Israel außer Rand und Band – und alles wegen Esther

„Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein…“ (Biblischer Vers, Prediger 10.8)

Triggerwarnung: Gewalt, Rauschmittel, schlechte Ausdrücke, Religion

Wer in diesen Tagen in Jerusalem, Tel Aviv oder anderen Orten in Israel unterwegs ist, wird…, ach was, muss sich fragen: Hä, wo bin ich hier gelandet? Bei der Fastnacht in Stuttgart, beim Karneval in Köln, beim Fasching im Kindergarten? Sorry, ich bin bekanntermaßen weder besonders bibelfest, noch tauge ich als Jeck für die richtigen Begrifflichkeiten dieser Verkleidungsorgie in Deutschland.

Jedenfalls feiert auch halb Israel so eine Art Karneval in diesen Tagen. Nur hier heißt es Purim. Und da ist Verkleidung Pflicht. Einlassordung zur Purim-Party in Tel Aviv am Strand: „Cabaret Tel Aviv – Bitte kleiden sie sich entsprechend“ Oder an anderer Stelle: „Kostüm erforderlich“. Mhm. Und es wird getrunken, ach was gesoff… Aber unsere jüdischen Mitbürger machen das alles natürlich nicht freiwillig. Sie sind ja nicht jeck. Nein, es ist alles wegen Esther. Esther, die Schöne ist schuld.

Die schöne Esther oder Maria Callas – das ist hier die Frage

Das steht schon so im Alten Testament. Und was im Buch der Bücher steht, ist Gesetz. Und auch wenn man sonst hier kaum Alkohol trinkt, wenn ein König 480 Jahre vor Christi sagt, alle sollen trinken und essen so viel sie können – frei gedeutet-, dann muss man dem auch noch 2500 Jahre später folgen – und sich das Zeug reinwürgen. Logo, oder? Zumal der babylonische Lehrer Rabba anweist: Man soll so lange trinken, bis man nicht mehr unterscheiden kann zwischen „Verflucht sei Haman“ (Schuft) und „Gelobt sei Mordechai“ (positiver Held). Na dann L‘Chaim.

Womit wir beim Thema sind: Das spaßige Fest hat einen ernsten Hintergrund. Gefeiert wird eigentlich, wie Juden in biblischer Zeit mit List und Tücke einem Pogrom, Völkermord, entgingen. Kleiner gehts nun mal nicht in der jüdischen Welt.

Am Vorabend wird auf allen Plätzen, in Synagogen und Familien das Buch Esther laut vorgelesen

Die Geschichte einmal einfach erzählt: Die junge Jüdin Esther lebt in der persischen Stadt Susa. Vor vielen Jahren wurde ihre Familie aus Jerusalem verschleppt. Esther wurde von ihrem Cousin Mordechai, nennen wir ihn hier mal Modchi, großgezogen. Er ist ein Diener des Königs von Persien. Eines schönen Tages sucht König Ahasverus eine neue Königin. Er wird seine Gründe gehabt haben, von Streitsucht geht die Rede. Bei ihr, n a t ü r l i c h nicht bei ihm. Seine Diener schleppen die schönsten Frauen zu ihm – also auch die schöne Esther. Von allen wählt der König Esther als Königin aus. Modchi empfiehlt ihr, sie solle lieber nicht verraten, dass sie eine Jüdin ist. Wer weiß, wer weiß… Da ist ja immer was.

Nun kommt des Königs Großwesir Haman ins Spiel. Ein hochnäsiger Mann, der verlangt, dass sich alle vor ihm verbeugen sollen. Aber Modchi, der widerborstige Jude, weigert sich. Das macht Haman so wütend, dass er ihn töten will. Außerdem erfährt Haman da erst, dass Modchi ein Jude ist. Da überlegt er sich, dass er doch mal fix alle Juden im Land töten könnte. Er sagt zum König: „Die Juden sind gefährlich. Du musst sie loswerden!“ Der König antwortet was ein König immer antwortet: „Mach, was du für richtig hältst.“ Dann erlaubt er ihm, ein Gesetz zu machen. Der König lost den Vernichtungstag aus. Es ist am 13. Tag des Monats Adar. Das hebräische Wort „Pur“ ist die Übersetzung für „Los“. Purim ist auch persischen Ursprungs, so etwa wie „ein Los ziehen“.

