen. Raketen abgefangen wurden. Damals saß Martha stundenlang im Bunker. „Alle Soldaten und Soldatinnen sind in meinem Alter“, sagt sie mehr zu sich als zu mir. „Das kann sich in Deutschland niemand vorstellen, dass Eltern hier auf diese Weise loslassen müssen.“ Inzwischen ist von knapp 800 israelischen Toten die Rede. „Ich bin eine Deutsche, der man zu Hause nicht ansieht, dass sie schon mal Krieg erlebt hat…“, sagt Martha Heider aus Ludwigslust.
Martha am Klavier
In Israel feiert man das neue Jahr niemals mit Feuerwerk. Zu sehr sitzt den Menschen der Geschosslärm im Bewusstsein. „Jede Generation hier hat einen Krieg erlebt“, resümiert die 19-Jährige aus Deutschland, erstaunlich reif, bevor sie sich an diesem Sabbat als Freiwillige aus Deutschland ans Klavier setzt, und ihren Residents und deren Gästen Lieder zum Geburtstag vorspielt.
Ein Autor auf einer Geburtstagsfeier in Israel (Fotos: Autor)