Esther weiß nichts von dem Gesetz. Darum schickt Modchi ihr eine Kopie davon und lässt ihr sagen: „Sprich mit dem König.“ Esther antwortet: „Wer ohne Einladung zum König geht, wird getötet.“ Wir alle kennen ja den Spruch: Gehe nie zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen wirst. Und der König hatte Esther seit 30 Tagen nicht mehr eingeladen! Nun sprach sie aber mutig: „Aber ich werde gehen. Wenn er mir sein Zepter entgegenstreckt, bleibe ich am Leben. Wenn nicht, sterbe ich.“ Also, sie meinte schon das Zepter.

Esther fastet, macht sich zuckersüß und geht in den Innenhof vom Königspalast. Der König sieht sie. Dann streckt er ihr sein Zepter entgegen. Er fragt: „Was kann ich für dich tun, Esther?“ Sie antwortet gerissen: „Ich möchte dich und Haman zu einem Festessen einladen.“ Es folgt ein Essen und noch ein Essen, und… endlich fragt der König erneut: „Was kann ich denn nun für dich tun, was verlangst du, und sei es das halbe Königreich?“ Esther antwortet: „Ich bin Jüdin. Ich habe mich bislang verstellt und verkleidet. Aber nun will jemand mein Volk töten. Wenn du mich liebst, dann bitte rette uns!“ „Wer will euch ermorden“, will der König nun neugierig geworden wissen. Sie sagt: „Dieser böse Großwesir Haman!“ Da wird König Ahasverus so zornig, dass er Haman sofort töten lässt.

Nach dem unglücklichen Hinscheiden Hamans setzt der König nun Modchi als Großwesir über alle Fürsten ein, gibt ihm Hamans Palast und das Recht, ein neues Gesetz zu machen. Dieses Modchi-Gesetz erlaubt es den Juden, sich zu verteidigen, wenn sie angegriffen werden. Und am 13. Tag des Monats Adar besiegen die Juden ihre Feinde. Und am 14. feiern sie das. Und der König, der selbst gerne Wein trinkt, befiehlt zu essen und zu trinken und zu feiern, was das Zeug hält.

Beim Purimfest in Tel Aviv an der alten Eisenbahnstation

Von da an feiern die Juden diesen Sieg jedes Jahr. Und seit 2500 Jahren feiern sie, dass sie sich verteidigen dürfen, wenn sie denn angegriffen werden. Wie gesagt, nichts geschieht in Israel ohne religiösen (Hinter)Grund. Auch wenn Gott in der Geschichte von Esther mal nicht vorkommt.

Das ist die Story ohne Triggerwarnung. Aber da in der Bibel selten etwas unblutig ausgeht, sollte ein kleines bisschen mehr aus dem Originaltext, den ich hier mal verlinke, erzählt werden. Haman hatte bereits einen fünfzig Ellen hohen Pfahl zum Erhängen von Modchi aufstellen lassen. Er wollte es halt gut sichtbar hoch oben haben. Dort ließ der König nicht nur Haman selbst erhängen, sondern auch fix seine zehn Söhne. Und da das neue Gesetz von Modchi auch noch erlaubte, alle Gegner der Juden, die sich im persischen Großreich an ihrer Vernichtung beteiligen wollten, gemeinsam mit Haman umzubringen, starben mit ihm und seinen Söhnen viele, viele Perser. Kurz gesagt, am Ende sind alle Feinde tot. Die Juden sind im Großreich geachtet und glücklich. Und das Purimfest wird als jährliches Freudenfest gefeiert, das an Esthers Tat vor 2500 Jahren erinnert. L‘Chaim.

Aber jetzt kommen die Deutungen. Von zwölf zu Tode verurteilten Nazis wurden nach dem Urteil des Nürnberger Militärgerichtshofs wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit u.a. an sechs Millionen Juden im Oktober 1946 genau zehn aufgehängt. Herrmann Göring nahm am Vorabend ein Zyankalikapsel. Martin Bormann wurde in Abwesenheit zum Tod durch den Strang verurteilt. Julius Streicher, NSDAP-Gauleiter und Herausgeber des Hetzblattes „Der Stürmer“ verabschiedete sich bei seiner Hinrichtung am 16. Oktober 1946 mit den Worten „Heil Hitler! Das ist das Purimfest 1946.“

Einen ganz aktuellen Bezug zur kleinen Schoa am 7. Oktober 2023 stellte eine Bibelrunde letzten Mittwoch beim wöchentlichen Freundeskreis bei Christa Behr in Malha her. Mit über 1100 Toten fand 2023 der größte Massenmord an Juden seit dem Holocaust statt. Dazu der Kommentar im Hauskreis: „Aber wer eine Grube macht, der wird selbst hineinfallen, und wer den Zaun zerreißt, den wird eine Schlange stechen“, heißt es im Alten Testament. „Wer versucht, einen Felsbrocken auf andere hinunterzurollen, wird von ihm zerquetscht“, fügte Luther in seiner Bibel später hinzu. Auch so lässt sich das aktuelle Handeln Israels natürlich religiös erklären, ohne es hier gutzuheißen.

Und nicht zuletzt ist in israelischen Zeitungen in diesen Tagen ein Wortspiel von „Haman“ zu „Hamas“ immer wiedermal zu lesen. Juden feiern mit dem Purimfest eben auch die Vernichtung Hamans, des persischen Großwesirs, der den Juden an den Kragen wollte. Im Laufe der Jahrhunderte wurde Purim ein Fest des Sieges über allen Antisemitismus. Die Ausgelassenheit und die Verkleidungen werden als „lange Nase“ gedeutet, die das jüdische Volk seinen Hassern und allen vergeblichen Vernichtungsversuchen macht. Und außerdem hatte sich Esther ja auch ewig verkleidet und verstellt – und kam mit ihrem Jüdischsein erst ziemlich spät heraus.

Die gesamte Stadt ist verkleidet

Aber zurück zum Purimfest: Bereits am Vorabend des eigentlichen Tages wird in Synagogen und Stadthallen das Buch Esther in ganzer Länge gemeinsam gelesen oder aufgeführt. Es ist die eigentliche, religiöse Hauptsache an Purim. Wenn dabei der Name „Haman“ fällt, machen alle möglichst viel Krach, um den Namen auszulöschen.

In den vergangenen Jahren waren die Feiern immer wieder von der angespannten Sicherheitslage überschattet. 1996 kamen um Purim innerhalb von acht Tagen 63 israelische Zivilisten in vier Anschlägen ums Leben. Ein Jahr danach kostete das Selbstmordattentat auf das Café „Apropos“ in Tel Aviv drei Frauen an Purim das Leben. Im letzten Jahr fiel das Fest wegen des Krieges ganz aus.

In Schuschan, dem heutigen Susa, feierten die Juden erst am 15. Adar, also einen Tag später, weil sie sich einen Tag länger gegen ihre Feinde wehren durften. Es waren halt ein paar mehr Feinde umzubringen. Deshalb wird bis heute in Israel in den Städten, die bereits zur Zeit Josuas eine Mauer hatten, wie Jerusalem, erst mit „Schuschan-Purim“ am 14. und 15. März gefeiert. In anderen Jahren variieren die Tage im jüdischen Kalender.

Am berühmten Carmel-Markt in Tel Aviv

Eine wichtige Sitte zum Purimfest ist das Versenden von Geschenken, besonders an die Armen (Ester 9,22). Gemeinnützige Hilfsorganisationen wissen die Purimzeit natürlich in besonderer Weise für ihre Zwecke zu nutzen. Schulklassen in Israel sind damit beschäftigt, Geschenkteller mit Süßigkeiten für Soldaten vorzubereiten.

An keinem jüdischen Fest dürfen bestimmte charakteristische Speisen fehlen. An Purim sind es besonders die „Hamantaschen“ oder „Hamansohren“, kleine, dreieckige Gebäckstücke, die mit Süßem gefüllt sind. Über die Anweisung des babylonischen Lehrers Rabba, dass ein Mann aus Freude über die Errettung des jüdischen Volkes am Purimfest so viel Wein zu trinken habe, bis er Gut und Böse nicht mehr unterscheiden kann, wird bis heute diskutiert. Es gibt allerdings orthodoxe Juden, die dieses rabbinische Gebot ernst nehmen. Womit wir wieder beim Trinken wären.

Wolf Biermann hat mal ein Trinklied geschrieben – es gibt ja nicht viele Trinklieder von Wolf Biermann – aber es gibt ein Trinklied von ihm und da gibt es eine Strophe genau darüber. Das geht so: „Es trinken die Juden aus Tradition, ein bisschen zu wenig, ich weiß auch warum.“ Da weiß Wolf Biermann übrigens mehr als ich. Aber sowas soll ja vorkommen. Das zu ergründen, also warum die jüdischen Mitbürger relativ wenig trinken, bleibt einem anderen Text vorbehalten.

L‘Chaim – Auf das Leben!

Der Löwe – das Wappentier von Jeruslaem
Auch Indianer sind am Wegesrand zu sehen
Geschenke gehören natürlich zu Purim dazu

Der Autor – ein Glückspilz

(Alle Fotos: Autor)

Ein Kanonenschuss am frühen Abend

Wenn der Ramadan kommt, werden die Türen des Paradieses geöffnet, die Türen der Hölle verschlossen, die Satane gefesselt und jemand wird ausrufen: „Komm, oh du, der Gutes erstrebt, und wende dich ab, oh du, der Böses erstrebt!” (Abu Dawud, At-Tirmidhi, Ibn Majda, An-Nisa’i, Ahmad Ibn Hanbal)

Es ist seltsam in diesen Tagen in Jerusalem, wenn in den frühen Abendstunden ein lauter Knall über der Stadt erschallt. Mancher Besucher fragt sich erstaunt, ob nun doch eine Rakete die Hauptstadt Israels und Palästinas erreicht hat. Andere nehmen es mit einem Schulterzucken hin. Der Donner ist schnell verhallt. Das Leben geht weiter. Doch es hat etwas auf sich mit dem Kanonenschuss.

Die Salah-ad-Din-Straße, nur wenige Gehminuten nordöstlich vom Damaskustor gelegen, gilt vielen Arabern als Stadtzentrum außerhalb der Jerusalemer Altstadt. Auf halber Höhe geht am Abend Minuten vor dem Sonnenuntergang ein schlanker Mann in weißer Steppjacke durch ein großes grünes Eisentor. Es führt über Treppenstufen hinauf zu einem muslimischen Friedhof. Er kommt zweimal am Tag – einmal am Morgen, einmal am Abend – um die traditionelle Ramadan-Kanone zu entzünden. Es ist an diesem Dienstag Mahamad Sanduqua, der seinen Vater Raja‘y vertritt.

Mahamad Sanduqua bereitet die Sprengladung für den Kanonenknall vor

In vielen muslimisch geprägten Nationen wird das tägliche Fasten am Morgen von Trommlern angekündigt und am Abend von Trommlern lautstark beendet. Dann beginnt das Fastenbrechen und es darf wieder gegessen und getrunken werden. Die Tradition, den Beginn des Fastens am Morgen sowie den Beginn des abendlichen Fastenbrechens wird jedoch in Jerusalem mit einer Kanone signalisiert.

Diese Jerusalemer Besonderheit ist bereits 120 Jahre alt, sie stammt noch aus dem Osmanischen Reich. „Seit damals ist meine Familie für diese Zeremonie zuständig“, erzählt Mahamad. Die traditionelle Ramadan-Kanone wurde allerdings längst ersetzt durch einen Sprengsatz in einer Batterie Sprenghülsen, ähnlich Feuerwerkskörpern. Begleitet wird Mahamad von zwei israelischen Polizisten. Sie überwachen die Zeremonie. Eigentlich ein trauriges Schauspiel…

Die Kanone steht auf dem höchsten Platz in Nähe der Altstadt. Die Zeremonie dauert nicht lange. Nach der Detonation schaut sich Mahamad noch kurz um, holt eine Tüte mit etwas Essen hervor und beißt in ein Brötchen.

Vor dem Fastenbrechen wird schnell noch eingekauft, was das Zeug hält

Unten am Damaskus Tor bäckt Abu Ziad geduldig bis zum Kanonenknall Handteller große Pfannkuchen, die er den drängelnden Käufern in eine Papiertüte packt. Das Kilo für 12 Schekel – drei Euro. Im Laden hinter ihm wird aus einem großen Bottich flüssiger Teig mit einer metallenen Gießkanne nachgefüllt. Abu Ziad gießt den Teig mit schnellen Bewegungen auf eine heiße Platte…

Innerhalb von Sekunden wirft das Pfannküchlein Blasen und wird mit einem Spachtel auf ein geflochtenes Tablett geworfen. Winzige schwarze Körner, Zwiebelsamen, werden als Würze darüber gestreut. „Wir nennen das Kataef. Das ist die traditionelle Ramadan-Speise. In den Pfannkuchen kommen dann Walnüsse, Datteln oder Käse, je nachdem, ob man Kataef süß oder salzig mag. Dann tunken wir das Päckchen in Öl“, erklärt Abu Ziad. 

Seit Jahr und Tag bäckt Abu Ziad geduldig zum Ramadan seine Kataef

30 Tage lang nichts essen und trinken, zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang: Am 1. März 2025 begann der muslimische Fastenmonat, der neben dem Glaubensbekenntnis, den täglichen Gebeten, der Wohltätigkeit für Bedürftige und der Pilgerfahrt nach Mekka zu den fünf Säulen des Islam gehört.

Im Schnellkurs lauten die wichtigsten Sitten des muslimischen Fastenmonats: Beim Sichten der ersten Mondsichel im neunten Monat des muslimischen Kalenders beginnt Ramadan und dauert einen Monat bis zum dreitägigen Zuckerfest „Id el-Fidr“. Weil der Islam keinen Schaltmonat kennt, wandert der Fastenmonat unweigerlich durch das Jahr. In diesem Jahr fällt er in den März. Die Muslime müssen sehr früh, noch bei Dunkelheit, aufstehen. Sobald die Sonne am Horizont erscheint und der Muezzin das erste Allah-Uakbar – Allah ist groß – gerufen hat, dürfen sie bis Sonnenuntergang nichts mehr in den Mund nehmen – kein Essen, kein Wasser, keine Zigarette.

Während des Ramadan ist es Pflicht, zweimal am Tag zum Gebet in die Moschee zu gehen. Die drei weiteren Gebete kann man auch anderswo absolvieren, auf der Straße, im Büro oder im Geschäft. Am Abend beim täglichen Iftar-Fastenbrechen-Essen sitzen und essen dann alle zusammen, die gesamte Familie. Man lädt sich gegenseitig ein. Es können durchaus 12 bis 20 Personen werden.

Aber auch während des Ramadan bleibt der Krieg nicht außen vor. In der Stadt ist es nach dem Schuss aus der Ramadan-Kanone still geworden. Fast totenstill. Im arabischen Viertel sind alle Geschäfte geschlossen. Die breiten Eisentore in den schmalen Gassen sind verriegelt. Überall ist noch mehr Polizei und Militär zu sehen als sonst ohnehin. Das arabische Viertel erinnert an einen Belagerungszustand.

Die Terrororganisation Hamas hatte vor dem Ramadan ihre Anhänger dazu aufgerufen, während des Fastenmonats verstärkt die Al-Aksa-Moschee auf dem Felsendom zu besuchen. Die Moschee ist das zentrale Symbol für den von der Hamas geführten Kampf gegen den Staat Israel und gegen die Besatzung der Palästinensergebiete. Das Massaker vom 7. Oktober 2023, bei dem 1200 Menschen in Israel ermordet und mehr als 250 weitere in den Gazastreifen verschleppt wurden, wird von der Hamas als „Al-Aksa-Flut“ bezeichnet.

Die Stadt gleicht einem Belagerungszustand (Fotos: Autor)

Die Moschee steht auf dem Tempelberg in Jerusalem, wo Jahrhunderte vor Christi der erste und später der zweite jüdische Tempel standen. Die als Klagemauer bezeichneten Reste des zweiten Tempels gelten seit der Zerstörung durch die Römer im Jahre 70 n. Ch. als heiligster Ort des Judentums. Der Felsendom und die al-Aqsa-Moschee oben auf dem Felsen über der Mauer sind die bedeutendsten Heiligtümer für Muslime – nach den heiligen Stätten in Mekka und Medina. Sprengstoff genug, selbst in Friedenszeiten – wenn es die mal gab. Hier ist eben nichts einfach…

Der Ramadan gilt – auch ohne das Massaker vom 7. Oktober und den Krieg danach mit 47.000 toten Palästinensern – in den besetzten Palästinensergebieten und in Jerusalem als Zeit für erhöhte Spannungen. Deutschen Diplomaten ist es aktuell untersagt, sich während der Zeit in Ostjerusalem – das ist die gesamte Altstadt – aufzuhalten. Die israelische Polizei und das Militär halten Abend für Abend eine furchteinflößende Drohkulisse den Drohungen der Hamas entgegen. Man fühlt sich hier nach Sonnenuntergang wie im Kriegszustand. Ich bin diesen Bildern nach Tiberias an den See Genezareth entflohen.

Am 29. März endet der Fastenmonat schließlich mit dem Zuckerfest. Am Abend erklingt noch ein letztes Mal die Ramadan Kanone. Und der Bann der Aggression ist gebrochen, wenn bis dahin nichts passiert…

Ein früher Vogel beim Tel Aviv-Marathon

„Dieses Jahr laufen wir schweren Herzens für diejenigen, die noch immer in Gefangenschaft sind, und in Gedenken an unsere gefallenen Helden.“ (Ron Huldai, Bürgermeister von Tel Aviv-Jaffa)

Wer mich ein wenig kennt, der weiß, dass ich seit über 30 Jahren Marathon laufe. Ein Lauf am Morgen ist mir der liebste Stadtrundgang. Da ist es doch klar wie Kloßbrühe, dass auch der Tel Aviv Marathon gestern, am 28. Februar, auf meiner Löffelliste für Israel stand. Zumal er im letzten Jahr wegen des Krieges ausfiel. Mein Lauffreund Rolli fragte mich gestern nach dem Halbmarathon – ich gebe zu, ich habe mich inzwischen auf die 21, 1 Kilometer zurückgezogen, ja das Alter… Also Roland fragte mich am Telefon gestern, ob denn solche Laufveranstaltungen mit 45.000 Teilnehmern überhaupt derzeit in Israel gingen.

Ja, na klar. Der Alltag in Israel geht weiter. Diese Erkenntnis gehört auch dazu. Der Krieg ist in den Köpfen aller Tag für Tag gegenwärtig. Aber deswegen verkriechen sich die Menschen hier nicht. Es ist eher ein trotziges „Seht her, ihr kriegt uns nicht unter“. Und glaubt mir, die Sicherheitsarchitektur dieses Landes gibt es her. Alle paar Meter Polizei oder Militär.

Also, wer sich nicht für den Marathoni Koslik interessiert, der kann hier aufhören. Aber es sind ohnehin nur ein paar Gedanken, ich beschreibe nicht jeden Meter. Fotos sagen manchmal mehr als Worte.

Noch nie habe ich einen Marathon oder Halbmarathon so früh begonnen wie in Tel Aviv. 6:10 Uhr lautete meine Startzeit, als ich das Starterkit am Mittwoch in einem Einkaufszentrum in Tel Aviv abhole. 6 Uhr, das ist 5 Uhr in Deutschland!!! Damit hatte ich nicht gerechnet. Der frühe Vogel fängt den Wurm, ist offenbar nicht nur ein deutsches Sprichwort. Eigentlich ist es ein englisches: The early bird… Jetzt bin ich gespannt, was mein Hebräisch-Lehrer Uwe noch herausholt. Garantiert ist das ein jüdisches Sprichwort, hi, hi, hi

Dazu sei aber angemerkt, dass der Halbmarathon, noch vor dem Marathon und den 10 Kilometer-, 5 Kilometer- und 3 Kilometer-Läufen des Freitags startet. 45.000 Läufer wollen gemanagt sein. Und außerdem wird es mittags hier am Mittelmeer schon richtig warm – 19 bis 20 Grad sind da drin. Außerdem, wer den Alltag hier kennt, weiß auch, dass am Sabbat sozusagen alles bis mittags gegessen sein muss. Ab 16 Uhr sind dann wirklich die Geschäfte und Märkte im Land geschlossen. Kein Flug, kein Zug, kein Einkauf bis am Sonntagmorgen. Wer sonntags von Ben Gurion abfliegt, darf schon freitags einchecken, damit die Ruhe am Sabbat nicht gestört wird. Aber das nur nebenbei.

Da aber so ein Marathon zudem überall die halbe Stadt lahmlegt, hatte ich mir schon im Vorhinein ein kleines Zimmerchen in einem Hostel in der Nähe des Startes über Booking.com gemietet. Ein Spot Hostel wie sich herausstellte. Das Zimmerchen war wirklich klein. Vier Quadratmeter. Fotos kann man ganz unten im Blog sehen. Ich glaube, das war das Hostel mit den meisten Türen auf Booking. Ein Meter Tür, 80 Zentimeter Bett in der Breite, zwei Meter zwanzig in der Länge, fertig ist das Spot Hostel-Zimmer. Sehr gemütlich, man kann sich im Zimmer nicht verlaufen. Und sogar ein Flachbildschirm passte noch ans Fußende. Für eine Nacht TopSpot…

Allerdings waren es dann doch noch drei Kilometer bis zum Start, die ich mit dem aufgeweckten Niederländer Josef marschierte und einigen anderen Läufern aus dem Spot. Erstmals gab es bei diesem 16. Tel Aviv Marathon auch einen kostenfreien 3 Kilometer-Lauf für die Soldaten, verwundete Soldaten und behinderte Veteranen nach 16 Monaten Kampf. Angeblich nahmen Tausende teil. Der Bürgermeister von Tel Aviv-Jaffa, Ron Huldai, sagte dazu laut „Aurora Israel“: „Israels größtes Sportereignis ist viel mehr als nur ein Rennen. Es steht für Widerstandsfähigkeit, Einheit und Entschlossenheit. Dieses Jahr laufen wir schweren Herzens für diejenigen, die noch immer in Gefangenschaft sind, und im Gedenken an unsere gefallenen Helden.“
Auf gehts, 21,1 Kilometer:

Tel Aviv schläft noch, als wir gegen 5 Uhr aufbrechen

Der Stolz auf das Mutterland läuft mit am frühen Morgen
„Bring them Home now“, ist derzeit überall im Land zu lesen. Fotos von Geiseln der Hamas in Gaza wurden auch beim Lauf getragen

Die gelbe Schleife als Symbol für den Kampf um die Geiseln. 59 sind es noch, wie viele davon leben ist offen

Ein Stück der Strecke am Meer entlang

Soldaten an der Strecke waren nicht nur mit Gewehren zu sehen

Siegerfreude und…
Siegerstolz bei allen – auch wenn der Kenianer Felix Kimutai in 2:12:13 (Weltrekord Männer 2:00:35) den Lauf gewann

Klein aber fein – mein Zimmer im Spot Hostel

Der Künstler im Spiegel… 😉

Am Start am Freitagmorgen, die Sonne geht auf, der Marathon kommt.

(Alle Fotos: Autor)